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Datum: Samstag, 6. Oktober 2018

Artikel: Schaffler Verlag, ÖKZ: 59. JG (2018) 08-09 / Erika Pichler

Bildinhalt: Fuchsbandwurm

Bildrechte: Wikipedia / Alan R Walker

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Wenig Wissen

Parasiten sind kein Exklusivthema exotischer Regionen, sondern auch in Österreich heimisch. Zum Problem werden sie nicht nur bei mangelnder Hygiene, sondern vor allem dann, wenn der Befall nicht rechtzeitig erkannt wird.  

Wer sich in fernen Ländern aufhält, bringt hin und wieder neben Reiseimpressionen auch Hauterkrankungen oder andere Beschwerden als Folge von Parasitenbefall mit. Allerdings führten weder der Fernreiseverkehr noch die Fluchtbewegungen der vergangenen Jahre zu einem relevanten Anstieg von Erkrankungen, sagt Herbert Auer, Leiter der Abteilung für Medizinische Parasitologie des Instituts für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der Medizinischen Universität Wien.

Eine viel größere Rolle spielen für die Wiener Parasitologen hingegen klassische heimische Parasiten. Einige davon verursachen Zoonosen (Infektionskrankheiten, die von Tier auf Mensch oder umgekehrt übertragen werden), die im Vergleich zu den allgemein bekannten Beschwerden durch Läuse, Flöhe oder Milben wesentlich schwerwiegender sind. Dennoch ist laut Auer der Wissensstand der Bevölkerung wie der Ärzteschaft über die Infektionswege, den Krankheitsverlauf und den Umgang mit diesen Beschwerden und Erkrankungen sehr gering.  

Die Abteilung für Medizinische Parasitologie ist das österreichische Referenzzentrum für alle Parasitosen des Menschen. Hier können klinische Verdachtsdiagnosen eines Parasitenbefalls oder einer Parasitenkrankheit labordiagnostisch per Differenzialdiagnose mit mikroskopischen, immunologischen und molekularbiologischen Untersuchungsmethoden abgeklärt werden. Auch wurde im Gebäude des Instituts für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin eine Ambulanz eingerichtet, die als parasitologische Beratungsstelle (inklusive Blutabnahme und Abgabe von Untersuchungsmaterial) für Patienten fungiert.  

Mehr Fuchsbandwurm-Fälle  

Als gefährlichsten Parasiten hierzulande und auch als einen der für den Menschen gefährlichsten Würmer weltweit bezeichnet der Wissenschaftler, der selbst auf Helminthen spezialisiert ist, den Fuchsbandwurm (Echinococcus multilocularis).  

Früher ist man daran praktisch in hundert Prozent der Fälle gestorben, was heute bei Weitem nicht mehr so ist. Der Wurm ist aber in Ausbreitung begriffen, wir haben Zunahmen von Krankheitsfällen.

Herbert Auer
Leiter der Abteilung für Medizinische Parasitologie des Instituts für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der Medizinischen Universität Wien

Dies hänge damit zusammen, dass Füchse seit dem Jahr 1992 mittels ausgelegter Köder gegen Tollwut geimpft würden. Ein Fuchs kann laut dem Parasitologen hunderttausende der etwa zwei Millimeter langen Fuchsbandwürmer in seinem Körper haben, ohne daran zu erkranken. Der Mensch hingegen infiziere sich damit – genauso wie Mäuse oder andere Kleinnager – über die Eier aus der Fuchslosung.

Da diese mit freiem Auge nicht sichtbar sind, kann die Infektion durch orale Aufnahme der Eier schnell passieren, etwa wenn sich der Kot von Füchsen durch Niederschläge mit dem Boden mischt und Kinder beim Spiel, Freizeitsportler bei ihren Liegestützen oder Menschen beim Blumen- oder Beerenpflücken damit in Berührung kommen und die Hände zum Mund führen.

Die aus dem Ei schlüpfende Larve geht in die Darmschleimhaut ein und auf die Leber über, wo sie meistens hängen bleibt und zur Finne wird. Die Finne wächst wie ein Karzinom zerstörerisch. Die Inkubationszeit beträgt fünf bis 25 Jahre. Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich inzwischen über ganz Österreich und während in den 1980er-Jahren ein bis drei Fälle gemeldet wurden, waren es neun Fälle im Jahr 2017 und heuer bereits zehn Fälle bis Ende Mai.  

Weniger Hundebandwurm-Fälle  

Prinzipiell dem Fuchsbandwurm vergleichbar ist der Hundebandwurm (Echinococcus granulosus). Allerdings wächst dieser Parasit nicht infiltrativ, sondern bildet Zysten, die Fußballgröße erreichen können. Er war früher in Österreich autochthon, kommt heute jedoch praktisch nur mehr bei Migranten vor oder wird von Urlaubern aus anderen Gegenden der Welt importiert.

Durch die Fluchtwelle der Jahre 2015/16 habe sich die Prävalenz vorübergehend leicht erhöht, sagt Auer. Man beobachte derzeit zwischen 30 bis 50 Fälle pro Jahr Sehr viel bedeutsamer – weil sehr häufig und oft sehr krank machend – seien die Spulwurm-Arten Toxocara canis (Hundespulwurm), Toxocara cati (Katzenspulwurm) und Ascaris suum (Schweinespulwurm); hingegen habe der Spulwurm des Menschen (Ascaris lumbricoides) in Mitteleuropa keine medizinische Bedeutung mehr.  

Alle drei Spulwurmarten sind sehr weit verbreitet und können vom Menschen sehr leicht durch orale Aufnahme der Eier, die überall in der Umwelt vorhanden sind (kontaminierter Hunde-, Fuchs- und Katzenkot, mit Schweinemist gedüngte Felder) erworben werden. Im Menschen schlüpfen aus den Spulwurmeiern Larven, die über den großen Blutkreislauf praktisch in alle Organe (außer den Darm) transportiert werden. Man muss nicht, kann jedoch daran erkranken.  

Rein aufgrund unserer diagnostischen Tätigkeit schätzen wir, dass wir jährlich hunderte Toxocara-Infizierte haben und noch mehr Ascaris suum-Infizierte.

Wenn man bedenke, dass man nur von etwa zehn bis fünfzehn Ärzten österreichweit Blutproben zugesandt bekäme, könne man, ohne hysterisieren zu wollen, nicht von hunderten, sondern von tausenden Erkrankten ausgehen.

Parasiten aus dem Mittelmeerraum

In Zukunft muss man laut Auer mit einem ansteigenden Leishmanien-Problem rechnen. Aus falsch verstandener Tierliebe würden zunehmend kranke Hunde und Katzen aus mediterranen Ländern hierhergebracht, die häufig erkrankt seien. Die Überträger von Leishmanien, nämlich Schmetterlingsmücken, kommen auch in Österreich und Deutschland vor. Auer sagt:

Wenn also in Zukunft viele infizierte Hunde und Katzen mitgebracht werden, könnte sich auch bei uns ein solcher Zyklus aufbauen.

Zunehmend sei auch der Fadenwurm Dirofilaria repens anzutreffen, der sich, aus dem Mittelmeergebiet kommend, allmählich über Ungarn nach Österreich ausbreite. In Ungarn gebe es bereits zahlreiche Humanfälle, sagt Auer. Normalerweise erfolgt die Übertragung der Würmer durch Stechmücken von Hund auf Hund oder Hund auf Katze oder Katze auf Hund. Ist jedoch kein solches Säugetier vorhanden, kann auch der Mensch gestochen werden. Dann bekommt man nicht unbedingt schmerzhafte Hautknoten, meist im Gesicht oder am Oberkörper. Allerdings können die Würmer auch das Auge oder auch die Nebenhoden befallen.  

Nach wie vor extrem verbreitet sei der fünf bis zehn Millimeter lange Madenwurm (Enterobius vermicularis), der vermutlich weltweit am häufigsten auftretende Wurm des Menschen. Allein in Wien gebe es tausende Fälle der Madenwürmer, die vor allem Kleinkinder (aber auch Erwachsene) befallen, meist während des Schlafes aus dem Enddarm wandern und in der Analfalte Juckreiz verursachen. Er bekomme täglich einige Anrufe deswegen, sagt Auer.

Kinderärzte führten in solchen Fällen meist Stuhluntersuchungen auf Wurmeier durch, deren Ergebnis jedoch in 95 Prozent negativ sei, da die Würmer die Eier nicht im Darm, sondern im Perianalbereich ablegten. Man finde also nur zufällig vereinzelte Eier im Stuhl, was viele Kinderärzte nicht wüssten und daher das falsche Medikament verschrieben, das unter Umständen die erwachsenen Würmer vernichte, nicht jedoch die Eier.

Die Würmer können sich dadurch schnell verbreiten, etwa durch Händekontakt mit Toilettenbrillen, die vorher von befallenen Kindern benützt wurden und an denen pro Kontakt tausende Eier haften bleiben können. Wieder einmal wäre also gute Händehygiene die beste Vorbeugung, sagt Auer. Bei einem gesunden Immunsystem erledigt sich das Problem allerdings ohne dies irgendwann von selbst und auch ohne Medikamentengabe.  

„Als Arzt daran denken“

Bei vielen Parasiteninfektionen liegt das Problem weder in der Diagnostik noch in der Therapie. Die Behandlung erfolge in aller Regel durch Antiparasitika in Form von Tabletten, sagt Auer. Selbst beim Fuchsbandwurm komme man heute bisweilen auch ohne operative Verfahren aus.

Die entscheidende Frage sei jedoch, ob behandelnde Hausärzte, Internisten, Pädiater, Gynäkologen oder Dermatologen – etwa bei der Erstellung von Differenzialdiagnosen – überhaupt die Möglichkeit von Parasiten in Betracht zögen. „Die wichtigste Gegenmaßnahme wäre, als Arzt überhaupt daran zu denken“, sagt Auer und führt als Beispiel eine Frau an, die vor einigen Jahren im Alter von 70 Jahren an der Fuchsbandwurm-Krankheit starb. Die Symptomatik dieser Erkrankung sei schließlich ähnlich wie bei malignen Erkrankungen der Leber oder des Gallengangsystems. So sei bei dieser Patientin im Jahr 1995 zwar eine Leberzirrhose diagnostiziert worden (die Frau hat in ihrem Leben kaum Alkohol getrunken), aber kein Arzt habe überlegt, warum sie eine Zirrhose erworben hat. Wäre schon in den 1990er-Jahren an den Fuchsbandwurm gedacht worden, hätte die Diagnose durch Antikörpernachweis schon sehr früh gestellt werden und die Patientin hätte lege artis behandelt werden können.

Ebenso wenig ist aus Sicht des Parasitologen bekannt, dass die Infektion bei den Spulwürmern (so wie auch beim Fuchsbandwurm) durch die orale Aufnahme der Eier über beispielsweise kontaminiertes Gemüse erfolge. Beim Schweinespulwurm wisse man dies erst seit den 1990er-Jahren. Der Schweinemist mit den Spulwurmeiern komme aus dem Dünger heraus. Es genüge zum Beispiel ein Windstoß, um jemandem, der den Mund während des Lachens oder einer Unterhaltung offen habe, oder beispielsweise Kindern, die am Boden krabbelten, die Eier in den Mund zu blasen. Gerade Bio-Schweine bewegten sich freier und kämen dadurch vermehrt in Kontakt mit eigenen oder fremden Fäkalien oder mit durch Schweinemist gedüngten Feldern. So gesund Bio-Schweinefleisch in jedem Fall sei, müsse man davon ausgehen, dass die meisten Tiere in Bioschweine-Mastbetrieben „voll mit Spulwürmern“ seien; die von den Spulwurmweibchen produzierten Eier würden auf die Felder ausgebracht und stellen großflächige Infektionsquellen für den Menschen dar.

Auch andere essbare Tiere könnten durch Spulwurmeier infiziert werden und die Larven in sich tragen. Esse man etwa Hühner, Puten oder Feldhasen nicht vollständig durchgegart, könne die Larve so in den Menschen gelangen und fünf bis zehn Jahre in ihm leben.  

Mehr Austausch zweckmäßig  

Für das Gesundheitssystem würde sich Auer daher einen sehr viel intensiveren Austausch der Parasitologie mit anderen Disziplinen wünschen, der auch bereits während des Studiums an der Universität beginnen könnte.  

Das Zusammenwirken von Medizinern – im niedergelassenen wie auch im Klinikbereich – und Parasitologen wäre aus Auers Sicht auch für die Zukunft die beste Lösung. In der ärztlichen Ausbildung wird der Parasitologie zwar durchaus grundsätzlich Bedeutung zugemessen, das Interesse bei den Studieren den sei aber kaum vorhanden; die Folge ist, dass in Zukunft vermutlich noch seltener an Parasiten und Parasitenkrankheiten gedacht werden wird:

Das Nichtwissen ist das große Problem der gesamten Parasitologie.

Autorin: Dr. Erika Pichler, pichler@schaffler-verlag.com


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