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Datum: Mittwoch, 26. September 2018

Artikel: Schaffler Verlag, ÖKZ: 59. JG (2018) 08-09 / Daniela Rojatz, Gudrun Braunegger-Kallinger

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Zur Stärkung der gemeinschaftlichen Selbsthilfe und zur Förderung von Patientenbeteiligung wurde im Herbst 2017 die Österreichische Kompetenz- und Servicestelle für Selbsthilfe – kurz ÖKUSS – gegründet.  

Die Forderung der Beteiligung von Patientinnen und Patienten an gesundheitspolitischen Entscheidungen ist nicht neu.1,2 Die tatsächliche Realisierung bedeutet ein Beteiligtwerden seitens des Gesundheitssystems und ein Sich-Beteiligen vonseiten der Patienten. Eine quantitativ bedeutsame Form organisierter Patientinnen und Patienten sind Selbsthilfeorganisationen. In Österreich sind etwa 250.000 Menschen in Selbsthilfegruppen/-organisationen organisiert. Bei aller Unterschiedlichkeit lassen sich diese durch zwei Prinzipien charakterisieren:

  • Das Prinzip der Selbsthilfe (=Lösung von Problemen ohne professionelle Hilfe) und
  • das Gruppenprinzip (=gemeinschaftliche Bewältigung von Problemen).  

Grob lässt sich das Feld der gemeinschaftlichen Selbsthilfe in drei Ebenen und in drei Formen gliedern: Auf lokaler Ebene organisieren sich Selbsthilfegruppen (SHG) mit regelmäßigen Gruppentreffen. Auf Landes- und Bundesebene haben sich (aus diesen SHG) Selbsthilfeorganisationen herausgebildet mit stärker außenorientierten Aktivitäten (z.B. Öffentlichkeitsarbeit, Interessenvertretung). Auf Landesebene entstanden seit den 1980ern Selbsthilfe-Unterstützungseinrichtungen, die entweder als themenübergreifende Selbsthilfe-Dachverbände (Zusammenschluss von regionalen Selbsthilfegruppen/-organisationen) oder bei anderen Trägern als Selbsthilfe-Kontaktstellen organisiert sind. Auf Bundesebene gab es vor der Gründung von ÖKUSS keine systematische Unterstützungseinrichtung für bundesweit tätige Selbsthilfeorganisationen.3

Eine Bestands- und Bedarfserhebung unter bundesweiten themenbezogenen Selbsthilfeorganisationen (B-SHO) aus dem Jahr 2017 zeigt, dass es rund 160 bundesweit-tätige Selbsthilfeorganisationen gibt. Schlüsselressourcen von B-SHO sind die Kompetenzen der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Im Median verfügen B-SHO über ein Jahresbudget von 7000 Euro, wobei Förderungen aus der Privatwirtschaft stärker sind als durch die öffentliche Hand. Ändern sich die Rahmenbedingungen nicht, sehen 37 Prozent der B-SHO ihr Fortbestehen in den nächsten fünf Jahren gefährdet.4 Entsprechend gilt es, BSHO als solche zu stärken, um ihnen künftig eine eigenständige Rolle als Patientenvertreter zu ermöglichen.  

Konzept zur öffentlichen Förderung der Selbsthilfe

ÖKUSS ist Teil des Konzepts zur öffentlichen Förderung der Selbsthilfe, welche vom Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger initiiert und in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz und dem Fonds Gesundes Österreich entwickelt wurde.3 Details wurden in mehreren Arbeitsgruppensitzungen mit Vertretern der Selbsthilfe abgestimmt.

Die Förderinitiative strebt an, B-SHO in ihren Aktivitäten zu stärken, die Abhängigkeit von Förderungen aus der Privatwirtschaft zu vermindern und die regionalen Selbsthilfe-Aktivitäten – in Ergänzung zu bestehenden Förderungen seitens der Länder – weiter zu stärken.3 Das Konzept zur öffentlichen Förderung der Selbsthilfe sieht vier Säulen vor (siehe Abbildung 1). Insgesamt fließen 1,17 Millionen Euro pro Jahr in die Umsetzung des Konzepts, wobei die Sozialversicherung den Großteil der Mittel zur Verfügung stellt.  

Österreichische Kompetenz- und Servicestelle für Selbsthilfe

Mit der Errichtung von ÖKUSS gibt es erstmals eine eigene Einrichtung zur Unterstützung von B-SHO in Österreich. ÖKUSS ist ein Kooperationsprojekt des Hauptverbandes der Österreichischen Sozialversicherungsträger und des Fonds Gesundes Österreich. Sie wurde als Expositur des Fonds Gesundes Österreich eingerichtet. Zur Beratung von ÖKUSS in strategischen Fragen (u.a. Arbeitsprogramm) wird ein Fachbeirat eingerichtet, der sich aus Vertretern u.a. folgender Einrichtungen zusammensetzt: der Sozialversicherung, des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz, der Selbsthilfe-Unterstützungseinrichtungen, der themenübergreifenden Selbsthilfeorganisationen auf Bundesebene, der Patientenanwaltschaft, der Wissenschaft sowie einschlägiger Beratungseinrichtungen (u.a. Frauengesundheitszentren).

Wenngleich die Hauptzielgruppe von ÖKUSS B-SHO sind, gilt es auch, Stakeholder, welche B-SHO beteiligen bzw. beteiligen möchten, zu unterstützen. Schließlich bedarf funktionierende Beteiligung zweier Seiten: sich beteiligender B-SHO sowie Akteuren, die B-SHO einbeziehen und um deren Möglichkeiten und Grenzen wissen.

Die Aufgabenfelder von ÖKUSS orientierten sich an den Ergebnissen der Bedarfserhebung unter bundesweiten Selbsthilfeorganisationen:  

  • Fördermanagement, d.h. administrative Abwicklung von Förderanträgen der B-SHO (Säule 2) sowie Förderung von Weiterbildungsseminaren für Selbsthilfegruppenleiterinnen und -leiter (organisiert von den Selbsthilfe-Unterstützungseinrichtungen in den Ländern)
  • Kapazitätsentwicklung bei B-SHO und Fachpersonen u.a. bezüglich Patientenbeteiligung
  • Öffentlichkeitsarbeit, Information über Möglichkeiten und Grenzen von B-SHO
  • Wissensmanagement, wie z.B. die Entwicklung von Konzepten zur Kooperationsförderung und möglicher Rollen von B-SHO im Gesundheitswesen  

Neben der Errichtung und dem Aufbau von ÖKUSS sind die Arbeitsschwerpunkte 2018 der Aufbau des Fördermanagements und der Kapazitätsentwicklungsangebote für B-SHO.

ÖKUSS ist mit der Abwicklung von Fördersäule 2, der Förderung von B-SHO, beauftragt. Die Sozialversicherung stellt für B-SHO jährlich 420.000 Euro zur Verfügung. B-SHO können Fördermittel bis zu einem Richtwert von maximal 10.000 Euro pro Jahr für zwei Aktivitäten einreichen (mit Zusatzantrag insgesamt maximal 15.000 Euro). In einem Leitfaden5, der auf dem entwickelten Konzept1 basiert, sind Fördervoraussetzungen (u.a. B-SHO, Wirtschaftsförderung < 40 %) und förderbare Aktivitäten definiert. Ein Entscheidungsgremium stimmt über die Anträge auf Basis einer Empfehlung von ÖKUSS ab.

Zweiter Tätigkeitsschwerpunkt 2018 sind Weiterbildungsangebote für B-SHO. Anlässlich des aktuellen Themas der neuen Datenschutzgrundverordnung wurden mehrere Workshops organisiert, um B-SHO hier Informationen und das nötige Handwerkzeug zu vermitteln. Eine weitere Veranstaltung thematisierte Patientenrechte.  

Bisherige Höhepunkte von ÖKUSS

Als Höhepunkt der bisherigen Aktivitäten von ÖKUSS kann die Entscheidungssitzung über Förderungen im Jahr 2018 betrachtet werden. Im Mai 2018 wurden insgesamt 345.000 Euro an 34 B-SHO für 76 Aktivitäten zugesprochen. Damit wurden erstmals systematisch Fördermittel an B-SHO vergeben. Aus den Anfragen im Zuge der Antragstellung und der nicht geförderten B-SHO und Aktivitäten wurden wichtige Anhaltspunkte für die Weiterentwicklung der Förderkriterien und die Schärfung des Begriffsverständnisses von B-SHO gewonnen.   

Literatur:
1 WHO (1978) Declaration of Alma-Ata. International Conference on Primary Health Care, Alma-Ata, USSR, 6 - 12 September 1978.

2 WHO (1986) Ottawa Charter for Health Promotion First International Conference on Health Promotion.

3Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger (2018) Konzept zur öffentlichen Förderung der Selbsthilfe. Wien.

4Rojatz D, Nowak P (2017) Bestands- und Bedarfserhebung zu bundesweiten Selbsthilfeorganisationen. Wien.

5ÖKUSS (2018) ÖKUSS – Leitfaden zur Förderung bundesweiter Selbsthilfeorganisationen 2019. Wien.


Bildinhalt: ÖKZ
  Ausgabe: 08-09/2018/59.JG
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