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Datum: Mittwoch, 17. Juli 2019

Artikel: Schaffler Verlag, ÖKZ: 60. JG (2019) 06-07 / Roland Nagel

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Wie Pflegeprofis strukturell behindert werden

Von der fehlenden Umsetzung des §15a/GuKG 2016 – Weiterverordnung von Medizinprodukten.

Die meisten Diskussionen rund um das nunmehr entdeckte „Megathema Pflege“ ranken sich um die Art der Finanzierung. Steuerfinanzierung oder Pflegeversicherung oder doch eine Mischform aus beiden Aspekten? Der Kostenfaktor Pflege zwingt die politischen Verantwortungsträger geradezu, in die Gänge zu kommen. Dabei sollten sie, so hoffe ich, nicht nur die monetäre Belastung des Budgets im Blick haben, sondern auch die Wertschöpfungsketten, die in allen Pflegesettings gegeben sind, nicht übersehen. Mehr Zielgenauigkeit und Transparenz sind jedenfalls unabdingbare Notwendigkeiten. Eines schärferen Blickes bedarf es auf alle Fälle in der kritisch-konstruktiven Betrachtung der gegenwärtigen Struktur, die die diplomierten Gesundheits- und Krankenpfleger und Krankenpflegerinnen in ihrem professionellen Handeln einschränkt, wie am Beispiel der fehlenden Umsetzungsmöglichkeit der Weiterverordnung von Medizinprodukten in fataler Weise sichtbar wird. Seit beinahe drei Jahren ist das GuKG 2016 in Kraft, und trotzdem wird die praktische Anwendung des §15a, in dem sie geregelt ist, nicht ermöglicht. Innerhalb der Pflege-Community herrscht blankes Entsetzen, warum ein Teil des bestehenden Bundesgesetzes nicht den Weg in die Praxis schafft.

Erstverordnung überfällig

Für den Hauptverband der Sozialversicherungsträger offensichtlich ein zu kurzer Zeitraum, um logistische Fragen der Umsetzung erfolgreich auf den Weg zu bringen. Es handelt sich bei der Weiterverordnung von Medizinprodukten um Bereiche wie Inkontinenzversorgung, Verbandsmaterialien, prophylaktische Hilfsmittel und Messgeräte sowie um Illeo-, Jejuno-, Colon- und Uro-Stomas. Es kann eine ärztliche Anordnung so lange weiterverordnet werden, bis die sich ändernde Patientensituation die Einstellung der Weiterverordnung oder die Rückmeldung an den Arzt/die Ärztin erforderlich macht. So weit, so suboptimal. Eigentlich wäre hier eine Erstverordnung von DGKPs überfällig, die selbstverständlich die Kompetenzen mitbringen, diese Entscheidungen seriös und verantwortungsbewusst zu treffen. Sie sind es, die sich laufend zwischen den Kunden und dem behandelnden Arzt bewegen. Besonders in der stationären Langzeitpflege und in den mobilen Diensten sind sie die Drehscheibe, ja der Ansprechpartner vor Ort, für pflegebedürftige Menschen und deren Angehörige. Wenn es nach fast drei Jahren noch immer keine Lösung für die Umsetzung in der Praxis gibt, ist dies ein klares Zeichen von mangelndem Umsetzungswillen. Letztlich schafft es unter anderem bei den Wundmanagern sowie den Kontinenz- und Stomaberaterinnen zusätzlichen Frust, weil sie in ihrer pflegerischen Professionalität behindert werden, obwohl doch alles getan werden sollte (siehe angedachte Imagekampagnen für die Pflege), um die Freude am Beruf und das pflegerische Handeln zu stärken. Ja, was wäre nicht alles möglich, würde diese strukturelle Problematik aus der Welt geschafft: Zeitersparnis durch die Vermeidung von unnötigen Wegzeiten in den mobilen Diensten, rechtzeitiges Handeln für den Kunden, um Folgeschäden zu vermeiden, Prozessvereinfachung und Entlastung der pflegenden Angehörigen, volkswirtschaftliche Spareffekte durch die Anwendung passender Produkte zur rechten Zeit, Reduktion von sogenannten Drehtüreffekten mit den Akutspitälern, Vermeidung von nosokomialen Infektionen, Eindämmung von unsinnigen Krankenhaustransporten, …

Interdisziplinäres Miteinander

Dass es nach wie vor in ganz Österreich keine einheitliche Versorgung mit Verbandsstoffen gibt, unterschiedliche Leistungskataloge bei den Sozialversicherungsträgern existieren, die Auslieferung von dringend benötigten Verbandsstoffen häufig bis zu zwei Wochen (!) dauert, pflegende Angehörige (wenn vorhanden) mit der Bürokratie und den Kosten überfordert sind, unsinnige „Shuttledienste“ speziell bei hochaltrigen Menschen auf der Tagesordnung stehen, sei hier nur am Rande erwähnt. Gerade durch die massive Zunahme von multimorbiden Personen, die in der Regel über 80 Jahre alt sind sowie in der individuellen Mobilität mehr oder minder eingeschränkt, wäre es ein Gebot der Stunde, die zahlreichen Möglichkeiten und Potenziale ALLER Pflegefachkräfte zu entdecken, um unnötiges Leid und Kosten zu vermeiden. Das Motto „Mobil vor stationär“ ist aus meiner Sicht zu begrüßen. Aber gerade hier braucht es ein optimales interdisziplinäres Miteinander und die rasche Aufhebung jeglicher strukturellen Behinderung, um möglichst maßgeschneiderte Dienstleistungen für die pflegebedürftigen Menschen und deren pflegenden Angehörigen zu finden. Gleichsam sollten die präventiven Optionen der Pflege nicht zur Gänze übersehen werden. Es ist an der Zeit, eine endgültige Klärung der praktischen Umsetzung des seit fast drei Jahren geltenden Bundesgesetzes herbeizuführen. Die Pflegeprofis in allen Pflegesettings verdienen sich nicht nur Anerkennung und Wertschätzung, sie wären einfach schon dankbar, nicht durch eine Vielzahl von strukturellen Behinderungen blockiert zu werden!