medianet ÖAZ Philips QUALITAS ÖKZ MedAustron

Datum: Sonntag, 12. August 2018

Artikel: Schaffler Verlag, ÖKZ EXTRA: IT & Prozesse 2018 / Michaela Endemann

Bildinhalt: Symbolbild

Bildrechte: ClipDealer / AndreyKr

Dieser Artikel wurde 57 mal gelesen.

NHS goes digital

Auch wenn am britischen Gesundheitssystem etliches zu kritisieren ist – die schon bestehenden NHS Digital Services scheinen, trotz gewisser Mängel, im niedergelassenen Bereich nachahmenswert.  

Wenn es um Gesundheitssysteme geht, so wird das britische nicht gerade als leuchtendes Vorbild genannt. Seit geraumer Zeit wird vor einem Debakel gewarnt. Allen voran kränkelt der Spitalsbereich aufgrund mangelnder Finanzierung. Eine grundlegende strukturelle Reform fand 2013 statt. Anders, als oft angenommen, ist der National Health Service (NHS) keine zentral geführte Organisation. NHS England z.B. ist die regierungsunabhängige Einrichtung, die die medizinische Versorgung in Spitälern und im niedergelassenen Bereich gewährleistet – mit rund 9000 Allgemeinmedizinpraxen, fast 7600 Zahnarztpraxen und fast 960 Spitälern. Es gibt erhebliche Unterschiede in den organisatorischen Ausprägungen zwischen Schottland, Wales, Nordirland und England.1 Allerdings müssen sich alle Organisationen an den gemeinsamen Zielen orientieren.  

Digitale Historie

Ebenso wenig wie der NHS eine einheitliche Organisationsstruktur besitzt, hat er eine einheitliche IT-Struktur. Ähnlich wie auch in Österreich sind die IT-Systeme lokal gewachsen und dementsprechend heterogen. Im Jahr 2002 wurde das National Programme for IT (NPFIT ) ins Leben gerufen. Die Aufgabe war, die Beschaffung, Entwicklung und Implementierung moderner, integrierter IT-Infrastruktur und -Systeme für alle NHS-Organisationen neu einzurichten. 2011 wurde das Programm eingestellt, übrig blieben allerdings die funktionierenden Bestandteile wie das nationale IT-Netzwerk NHS Spine oder NHSmail, ein sicherer E-Mail-, Text- und Faxdienst für die Übertragung von Patientendaten, Terminbenachrichtigungen und vertraulichen Informationen, eine nationale Patientenidentifikation, nationale elektronische Rezepte und Radiologieprogramme.  

NHS Digital2, früher Health and Social Care Information Centre (HSCIC), kümmert sich heute als Technologieprovider um alle digitalen Belange und geht weit über die ersten Ansätze des NPFIT hinaus. Und auch wenn am britischen Gesundheitssystem etliches zu kritisieren ist, die schon bestehenden NHS Digital Services scheinen, trotz vieler Mängel, in mancher Hinsicht vor allem im niedergelassenen Bereich nachahmenswert.  

Herzstück ist die Website NHS Choices (https://www.nhs.uk), als Zugangs- und Informationsportal für Patienten mit monatlich mehr als 40 Millionen Besuchern. Auf der Website sind alle Arztpraxen, Spitäler, Zahnärzte und sonstige Spezialeinrichtungen aufgelistet. Diese Arztpraxen, „Surgery“ genannt, werden jeweils unabhängig geführt, schließen sich oft lokal zu größeren Einheiten zusammen und decken mit diversen Zusatzleistungen wie kleineren Eingriffen in einem Gebiet ein breites Spektrum ab.  

Digitaler Patientenakt  

Ist man einmal im NHS-System registriert, so wird ein digitaler Patientenakt mit einer eindeutigen Nummer angelegt. Für Personen mit Internetzugang ist diese eigene Patientenakte auch über die Website des NHS Choices erreichbar. Einsehbar sind die eigenen Termine beim Arzt, die Medikation, Diagnosen und Befunde, sofern schon von den jeweiligen Spitälern, Labors etc. eingepflegt. Einige Surgeries bieten darüber hinaus auch Newsletter oder Online-Patientenforen.  

Doch auch ohne eigenen Internetzugang läuft für die Patienten so einiges digital und automatisiert. Als Beispiel die Geschichte einer 84-jährigen Engländerin, wohnhaft südlich von London. Frau Wright hat hohen Blutdruck und erhält Dauermedikamente. Sie musste bei der Erstverschreibung angeben, in welcher Apotheke sie diese abholen will. Die Bestellung in der Apotheke erfolgt von der Surgery aus elektronisch. Frau Wright identifiziert sich dort mit Namen und Geburtsdatum und erhält ihre Arzneimittel.

Mit der Abholung erhält sie bei Dauermedikation einen Verlängerungsschein, den sie dann, wenn sich ihre Medikamente dem Ende zuneigen, in einen speziell dafür vorgesehenen Briefkasten in der Surgery einwirft. Patienten mit Onlinezugang können sich neuerdings diesen Weg sparen, sie fordern die neue Packung gleich direkt im Patientenportal an.

Holen sich Patienten die Medikamente nicht innerhalb einer gewissen Zeit ab, so werden diese ohne weitere Aufforderung nach Hause geliefert. Ebenso automatisch organisiert sind Erinnerungen zu Kontrolluntersuchungen bei Dauermedikation oder zu anderen Kontrolluntersuchungen. Hier wird aus der Patientenakte nach einer festgesetzten Zeit automatisch ein Brief generiert, der die Patienten zu einem bestimmten Termin zur Blutabnahme in die Surgery oder zum Augenarzt bestellt.

Im Krankheitsfall können Patienten online in der Surgery einen Termin vereinbaren, telefonisch funktioniert das natürlich auch. Man spricht in diesem Fall nicht gleich mit einem Arzt, sondern mit speziell ausgebildetem Pflegepersonal, einer der Kritikpunkte, der immer wieder diskutiert wird. Laut einer aktuellen Umfrage nützen bereits an die 20 Prozent der Patienten die Online-Terminvergabe und über 60 Prozent die Online- Wiederbestellung ihrer Dauermedikamente.3

2017 nutzten immerhin zwei Prozent die eigene Patientenakte, knappe zehn Prozent wussten schon, dass es das gibt.4

Der NHS begann allerdings erst in den letzten Jahren, diese digitalen Services in den Surgeries zu bewerben.5 Hört man sich lokal um, so sind die meisten Patienten mit diesen Basisservices der lokalen Surgeries und Apotheken durchaus zufrieden.5  

Gesünder mit Apps

Ein neues Projekt ist die NHS App Library (https://apps.beta.nhs.uk), die eine Sammlung an zertifizierten Apps im Bereich Medizin und Gesundheit darstellt und Patienten wie auch Ärz- ten die Orientierung erleichtert, welche Apps tatsächlich empfehlenswert sind.

Ein Beispiel ist DoctorDoctor, das als Pilotprojekt in den Nottingham University Hospitals läuft, einem der NHS-Spitalszusammenschlüsse in Großbritannien. Mit über einer Million ambulanten Besuchen pro Jahr und 2000 Betten ist die Herausforderung, mit digitalen Tools Einsparungen zu erzeugen, groß. Die Wege dahin: online- und textbasierter Service auf SMS-Basis, der es ermöglicht, Krankenhausanmeldungen zu verwalten, Wartelisten abzufragen und Patienten automatisch in leere Betten in den Kliniken einzubuchen.

Die Betreiber sind zufrieden, denn es wurden um 30 Prozent mehr Termine vergeben und leere Betten vermieden. Für Patienten gibt es Zusatzservices wie eine Willkommensnachricht mit genauen Details zur Aufnahme via SMS und am Patientenportal sämtliche Informationen über den Klinikaufenthalt.  

Die Entwickler des Programmes Sleepio arbeiten mit Good Thinking, Londons Digital Mental Wellbeing Service, zusammen, um den Schlaf und die psychische Gesundheit von NHS-Patienten in ganz London zu verbessern. Ist das Programm, das via App oder Telefon verfügbar ist, erfolgreich, so besteht die Möglichkeit, es rasch in ganz England anzubieten. Das Programm basiert auf der wissenschaftlich fundierten Methode der kognitiven Verhaltenstherapie. Die Benutzer werden durch eine Reihe von wöchentlichen interaktiven Sitzungen von „The Prof“, einem virtuellen Schlafexperten, und seinem narkoleptischen Hund Pavlov geführt. In ersten sechs veröffentlichten randomisierten kontrollierten Studien (RCTs) und mehr als 20 Peer-Review- Arbeiten konnte die Effektivität dieses Programms sowohl gegen Placebo als auch gegenüber herkömmlichen, beim NHS angebotenen Therapien dargestellt werden.6 Interesse zeigen nun auch private Arbeitgeber, die ihren Mitarbeitern dieses Programm im Rahmen von Gesundheitsvorsorgeangeboten anbieten wollen.  

Lückenhaft in den Krankenhäusern  

Der Primärversorgungssektor ist bereits zu fast 100 Prozent digitalisiert, und sowohl Patienten als auch medizinisches Personal und Apotheken arbeiten tagtäglich mit den ihnen zur Verfügung stehenden Tools wie Online-Anmeldung, elektronische Patientenakte oder eRezept. Anders sieht es in Krankenhäusern aus, dort stellen immer noch heterogene und lückenhafte Computerisierung erhebliche Hindernisse für die Digitalisierung dar. Digitale Innovationen, die vom NHS gefördert werden, durchlaufen einen genau geregelten Prozess, damit bei Erfolg gewährleistet ist, dass das Programm schnell im ganzen Land ausgerollt werden kann.    

Die Autoren:
1 How does the NHS in England work? - An alternative Guide: Zugang: https://www.kingsfund.org.uk/audio-video/how-does-nhs-in-england-work, Zugriff 10.5.2018.
2 NHS Digital, Zugang: https://digital.nhs.uk, Zugriff 10.5.2018.
3 McDonald F (2018): Digital Clinical Champion NHS England, Benefits of current digital technologies to patients, clinicians and the NHS. Vortrag auf der Tagung der Royal Society of Medicine: Recent developments in digital health 2018.
4 GP Patient Survey 2017: Zugang: https://www.gp-patient.co.uk/downloads/archive/2017/ Weighted/GPPS%202017%20National%20infographic%20PUBLIC.pdf, Zugriff 10.5.2018.
5 Patienten Online: Zugang: https://www.england.nhs.uk/patient-online/, Zugriff 10.5.2018. 6 Studienergebnisse Zugang: https://www.bighealth.com/outcomes/, Zugriff 10.5.2018


Bildinhalt: ÖKZ EXTRA IT & Prozesse
  59.JG (2018)
Bildrechte: Schaffler Verlag