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Datum: Sonntag, 24. Juni 2018

Artikel: Schaffler Verlag, ÖKZ: 59. JG (2018) 06-07 / Erika Pichler

Bildinhalt: Symbolbild trauriges Kind

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Wer zum Schulpsychologen geschickt wird, ist im Aus

Kinder mit psychisch kranken Eltern sind häufig einer großen Belastung im Alltag ausgesetzt und besonders gefährdet, später selbst zu erkranken und schlechtere Chancen in ihrer Ausbildung und am Arbeitsmarkt zu haben. Ein Forschungsprojekt zeigt Möglichkeiten auf, das zu verhindern.

„Sie leben auf einem anderen Stern, der um einen dunklen Mond kreist.“ So beschreibt ein Artikel auf der Website Verrückte Kindheit das Leben von Kindern und Jugendlichen, deren Vater oder Mutter psychisch krank ist.1 Das Bild fängt ein, wie rätselhaft und unsicher diesen Kindern die Welt erscheinen mag, zumal in Österreich derzeit vor allem für ältere Kinder psychisch erkrankter Eltern noch kaum systematische Unterstützungsangebote bestehen.

Einen neuen Ansatz, um sowohl auf wissenschaftlicher wie auf praktischer Ebene die Situation der Betroffenen zu verbessern, verfolgt derzeit in Niederösterreich ein Team unter der Leitung von Beate Schrank, Psychiaterin und leitende Oberärztin am Universitätsklinikum Tulln der Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften (KL). Gemeinsam mit der Ludwig Boltzmann Gesellschaft (LBG) und unter Einbindung von Schulen, Patientenorganisationen, Kliniken, Therapie- und Beratungszentren sowie dem Land Niederösterreich entwickelt sie im Rahmen des Projekts D.O.T. – Die offene Tür Maßnahmen zur positiven sozialen Integration betroffener Kinder zwischen neun und zwölf Jahren.

Schrank ortet im österreichischen Gesundheitssystem vor allem zwei ungünstige Faktoren. Einer davon ist die Tatsache, dass die psychischen Erkrankungen vieler Eltern nicht diagnostiziert werden, weshalb auch deren Kinder meist für das System anonym bleiben. „Bei erkrankten Eltern, die selbst in Therapie sind, werden auch deren Kinder für das System sichtbar und haben dadurch viel eher die Chance, in irgendeiner Form mitbehandelt zu werden“, sagt die Psychiaterin. „Viel schwieriger ist die Situation für Kinder, die nicht identifiziert werden, weil die Eltern unerkannt zu Hause sind und beispielsweise depressiv oder drogenabhängig oder Alkoholiker.“ Noch viel schlimmer könne es werden, wenn die Eltern undiagnostizierte schwere Persönlichkeitsstörungen haben, die sich gerade im Bindungsverhalten besonders negativ auswirken können, weil die Eltern gar nicht glauben, dass sie krank sind.

Das zweite Problem seien fehlende Unterstützungsprogramme für ältere Kinder. „In allen Fällen – egal ob die Eltern diagnostiziert oder nicht diagnostiziert sind – hört die Unterstützungsstruktur für die Eltern oder die gesamten Familien sehr oft bei Erreichen des dritten Lebensjahrs der Kinder auf“, sagt Schrank. Je nach Schwere der Erkrankung der Eltern kämen Kinder unterschiedlich gut zurecht, bei leichten wiederkehrenden Depressionen besser, bei Schizophrenie beispielsweise schlechter. Je höher allerdings dieses Bedürfnispotenzial sei, desto mehr soziale Probleme kämen hinzu. „Diese Kinder sind öfter betroffen von Scheidungen, von Armut, von wechselnden Wohnsitzen, von Arbeitslosigkeit, von Gewalt.“

Modellprojekt Niederösterreich

Gerade bei den sozialen Problemen setzt das D.O.T.-Projekt an. „Gute soziale Integration unter Gleichaltrigen ist ein wichtiger Faktor für die gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen“, sagt Raphaela Kaisler, Forscherin an der LBG. Kaisler gehört dem Open Innovation in Science Center der LBG an und beschäftigt sich vor allem mit Forschungsprogrammen im Bereich Mental Health. „Durch die Teilnahme der Öffentlichkeit wird der wissenschaftliche Prozess geöffnet“, so Kaisler. Zu diesem Zweck habe die Ludwig Boltzmann Gesellschaft „Experten mit eigener Erfahrung“, also Kindern von psychisch erkrankten Eltern, eine Stimme im wissenschaftlichen Beirat gegeben und eine Kompetenzgruppe etabliert, die die Forscher und ihre Aktivitäten aus der Sicht der Betroffenen beraten.

Eine besonders herausfordernde Zeit für Kinder sei der Wechsel von der Volksschule in die Sekundarschule, da sie oft wichtige Bezugspersonen verlören und abrupt in eine neue Umgebung kämen. Kinder von psychisch erkrankten Eltern seien in dieser Übergangszeit besonders gefährdet, den Anschluss zu verlieren, sich sozial zurückzuziehen und auch von Mitschülern ausgegrenzt zu werden.

Rollenspiele im Online-Training

Das Forschungsprojekt untersucht zum einen die Chancen der Vernetzung von betroffenen Kindern untereinander durch eine Onlineplattform und zum anderen die Stärkung der sozialen Fähigkeiten der Kinder durch Online-Spiele, die extra entwickelt werden. Geübt werde in den Spielen beispielsweise „die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, die Absichten anderer zu interpretieren oder aus dem Verhalten anderer auf deren Gefühle und Bedürfnisse zu schließen“, sagt Beate Schrank. Gut geeignet seien dabei Rollenspiele, die nach folgendem Mechanismus funktionierten: „Man muss im Spiel Aufgaben lösen und dazu Entscheidungen treffen. Die Entscheidungen bauen auf Clues auf, die so gesetzt sind, dass die Spieler eben die zu trainierenden Fähigkeiten einsetzen müssen und bei erfolgreicher Anwendung dieser Fähigkeiten dadurch belohnt werden, dass sie die Aufgabe gelöst haben und im Spiel weiterkommen.“

Internalisiertes Stigma

Für Beate Schrank als Psychiaterin auf der Erwachsenenstation des Klinikums Tulln gehört die Frage nach den Kindern und dem sozialen Netzwerk von Eltern zur täglichen Routine. Oft stelle sich im Kontakt mit den erwachsenen Patienten heraus, dass diese in ihrer Vergangenheit Eltern mit psychischen Problemen gehabt hätten. Nun, wo sie selber Kinder hätten, zeigten sich bei ihnen die gleichen Probleme. „Viele dieser Kinder können zwar absolut problemlos mit der Situation im sozialen Umfeld umgehen, je nach ihrer persönlichen Entwicklung und ihren Ressourcen. Aber es zeigt sich auch, dass diese Kinder ein höheres Risiko haben, im Sozialen nicht gut integriert zu sein oder Opfer von Bullying zu werden, allein wegen ihrer sozialen Nachteile – zum Beispiel, wenn man in Österreich nicht zum Skikurs mitfahren kann, weil man es sich nicht leisten kann; oder wenn man niemanden nach Hause mitbringen kann, weil es daheim so ausschaut; oder weil es dieses internalisierte Stigma gibt, die Krankheit also etwas ist, von dem auch die Eltern selbst glauben, es verbergen zu müssen. Wenn man das auch den Kindern so mitgibt, macht das natürlich etwas im Sozialkontakt mit den Gleichaltrigen.“

Das Projektziel, sich gerade mit den Schwierigkeiten betroffener Kinder während der Zeit des Schulwechsels auseinanderzusetzen, sei eine „klinische Idee“, weil sich auch in der Diskussion mit den Kollegen aus der Kinderpsychiatrie der Eindruck ergeben habe, dass kranke Mütter oder Väter von kleinen Kindern viel Hilfe bekämen, von der auch die Kinder erfasst würden, jedoch wenig im Kindergarten und noch immer relativ wenig in der Volksschule. Im Gymnasium oder in der Neuen Mittelschule würden sie dann jedoch plötzlich auffällig. 

Jedes zweite Schulkind

Schätzungen auf der Basis deutscher Daten ergeben laut der Selbsthilfeorganisation HPE (Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter) für Österreich mindestens 50.000 betroffene Kinder. Die Zahlen differieren, je nachdem, ob man von stationär aufgenommenen, psychiatrisch oder psychotherapeutisch behandelten Eltern ausgeht. Der Verein JoJo – Kindheit im Schatten spricht in Österreich von 50.000 bis 70.000 Kindern oder aber – noch anschaulicher – von ein bis zwei Kindern pro Schulklasse.

In eine neue Schule zu kommen und vielleicht niemanden zu kennen, sei umso mehr eine Herausforderung, je schwerer das Bindungsverhalten vom Elternhaus her gestört sei und je weniger Modell ein Kind mitbekomme, wie man gute Sozialkontakte und Freunde gewinnen und halten könne. In anderen Ländern, wie etwa in Australien oder im anglo-amerikanischen Raum, gebe es Programme, die den Schulwechsel unterstützen sollen und auch die Lehrer aus der Pflicht nehmen. „Die Lehrer sollen unterrichten“, sagt Schrank. „Lehrer haben mir erzählt, dass sie kaum noch dem Unterricht nachkommen, weil sie dauernd versuchen, den Brand zu löschen. Das soll nicht die Aufgabe der Lehrer sein.“ Es gebe noch sehr viel zu tun, um in Österreich Szenarien für diese Fälle zu entwickeln. „Denn wer zum Schulpsychologen geschickt wird, ist gleich im Aus.“ Um gegen Stigmata anzugehen, sei laut Forschungsergebnissen vor allem ein Grunderfordernis notwendig: „Es braucht Kontakt, und zwar positiven Kontakt, der eine positive emotionale Reaktion auslöst“, sagt Schrank. Allein auf Information, etwa von Schülern durch Lehrer, zu setzen, bewirke relativ wenig.

Kinder primär gesund

Sehr wichtig ist der Ärztin, dass Kinder, deren Eltern psychisch erkrankt seien, selbst primär als gesund zu betrachten seien, jedoch mehr Risikofaktoren hätten als Kinder von gesunden Eltern. Das wolle man auch mit dem Projekt sehr deutlich machen. „Alle können etwas dazulernen, wenn es um das Bekämpfen von Stigmata, um soziale Kompetenz geht, die Bullys genauso wie die Gebullyten, und dass eine grundlegende Prävention nötig wäre, die viele positive Effekte haben kann.“ Eine solche generelle Prävention könne auch Kinder mit ganz anderen Problemen einschließen: solche, die depressive Symptome hätten oder belastet seien, weil sie in der Schule überfordert seien, weil die Eltern sich scheiden ließen oder sie jemanden durch Krebstod verloren hätten.

Kontakt als Schlüssel

Was wäre die wichtigste Maßnahme? Eine klare Antwort ergibt sich laut Schrank aus den Studien: „Positiver offener Kontakt, und zwar in geführter Form.“ Natürlich sei aber auch die generelle Information für alle, die mit Kindern zu tun hätten, eine wichtige Maßnahme. Es gehe darum, die Strukturen, die zur Verfügung stünden – etwa Beratungslehrer, Schulsozialarbeiter, -ärzte, Schulpsychologen – zum einen in ausreichendem Maß (und nicht etwa nur für eine Stunde pro Woche) zur Verfügung zu stellen, zum anderen aber auch in einer nicht stigmatisierenden Weise.

Modellprojekt Tirol

Nicht zuletzt unter diesem Aspekt wird derzeit ebenfalls unter Beteiligung der Ludwig Boltzmann Gesellschaft in Tirol ein weiteres Modellprojekt aufgesetzt, das Kinder psychisch kranker Eltern durch Einsatz partizipativer Methoden unterstützen will. Aufbauend auf der aus Afrika bekannten Redensart, dass es ein ganzes Dorf brauche, um ein Kind großzuziehen, sollen neue Wege der Zusammenarbeit erarbeitet werden, damit betroffene Kinder und Jugendliche mehr Hilfe durch ihr Umfeld erfahren. „Kinder mit psychisch erkrankten Eltern sind häufig einer großen Belastung im Alltag ausgesetzt und besonders gefährdet, später selbst psychisch oder physisch zu erkranken und schlechtere Chancen bei ihrer Ausbildung und am Arbeitsmarkt zu haben“, sagt Raphaela Kaisler. „Von ihrem Umfeld wird dies meistens zu spät erkannt und sie erhalten nur selten die Unterstützung, die sie für ein gesundes und glückliches Leben brauchen.“

 

Literatur:
1Tatjana (2013): Leben auf Crazy. Topic. Zugang: www.verrueckte-kindheit/medien/ artikel/.at. Zugriff: 17.5.2018


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