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Datum: Samstag, 11. Februar 2017

Artikel: CGM / Walter Zifferer

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Werbung für ungesunde Lebensmittel

Kinder sind schutzlos ausgeliefert

Viele europäische Kinder sind zu dick und sind dadurch von schlimmen gesundheitlichen Folgen bedroht. Forscher haben nun rund 10.000 aus acht Ländern von ihnen über mehrere Jahre begleitet und die Resultate dieser größten europäischen Langzeitstudie zum Thema veröffentlicht. Sie sprechen von einem beispiellosen Niveau von Fettleibigkeit und Übergewicht bei Kindern und mahnen, die Politik sei zum Schutz der Kleinen in die Pflicht zu nehmen – sie sollte im Kampf gegen das Übergewicht aktiv eingreifen.

Werbung als Übeltäter – wenig überraschend...

Speziell an Kinder gerichtete Werbung für ungesunde Lebensmittel sollte nach Ansicht von Wissenschaftlern wesentlich stärker reguliert werden. Die Studie zeigt unter anderem, dass TV-Reklame bei Kindern den Konsum von zucker- und fettreichen Lebensmitteln erhöht.

Vor allem kleine Kinder können Werbung nicht vom Rest unterscheiden und sind ihr deshalb völlig schutzlos ausgesetzt.

Wolfgang Ahrens, Studienkoordinator
Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) in Bremen

Freiwillige Selbstverpflichtungen der Hersteller für eine verantwortungsvolle Werbung für Kinder hätten nicht funktioniert, stellt der Bericht fest.

"Der deutsche Bundesernährungsminister Christian Schmidt setzt im Kampf gegen Fehlernährung bei Kindern seit Jahren auf freiwillige Vereinbarungen", teilte die Organisation Foodwatch in einer Reaktion mit. "Dabei ist längst belegt, dass das nicht funktioniert. Die Hersteller machen die größten Profite mit Süßkram, Zuckergetränken und Knabberartikeln. Freiwillig werden sie nicht damit aufhören, genau diese Produkte an Kinder zu bewerben und deren Geschmack schon früh zu prägen."

Dagegen sieht sich der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) zu Unrecht in der Kritik:

Ein Werbeverbot bringt keine Lösung. Man kann Kinder nicht unter einer schützenden Glocke aufwachsen lassen, bis sie 18 Jahre alt sind. Sie sollten nicht von der Werbung ausgeschlossen werden, sondern sie müssen den Umgang mit ihr erlernen und Werbekompetenz entwickeln.

Christoph Minhoff
BLL-Hauptgeschäftsführer

"Allein die Appelle ans gesunde Verhalten und ans gesunde Essen, die bringen es nicht", so Wolfgang Ahrens. "Es bleibt dabei, dass insbesondere Bildung ein dominanter Einflussfaktor ist.“

Deutschland belegt beim Anteil übergewichtiger Kinder einen Platz im europäischen Mittelfeld. Demnach waren 16,5% der untersuchten deutschen Kinder im Alter von zwei bis zehn Jahren übergewichtig. In Belgien lag der Anteil mit 9,5% am niedrigsten, in Italien mit 42% am höchsten. In allen Ländern waren Mädchen eher betroffen als Jungen. Die Ergebnisse seien zwar nicht repräsentativ, sagte Ahrens. Für die Studie seien aber jeweils ländertypische Regionen ausgesucht worden, für Deutschland war dies Bremen. Nicht einmal ein Drittel der Kinder bewege sich mindestens eine Stunde täglich, konstatieren die Wissenschaftler. Der Anteil schwanke zwischen 2% der Jungen auf Zypern und 34% in Belgien.

Bildungsniveau als weiterer Faktor

Zudem zeigten die Studienresultate eindeutig, dass Kinder aus sozial benachteiligten Familien besonders stark zu Übergewicht tendierten, betonte Ahrens. Diese Gruppen müssten von der Politik stärker unterstützt werden. Für benachteiligte Verbraucher müsse die Erschwinglichkeit von und der Zugang zu gesunden Lebensmitteln verbessert werden. Dies wirke sich nicht nur auf das Gewicht der Kinder aus, sondern auch auf ihre spätere Gesundheit, etwa die Anfälligkeit für Herz-Kreislauferkrankungen.

Weniger gebildete Eltern achteten in der Regel seltener auf gesunde Ernährung, stellten seltener Regeln für Süßigkeiten und Sport auf. Und: Sie seien weniger kritisch gegenüber TV-Reklame.

"Deren Kinder sind Einflüssen der Werbung schutzlos ausgeliefert", sagt Ahrens.

Er fordert eine stärkere Reglementierung von speziell auf Kinder zugeschnittener Reklame. Die freiwilligen Selbstverpflichtungen für verantwortungsvollere Werbung seitens der Industrie wirkten nicht. Eine Kritik, die die Verbraucherorganisation Foodwatch teilt.

Dabei beeinflusst Werbung das Essverhalten von Kindern stark, wie die Forscher in ihrer Studie belegen. Kinder greifen demnach häufiger zu Softdrinks und süßen oder fetten Speisen, wenn sie zuvor Werbung angeschaut haben - und zwar auch dann, wenn ihre Eltern das eigentlich verbieten. Und sie essen sogar Snacks, die sie eigentlich nicht mögen, bloß weil sie Werbung dafür gesehen haben.

Gesundes Essen und mehr Grünflächen in Schulen als Hebel

Die Studie zeigt ein weiteres Arbeitsfeld für die Politik auf: Der Bewegungsmangel hänge eng mit der Bebauung zusammen, betonen sie: "Gut angelegte öffentliche Orte und sichere, gut angeschlossene Anlagen sind der Schlüssel dazu, die körperliche Bewegung zu steigern." Stadtplaner müssten dafür sorgen, dass es draußen genug Platz zum Spielen und Toben gibt.

Wir konnten zeigen, dass Kinder, die in einer Umwelt wohnen, die viele Grünflächen bietet und gut mit Radwegen strukturiert ist, sich tatsächlich mehr bewegen. Wenn wir die Familien nicht unterstützen, indem wir die äußeren Bedingungen verändern, dann greifen wir zu kurz. Letztlich lassen wir die Familien dann allein.

Wolfgang Ahrens

Weiters müsse endlich durchgesetzt werden, dass in Schulen wirklich gesundes Essen auf den Tisch komme, sagt Ahrens. Vielen Verantwortlichen sei vor allem wichtig, dass die Schulverpflegung preiswert sei, moniert Helmut Heseker, Ernährungswissenschaftler an der Universität Paderborn. Dann werde der Caterer mit dem günstigsten Angebot ausgewählt, statt der mit dem gesündesten. Die Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung würden hierbei oftmals nicht eingehalten.


Bildinhalt: Prof.Dr. Wolfgang Ahrens,
  Leibniz-Institut für Präventionsforschung
  und Epidemiologie - BIPS GmbH ,
  Abteilung Epidemiologische Methoden
  und Ursachenforschung
Bildrechte: Leibniz-Institut für Präventionsforschung
  und Epidemiologie - BIPS GmbH