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Datum: Dienstag, 31. Juli 2018

Artikel: Schaffler Verlag, Qualitas: 02/18/ Corinna Schäfer, M.A.

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Wie viel Patienteninformation gehört in eine ärztliche Leitlinie?

In Nationalen Versorgungsleitlinien (NVL) finden Anwender heute zunehmend Empfehlungen zur Patientenaufklärung und Einbeziehung. Entsprechende Patientenmaterialien für spezifische Entscheidungssituationen sind als Begleitdokumente verfügbar.

Seit 2002 werden in Deutschland im Programm für Nationale Versorgungsleitlinien neben den ärztlichen Dokumenten Patientenleitlinien erstellt. Sie sollen die evidenzbasierten Empfehlungen ärztlicher Leitlinien patientengerecht vermitteln. Patientenleitlinien haben den Vorteil, dass sie Betroffene und ihre Angehörigen Schritt für Schritt durch die Erkrankung führen. Sie zielen aber nicht auf spezifische klinische Situationen ab, in denen individuelle Entscheidungen notwendig sind. Außerdem haben Patientenleitlinien in der Ärzteschaft nicht den Bekanntheitsgrad, den sich ihre Ersteller gerne wünschen würden.

Deshalb halten jetzt Patienteninformationen und Entscheidungshilfen zu spezifischen klinischen Fragestellungen verstärkt Einzug in ärztliche Leitlinien.

Corinna Schaefer
Ärztliches Zentrum für Qualität in der Medizin

Das hat gute Gründe. Die erste und wichtigste Informationsquelle für Patienten und Angehörige ist nach wie vor die Ärztin oder der Arzt. Das ist auch gut so. Ärzte und Patienten sollen besser miteinander reden können.

Deshalb werden speziell für die ärztlichen Leitlinien Patienteninformationen und Entscheidungshilfen erstellt, die Ärzte im Patientengespräch einsetzen und auch ihren Patienten mitgeben können.

Schaefer nennt als Beispiel die Nationale Versorgungsleitlinie (NVL) Chronische Herzinsuffizienz (https://www.leitlinien.de/ nvl/herzinsuffizienz). In der Empfehlung 3-15 heißt es: Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz sollen über weiterführende diagnostische Maßnahmen, über weitere Therapieoptionen und die möglichen Konsequenzen der Maßnahmen (z.B. operative Konsequenzen) aufgeklärt werden und diese mittragen. Eine gemeinsame Entscheidungsfindung von Arzt und Patient hat somit eine starke Empfehlung in der ärztlichen Leitlinie.

Damit Patienten die Aufklärung verstehen und mittragen können, werden in Verbindung mit der NVL die zugehörigen Patienteninformationen für spezifische Entscheidungssituationen angeboten wie zum Beispiel: Soll ich mir einen ICD (Defibrillator) einsetzen lassen? Diese Entscheidungshilfen sind kurz und übersichtlich und helfen Patienten, für sich selbst eine Antwort auf spezielle Fragen zu finden, die sie dann mit ihren Ärzten besprechen können. Das ist ein anderes Konzept als das der oft 50-60 Druckseiten umfassenden Patientenleitlinien. Schaefer sieht in den Entscheidungshilfen eine wichtige Ergänzung zu den Patientenleitlinien: „Patienten brauchen auch einen Gesamtüberblick. Den bekommen sie mit der Patientenleitlinie (https://www.patienten-information.de/patientenleitlinien) oder mit unseren Kurzinformationen (https://www.patienten-information.de/kurzinformationen)“.

Wenn es aber um spezifische Entscheidungssituationen im klinischen Verlauf geht, dann kann der Arzt die zur NVL zugehörigen Entscheidungshilfen im Gespräch mit dem Patienten einsetzen. Schaefer sieht noch einen Vorteil in der Verknüpfung von Entscheidungshilfen für Patienten mit ärztlichen Leitlinien. Bereits während der Entwicklung der NVL fänden die Autoren heraus, an welcher Stelle im Behandlungs- und Betreuungsprozess erhöhter Gesprächsbedarf bestünde. Die Leitlinienexpertin ist davon überzeugt, dass es für bessere individuelle Entscheidung neben Patientenempowerment auch ein Arztempowerment braucht. Indem Ärzte mit der Leitlinie dazu angeregt werden, Entscheidungshilfen für Patienten einzusetzen, kann auch die Arzt-Patienten-Kommunikation verbessert werden, hofft Schaefer.

„Und es kommt sehr gut in der Praxis an. Arztpraxen drucken diese Entscheidungshilfen häufig für ihre Patienten aus.“ Auch die Autoren der NVL stellen dieses Vorgehen zunehmend auf Kongressen der medizinischen Fachgesellschaften vor. Besonders begrüßen Patientenvertreter die stärkere Verbindung ärztlicher Leitlinien mit patientengerechten Entscheidungshilfen. Auch sie werben auf entsprechenden Fachkongressen für den praktischen Einsatz dieser Informationsmaterialien.

Autorin:
Corinna Schaefer, M.A.
Leitung der Abteilungen „Evidenzbasierte Medizin und Leitlinien“ und „Patienteninformation“
schaefer@azq.de


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  Ausgabe: 02/2018
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