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Datum: Freitag, 9. Oktober 2015

Artikel: CGM /Walter Zifferer

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Realitätsverweigerung der Ärztekammer?

Die österreichische Ärztekammer sollte schleunigst ihre zur Schau gestellte "Bergdoktor-Romantik" in Sachen Gesundheitsreform aufgeben, in dem ein bestehendes Hausarztsystem breit per Inserat glori­fiziert wird.

Dr. Gerald Bachinger
Sprecher der österreichischen Patientenanwälte

Viele Patienten erleben Tag für Tag vor Ort vor allem eine gänzlich andere Realität: Geschlossene Ordinationen, Massenabfertigung, elend lange Wartezeiten, komplett veraltete Zettelwirtschaft. Der Grund? Funktionäre der Ärztekammern weigern sich standhaft, moderne, heute in praktisch allen anderen Branchen für jedermann selbstverständliche Kommunikationstechniken - außer gegen extra Honorierung - rasch einzusetzen. Und von dem heute mehr denn je erforderlichen Gesundheitsmanagement für den Bürger kann überhaupt keine Rede sein.

Ich betrachte es daher als eine totale Realitätsverweigerung seitens der Funktionäre der Ärztekammern, die Zufriedenheit der Bevölkerung mit dem eigenen Hausarzt als eine Zufriedenheit mit dem bestehenden Hausarztsystem zu interpretieren. Eher ist es so, dass die Zufriedenheit der Bevölkerung daher rührt, dass keiner weiß, was eine moderne, vernetzte medizinische Betreuung im niedergelassenen Bereich für die Gesundheit und die langfristige Sicherung der Lebensqualität des Einzelnen leisten könnte - von den Öffnungszeiten bis hin zur Gesundheitsvorsorge. Hier wird der Patient mit Umfragen lediglich in Geiselhaft genommen, um gegen eine Weiterentwicklung der Versorgungsformen im niedergelassenen Bereich zu agitieren und damit ein zentrales Vorhaben der Gesundheitsreform zu torpedieren.

Dr. Gerald Bachinger
Sprecher der österreichischen Patientenanwälte

Das österreichische Hausarztsystem hat seine Meriten und keiner denkt an eine Abschaffung. Denn mit dem Hausarztsystem ist eine gute Basis für die notwendige Ergänzung und Weiterentwicklung vorhanden. "Wir haben eine Bevölkerung, die es gewöhnt ist bei gesundheitlichen Problemen ihren Arzt aufzusuchen. Allerdings der Umstand, dass die Österreicher im Schnitt 21 Jahre ihres Lebens in Krankheit verbringen, ist alles andere als ein Hinweis darauf, dass das bestehende medizinische Betreuungssystem im nieder­gelassenen Bereich leistungs- und zukunftsfähig wäre.

Vielmehr ist dieser negative europäische Spitzenwert eine Herausforderung, das medizinische Angebot im niedergelassenen Bereich gründlich zu erneuern. Mit der neuen, im Rahmen der Gesundheitsreform beschlossenen Primärversorgung mit vielen medizinischen Angeboten unter einem Dach oder in einem Netzwerk, kann diese gemeistert werden, betont Bachinger.

Umfragen - selbst von der Ärztekammer - bestätigen, dass die Bevölkerung mit massiver Mehrheit die Schaffung dieser neuen Einrichtungen begrüßt. Verständlich ist auch, dass die neue Primärversorgung klare Spielregeln benötigt. Dies betrifft das interne Verhältnis zwischen den einzelnen vernetzten medizinischen Berufen oder Regelungen der externen Beziehungen, etwa zur Sozialversicherung.

Bundesministerin Dr. Sabine Oberhauser hat dafür einen Vorschlag vorgelegt. Dieser ist zu disku­tieren, abzulehnen ist aber jeder Versuch der Ärztekammern unter Missbrauch der Nähe zum Patienten, damit die Pläne für eine neue Primärversorgung zu torpe­dieren.

Dr. Gerald Bachinger
Sprecher der österreichischen Patientenanwälte

Bachinger weist abschließend darauf hin, dass die Letzt­entscheidung über ein PHC-Gesetz beim Gesetzgeber und keinesfalls bei den Ärzten liege. Denn es sei nicht einzusehen, dass die Ärzte als einzige Berufsgruppe in Österreich alle Rahmenbedingungen für ihre Tätigkeit selbst festlegten.

Quelle: APAMED