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Datum: Sonntag, 21. Februar 2016

Artikel: Schaffler Verlag, ÖKZ: 57.JG (2016) 1-2 / Christian F. Freisleben-Teutscher

Bildinhalt: Kaiserschnitt: Schnitt mit Folgen

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Schnitt mit Folgen

Ohne Emotionen geht es bei Diskussionen zum Thema Kaiserschnitt so gut wie nie ab, sowohl in der Bevölkerung als auch quer durch alle Berufsgruppen. Was noch immer fehlt, ist eine gesicherte Information für Schwangere über Schaden und Nutzen.

In Österreich kamen im Jahr 2014 29,8% der Babys per Kaiserschnitt zur Welt. Damit liegt die Alpenrepublik über dem OECD-Durchschnitt von 26,7%. Seit dem Jahrtausendwechsel stieg die Sectiorate hierzulande um 12,8%-Punkte. Dabei ist der Unterschied zwischen einzelnen Bundesländern beachtlich. Die Empfehlung der WHO, die Rate solle nicht über 15% liegen, wird allerdings nirgendwo in der westlichen Welt erreicht. In Ländern wie Brasilien liegt die Sectiorate über 80%, dort scheinen Schönheitsideale ein wesentlicher Motivationsgrund zu sein.

Klare medizinische Indikationen

Es gibt zwar dazu noch keine wirklich aussagekräftige Statistik: Mein Eindruck ist aber, dass bei der in den letzten Jahren stark nach oben gehenden Kurve der Sectiorate ein Plafond erreicht ist.

Angelika Berger
Leiterin der Abteilung für Neonatologie, Pädiatrische Intensivmedizin und Neuropädiatrie am Wiener AKH

Sie führt dies unter anderem auf eine deutlich intensivere Diskussion zum Thema in den letzten Jahren zurück bzw. darauf, dass auch mehr valide Fakten zu möglichen Folgewirkungen auf dem Tisch liegen, beispielsweise darüber, dass Kaiserschnitt-Kinder in ihrem späteren Leben häufiger an Allergien erkranken. Zudem verweist Berger auf diverse gesundheitspolitische Bemühungen wie das Auflegen von Informationsfoldern in Ordinationen von Wiener Frauenärzten, an dem sie auch selbst mitwirkte.

Berger ruft dazu auf, die Emotionen aus dem Thema rauszulassen:

Es ist überhaupt keine Frage, dass es Kinder gibt, etwa extreme Frühgeburten zwischen der 23. und 27. Schwangerschaftswoche, für die eine Sectio die Geburtsmethode der Wahl ist.

Auch sonst gebe es eine Reihe klarer medizinischer Indikationen. Es mache keinen Sinn, den Kaiserschnitt zu verteufeln oder gar Frauen zu verurteilen, die sich – ohne medizinische Notwendigkeit – einen solchen wünschen. So sei es etwa durchaus nach­voll­ziehbar, dass sich Frauen ab 40, die vielleicht zudem eine In-Vitro-Fertilisation hinter sich haben, eher für diese Variante der Geburt entscheiden, da sie diese als besonders sicher einschätzen.

Für solche Wunschkaiserschnitte „gibt es keine zufriedenstellende Datenaufbereitung, da dieser Terminus weder als Diagnose noch als Kategorie kodiert wird“, schreibt die oberösterreichische Soziologin und Hebamme Barbara Schildberger im Österreichischen Frauengesundheitsbericht.1

Mögliche negative Folgen

Gleichzeitig gebe es aber keinen Grund, die Auswirkungen einer Sectio herunterzuspielen, sagt Angelika Berger. Selbst wenn wie an der Berliner Charité ohne Sichtschutz gearbeitet wird, die Mutter also sehen kann, wie das Baby auf diese Weise das Licht der Welt erblickt (die Fachleute sprechen dann von „natural cesarean“2): Dies ändere nichts an den möglichen körperlichen Konsequenzen: Für die Mutter, wie die leitende Hebamme Anna Harm an der Universitätsklinik Innsbruck erklärt, Vernarbungen, die ein Risiko bei Folgeschwangerschaften darstellen, sowie Wundschmerz, der sowohl akut problematisch sein sowie monatelang Beschwerden verursachen kann. Kaiserschnitt-Kinder haben zudem ein gering erhöhtes Risiko, später Diabetes zu entwickeln. Berger betont, dass auch eine vaginale Geburt mit Risiken verbunden sein kann und es wichtig ist, Mütter umfassend aufzuklären bzw. auch Fachpersonal weiterhin intensiv zu schulen.

Das sieht Hebamme Harm ebenso:

Schon die initiale Beratung der Mütter – wobei es sicher Sinn macht, Väter mit einzubeziehen – sollte interdisziplinär erfolgen, zudem sollte dafür ausreichend Zeit eingerechnet werden.

Sie betont, dass es nicht darum ginge, jemanden mit alle Vehemenz vom „Gegenteil“ zu überzeugen. Gleichzeitig müsste aber eben der Zugang zu verschiedenen Informationen gewährleistet sein.

Angst als wesentliches Motiv

„Aus Sicht der Geburtsmedizin sind Schwangerschaft und Geburt zu Risiken geworden, die strenger und andauernder Überwachung bedürfen. So erleben sich werdende Mütter zunehmend verunsichert und fremdbestimmt“, heißt es dazu im Frauen­gesund­heits­bericht. „Zusätzlich werden Indikationen zur Sectio so breit gefasst, dass gemäß der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) bereits die Angst vor einer spontanen Geburt eine medizinische Indikation für eine geplante Schnittentbindung darstellt.“

Auch die Hebamme Anna Harm verweist auf die Angst der werdenden Mütter als wesentliches Motiv für eine Sectio, „wobei es oft um Angst vor Schmerzen geht. Die Möglichkeiten der Periduralanästhesie haben sich in den letzten Jahren weiterentwickelt, unsere Anästhesisten arbeiten mit einem System, das mit einer Schmerzpumpe verglichen werden kann: Via Knopfdruck kann die Frau die Dosis erhöhen.“

Die Erfahrungen würden zeigen, dass so insgesamt weniger Schmerzmittel zum Einsatz kämen. Dass auch eine andere Sorge, nämlich die der Ärzte vor juristischen Konsequenzen bei etwaigen negativen Folgen einer Spontangeburt, die Entscheidung für eine Sectio befördern kann, will keiner der von der ÖKZ dazu befragten Gynäkologen bestätigen. Neonatologin Berger wünscht sich auch intensive Informationsarbeit vonseiten niedergelassener Gynäkologen, durch spezielle Kampagnen und Hebammen. Es sei zu wenig, wenn seit drei Jahren in Kinder- und Jugendgesundheitsstrategien eine Senkung der Sectiorate festgeschrieben ist, es brauche mehr konkrete Maßnahmen. Und eben auch Weiterbildung für das Personal. „So ist es bei uns am AKH jetzt Standard, dass eine Sectio ohne medizinische Indikation, also ein Wunschkaiserschnitt, nicht vor Schwangerschaftswoche 39 durchgeführt wird. Wir wissen erst seit Kurzem, dass auch Kinder der Wochen 37 und 38 ein deutlich erhöhtes Risiko für vor allem respiratorische Probleme nach der Geburt haben, weshalb diese Kinder heute als „early term“ bezeichnet werden“, erklärt Berger. Das sieht Harm ebenso, die auf oft auftretende Atembeschwerden von vielen Sectiokindern hinweist, „zudem kann die Darmflora der Kinder beeinträchtigt und das Abwehrsystem des Körpers insgesamt geschwächt sein“.

Unterstützung der Mutter

Ebenso wichtig ist aus Bergers Sicht die Förderung des Prozesses des Bonding: „Hier braucht es eine umfassende Unterstützung der Mutter, ebenso bei der Initialisierung des Stillens“, so Harm. In Innsbruck bleiben Mütter noch etwa zwei Stunden im Kreißzimmer, „haben ungestörte Zeit mit dem Baby auf der nackten Haut“. Harm ist es wichtig, noch ein anderes Thema anzusprechen: „Für Kinder, die intrauterin versterben oder bei denen klar ist, dass sie unmittelbar nach der Geburt versterben werden, ist die vaginale Geburt der natürlichste Weg und auch aus medizinischer Sicht zu empfehlen.“

Die vaginale Geburt sei für viele Frauen ein Weg, die Realität des Todes des Kindes zu akzeptieren und den Trauerschmerz zu verarbeiten. Bei solchen Geburten sei der Einsatz von Schmerzmitteln sehr wichtig. „Es braucht aber auch Überlegungen auf gesundheits- und sozialpolitischer Seite: Nach einer solchen sogenannten ‚stillen Geburt‘ sollten Frauen Zeit für die Verarbeitung haben und somit das Anrecht auf Mutterschutz in Anspruch nehmen können“, betont Harm.

Wiener Studie

Im Frühjahr 2014 wurde eine gemeinsame Studie von Stadt Wien und dem Wiener Krankenanstaltenverbund präsentiert: Ein Viertel der kurz vor der Niederkunft befragten Frauen gaben an, „große Angst vor einer normalen Geburt“ gehabt zu haben, 38% von diesen entschieden sich dann für eine Sectio. Wahrscheinlicher wird ein Kaiserschnitt auch, wenn schon eine Geburt via Sectio vorangegangen ist, eine Beckenendlage oder eine Frühgeburt. Laut der Studie hatten Frauen mit vaginaler Geburt deutlich weniger Schmerzen im Vergleich zu jenen nach Sectio, zudem fühlten sie sich kräftiger. Wie belastend sich ein Kaiserschnitt auswirkt, habe auch mit Faktoren zu tun wie dem sozialen Netz, der finanziellen Situation und dem bisherigen Umgang mit schwierigen Lebenssituationen. Eine geplante Sectio wird laut der Studie besser verarbeitet als eine ungeplante. Nur 24% der Frauen, die sich für eine Sectio entschieden, würden diese anderen werdenden Müttern empfehlen. In der Wiener Studie wird auch auf Metaanalysen hingewiesen, die auf eine geringere Zufriedenheit mit dem Geburtserlebnis von Frauen nach Sectio hinweisen, sowie darauf, dass diese seltener stillten und längere Zeit bis zum wichtigen ersten Mutter-Kind-Kontakt warten mussten. Hingewiesen wird weiters auf die Wichtigkeit umfassender Information für Eltern und auch für Fachkräfte.

Literatur:
1 Schildberger B (2011): Schwangerschaft, Geburt und Mutterdasein. In: Österreichischer Frauengesundheitsbericht. Bundesministerium für Gesundheit.
2 Smith J et al (2008): The natural caesarean: a womancentred technique. Bjog, 115(8), 1037–1042. Zugang: doi.org/10.1111/j.1471-0528.2008.01777.x. Zugriff: 12.10.2015

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher
freisleben@schaffler-verlag.com


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