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Datum: Montag, 15. Oktober 2018

Artikel: Schaffler Verlag, Qualitas:03/2018 / Gerald Sendlhofer

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Patient Empowerment für die Jüngsten: Keine Angst vorm Zahnarzt

Einleitung

Die Angst kleiner Kinder vor einer zahnärzt­lichen Behandlung und den medizinischen Geräten und Instrumenten ist oft eine He­rausforderung für das fachliche Personal. Eine Studie in Norwegen hat gezeigt, dass 14% der 10-­ bis 16-­Jährigen eine große Angst vor intra­oralen Injektionen haben und 11% daher eine zahnärztliche Be­handlung auch ablehnen würden.1  

Bei Kin­dern im Alter zwischen 5 und 7 Jahren lag die Angst vorm Zahnarzt bei 16%.2 Selbst Erwachsene haben schon aufgrund des Sitzens am Zahnarztstuhl und dem Geruch in der Ordination große Ängste.3,4  

Ängste werden von Erwachsenen auch oft auf ihre Kinder übertragen.5 Ängste entstehen auch aufgrund mangelnder In­formation über die Abläufe und schwinden meist mit der Erfahrung. Dazu kommt, dass alles im Krankenhaus fremd und da­mit zusätzlich belastend ist. Bereits bei der ersten Europäischen Kon­ferenz „Kind im Krankenhaus“ in Leiden 1988 wurde eine Charta verabschiedet, in der festgehalten wurde, dass Kinder und Eltern das Recht haben, in alle Entschei­dungen, die ihre gesundheitliche Betreuung betreffen, einbezogen zu werden.6  

Im klinischen Alltag wird dies üblicherweise in Form eines Aufklärungsgespräches umgesetzt, in dem zwar auf die Kinder einge­gangen wird, der Fokus jedoch eher auf das Verständnis der Eltern ausgerichtet ist. Doch Patienten nehmen ihr Recht auf Information wahr und wollen zunehmend aktiver in ihren Gesundheitsprozess mit Zugang zu verständlicher, unabhängiger und qualitätsgesicherter Information ein­gebunden werden, wie es auch in den Patientensicherheitszielen für Österreich gefordert wird.7  

Dies trifft nicht nur auf Erwachsene, sondern auch auf Kinder und Jugendliche zu und findet in der Kinder-Gesundheitsstrategie Berücksichtigung.8 Der große Vorteil informierter Patienten ist ihre erhöhte Chance, durch verbesserte Compliance schneller wieder zu einem zufriedenstellenden Gesundheitszustand zurückzufinden. Das typische Aufklärungsmaterial für Pa­tienten besteht zu einem überwiegenden Teil aus schriftlichem Informationsmaterial mit eher wenig Bildern sowie dem Aufklä­rungsgespräch. Die Herausforderungen dabei sind die oft wenig einprägsamen In­halte sowie zu wenige kindgerechte Texte. Das Gehörte lässt sich somit nur schwer einordnen und verstehen. Bei Kindern im Schulalter erschweren eine schwache Lesekompetenz oder auch Migrationshintergrund bei schriftlicher Aufklärung die mün­dige und aktive Teilnahme am Geschehen zusätzlich.9 Unabhängig davon, ob Kinder mit ihren Eltern einen geplanten Krankenhausauf­enthalt vor sich haben oder in einer Not­situation Hilfe benötigen, die neue und ungewohnte Umgebung Krankenhaus löst oftmals zusätzlich große Angst und Unsi­cherheit aus. Information und Aufklärung kann dem begegnen und soll schon bei den Jüngsten ansetzen. Denn ebenso, wie sich die Angst der Eltern auf ihre Kinder auswirkt, so wirkt sich das Wissen der Kin­der auf die Informiertheit der Eltern aus. Ziel war es, die wichtigsten Schritte im Zuge eines Krankenhausaufenthaltes zu visualisieren und kindgerecht zu erklären. Damit wird die Forderung von Artikel 23 der Patientencharta erfüllt, der vorgibt, Aufklärung von Minderjährigen entspre­chend dem Entwicklungsstand anzupassen.10  

Zu diesem Zweck wurde ein ani­mierter Aufklärungsfilm für die Jüngsten erstellt und in einer Studie hinsichtlich sei­ner Wirkung auf Kinder im Alter von 5 bis 7 Jahren getestet.  

Material und Methodik

Zu Beginn wurde von der Stabsstelle Qua­litäts­ und Risikomanagement sowie von Studierenden der FH Joanneum (Depart­ment für Medien und Design, Institut für Design und Kommunikation) in Zusam­menarbeit mit den unterschiedlichen Be­rufsgruppen der Univ. Klinik für Zahnmedizin und Mundgesundheit eine Vorerhebung zu einem typischen Patientenpfad durch­geführt. Basierend auf den Ergebnissen wurde ein animierter Informationsfilm entwickelt.11 

Durch einen Studierenden wurden in einem Kindergarten 27 Kinder im Al­ter zwischen 4 und 6 Jahren vor und nach Anschauen des Filmes befragt.  

Ergebnisse

Alle Kinder (15 Buben und 12 Mädchen) haben an der Befragung teilgenommen (Alter: 4.6; min = 4, max = 5 Jahre). Auf die Fragen vor Ansehen des Filmes antworteten 20 Kinder mit Kärtchen, dass sie positiv über den Zahnarzt denken, 7 wa­ren negativ eingestellt. Auf die Frage, wie oft die Kinder ihre Zähne putzen bzw. geputzt bekommen, antworteten 13 Kinder, dass sie 2x täglich putzen, 3 1x täglich, eines putzt sehr oft, 7 gaben keine Ant­wort, eines putzt nach dem Essen und 2 putzen den ganzen Tag. Bei Frage 3 nach dem Wissen um die Instrumente gaben die Kinder mehrheitlich an, die Instrumente nicht zu kennen (Sauger: 10 Ja, 11 Nein; Zahnzähler: 7 Ja, 14 Nein; Zauberspiegel: 9 Ja, 12 Nein; Bürste: 10 Ja, 11 Nein; Kugelrutsche: 1 Ja, 20 Nein; Blaues Licht: 6 Ja, 15 Nein). Auf Frage 4 gaben 18 Kinder an, ihren Zahnarzt zu mögen, 2 waren weniger begeistert und ein Kind mag den Zahnarzt gar nicht.  

Nach Anschauen des animierten Kinderfilmes gaben alle Kinder an, den Film zu mögen. 25 Kinder haben sich demnach auch nicht vor den Geräten gefürchtet, zwei Kinder sehr wohl. Auf die wiederho­lende Frage 3 war ein Wissenszuwachs erkennbar (Sauger: 23 Ja, 4 Nein; Zahnzähler: 21 Ja, 6 Nein; Zauberspiegel: 23 Ja, 4 Nein; Bürste: 21 Ja, 6 Nein; Kugelrutsche: 20 Ja, 7 Nein; Blaues Licht: 25 Ja, 2 Nein). Auch die Frage 4 wurde nach dem Film positiver beantwortet (24 mögen ihren Zahnarzt, 2 waren weniger begeistert und ein Kind mag den Zahnarzt gar nicht). Hinsichtlich dessen, was sich die Kinder gemerkt ha­ben, war am öftesten genannt: Nach dem Essen Zähne putzen nicht vergessen, Sau­ger und Zauberspiegel und Schatzkiste.  

Diskussion

Der Kinderinformationsfilm zeigt deutlich, dass durch audio­visuelle Unterstützung das Wissen auch schon bei den Jüngs­ten positiv beeinflusst werden kann, dies hinsichtlich Kenntnis um medizinische Instrumente und auch mit einer höheren po­sitiven Affinität gegenüber dem Zahnarzt. Auch hat der Film seine prophylaktische Wirkung nicht verfehlt, denn mehrheitlich blieb der Slogan „Nach dem Essen Zähne putzen nicht vergessen“ im Gedächtnis.

Die aktive Einbindung von Patienten und Angehörigen ist ein unabdingbarer Schritt, um in Richtung Patient Empowerment und Prophylaxe tätig zu sein. Mit dem Film Fredi Fuchs in der Zahnmedizin setzen wir nun bei den Jüngsten an. Ziel dieses Pro­jekts war es, durch altersgerechte Information und Aufklärung Unsicherheit und Angst von Kindern und damit auch deren Eltern zu reduzieren. Wichtig war es auch, den Kindern zu vermitteln, dass sie keine Angst vor einer zahnmedizinischen Be­handlung haben müssen.

Zusätzlich soll der Film auch in der Prophylaxe ansetzen mit dem Ziel, dass der Aufklärungsfilm nicht nur an der Univ. Klinik für Zahnme­dizin und Mundgesundheit in den Warte­bereichen zu sehen ist, sondern auch in Einrichtungen wie Kindergärten gezeigt wird. Besonderes Augenmerk wurde da­rauf gelegt, durch Ehrlichkeit und eine kindergerechte, aber trotzdem möglichst realistische Darstellung der einzelnen Episoden Vertrauen aufzubauen. Spezi­ell auch durch die Möglichkeit, den Film bei geplanten Krankenhausaufenthalten als Vorbereitung schon zu Hause vorab über das Internet mit der ganzen Familie ansehen und darüber reden zu können, können Befürchtungen sowohl bei Kin dern als auch Erwachsenen zerstreut werden.

Gleichzeitig wird die Chance genutzt, Kindern und Eltern gleichermaßen gut verständliche Information mit einprägsamen Bildern zu vermitteln. Den Kindern werden die wichtigsten Schritte im Ablauf einer Behandlung gezeigt und erklärt. Auf diese Weise besteht die Möglichkeit, Kinder an das System Gesundheitswesen kompetent, mündig und partnerschaftlich heranzuführen. Auch wenn dies zu Beginn eine Umstellung für die im System arbeitenden Experten bedeutet, wird dies auf lange Sicht eine Umstellung im Gesundheitswesen sein, die Vorteile für alle Beteiligten bietet und darüber hinaus unum­gänglich sein wird. Die WHO beschreibt in ihrer Gesundheitsvision 2020 nachhaltige Gesund­heitssysteme mit dem Mittelpunkt Mensch – warum nicht mit den Jüngsten beginnen?12          

Autoren:

  • Priv.-Doz. Mag. Dr. Gerald Sendlhofer & Mag. Karina Leitgeb, Stabsstelle Qualitäts- und Risikomanagement, LKH-Univ. Klinikum Graz
  • DI Dr. Konrad Baumann & Arben Kaduku, Abt. Media und Interaction Design, FH Joanneum, Graz
  • Univ. Prof. Dr. Norbert Jakse, Univ. Klinik für Zahnmedizin und Mundgesundheit, Graz    

Korrespondenzadresse: gerald.sendlhofer@medunigraz.at    

Literatur:
1 Berge K, Agdal M, Vika M, et al. High fear of intraoral injections: prevalence and relationship to dental fear and dental avoidance among 10- to 16-yr-old children. European J Oral Sciences 2016;124(6):572-579

2 Soares F, Lima R, de Barros M, et al. Development of dental anxiety in school-children: A 2-year prospective study. Community Dentistry Oral Epidemiology 2017;45(3):281-288  

3 Na EJ, Yun MH, Min HH, Shin SI. Study on dental fear anxiety, depression. Int J Clin Prev Dent 2018;14(1):53-64  

4 Staudte H. Keine Angst vorm Zahnarzt. ZWR – Das Deutsche Zahnärzteblatt 2017;126(01/02):37-41  

5 Pani S, AlAnazi G, AlBaragash A, et al. Objective assessment of the influence of the parental presence on the fear and behavior of anxious children during their first restorative dental visit. J Int Society Preventive and Community Dentistry 2016;6(8):148  

6 Kind & Spital (2002): Die Charta für Kinder im Spital & Erläuterungen. Download: www. ukbb.ch/fileadmin/user_upload/Dokumente/Eltern-Besucher/Charta-Kinder-Spital.pdf; zugegriffen am 18.04.2016  

7 Bundesministerium für Gesundheit (2012, Ausgabe 2015): Rahmen-Gesundheitsziele. Richtungsweisende Vorschläge für ein gesünderes Österreich. Download: www.gesundheitsziele-oesterreich.at/die-10-ziele/; zugegriffen am 16.04.2016  

8 Bundesministerium für Gesundheit (2011): Kinder- und Jugendgesundheitsstrategie 2011. Wien.  

9 Sørensen K, et al (2012): Health Literacy and Public Health: A systematic review and integration of definitions and models. BMC Public Health, 12:80  

11 Vereinbarung zur Sicherstellung der Patientenrechte (Patientencharta) (2002). BGBl. I Nr. 153/2002. Download: https://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnormen &Gesetzesnummer=20002164; zugegriffen am 18.05.2016  

12 Kinderinformationsfilm: Fredi Fuchs in der Zahnmedizin. https://www.youtube.com/watch?v=H8ndDKE2vIg; zugegriffen am 02.06.2018   12 WHO (2013). Health 2020. A European policy framework and strategy for the 21st century. Download: www.euro.who.int/en/publications/policy-documents/health-2020.-a-european-policy-framework-and-strategy-for-the-21st-century-2013; zugegriffen am 20.04.2016


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  Ausgabe: 03/2018
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