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Datum: Samstag, 16. Februar 2019

Artikel: Schaffler Verlag, ÖKZ: 59. JG (2018) 12 / Christian F. Freisleben

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Selbstmorde verhindern

Die Zahl der Suizide ist in Österreich seit den 1980er-Jahren zwar zurückgegangen – umfassende Präventions- und Schulungsmaßnahmen sind jedoch weiterhin wichtig.

Suizid ist weltweit eine der 20 häufigsten Todesursachen, jährlich nimmt sich etwa eine Million Menschen das Leben. Diese Zahl übersteigt jene der Todesopfer durch Mord, Krieg und Naturkatastrophen. Claudius Stein, Arzt für Allgemeinmedizin, Psychotherapeut und Suizidpräventionsforscher sowie ärztlicher Leiter des Kriseninterventionszentrums Wien, ergänzt dazu Zahlen aus Österreich: Seit Mitte der 1980er-Jahre ist die Suizidrate um mehr als 40 Prozent zurückgegangen. Waren es 1986 noch 2139 Freitode – das entspricht einer Rate von 26,7 auf 100.000 Einwohner –, so schieden im Jahr 2016 insgesamt 1204 Menschen freiwillig aus dem Leben (14,5 auf 100.000 Einwohner). Nach wie vor begehen deutlich mehr Männer (siehe Kasten „Risikofaktor Mann“) als Frauen Selbstmord (2016: 907 Männer, 297 Frauen) und deutlich mehr ältere Menschen als jüngere, ergänzt Stein. 

Risikofaktor Mann

Auch Frauen nehmen sich das Leben, aber Thomas Kapitany vom Kriseninterventionszentrum Wien schätzt, dass „bei Männern fünf Suizidversuche auf einen Suizid kommen, während es bei Frauen etwa 20 Selbstmordversuche pro Suizid sind“. Vor allem die Kombination von Alter und Vereinsamung erhöhe das Risiko für Männer.

Das Klischee, dass Männer sich schwertun, über ihre Gefühle oder ihren Gesundheitszustand zu sprechen, zeigt sich beim Thema Selbstmord auch in konkreten Zahlen: Angebote der psychosozialen und der medizinischen Versorgung nehmen Frauen häufiger in Anspruch. Krisendienste werden doppelt so oft von Frauen genutzt. Auch bei Depressionen gilt: Männer kommen im Krankheitsverlauf deutlich später und dann in einem bereits schlechteren Zustand zur Behandlung als Frauen.

Kapitany ergänzt als Gründe für diese Zahlen: „Männer haben einen höheren Anspruch, Probleme selbst zu lösen, sich dabei mit logischem Handeln zu helfen und von anderen nicht abhängig zu sein. Gefühle, die diesen Anspruch auf Souveränität gefährden, wie Ängste, Trauer oder Beschämung, können oft nur schlecht wahrgenommen und noch schlechter mitgeteilt werden. Es braucht mehr männerspezifische Angebote, um in Krisensituationen ausreichend Hilfe bereitzustellen.“

Wie so etwas aussehen kann, zeigt das Projekt vaeter-in-krisen.at des Kriseninterventionszentrums Wien. Väter erhalten in einer sehr niederschwelligen Form Informationen zu männer- bzw. väterspezifischen Problemen, wobei einer der Schwerpunkte das Thema Selbstmord ist. Via Website kann man kostenlose und anonyme E-Mail-Beratung in Anspruch nehmen. Weiters angeboten werden telefonische Beratung sowie Gesprächstermine im Kriseninterventionszentrum. Darüber hinaus gibt es Schulungen und Informationsveranstaltungen für Multiplikatoren wie Mitarbeiter des Jugendamts, des Arbeitsmarktservice, für Hausärzte und Familienhelfer.

Im ersten Projektjahr konnten 150 Männer beraten werden – „auch hier hat sich deutlich gezeigt, dass Männer in einem schlechteren Zustand zur Beratung kommen“, so Kapitany. 

Bessere Aufklärung

Die insgesamt sinkende Selbstmordzahl sei durch bessere Aufklärung ermöglicht worden und durch ein breiteres psychosoziales Angebot sowie eine veränderte Medienberichterstattung, sagt der Präventionsforscher, aber „dennoch müssen diese Bemühungen weitergeführt, ja teils intensiviert werden“. So bräuchte es zumindest eine Kriseninterventionseinrichtung pro Bundesland mit ausreichender finanzieller Absicherung und sozialpsychiatrische Dienste rund um die Uhr in allen Bundesländern, „die auch die Möglichkeit der Intervention vor Ort haben“. Nötig sei auch ein Gesamtvertrag für Psychotherapie, um allen Gefährdeten Psychotherapie auf Krankenschein zu ermöglichen. Sinnvoll wäre zudem der Ausbau von psychosozialen Angeboten für Risikogruppen wie ältere Männer.

Dazu beitragen soll das seit 2012 bestehende österreichische Suizidpräventionsprogramm SUPRA.1 Dieses wurde kürzlich von der EU (Mental Health Compass) als Best-Practice-Modell qualifiziert. Im Zuge des Programms wurde im Vorjahr das Webportal www.suizid-praevention.gv.at online gestellt – dort finden sich Erste-Hilfe-Tipps für Personen mit Suizidgedanken oder An- und Zugehörige von Selbstmordgefährdeten, Notfallkontakte und Hilfsangebote im jeweiligen Bundesland. Weiters etabliert wurden Schulprogramme: Die SUPRO – Werkstatt für Suchtprophylaxe in Vorarlberg, Youth Aware of Mental Health (YAM) in Tirol, lebenswert in Salzburg und die schulische Suizidprävention des Psychosozialen Dienstes Hartberg in der Steiermark. 

Kinder und Jugendliche unter Druck

Im Jahr 2017 wurden von den Rat auf Draht-Mitarbeitern 54 Prozent mehr Beratungen zum Thema Suizid durchgeführt als im Jahr zuvor. Pro Tag melden sich im Schnitt drei Anrufer bei der Notrufnummer für Kinder und Jugendliche mit diesem Problem. „Dieser Trend setzte sich im ersten Halbjahr 2018 leider fort“, sagt Birgit Satke, Leiterin von Rat auf Draht. Gründe dafür seien verstärkter Leistungsdruck in der Schule ebenso wie familiäre Probleme und traumatische Ereignisse.

Als Beitrag zur Prävention betreibt Rat auf Draht gemeinsam mit der Telefonseelsorge die WebSite http://bittelebe.at/, die sich mit altersgemäßen Videos, Texten sowie Informationen zu Beratungsstellen gezielt an Kinder und Jugendliche wendet. 

Zahlreiche Initiativen

Darüber hinaus wurden eine Arbeitsgruppe Suizidprävention an Autobahnen und Schnellstraßen des Autobahnerhalters ASFINAG gegründet und als erster Schritt Sicherungsmaßnahmen an steirischen Hotspot-Brücken gesetzt. Eine Ausweitung auf ganz Österreich ist vorgesehen. Innenministerium und Volksanwaltschaft entwickelten im Rahmen des Programms Präventionsstandards in polizeilicher Anhaltung als Grundlage für die Schulung von Personal sowie die Umsetzung von Maßnahmen nach Suizidversuchen und Suiziden. Die Österreichische Gesellschaft für Suizidprävention setzt weiters seit März ein Gatekeeperprogramm um – dabei sollen in ganz Österreich Multiplikatoren auf Grundlage eines einheitlichen Curriculums geschult werden, die dann ihrerseits Schulungen in allen Regionen durchführen.

Maßnahmenbündel für Kärnten

Traurigen Spitzenplatz in der Selbstmordstatistik nimmt Kärnten ein. Von 1. Jänner bis 6. September 2018 nahmen sich dort 94 Menschen das Leben. Gesundheitsreferentin Beate Prettner will ein „Bündel an Maßnahmen“ umsetzen: Ein Baustein ist der Psychiatrieplan 2020: Innerhalb von zwei Jahren soll in Kärnten eine flächendeckende psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung etabliert werden, unter anderem mit sechs regionalen Ambulatorien sowie mit mobilen Teams. Kärnten hat sich auch dem europäischen Bündnis gegen Depression angeschlossen – entstehen soll eine Datenbank, die Grundlagen für weitere konkrete Schritte liefern soll. Erste Maßnahmen sollen schon in der schulischen und außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit umgesetzt werden sowie durch eine Informationskampagne. Bereits verwirklicht wurden Schulungen in Gesunden Gemeinden für die Bevölkerung sowie speziell für Multiplikatoren wie Ärzte, Apotheker, Polizeistationen, Bezirkshauptmannschaften, Bürgermeister und Pflegedienste.

Claudius Stein vom Kriseninterventionszentrum Wien ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass auch im Krankenhaus Maßnahmen zur Suizidprävention bedeutsam sind: „Vor allem Schulungen der Mitarbeiter beispielsweise zur Einschätzung der Suizidgefährdung und zur Gesprächsführung mit Menschen in Krisen.“ Hilfsangebote außerhalb des Krankenhauses, also Stellen, an die verwiesen werden kann und mit denen ein kontinuierlicher Informations- und Erfahrungsaustausch gesucht werden sollte, müssen unter den Mitarbeitern bekannt gemacht werden. „Wichtige Bausteine können psychotherapeutische und psychologische Dienste im Krankenhaus sein, die auch in Fragen der Suizidprävention kompetent sind“, ergänzt Stein. An der Universitätsklinik Salzburg der SALK gibt es etwa eine eigene Station für Suizidprävention mit zwölf Betten und zehn tagesklinischen Plätzen. Patienten werden dort von einem multidisziplinären Team betreut, dessen Mitglieder aus Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie ebenso kommen wie aus der psychiatrischen Pflege, der Sozialarbeit und den medizinischtechnischen Diensten (Physio- und Ergotheraphie). Erarbeitet wurde zudem ein Notfallplan, wie Suizidgefahr erkannt und wie darauf reagiert werden kann, der auch in anderen Bereichen der SALK zum Einsatz kommt.

Literatur:
Arrouas M et al (2016). Suizid und Suizidprävention in Österreich. Bericht 2016. Bundesministerium für Gesundheit und Frauen. Zugang: www.bmgf.gv.at. Zugriff: 12.11.2018.


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  Ausgabe: 12/2018/59.JG
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