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Datum: Sonntag, 17. März 2019

Artikel: CGM / Philipp Streinz

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Österreicher kaum gegen Berufsunfähigkeit versichert

In Österreich haben nur vier Prozent der Beschäftigten eine private Berufsunfähigkeitsversicherung - in Deutschland und den USA je ein Drittel. Zudem sind die versicherten Summen bei uns recht niedrig. Besonders profitieren von der Versicherung können junge Menschen mit steiler Berufskarriere, zeigt eine neue Wifo-Studie. Der Staat zahlt bei Berufsunfähigkeit nur 70 Prozent des Letzteinkommens.

Besonders interessant ist eine private Berufsunfähigkeitsversicherung für junge, gut ausgebildete Menschen, denen potenziell eine große Karriere bevorsteht, zum Beispiel Akademiker oder technische Fachkräfte, sagte der Versicherungsexperte Thomas Url, einer der Autoren der Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo), im APA-Gespräch: "Gerade für diese Berufsgruppen steigt im Falle einer Berufsunfähigkeit die Einkommenslücke im Schnitt von 30 auf 50 Prozent." Denn die staatliche Absicherung über die obligate Sozialversicherung berücksichtigt nur das aktuelle Einkommen, nicht aber künftige Karrieren: "Es wird so getan als bliebe das Einkommen gleich." So gesehen ist das Produkt auch für Aufsteiger in anderen Berufen spannend.

Im Durchschnitt verlieren 25-Jährige Männer im Risikofall ohne Versicherung - je nach Beruf - ein Drittel bis etwas mehr als die Hälfte ihres künftig noch zu erwartenden Nettolebenseinkommens. Bei Frauen ist es weniger als ein Drittel bzw. maximal etwas unter der Hälfte ihres Lebenseinkommens. Mit steigendem Lebensalter nimmt die Einkommenslücke durch eine Berufsunfähigkeit langsam ab - im Alter von 60 schwankt sie bei Männern zwischen 6 und 10 Prozent, bei Frauen wegen der höheren Lebenserwartung (weil sie ihre Pension länger bekommen) zwischen 8 und 11 Prozent, erläutert Url.

Private Versicherer können das Risiko einer Berufsunfähigkeit bzw. die gegenüber der staatlichen Abdeckung verbleibende Lücke recht günstig abdecken, weil die Eintrittswahrscheinlichkeit sehr gering sei, betont Url. Bei 25-Jährigen sei nur eine von 10.000 Personen von einer Berufsunfähigkeit betroffen, bei 45-Jährigen 14 von 10.000 und bei 60-Jährigen 110 von 10.000. Für die Gruppe der 25-Jährigen müssten somit 10.000 Personen zusammen nur einen Risikofall finanzieren, rechnet der Experte vor, "es handelt sich also um ein eher seltenes Risiko, das aber eben nur teilweise durch eine öffentliche Versicherung gedeckt ist".

Das vorhandene Angebot der privaten Assekuranz für eine Berufsunfähigkeitspension scheine den Erwerbstätigen nicht in vollem Umfang bekannt zu sein, auch können sie den möglichen Schaden, der auftreten kann, offenbar nicht abschätzen. Die Studienautoren - Url und Serguei Kaniovski - sind überzeugt, dass die Höhe der potenziellen Einkommensverluste für risikoadverse Personen angesichts der niedrigen Eintrittswahrscheinlichkeit schon einen ausreichend hohen Anreiz zum Kauf eines solchen Produkts erzeugen sollte. Viele Menschen würden aber etwa eine Polizze für nicht leistbar halten, eine falsche Wahrnehmung des Risikos von Eintrittswahrscheinlichkeiten oder überhöhte Erwartungen in die Leistungen der öffentlichen Berufsunfähigkeitsversicherung haben. Auch bei Naturkatastrophen werde das Risiko oft nicht richtig eingeschätzt, sagt Url.

Mit einem reinen "Vorsorgesparen", also dem Zur-Seite-Legen von Ersparnissen, kann das Risiko der Berufsunfähigkeit individuell jedenfalls nur schwer abgesichert werden, sagen die beiden Experten. Denn besonders in jungen Jahren würde dies "einen in der Praxis unmöglich hohen Sparbetrag erfordern". Denn selbst bei Vorliegen einer staatlichen Invaliditäts- bzw. Berufsunfähigkeitsversicherung würden 25-Jährige in Berufsgruppen mit "flachem Lebenseinkommensprofil" mehr als ein Drittel ihres Lebenseinkommens individuell angespart haben müssen, um den Einkommensverlust aus der Berufsunfähigkeit voll abzusichern. Für 25-Jährige in akademischen Berufsgruppen wären es sogar 50 Prozent des Lebenseinkommens. Außerdem scheine Sparen als Absicherung gegen Risiken mit kleiner Eintrittswahrscheinlichkeit für Versicherte offenbar als unattraktiv.

Die Sparte dümpelt in der privaten Assekuranz dahin. Die Zahl der versicherten Risiken ist in den vergangenen Jahren nur wenig gewachsen. 2017 wurde aus Berufsunfähigkeitsversicherungen 29 Mio. Euro an Prämien eingenommen - verteilt auf 58.522 Verträge, was im Schnitt 500 Euro Jahresprämie bedeutet. Im Jahr davor waren es 22 Mio. Euro Prämie aus 42.934 versicherten Risiken. Die Versicherungssumme wuchs zuletzt von 2,05 auf 2,37 Mrd. Euro. Im Schnitt liegen die Versicherungssummen bei 32.000 Euro, obwohl einem 45-Jährigen laut der Studie im Durchschnitt 170.000 Euro Nettoeinkommensverlust drohen.

Den leichten Anstieg der Vertragszahl in den vergangenen Jahren führt Url auf das Bestreben der Assekuranz zurück, stärker Risikoprodukte auf den Markt zu bringen, nachdem sich klassische Sparprodukte inklusive Fonds- und Indexpolizzen nicht mehr so gut verkaufen würden: "Deshalb versucht die Branche, stärker auf Berufsunfähigkeit und Pflege auszuweichen."

Die artverwandten Dread-Desease-Versicherungen brachten in Österreich zuletzt 88 (91) Mio. Euro Prämie im Jahr ein, die Zahl der Polizzen sinkt aber seit Jahren, zuletzt waren es nur noch 88.713 (90.675). Wesentlicher Unterschied ist, dass eine Dread-Desease-Polizze bereits bei Diagnose eines bestimmten Krankheitsbildes (zum Beispiel Krebs) zahlt, ungeachtet ob jemand dadurch arbeitsunfähig wird oder nicht - es kann also auch Geld zusätzlich zu einem Aktiveinkommen fließen.

Während Versicherungsnehmer mit dem Erwerb einer Polizze zögern, weil sie ihr persönliches Risiko schwer abschätzen können und bei einem Versicherungsabschluss auch Verwaltungs- und Vermittlungskosten anfallen, kämpft die Assekuranz mit dem Phänomen der "asymmetrischen Informationslage zwischen Anbietern und Nachfragern". Url: "Der Versicherte weiß über sich selbst immer besser Bescheid als die Versicherung", das gelte besonders in der Kranken-, Unfall oder Lebensversicherung. Aus der ungleichen Informationslage entstehen dann die bekannten Effekte des "moralischen Risiko" und der "Negativselektion". Im ersten Fall stellen Versicherte eher einen Antrag auf Bezug einer Berufsunfähigkeitspension, obwohl sie ohne Versicherungsschutz weiter erwerbstätig bleiben würden - und bei der Negativselektion verhalten sich Versicherte tendenziell riskanter oder weniger gesundheitsbewusst als sie es ohne Polizze tun würden. Eine negative Auslese lässt sich jedoch durch gestaffelte Selbstbehalte und eine restriktive Zeichnungspolitik gut überwinden, so die Studie, die im Auftrag des Versicherungsverbandes erstellt wurde.

Quelle: APAMED