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Datum: Samstag, 10. November 2018

Artikel: Schaffler Verlag, Qualitas:03/2018/ Dr. Anna Glechner

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Gemeinsam gut entscheiden – eine Initiative gegen medizinische Fehlversorgung in Österreich

In Österreich startete 2017 die Initiative „Gemeinsam gut ent­scheiden“ mit dem Ziel, Ärzte und Ärztinnen im klinischen Alltag mit Empfehlungen zu unterstützen und da­durch eine Über­ oder Unterversorgung bei medizinischen Leistungen zu vermeiden.

Vorbild für das Projekt ist „Choosing Wisely“, eine Initiative, die ursprünglich aus den USA kommt und einer Fehlver­sorgung bei medizinischen Therapien und Untersuchungen entgegensteuern soll1.

Ins Leben gerufen wurde die Bewegung von einem Arzt aus New York, der fest­stellte, dass medizinische Therapien und Untersuchungen je nach Wohnort unter­schiedlich häufig zur Anwendung kom­men2. Auch in Europa bestehen regionale Versorgungsunterschiede, beispielsweise bei Operationen3. In Deutschland ergaben Forschungen der Bertelsmann Stiftung, dass Personen mit Rückenbeschwerden in manchen Regionen bis zu dreizehn Mal häufiger operiert wurden als in anderen Gegenden4. Diese Variation wird durch vielerlei Faktoren begünstigt; die genauen Ursachen sind jedoch unklar. Ein Grund könnten beispielsweise uneinheitliche oder unklare Leitlinien sein, die zuviel Handlungsspielraum lassen.

Dieser Fehlversorgung steuert „Choosing Wisely“, und nun auch „Gemeinsam gut entscheiden“ in Österreich, entgegen. Medizinische Fachgesellschaften wählen evidenzbasiert Empfehlungen über medi­zinische Untersuchungen und Therapien aus, die wenig bis gar keinen nachweis­baren Nutzen haben oder sogar schaden können.

Gemeinsam gut entscheiden in der Geriatrie

Als erste Fachgesellschaft wählte die Ös­terreichische Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie eine Top-­5­-Liste für Ärztinnen und Ärzte aus, um die medizinische Ver­sorgung älterer Menschen zu optimieren:

  1. Harnkatheter sollen nicht ohne ange­messenen Grund gesetzt oder, wenn nicht mehr notwendig, wieder entfernt werden.
  2. Personen mit fortgeschrittener Demenz sollen bei der Ernährung unterstützt werden. Eine künstliche Ernährung mit einer PEG­-Sonde sollte möglichst ver­mieden werden.
  3. Der Großteil der PatientInnen braucht kein Antibiotikum ohne Beschwerden, die auf einen Harnwegsinfekt hindeu­ten, selbst wenn Bakterien im Harn nachgewiesen werden.
  4. Personen mit Demenz können ein ag­gressives, herausforderndes und stö­rendes Verhalten zeigen. Antipsychoti­ka sind jedoch nicht die erste Wahl und sollten erst dann eingesetzt werden, wenn andere Mittel nicht erfolgreich waren.
  5. Bei älteren Personen mit begrenzter Lebenserwartung sollte gut überlegt werden, ob Früherkennungsuntersu­chungen auf Krebs Vorteile bringen. Solche Untersuchungen können dazu führen, dass Tumore entdeckt und be­handelt werden, die nie zu Beschwer­den geführt hätten.

Mehr Informationen zu den einzelnen Emp­fehlungen und über das Projekt können auf unserer Website „www.gemeinsam­-gut­-entscheiden.at“ nachgelesen werden.

Das Projekt wird vom Institut für Allge­meinmedizin und evidenzbasierte Versor­gungsforschung der Medizinischen Uni­versität Graz (IAMEV) geleitet und ist eine Kooperation mit Cochrane Österreich am Department für Evidenzbasierte Medizin und Klinische Epidemiologie der Donau­Universität Krems.

Literatur:

1 Choosing Wisely: History, www.choosingwisely.org/about-us/history/, Zugriff: 28.08.2018
2 Brody H (2010): Medicine's ethical responsibility for health care reform – the Top Five list. The New England journal of medicine,362(4):283-5.
3 Eurostat (2015): Surgical operations and procedures performed in hospitals – top 10 procedures group 1, 2015 (per 100 000 inhabitants), ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php, Zugriff: 28.08.2018.
Bertelsmann Stiftung: Faktencheck Rücken, faktencheck-gesundheit.de/de/faktenchecks/faktencheck-ruecken/ergebnis-ueberblickrueckenoperationen/, Zugriff: 28.08.2018.

 

Autorin:

Dr. Anna Glechner
Leitung Ärzteinformationszentrum Niederösterreich
Department für Evidenzbasierte Medizin und Klinische Epidemiologie, Cochrane Österreich
Donau-Universität Krems


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  Ausgabe: 03/2018
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