medianet ÖAZ Philips QUALITAS ÖKZ MedAustron

Datum: Donnerstag, 31. Mai 2018

Artikel: CGM / Philipp Streinz

Bildinhalt: Symbolbild

Bildrechte: ClipDealer / deyangeorgiev

Dieser Artikel wurde 63 mal gelesen.

Selbstverletzung oft kein Suizidversuch

Bei psychischen Auffälligkeiten alarmieren oft vor allem offenkundige Versuche von Jugendlichen, sich selbst zu verletzen, die Eltern und Lehrer. Aufmerksamkeit und Zugehen auf die Betroffenen sind dann gefragt. Zumeist handelt es sich um keinen Ausdruck von Suizidalität, sagte bei den Österreichischen Ärztetagen in Grado der Wiener Kinderpsychiater Christian Kienbacher.

Psychische Auffälligkeiten sind insgesamt gerade während der Kindheit und der Pubertät häufiger als in der Öffentlichkeit wahrgenommen. "Laut Zahlen aus Deutschland zeigen 15 bis 22 Prozent der Kinder und Jugendlichen bis zum Alter von 18 Jahren zumindest einmal psychische Auffälligkeiten. Acht bis 14 Prozent zeigen deutliche und behandlungsbedürftige Einschränkungen", sagte der Leiter des Wiener Ambulatoriums für Kinder- und Jugendpsychiatrie der SOS-Kinderdörfer.

Dem stehen derzeit in Österreich noch immer sehr beschränkte Angebote an Behandlungsmöglichkeiten in der niedergelassenen Praxis gegenüber. Im Burgenland und in der Steiermark gibt es laut Kienbacher noch keinen einzigen Kassenvertrag für einen Kinder- und Jugendpsychiater. In Salzburg gibt es einen Vertrag, in Tirol und Kärnten zwei, in Niederösterreich acht, in Wien sechs, in Oberösterreich fünf und in Vorarlberg 3,5 (Äquivalente).

Kienbacher sagte dazu: "In Österreich leben rund 1,7 Millionen Menschen im Alter unter 20 Jahren. Rund 170.000 davon sind deutlich psychisch erkrankt. Nur rund 36.000 davon sind in Behandlung." Laut der sogenannten MHAT-Studie weisen in Österreich aktuell knapp 24 Prozent der Zehn- bis 18-Jährigen psychische Probleme auf. Über diese Altersgruppe hinweg tauchen solche Probleme bei fast 36 Prozent auf.

Eltern und Lehrer geraten oft in helle Aufregung, wenn sich Kinder oder Jugendliche plötzlich selbst zu verletzen beginnen. "Ritzen" und "Schneiden" stehen oft im Vordergrund, es gibt aber ein breites Spektrum solchen Verhaltens. In der aktuellen Klassifizierung der psychischen Erkrankungen wurde dieses Verhalten erstmals als eigene Krankheit aufgenommen und definiert: Innerhalb eines Jahres mindestens fünf Episoden einer absichtlichen Schädigung der Körperoberfläche (Schneiden, Verbrennen, Stechen etc.), die sozial nicht akzeptiert ist (keine bloße Tätowierung etc.) und ohne Suizidabsicht erfolgt.

Völlig ungewöhnlich ist das nicht, wie der Kinder- und Jugendpsychiater erklärte: "Es gibt fast keinen Menschen, der nicht irgendwann selbstverletzendes Verhalten zeigt." Nicht umsonst spreche man davon, dass eine Situation "zum Haare ausreißen" sei. In der katholischen Kirche sei die Selbstgeißelung ab dem elften Jahrhundert bei österlichen Gebräuchen verwendet und 1417 beim Konzil von Konstanz verboten worden. In der muslimischen Religion werde das im Rahmen des Aschura-Festes praktiziert.

Amy Winehouse, Angelina Jolie, Marylin Manson, Johnny Depp oder Prinzessin Diana - sie alle gaben an, auch selbstverletzendes Verhalten aufzuweisen. In der Allgemeinbevölkerung liegt die Häufigkeit bei 0,7 Prozent, unter psychisch Erkrankten bei 4,3 Prozent. Ritzen ist mit 64 Prozent die häufigste Form. Frauen sind laut unterschiedlichen Studien zwei- bis neun Mal häufiger betroffen als Männer.

"Die Häufigkeit über das ganze Leben hinweg liegt bei 25,9 Prozent", sagte Kienbacher. Wer sich unter Stress in Wange oder Lippen beißt, Nägel kaut oder auch Schmerzen durch Zwicken etc. zufügt, gehört im Endeffekt auch in diese Kategorie. Dieses Verhalten übt offenbar eine Funktion für die Psyche aus. "Die Selbstverletzung ohne suizidale Absicht dient der Effektregulation im Sinne einer Entlastung", sagte der Kinder- und Jugendpsychiater.

Ruhe bewahren

Auf Probleme rund um die Pubertät deutet die Altersverteilung hin, wann Kinder bzw. Jugendliche erstmals nicht-suizidales selbst verletzendes Verhalten aufweisen: Der Altersgipfel des Beginns liegt bei 13 Jahren (25 Prozent), 14 Jahren (37,5 Prozent) und 15 Jahren (12,5 Prozent). Davor und danach beginnen viel weniger junge Menschen damit.

"Auslöser bei Jugendlichen sind vor allem Enttäuschung in Beziehungen, Kränkung und Zurückweisung, soziale Isolation, Scheitern im Selbstständigwerden, Aufnahme sexueller Beziehungen und 'Ansteckung' durch eine Peer Group", sagte der Wiener Kinder- und Jugendpsychiater Christian Kienbacher.

Auffällig ist allerdings, dass in 96 Prozent der Fälle von nicht-suizidalem selbstverletzenden Verhalten auch noch andere psychische Probleme vorliegen. Werden solche Handlungen erstmals registriert, sollte mit Ruhe und Vorsicht reagiert werden. Oft handelt es sich um impulsive und zunächst wenig vorsätzliche Aktionen. Am besten wirkt das Erproben von anderen Affektregulationsmechanismen und das Training alternativer Strategien. Das kann auch bloß die Übereinkunft sein, mit der Selbstverletzung zunächst zu warten, wenn der Impuls auftaucht.

Musik, Entspannungstechniken und die Möglichkeit im Krisenfall schnell mit einer Vertrauensperson oder einem Therapeuten Kontakt aufnehmen zu können, helfen über die kritische Zeit hinweg. Natürlich sollten andere ebenfalls vorliegende psychische Erkrankungen diagnostiziert und behandelt sowie auslösende Faktoren wie Alkohol und Drogen (Senkung der Hemmschwelle) vermieden werden. "Ruhiges und unaufgeregtes Verhalten bei gedrosselter Neugier", rät Kienbacher Eltern und Pädagogen. Ruhe zu bewahren, hilft dabei, einen vertrauensvollen Kontakt herzustellen und die weiteren Schritte zu planen.

Quelle: APAMED