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Datum: Montag, 4. März 2019

Artikel: Schaffler Verlag, Qualitas: 04/2018 / Sylvia Sänger

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(Wie) verändert Digitalisierung das deutsche Gesundheitswesen?

Am 17. September 2018 fand am Universitätsklinikum Jena ein Expertengespräch zum Thema „E-Health – Wie verändert die Digitalisierung unser Gesundheitswesen“ statt. Initiator war die Konrad Adenauer Stiftung, eine deutschlandweit aktive politische Stiftung, die sich als Think Tank und Beratungsagentur für politisches Handeln versteht und ein Forum für den Dialog zwischen Politik, Wirtschaft, Kirche, Gesellschaft und Wissenschaft sein möchte.

Eingeladen waren Guido Dressel, Leiter der Techniker Krankenkasse Thüringen, Mario Voigt, Mitglied des Thüringer Landtages und Sprecher für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitales, sowie André Scherag, Direktor des Instituts für medizinische Statistik, Informatik und Datenwissenschaften am Universitätsklinikum Jena.

Über das Thema „Digitalisierung im Gesundheitswesen“ wird seit Jahren viel und heftig diskutiert. Durch E-Health sollen Termine elektronisch vergeben werden, Ärzte besser erreichbar sein, unterschiedliche Versorgungssektoren besser miteinander kommunizieren und Daten austauschen können und Patienten eine bessere und sicherere medizinische Versorgung erhalten. So die Vision. Sie ist noch nicht umgesetzt, nicht in Deutschland.

Barrieren stellen die häufig noch fehlende Infrastruktur, Sicherheits- und Datenschutzbedenken, fehlende Schnittstellen (zum Beispiel zwischen Arzt- und Krankenhaussoftware) sowie die Kompetenz der Health Professionals und Patienten in Bezug auf den Umgang mit E-Health dar. „Die besten Innovationen nutzen nichts, wenn die Menschen sie aus Skepsis ablehnen“, stellt Maja Eib, die Landesbeauftragte der Konrad Adenauer Stiftung für Thüringen fest.

Wir haben den Fortschritt ein Stück weit verschlafen

„Wir haben den Fortschritt ein Stück weit verschlafen“, stellt Guido Dressel, der Leiter der Landesvertretung Thüringen der Techniker Krankenkasse fest. Zum 1. Januar 2006 war in Deutschland die Einführung einer elektronischen Gesundheitskarte geplant. Auf ihr sollten die wichtigsten Gesundheitsdaten und alle verschriebenen Medikamente vermerkt werden. Doch die Potenziale, die eine solche Karte in Sachen Patientensicherheit bietet, werden bis heute nicht genutzt. „Außer dem Passbild und der Anschrift ist ja bisher leider nichts drauf“, sagt Dressel. 

E-Health ist der Oberbegriff für alle Anwendungen der Informations- und Kommunikationstechnologien, die für die Behandlung und Betreuung von Patientinnen und Patienten eingesetzt werden. Informationen wie zum Beispiel Notfalldaten oder der Medikationsplan, die elektronische Patientenakte und/oder das Patientenfach und auch Anwendungen der Telemedizin werden elektronisch verarbeitet und über sichere Datenverbindungen ausgetauscht. Zur Übermittlung und Bereitstellung solcher sensiblen Gesundheitsinformationen ist eine Telematikinfrastruktur erforderlichi.

In Österreich sei das anders, dort wurde diese Idee aufgegriffen und die Karte läuft seit 7-8 Jahren exzellent. Die Patienten sehen langsam nicht mehr ein, warum das in Deutschland nicht auch funktionieren sollte. Eine der größten Online-Befragungen im deutschen Raum, der sogenannte EPatient Survey, kam zu dem Ergebnis, dass zwar 58% der 9.700 Befragten mit dem Begriff Online-Gesundheitsakte erst einmal nichts anfangen können, aber 73% der Befragten möchten digital jederzeit auf ihre Krankheitsdaten zugreifenii .  

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen ist nicht aufzuhalten. Die Frage ist nur, wem man hier als zentrale Triebkraft das Feld überlässt: den kommerziellen Anbietern wie Apple oder Google, für die Gesundheitsdaten der Bevölkerung ein hochwillkommener Rohstoff zur Vermarktung von speziellen Angeboten sind, oder den Gesundheitsexperten. Apple beispielsweise stellt jetzt mit der Apple Watch Series 4 ein Monitoring Tool zur EKG-Messung bereit und auch andere Konzerne sind auf dem Gesundheitsmarkt aktiv. Als Speicherort für Patientendaten kommen Apple oder Google für Verbraucher aber nicht infrage. Nur 5% vertrauen hier diesen Anbieternii . Kein Wunder, dass sich alle so um Patientendaten reißen. „Daten sind das neue Öl“, stellt André Scherag fest. Gerade im Gesundheitswesen herrsche derzeit ein wahrer Goldrausch. Dabei dürfe jedoch nicht vergessen werden, dass verlässliche Evidenz nur aus qualitativ guten und möglichst randomisiert kontrollierten Studien generiert werden kann. Medizinische Daten gelten als attraktive Informationen zur Steuerung von Angeboten und Leistungen. Welche Risiken ‚Big Data‘ birgt, wenn aggregierte Daten unkontrolliert miteinander korreliert werden, hat Gerd Antes, Direktor des Deutschen Cochrane Instituts, bereits 2016 beschriebeniii

Nicht länger auf der Startbahn hin und her fahren

Das Flugzeug der Digitalisierung im Gesundheitswesen müsse in Deutschland nun endlich abheben und dürfe nicht länger auf der Startbahn hin und her fahren, drückt Dressel den digitalen Handlungsbedarf bildlich aus. Gesetzliche Vorgaben für den Aufbau der Telematik-Infrastrukturiv, für die Ausgabe der Gesundheitskartev und zur Integration von Telemedizin in der Regelversorgungvi seien vorhanden, an einer Umsetzung mangele es jedoch.

Vielversprechende Musterprojekte bleiben derzeit noch Insellösungen wie zum Beispiel die Fernüberwachung von Patienten mit Herzschwäche im strukturschwachen ländlichen Raum, die einer Studie zufolge zu einer 30% geringeren Sterblichkeit führtevii. Auch der Umgang mit Gesundheits-Apps bringt Vorteile für die Patienten und ihre behandelnden Ärzte. Beim Einsatz einer Migräne-App zum Beispiel konnten Anzahl der Kopfschmerztage und Medikamentenverbrauch verringert werden. Die in Gesundheits-Apps bereitgestellten Aufklärungsinformationen fließen in Behandlungsentscheidungen ein. Ebenso wie bei Gesundheitsinformationen steht auch bei Gesundheits-Apps die Frage, welchen Angeboten die Verbraucher vertrauen können. Das Aktionsbündnis Patientensicherheit hat 2018 eine Checkliste zur Nutzung von Gesundheits-Apps veröffentlichtviii.

An digitalen Insellösungen mangelt es im deutschen Gesundheitswesen nicht. Derzeit existiert hier jedoch ein „digitaler Flickenteppich“. Daten sind reichlich vorhanden, liegen aber verteilt auf verschiedenen Servern von Krankenkassen, Leistungserbringern und bei den Versicherten selbst. Sie zu verknüpfen sei eine wichtige Aufgabe und Herausforderung. Versichertenzentrierte Lösungen könnten hier Abhilfe schaffen, wenn sie Komponenten bieten wie: Check von Medikamentenwechselwirkungen, einen digitalen Impfpass, Notfalldaten, ein Patiententagebuch, die Möglichkeit der Übertragung getrackter Vitaldaten an den Arzt, Erinnerung an Untersuchungen, Selbstmanagement, die Online-Buchung von Arztterminen, ein digitales Zahnbonusheft, personalisierte Gesundheitstipps und digitale Coachings.

Verschiedene Krankenkassen bieten ihren Versicherten nun im Verbund oder einzeln Gesundheits-Apps an, die diese Komponenten enthalten, wie zum Beispiel die elektronische Gesundheitsakte „Vivy“ix der „TK safe“x oder die elektronische Gesundheitsakte der AOKxi.

Gesellschaftlicher Konsens ist notwendig

Die Erhebung, Verarbeitung und Übermittlung von sensiblen Gesundheitsdaten führen zu erheblichen Bedenken sowohl bei Datenschützern als auch bei den Verbrauchern. Was für jeden Einzelnen lebensrettend sein kann und zur Patientensicherheit beiträgt, macht zugleich auch angreifbar.

Die Experten halten daher eine medizinethische Diskussion für dringend notwendig. So müsse die Überwachung – gerade an der Schwelle einer digitalen Identitätsfeststellung – eine höchstpersönliche Entscheidung bleiben. Die einzigen, die verantworten können, ob Daten freigegeben werden, sollten die Patienten sein, fordert Mario Voigt. Ob und wie viele Daten freigegeben werden, müsse jeder für sich selbst klären. Das setze aber neben technischen Voraussetzungen, wie Schnittstellen und einer funktionierenden Infrastruktur, eine digitale Kompetenz und Mündigkeit voraus, die noch nicht bei allen vorhanden ist.

Für die Kommunikation Arzt-Patient können digitale Lösungen eine sinnvolle Unterstützung sein, andererseits ist es sicher wenig hilfreich, wenn Patienten ihre Hausärzte mit sämtlichen selbst erhobenen Vitaldaten überfluten.

Neben der Versorgung im Einzelfall ist es sinnvoll und notwendig, aus den individuellen Daten Systemdaten zu generieren und so Einfluss auf die Versorgung der Bevölkerung insgesamt zu nehmen. Ist dies mit dem Schutz der hochsensiblen persönlichen Gesundheitsdaten vereinbar? Die Debatte um Einzelfallentscheidung und staatliche Einflussnahme erfordert einen gesellschaftlichen Konsens. Digitalisierung hat das Potenzial, das Gesundheitswesen zu verändern. Es braucht aber die Einbindung aller Beteiligten: Ärzte, Patienten, Entwickler, Gesundheitspolitiker, Datenschützer und Ethiker.


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  Ausgabe: 04/2018
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