medianet ÖAZ Philips QUALITAS ÖKZ MedAustron

Datum: Montag, 16. Juli 2018

Artikel: Schaffler Verlag, ÖKZ: 59. JG (2018) 3-4/ Elisabeth Tschachler

Bildinhalt: Symbolbild

Bildrechte: ClipDealer / wildcat78

Dieser Artikel wurde 91 mal gelesen.

Papiertiger

Während flächendeckendes Patient Blood Management in anderen Ländern die Patientensicherheit erhöht und die Kosten minimiert, wird hierzulande die Senkung der Transfusionsraten als theoretisches Konzept auf Papier gebannt und in der praktischen Umsetzung Einzelinitiativen überlassen.

2017 veröffentlichte die Generaldirektion für Gesundheit und Ernährungssicherheit (DG Santé) der Europäischen Kommission einen Leitfaden, wie Gesundheitsbehörden die flächendeckende Einführung von Patient Blood Management (PBM) in Krankenhäusern unterstützen und gewährleisten können.1 PBM, das ist, kurz gesagt, die Senkung der Transfusionsraten durch präoperative Anämiereduktion, geeignete OP-Methoden, um Blutverluste zu verringern und die Erhöhung der Anämietoleranz.

Dass Bluttransfusionen der Gesundheit und Sicherheit der Patienten nicht immer förderlich sind, ist keine neue Erkenntnis. Virusinfektionen durch Fremdblut – der Schrecken der 1980er- und frühen 1990er-Jahre – sind durch Tests und Screenings in unseren Breiten heute zwar so gut wie ausgeschlossen. Doch akute Sofortreaktionen, die von Fieber über allergische Reaktionen bis zum Lungenversagen führen und auch tödlich verlaufen können, häufigere Spitalsinfektionen und auch ein Wiederauftreten von Krebserkrankungen sind als Folge von Fremdblutgaben durch Studien bestätigt und gar nicht selten. Schätzungsweise jeder hundertste Transfundierte ist von solchen Komplikationen betroffen. Das sind in Österreich rund 4000 Menschen pro Jahr.

Effektive Senkung

Wie effektiv die Implementierung eines geordneten Patient Blood Managements nicht nur die Transfusionsraten senken, sondern die Patientensicherheit erhöhen kann, zeigte unter anderem eine australische Studie, die im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde. Sie umfasste 605.046 Patienten in Westaustraliens vier großen Krankenhäusern. Durch die Einführung eines das gesamte Gesundheitssystem erfassenden PBM-Programms kam es zu einem Rückgang der Krankenhaussterblichkeit um 28 Prozent, einer Reduktion der durchschnittlichen Krankenhausaufenthaltsdauer um 15 Prozent und einer Verringerung der Krankenhausinfektionen um 21 Prozent sowie zu 31 Prozent weniger Herzinfarkten und Schlaganfällen. Der Einsatz von Blutprodukten ging während der sechsjährigen Dauer der Studie um 41 Prozent zurück. Im selben Zeitraum sanken die Blutbeschaffungskosten um 19 Millionen US-Dollar.2

In Österreich begannen erste Initiativen in Sachen PBM Anfang der 2000er-Jahre. Benchmarkstudien zeigten eine hohe Inzidenz der präoperativen Anämie, die vermutlich zu Fremdbluttransfusionen führte, die wiederum in den untersuchten Krankenanstalten bei selektionierten Eingriffen inhomogen und im internationalen Vergleich hoch waren. Das Gesundheitsministerium war angesichts der Ergebnisse bemüht, Taten zu setzen, immerhin hatten die Erhebungen rund 800.000 Euro gekostet. Bei einem Symposium im Jahr 2011 wurde denn auch die Umsetzung des PBM im österreichischen Gesundheitswesen angekündigt.

Hochfliegende Pläne

So sollte es schon bald PBM-Exzellenzzentren, präoperative Ambulanzen zur Behandlung anämischer Patienten, die Entwicklung von PBM-Curricula an den Medizinischen Universitäten, PBM-Leitlinien und vor allem ein kontinuierliches Berichtswesen über die Transfusionsraten der einzelnen Krankenanstalten geben. Auch von einem PBM-Postgraduate-Lehrgang war die Rede. Doch die hochfliegenden Pläne zerschellten auf dem Boden der Realität. „Die Gruppe, die die Vorschlä- ge gemacht hat, war nicht ident mit den Zuständigen“, sagt Silvia Türk sieben Jahre später dazu, im Bundesministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Konsumentenschutz verantwortlich für Qualität und Gesundheitssystemforschung.

Übrig blieb eine von diversen Fachgesellschaften erstellte Interdisziplinäre Empfehlung zum Anämiemanagement (Patienten-orientiertes Blutmanagement)3 , die ihrerseits die Grundlage für einen 2016 vom damaligen Bundesministerium für Gesundheit und Frauen veröffentlichten Qualitätsstandard Patient Blood Management bildete. Der nimmt sich im Vergleich mit dem Leitfaden der DG Santé oder mit Leitlinien in anderen Ländern eher ambitionslos aus.4 Als Qualitätsstandard ist er nicht verpflichtend und auch die vorgeschlagenen Implementierungsmaßnahmen – Veröffentlichung des Papiers auf der Website des Gesundheitsministeriums und der Fachgesellschaften und mehr als ein Jahr nach Publikation erst in Arbeit befindliche Informationsbroschüren für Patienten – sind wohl nicht dazu angetan, PBM-Maßnahmen in absehbarer Zeit flächendeckend einzuführen. Immerhin: „Im LKF wurde eine Zählleistung geschaffen. So können wir feststellen, wie viele Blutprodukte verbraucht und wie viele eingelagert wurden“, sagt Türk. Zudem werde PMB im kommenden Jahr ein Thema für A-IQI, die Qualitätsindikatoren für die stationäre Gesundheitsversorgung. „Statistisch [hinsichtlich des Blutverbrauchs, Anm.] auffällige Krankenhäuser werden dann besucht.“

Haftungsproblem

Der Leitfaden der DG Santé ist laut Türk in den Fachabteilungen und in der Blutkommission nicht bekannt, und vonseiten der Gesundheitsbehörden kamen bisher trotz einst ehrgeiziger Vorhaben keine handfesten Maßnahmen zur Implementierung von PBM. „Ich werde als Behörde keine medizinischen Behandlungen vorgeben“, sagt Türk, „da gibt es ein Haftungsproblem. Wir verweisen im Qualitätsstandard auf die bestehenden Leitlinien.“ So obliegt es bislang der Initiative von Einzelpersonen oder dem Engagement von Teams, PBM in den jeweiligen Abteilungen und Krankenhäusern einzuführen. Wie viele das sind, darüber kann man im Gesundheitsministerium keine Auskunft geben.

 

Literatur und Anmerkungen:

1Hofmann A et al (2017): Building national programmes of Patient Blood Management (PBM) in the EU. A Guide for Health Authorities. Directorate-General for Health and Food Safety, Brüssel.
2 Leahy ML et al (2017): Improved outcomes and reduced costs associated with a healthsystem–wide patient blood management program: a retrospective observational study in four major adult tertiary-care hospitals. Transfusion 57,6:1347–1358.
3 Kozek-Langenecker S et al (2013): Interdisziplinäre Empfehlung zum Anämiemanagement (Patientenorientiertes Blutmanagement). Konsensuspapier einer interdisziplinären österreichischen Expertengruppe, Wien.
4BMGF (2016): Qualitätsstandard Patient Blood Management. Bundesministerium für Gesundheit und Frauen, Wien.


Bildinhalt: ÖKZ
  Ausgabe: 3-4/2018/59.JG
Bildrechte: Schaffler Verlag