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Datum: Sonntag, 10. Juni 2018

Artikel: Schaffler Verlag, ÖKZ: 59. JG (2018) 5/ Mag. Gabriele Vasak

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Pflege goes Wissenschaft

Die Pflegepädagogik ist eine noch junge wissenschaftliche Disziplin. Sie ist auch als Antwort auf neue Herausforderungen in der Pflege zu verstehen.

Pflege ist, in einem größeren Kontext gesehen, ein Berufsfeld, in dem viele verschiedene gesellschaftliche Entwicklungen ihren Nachhall hinterlassen haben und deren Professionalisierung erst sehr spät stattfand. Ursprünglich entstanden aus der Notwendigkeit, kranke und schwä­chere Mitglieder der Familie und Gemeinschaft zu versorgen, entwickelte sie sich erst spät zu einem medizinischen Assistenz und schließlich zu einem professionellen Dienstleistungsberuf. Erste Bestrebungen zur Emanzipation von Pflege gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts, im Ersten Weltkrieg kam es zu einem Bruch in dieser Entwicklung, und in der Zeit des Nationalsozialismus musste Pflege das System mitstützen. Versuche, den Beruf danach als von Kirche, Medizin und Politik unabhängig zu etablieren, scheiterten, wie Experten betonen, ebenfalls weitgehend. „Erst seit Ende der 1980er-Jahre sind die Etablierung einer eigenständigen akademischen Disziplin Pflege und Ansätze zur Professionalisierung pflegerischer Praxis erkennbar. Der Blick auf die Geschichte zeigt deutlich, dass bestimmte Traditionen auch heute noch wirksam sind“, schreibt dazu der deutsche Pflegewissenschaftler und Pflegepädagoge Karl-Heinz Sahmel.1

So galt die Pflege lange Zeit auch als ein Beruf, der in erster Linie praxisorientiert ist und keines großen theoretischen Überbaus bedarf. In den letzten Jahren und Jahrzehnten hat sich aber im Gesundheitssystem vieles entscheidend verändert. Auch die Pflegeberufe stehen heute unter großem Modernisierungs- und Professionalisierungsdruck, und die Pflegewissenschaften nehmen in jüngster Zeit Aufschwung.

Neue Schiene mit Konfliktpotenzial

Eine neue Schiene, die diesen gesellschaftlichen Veränderungen Rechnung tragen will, wird mit der jungen wissenschaftlichen Disziplin der Pflegepädagogik eröffnet. Im deutschsprachigen Raum hat sie ihre Anfänge in den 1980 und 1990er-Jahren aus den Erziehungswissenschaften heraus entwickelt. Die Programmatik einer kritischen Pflegepädagogik umreißt die Didaktikerin und Pflegewissenschaftlerin Birgit Panke-Kochinke so: „Die Pflegeausbildung kommt nicht umhin, die Ambivalenz der gesellschaftlichen Entwicklung in ihrem konflikthaften Charakter als integralen Bestandteil ihres Lernfeldes zu definieren. Nur so kann es ihr gelingen, in den ‚Gefahren‘ und ‚Problemen‘, d.h. ihrer konflikthaften Struktur, auch Chancen zur Veränderung, einen möglichen Konsens, zu entdecken.“2 Nach Panke-Kochinkes Einschätzung ist es notwendig, sowohl die gesellschaftliche Analyse des Berufsfeldes Pflege in seinen Ambivalenzen herauszuarbeiten, als auch perspektivisch mit dem Blick auf eine aufgeklärte Vernunft Verbesserungen anzustreben in dem Wissen, dass diese Chancen der Veränderung gering sind. „Es erscheint sinnvoll, am Konflikt zu lernen, wie Gesellschaft funktioniert und zugleich zu hoffen, dass sie sich wider jede Rationalität doch vernünftig entwickeln kann. Und es ist ganz und gar vernünftig, sich im alltäglichen Leben der Widersprüche bewusst zu sein, um die eigenen Chancen und Möglichkeiten realistisch einschätzen zu können.“3

Andere Experten weisen darauf hin, dass es gerade bei der beruflichen Bildung in diesem Berufsfeld Möglichkeiten zur persönlichen Weiterbildung und zu selbst verantworteter Lebensgestaltung gibt.

Lehrgang in Graz

Eben das – und noch viel anderes – will man auch in Österreich mit neuen Ausbildungen zur Pflegepädagogik vermitteln. An der Universität Graz etwa gibt es seit rund zehn Jahren einen fünfsemestrigen, berufsbegleitenden Masterlehrgang Lehrer und Lehrerinnen der Gesundheits- und Krankenpflege. Wissenschaftlicher Leiter des Lehrgangs ist der Pädagoge, Soziologe und Betriebswirtschaftler Rudolf Egger. „Aufgrund der dynamischen Entwicklungen im Bereich des Gesundheitswesens steigen und verändern sich die Anforderungen an Gesundheits- und Krankenpflegepersonen. Um diesen Anforderungen gerecht werden zu können, ist es für Pflegepersonen, die Angehörige des gehobenen Dienstes für Gesundheits- und Krankenpflege und Angehörige der Pflegehilfe ausbilden, erforderlich, spezifisch-fachliche Kenntnisse und pädagogische Kompetenzen in der Unterrichtstätigkeit professionell zu verbinden“, sagt er.

Lehr- und Lerninhalte

Angehörige des gehobenen Dienstes für Gesundheits- und Krankenpflege sollen in dem Lehrgang also Handlungskompetenzen erwerben, die sie dazu befähigen, den theoretischen und praktischen Unterricht von Aus-, Fort-, Weiter- und Sonderausbildungen an Einrichtungen des Gesundheitswesens auf fachlich und didaktisch hohem Niveau durchzuführen. Außerdem sollen sie lernen, selbstkritisch die eigenen Handlungen zu reflektieren und Verbesserungen einzuleiten.

Inhalte des Lehrgangs sind demzufolge Lehrmanagement, Team- und Handlungskompetenzen sowie soziale und kommunikative Fähigkeiten, die in Konflikt- und Verhandlungssituationen eingesetzt werden können. Gelernt wird auch, wie man passende Präsentations- und Moderationstechniken auswählt und einsetzt.

In neun Modulen geht es um Fragen der Interaktion und Kommunikation, Gesundheit, Krankheit und Gesellschaft, Pflege als Wissenschaft und Beruf, Ethik, Lehren und Lernen und Bildungsmanagement. Das achte Modul stellt einen einrichtungsautonomen Bereich dar, das neunte Modul umfasst ein Praktikum, eine Masterarbeit und -prüfung.

Der Masterlehrgang wird in Kooperation mit dem Land Steiermark und dem Haus der Gesundheit veranstaltet, primäre Zielgruppe sind Angehörige des gehobenen Dienstes der Gesundheits- und Krankenpflege mit mindestens zweijähriger Berufspraxis. Nach Abschluss sind sie berechtigt, bundesweit Lehraufgaben auszuführen, und können an verschiedenen Institutionen wie Fachhochschulen, Gesundheits- und Krankenpflegeschulen oder in Lehrgängen für Pflegeassistenz unterrichten.

Hoch motivierte Teilnehmerinnen

Das Interesse an dem Lehrgang sei gleichbleibend hoch, sagt Rudolf Egger. „Pro Lehrgang verzeichnen wir aus vielen Bundesländern 35 bis 40 Bewerbungen, von denen wir in der Regel zwei Drittel berücksichtigen können. Es gibt klare Aufnahmekriterien, und wenn wir uns nicht ganz sicher sind, führen wir Gespräche mit den Kandidatinnen – meist Frauen, die wie kaum eine andere Berufsgruppe hoch motiviert und weiterbildungshungrig sind.“ In der Regel entstünden so sehr kompetente und motivierte Kursteams.

Der Bildungswissenschaftler ist davon überzeugt, dass in den Pflegewissenschaften eine Professionalisierung stattgefunden hat, die nicht mehr rückgängig zu machen ist, und: „Essenziell ist etwa, theoretische Inhalte viel stärker mit der Praxis zu verzahnen. Außerdem brauchen Lehrende gerade in diesem Bereich die vermittelten sozialen und kommunikativen Kompetenzen – auch des Konfliktmanagements. Daran kommt man heute nicht mehr vorbei.“

Freilich befindet sich die Pflegepädagogik noch in Entwicklung, und vieles muss erst noch in die Praxis der Ausbildungen integriert werden. „Die Situation des Lernens in der Praxis, das traditionellerweise einen herausragenden Stellenwert in der Pflegeausbildung einnimmt, ist noch nicht systematisch breit erforscht“, schreibt Karl-Heinz Sahmel in Kritische Pflegepädagogik. „Ein Blick auf vorliegende Untersuchungen insbesondere zum informellen Lernen lässt allerdings deutliche Defizite sowohl in den strukturellen Rahmenbedingungen für Lernprozesse als auch in den Bereichen der Praxisanleitung und der Praxisbegleitung erkennen. Zugleich wird deutlich, dass in der Praxis tiefgreifende Prozesse beruflicher Sozialisation stattfinden, die ein bislang wenig berücksichtigtes Licht auf die Pflegeausbildung werfen.“4

 

Literatur:
1, 2, 3, 4 Sahmel K-H (2015): Lehrbuch Kritische Pflegepädagogik. Hogrefe Bern.


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  Ausgabe: 05/2018/59.JG
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