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Datum: Freitag, 8. Februar 2019

Artikel: Schaffler Verlag, ÖKZ: 59. JG (2018) 12 / Erika Pichler

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Generation Y als Patienten

Eine kürzlich präsentierte Studie skizziert, welche Anforderungen die heute unter 30-Jährigen an das Gesundheitssystem der Zukunft stellen. Ergänzt durch weitere milieubezogene Untersuchungen, ergibt sich ein aufschlussreiches Gesamtbild.

Zwischen Theorie und Praxis klafft eine Lücke: Nur jeder zehnte junge Mensch unter 30 beurteilt den eigenen Lebensstil als gesund. Knapp zwei Drittel dieser Altersgruppe hingegen stufen ihr theoretisches Wissen darüber, was gesund zu leben bedeutet, als gut ein. Solche und andere Erkenntnisse hält der kürzlich präsentierte Janssen Report 2018 bereit – eine Publikation des Janssen Forums, dessen Studien durch den Arzneimittelhersteller Janssen-Cilag finanziert werden. Generation Y – Flexibel, egozentrisch, freizeitverliebt – oder doch mehr? lautet der Titel der Untersuchung, für die Petra Schiesser vom Wiener Markt- und Meinungsforschungsinstitut Integral verantwortlich zeichnet.

Der Sozialwissenschaftler Bernhard Heinzlmaier, Mitbegründer des Instituts für Jugendkulturforschung in Wien und hauptberuflich Leiter eines Marktforschungsunternehmens in Hamburg, ist alles andere als glücklich über die Praxis, die vor dem Millennium geborene Generation als „Generation Y“ zu bezeichnen. Die damit verbundenen gängigen Zuschreibungen als „Digital Natives“ oder alles hinterfragende „Why-Generation“ würden nur die obersten 20 Prozent dieser Generation betreffen, also bestenfalls die Bildungseliten, sagt Heinzlmaier. Daher werde der Begriff „Gen Y“ der Differenziertheit der Zielgruppe Jugend nicht gerecht. Sein Institut nehme generell Personen unter 30 Jahren in den Blick. Petra Schiesser gibt Heinzlmaier grundsätzlich recht. Tatsächlich existiere keine verbindliche Definition dieser Generation Y, sagt sie. Zumeist seien die Geburtsjahrgänge 1980 bis 1999 gemeint, eine recht weitgefasste Altersgruppe. Trotzdem hat sich der Begriff durchgesetzt.

In der aktuellen Studie ist die Altersgruppe daher auf die 16- bis 29-Jährigen eingeschränkt worden, also auf ein jüngeres Alterssegment. 500 Personen aus allen Milieus wurden befragt, wobei Integral mit dem wissenschaftlich fundierten und praktisch validierten Modell der Sinus-Milieus arbeitete.1 Es handelt sich dabei um ein Lebenswelten-Modell, das Menschen gruppiert, die sich nach ihren Lebensauffassungen und Lebensweisen ähneln.

Gespräch mit Arzt und Apotheker

Von der ÖKZ nach auffallenden Ergebnissen befragt, nennt Petra Schiesser vor allem die hohe Relevanz der ärztlichen Expertise für die junge Generation – dies ungeachtet der starken Internetnutzung. „Das Internet hat in dieser Altersgruppe gegenüber einer von uns zum Jahreswechsel 2013/14 durchgeführten Studie2 sogar an Relevanz verloren“, sagt Schiesser. Die Studie habe zudem gezeigt, dass auch Apotheker eine wichtige Anlaufstelle für die 16- bis 29-Jährigen bei Gesundheitsfragen darstellten, dies überdurchschnittlich stark in Ortschaften mit bis zu 5000 Einwohnern. Was Ärzte betrifft, so hält der Bericht fest, dass sich bei gesundheitlichen Fragen immerhin zwei Drittel (67 Prozent) „sicher“ an einen Arzt wenden würden und weitere 29 Prozent „eventuell“. Das Internet folgt erst an zweiter Stelle (59 Prozent „sicher“, 33 Prozent „eventuell“), während es bei der von Schiesser erwähnten Befragung drei Jahre zuvor noch an erster Stelle gelegen war. Möglicherweise, so stellt der Bericht in den Raum, sei dies eine Folge der kritischen Berichterstattung über die Seriosität von Inhalten im Netz.

Wunsch nach Zeit

Aufschlussreich ist für Schiesser auch der Befund, „dass sich auch die jüngere Generation vor allem Soft Skills von Ärzten wünscht und ausreichend Zeit für das Patientengespräch“. Als unverzichtbar oder wünschenswert bezeichnete die überwiegende Mehrheit der Befragten, dass ein Arzt zuhöre (88 Prozent), ausführlich erkläre (85 Prozent) und auf Augenhöhe kommuniziere (84 Prozent). An erster Stelle steht jedoch der Wunsch an Ärzte, sich ausreichend Zeit zu nehmen (90 Prozent). Auch der Sozialwissenschaftler Bernhard Heinzlmaier bestätigt diese Sicht. „Aus Studien, die wir für große Gesundheitsinstitutionen gemacht haben, die aber nicht öffentlich zugänglich sind, wissen wir, dass sich die jungen Menschen Ärzte wünschen, die sich Zeit für sie nehmen und die sich ihnen zuwenden. Ärzte sollen Vertrauenspersonen sein. Das persönliche Gespräch ist wichtig. Smartphone ist für die Terminvereinbarung interessant, relevante Gespräche will man aber face-to-face führen. Gesundheitsfragen sind sehr intime Fragen. Die Ärzte beachten das oft zu wenig und agieren nicht immer einfühlsam genug.“

Ein wesentlich geringerer Stellenwert wird laut der Janssen-Studie hingegen dem ärztlichen Universalwissen (43 Prozent) und Spezialwissen (51 Prozent) sowie der ständigen Erreichbarkeit (46 Prozent) beigemessen. Bereits in der Studie 2013/14 habe sich gezeigt, dass in der jungen Patientenzielgruppe am größten der Wunsch nach Soft Skills sei. Erst mit steigendem Alter steige bei den Patienten die Bedeutung der Erreichbarkeit, des anerkannten Spezialistentums und der langjährigen Erfahrung von Ärzten. Was die Kommunikation auf Augenhöhe und den Wunsch nach Zeit betrifft, so erwähnt die Studie auch, dass die Mehrheit der jungen Patienten sich beim Arztgespräch aktiv einbringe und dass zwei von drei jungen Patienten selbst recherchierte Informationen in die Arztpraxis mitbrächten.

Eines der überraschendsten Ergebnisse für die Autoren war zudem das geringe Ausmaß der körperlichen Betätigung der 16- bis 29-Jährigen. „Nicht einmal jeder und jede Zweite stimmte der Aussage zu, mindestens 90 Minuten Sport pro Woche zu betreiben“, sagt Schiesser.

Milieustudien

Als Hintergrund zum Janssen-Report sind – gerade wegen der Verschiedenheit des Umfelds, das sich auch auf das Gesundheitsverhalten junger Menschen auswirkt – die Sinus-Milieu Jugendstudien für die Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen interessant, die beide Institute in Kooperation bereits in den Jahren 2014 und 2016 durchführten. Etliche Ergebnisse der Studie des Jahres 2016 mit dem Überthema Körperbewusstsein der jungen Milieus3 geben Aufschluss über die Einstellung dieser Generation zu Gesundheitsthemen. Die Untersuchung basiert auf 1028 Onlineinterviews, die qualitative Vertiefungsstudie dazu auf 47 Tiefeninterviews. Sechs Milieus wurden in der Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen herausgearbeitet, die sich in ihren Lebensstilen und auch im Verständnis von Gesundheit deutlich unterscheiden:

 

  • Performer
  • Digitale Individualisten
  • Postmaterielle
  • Konservativ-Bürgerliche
  • Adaptiv-Pragmatische und
  • Hedonisten.

Als entscheidende Parameter für die Zuordnung zu den Kategorien oder deren Übergangsstufen wurde einerseits die Höhe von Bildung und Einkommen (niedrig, mittel, hoch), andererseits die Grundorientierung junger Menschen (Tradition, Moderne, Postmoderne) angenommen.

Einige ausgewählte Ergebnisse daraus:

Allgemeine Relevanz von Gesundheit: Gesundheit sei von vornherein nicht wichtig für junge Menschen, was angesichts des Alters naheliegend sei, fasst Petra Schiesser zusammen. „Erst wenn es zu Problemen kommt und die persönliche Vorstellung von Gesundheit gestört wird, wird diese zum Thema.“

Beim Milieu der Performer (junge Menschen mit starkem Fokus auf beruflichen Erfolg), sei dies der Fall, wenn die Leistungsfähigkeit infragegestellt sei, bei den Digitalen Individualisten (einer oft projektbezogen arbeitenden Lifestyle-Avantgarde), sobald der intensive Lebensstil, den sie pflegen, nicht mehr uneingeschränkt möglich sei. Für Konservativ-Bürgerliche (familien- und heimatorientierte Gruppe mit bewusst konservativem Lebensstil) und Adaptiv-Pragmatische (fleißiger und familienorientierter, anpassungsbereiter Mainstream) – beide einkommensmäßig eher zur Mittelschicht gehörig – werde Gesundheit wichtig, wenn das allgemeine Wohlbefinden aus dem Lot gerate. Am meisten Gedanken über einen gesunden Lebensstil machen sich laut der Studie Postmaterielle (eine Gruppe mit überdurchschnittlich guter Bildung und oft dem Wunsch nach einem Lebensstil im Einklang von Körper und Geist), am wenigsten Hedonisten (eine spaß- und actionorientierte Gruppe), für die Gesundheit nur dann zum Thema werde, wenn sie sich etwa aufgrund einer starken Erkältung oder eines Hang-over miserabel fühlten.

Gesundheit ist Milieufrage

Bedrückend sind die Schlussfolgerungen, die Heinzlmaier aus diversen Studien in puncto milieubezogene Gesundheitskompetenz der unter 30-Jährigen zieht: „Die oberen Schichten kennen sich immer besser aus, die unteren Schichten werden nach und nach entkoppelt, von Informationen ausgeschlossen“, sagt der Jugendforscher. Auch hier sei also das Problem nicht das Alter, sondern die soziale Lage. In Deutschland falle die Verschlechterung der „Health Literacy“ mit der immer größer werdenden Gruppe der prekären und abgehängten Menschen zusammen. „Die Unterschichten werden apathisch. Sie interessieren sich wenig für ihre Gesundheit. Sie leben gleichgültig vor sich hin. Übergewicht ist weit verbreitet, Hygienestandards sinken.“ Besondere Beachtung verdienten auch migrantische Gruppen. „Vor allem die muslimische Migration zeigt Spezifika.“

Genussmittelkonsum: Hier zeigt sich, dass die beiden Milieus mit den intensivsten Lebensstilen – Digitale Individualisten und Hedonisten – den höchsten Raucheranteil unter den 14- bis 29-Jährigen aufweisen. Bei der Häufigkeit des Alkoholkonsums (hier wurden die Zahlen für die 18–29-Jährigen erhoben) führten die Performer sowie erneut die Digitalen Individualisten das Ranking an. Jeweils jeder und jede Zweite gibt an, zumindest einmal pro Woche Alkohol zu konsumieren. In beiden Milieus werde am häufigsten in Lokale ausgegangen. „Performer konsumieren Alkohol eher als Inszenierung des gesamten Genusses. Bei Digitalen Individualisten steht nicht der Genuss im Vordergrund, sondern das gemeinsame Erleben in der Gruppe“, sagt Schiesser.

Prävention: Eher ansprechbar für Präventionsthemen seien Milieus mit Langfristperspektive – Performer (14% der Altersgruppe), Postmaterielle (10%) und Konservativ-Bürgerliche (15%), sagt Schiesser. Für die übrigen drei Milieus, die zusammen fast zwei Drittel der Generation ausmachen (Digitale Individualisten 20%, Adaptiv-Pragmatische 20%, Hedonisten 21%), ist laut der Studie Prävention kaum ein Thema.

Literatur:
Die Sinus-Milieus sind ein Gesellschaftsmodell, das vom deutschen Sinus-Institut Anfang der 80er-Jahre entwickelt und sukzessive für zahlreiche andere Länder definiert wurde. Sie werden als Zielgruppenmodell für praktisch alle Wirtschafts- und Gesellschaftsbereiche angewendet.

2 Integral-Befragung für das Janssen Forum; Repräsentativbefragung für die österreichische Bevölkerung 14 Jahre oder älter; Befragungszeitraum: 19.11. bis 14.1.2014, Methode: telefonisch und online.

3 Sinus-Milieu Jugendstudie 2016, Körperbewusstsein der jungen Milieus, Gesundheit – Ernährung – Styling – Mode, Projektleiter Bertram Barth (Integral) und Bernhard Heinzlmaier (T-Factory), Juni 2016.


Bildinhalt: ÖKZ
  Ausgabe: 12/2018/59.JG
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