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Datum: Dienstag, 25. September 2018

Artikel: Schaffler Verlag, ÖKZ: 59. JG (2018) 08-09 / Gabriele Vasak

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Theorie und Praxis

Jede Frau in Österreich hat Anspruch auf eine Versorgung durch Kassenhebammen im Wochenbett. Aber: In einigen Bundesländern herrscht eklatanter Hebammenmangel.  

Rund 900 Babys erblicken in Österreich pro Jahr das Licht der Welt daheim, der Anteil der ambulanten Geburten steigt laut Statistik Austria. Derzeit liegt er bei rund fünf Prozent der Geburten im Krankenhaus, und auch die Aufenthaltsdauer im Spital nach der Entbindung sinkt kontinuierlich.  

Idealerweise werden Frauen, die solches schätzen, von Hebammen begleitet. Hebammen unterstützen schon in der Schwangerschaft, führen Beratungsgespräche mit den jungen Eltern, gehen insbesondere auf gesundheitliche und präventive Themen ein, berücksichtigen die psychosoziale Situation werdender Mütter und sind kompetent in allen Fragen der Mutterschaft und Säuglingspflege sowie in Fragen rund um Stillen und Ernährung.  

Hebammenarbeit ist zu einem großen Teil Prävention. Es geht um einen gesunden Lebensstil, ums Gesundbleiben

Petra Welskop
Präsidentin des Österreichischen Hebammengremiums (ÖHG)

Dass diese Investitionen in die frühe Kindheit sich volkswirtschaftlich gesehen rechnen, belegen viele Studien und internationale Beispiele. Wobei man natürlich berücksichtigen muss, dass dies ein langfristiger Effekt ist, der zu Beginn mehr kostet, da man in den präventiven Bereich mehr investieren muss und gleichzeitig nach wie vor einen großen kurativen Bereich zu bedienen hat.

Mangelversorgung  

Soweit so gut. Weniger gut ist aber die tatsächliche Versorgung von werdenden Müttern mit Hebammen in Österreich. Laut Auskunft des ÖHG arbeiten zurzeit 233 Hebammen mit Kassenvertrag und insgesamt 2256 Hebammen in Österreich, davon 435 frei praktizierend, 555 als Anstaltshebammen und 1266 sowohl im Krankenhaus als auch frei praktizierend. Das heißt auch, dass 2023 Hebammen keinen Kassenvertrag haben. Vor allem in Wien herrscht eklatanter Hebammenmangel. In der Bundeshauptstadt kommen auf knapp 21.000 Geburten jährlich nur 24 Kassenhebammen. Aber auch im Burgenland, in der Steiermark und in Vorarlberg gibt es, wie die Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage der FPÖ ergab, zu wenige Kassenhebammen. Theoretisch hat jede Frau in Österreich Anspruch auf eine Versorgung durch Kassenhebammen im Wochenbett, doch bleibt dies für viele eben Theorie. Wenn sie sich nicht bereits Monate vor dem Geburtstermin angemeldet haben, müssen sie auf privat zu zahlende Hebammen ausweichen. Das kostet laut Auskunft des ÖHG abhängig vom Leistungsumfang zwischen rund 40 bis 100 Euro und mehr pro Besuch. Es ist evident, dass sich das nicht jede leisten kann und dass viele Frauen unterversorgt bleiben.  

Überfüllte Geburtenstationen  

In überfüllten Geburtenstationen und bei der Versorgung junger Mütter setzt sich der Trend fort. „Kleine Krankenhäuser schließen ihre Geburtshilfe-Abteilungen, in den großen Spitälern kommt es zu sehr vielen Geburten und oftmals auch zur Überlastung der Stationen“, sagt Petra Welskop. So werden Frauen häufig bereits am zweiten Tag nach der Geburt aus dem Spital entlassen, und dies oft zu einem Zeitpunkt, wo das Stillen noch nicht richtig funktioniert. In der Folge landen die Frauen, wenn Probleme auftreten, wenige Tage nach ihrer Entlassung beim Kinderarzt, in der Ambulanz oder gar in der Notaufnahme, und durch eine Wiederaufnahme im Krankenhaus steigen wiederum auch die Kosten.  

Besonders in Wien kam es in den letzten Jahren bei der Patientenanwaltschaft zu zahlreichen Beschwerden von Frauen, denen bei der Anmeldung zur Geburt in einem Gemeindespital beschieden worden war, es seien keine Termine frei. Hier soll laut Auskunft von Mario Földy vom Geschäftsbereich Qualitätsmanagement der Generaldirektion des Wiener Krankenanstaltenverbundes noch im Laufe dieses Jahres Abhilfe in Form eines Geburtsanmeldesystems geschaffen werden.  

„Alle schwangeren Frauen ohne Risikoschwangerschaft, die bereits einen Mutter-Kind-Pass von ihrem Gynäkologen erhalten haben, können sich zukünftig zentral über die Website www.geburtsinfo.wien/anmeldung oder telefonisch für eine Entbindung in einem fondsgeförderten Wiener Krankenhaus anmelden. Sie haben die Möglichkeit, sich bis zur 22. Schwangerschaftswoche zu registrieren, die Zuteilung erfolgt in der 22. Schwangerschaftswoche“, erklärt Földy.  

Bei einer Risikoschwangerschaft erfolgt unabhängig davon eine Zuweisung der Schwangeren an ein Perinatalzentrum im Donauspital oder im Allgemeinen Krankenhaus zur Risikostratifizierung. Im Fall einer weiteren Betreuung in einem Perinatalzentrum entfällt für Schwangere die zentrale Geburtsanmeldung über die Geburtsinfo Wien.

Die Vorteile des neuen Systems seien zahlreich: Schwangere können in einem ihrer Wunschspitäler entbinden. Der Anmeldeprozess ist vereinheitlicht, transparent, niederschwellig und mehrsprachig (Deutsch, Englisch, Russisch, Türkisch, Arabisch, Farsi).  

„Damit werden besonders benachteiligte Schwangere und deren Angehörige unterstützt und ein Beitrag zu einer sozial ausgeglichenen Versorgung geleistet“, so Földy. Zudem sei das Online-System Userinnen-freundlich und werde von einem Telefonsystem unterstützt. Als zusätzliche Unterstützung gebe es einfach zugängliche Gesundheitsinformationen – etwa zum Verlauf einer Schwangerschaft, zu den notwendigen Untersuchungen, zum Verlauf einer Geburt, zum Stillen, zur eigenen und zur Ernährung des Babys etc. Außerdem würden übersichtliche Informationen über Beratungsstellen und finanzielle Ansprüche bereitgestellt.  

Ursachen der Mangelversorgung  

Doch zurück zu den Hebammen und der derzeitigen Mangelversorgung – auch in den Spitälern. Petra Welskop sieht hier einen Ausweg in der raschen Entlassung der Frauen und Kinder nach der Geburt nach Hause, aber:

Es fehlen ja auch ausreichend Hebammen für die extramurale Wochenbettbetreuung, sodass bei Problemen nur die stationäre oder ambulante Wiederaufnahme ins Krankenhaus oder der Arztbesuch bleibt.

Hebammen aber arbeiten auch im Wochenbett stark präventiv, erkennen mögliche Probleme frühzeitig, sodass die kurative Behandlung oft nicht notwendig wird. Was sowohl für Mütter und Kinder als auch für die Volkswirtschaft seine Vorteile hätte.  

Gründe für die Mangelversorgung ortet Petra Welskop unter anderem in den Kassentarifen. Für einen Hausbesuch bekommt eine Hebamme derzeit den Kassentarif von 37,70 Euro plus 7,50 Euro Strukturpauschale. Zwar wurden die Tarife nach Verhandlungen mit dem ÖHG etwas angepasst, aber noch immer fehlen die finanziellen Anreize für Hebammen, sich einen Kassenvertrag zu nehmen. Und: Es gebe grundsätzlich zu wenige Hebammen. Für ganz Österreich hat das Gesundheitsministerium im Herbst letzten Jahres eine Hebammen-Bedarfsanalyse in Zusammenarbeit mit der GÖG angekündigt. Was etwa das Beispiel Wien betrifft, so bräuchte es aus Sicht der Expertinnen 62 Kassenstellen, nicht zuletzt deshalb, weil die Anzahl der Geburten wieder deutlich im Steigen begriffen ist. Laut Statistik Austria wurden im Jahr 2016 87.675 Kinder geboren. Das sind rund 10.000 Kinder mehr als im Jahr 2006.   Lösungsansätze Lösungsansätze für die Problematik sieht Petra Welskop zum einen in der Ausbildung von mehr Hebammen.

„Wir brauchen wegen der deutlich gestiegenen Geburtenrate, wegen des größeren Aufgabengebietes von Hebammen, und auch weil eine große Pensionierungswelle unter den aktiven Hebammen bevorsteht, zusätzliche Hebammen-Studiengänge. In Tirol etwa hat man nach einer Bedarfserhebung, die das ÖHG in Auftrag gegeben hat, reagiert mit dem Resultat, dass ein weiterer Studiengang in Innsbruck angeboten wurde. Auch in Linz, wo die Studiengänge bisher alle zwei Jahre angeboten wurden, werden sie nunmehr jährlich abgehalten. Im ÖHG hält man es auch für klug, wenn Hebammen in den Primärversorgungszentren arbeiten.

Sie bieten damit niederschwellige Angebote – zum Beispiel bei Problemen im Wochenbett – und die teure Wiederaufnahmerate im Krankenhaus würde damit gesenkt werden.

Die Präsidentin des ÖHG berichtet auch von einer guten Zusammenarbeit mit dem Hauptverband in Zusammenhang mit einem neuen Gesamtvertrag, der nicht zuletzt dazu führen soll, dass die finanzielle Abgeltung im Rahmen der Kassentarife für Hebammen interessanter wird. „Jede Hebamme, die mit Kassenvertrag arbeiten möchte, sollte die Gelegenheit dazu haben, und jeder Frau, egal welche finanziellen Mittel sie hat, sollten tatsächlich Kassenhebammenleistungen zur Verfügung stehen.“

Bis dahin wollen die Hebammen-Vertreterinnen sich „nicht auf Teilerfolgen ausruhen, sondern weiterhin beharrlich daran arbeiten, dass Hebammenarbeit adäquat entlohnt wird, im Krankenhaus genauso wie in der freien Praxis“.  

Autorin: Mag. Gabriele Vasak, vasak@schaffler-verlag.com


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  Ausgabe: 08-09/2018/59.JG
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