medianet ÖAZ Philips QUALITAS ÖKZ MedAustron

Datum: Dienstag, 9. Juli 2019

Artikel: Schaffler Verlag, ÖKZ: 60. JG (2019) 06-07 / Bettina Benesch

Bildinhalt: Neuer Wind

Bildrechte: ClipDealer / convisum

Dieser Artikel wurde 179 mal gelesen.

Neuer Wind in Niederösterreich

Ab Anfang 2020 soll das niederösterreichische Gesundheits- und Pflegewesen unter einem Dach neu organisiert werden, verkündete Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner im März. Was einfach in einem Satz zusammengefasst werden kann, bedeutet – konsequente Umsetzung vorausgesetzt – nicht weniger als einen Komplettumbau der bisherigen intramuralen Strukturen.

27 Landeskliniken, 48 Pflege­ und Betreuungszentren sowie zwei Pflege­ und Förderzentren des Landes Niederösterreich sind derzeit die Objekte eines gewaltigen Umbauplans innerhalb der Gesundheitslandschaft. Um ihrer aller Organisation zu vereinfachen, setzte Landes­hauptfrau Johanna Mikl-­Leitner Anfang des Jahres den ersten Schritt in Richtung Neuorganisation.

Spitäler und Heime sollen näher zusammenrücken, was die Abläufe vereinfachen soll. Die Neuorganisation wird von Fachleu­ten und Experten intensiv begleitet, schreibt das Amt der Niederösterreichi­schen Landesregierung in einer Presseaussendung. So ist etwa Christian Horak mit an Bord, Experte im Gesund­heitsmanagement; auch der Jurist Wolf­gang Mazal ist eingebunden. Vonseiten des Landes ist Filip Deimel als Projekt­leiter eingesetzt, ihm zur Seite steht eine Assistentin.

Eine Holding für alle

Kommendes Jahr sollen alle Spitäler und Heime des Landes un­ter das Dach der neuen Landesgesundheitsagentur siedeln, die als Anstalt öffentlichen Rechts geführt werden soll. Geplant ist ein Sondergesetz für eben diese Agentur, das es ermöglichen soll, mit Aufsichtsrat, Vorstand, Beirat und untergeordneten Organisationseinheiten zu agieren. Diese untergeordneten Ein­heiten sollen Dinge wie Einkauf, IT oder Personalwesen über­nehmen.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Spitäler und Heime sind derzeit beim Land Niederösterreich beschäftigt und werden auch von hier aus verwaltet. Das wird sich künftig än­dern. Zwar werden die rund 27.000 Beschäftigten laut Plan beim Land angestellt bleiben, doch erhalte die Agentur einen „hohen Grad“ an Kompetenz, was das Management betreffe, so Projekt­leiter Filip Deimel gegenüber der ÖKZ.

Der ehemalige niederösterreichische Landespolizeidirektor Konrad Kogler wurde zum dritten Geschäftsführer der Nieder­österreichischen Landeskliniken­Hol­ding für die Bereiche Personal und Or­ganisation bestellt. Posten der Agentur seien bisher noch nicht besetzt, so Dei­mel; es folge eine offizielle Ausschrei­bung. Der Zeitplan ist ambitioniert: Im Februar begannen die Vorbereitungen offiziell, derzeit werden die Geset­zestexte erarbeitet, in den nächsten Monaten sollen sie in Begutachtung gehen und am 21. November möchte Filip Deimel das gesamte Paket zur Be­schlussfassung in den Landtag bringen. Im ersten Halbjahr 2020 soll die Agentur ihren Vollbetrieb aufnehmen.

Worum geht es konkret?

Im Kern geht es um das Zusammen­rücken von Pflegeheimen und Kranken­häusern – wobei nicht klar ist, ob es sich nur um ein organisato­risches Zusammenrücken handelt oder auch um ein räumliches. Pläne für bauliche Veränderungen gebe es derzeit nicht; die Notwendigkeit werde gerade evaluiert, so Deimel. Die räumli­che Nähe von Spital und Pflegeheim hätte viele Vorteile – so­wohl für das Land als Betreiber als auch für die Patientinnen und Patienten:

Die neue Agentur könnte die IT, den Einkauf, Personalführung, Management und auch Bereiche wie Küche und Wäscherei bündeln und so Res­sourcen sparen – und die Patientinnen und Patienten würden so versorgt, wie sie es brauchten. So übersiedelten aus­therapierte Personen, die noch nicht nach Hause entlassen werden können, ins nächste Pflegeheim, um sich dort zu erholen. Auf diese Weise wäre eine lückenlose Versorgung der Menschen möglich: Dinge wie Überleitungspfle­ge, Nachsorge oder Frühmobilisation könnten dann Aufgabe des Heims sein. So könnten etwa Spitalsabteilungen für Remobilisation und Nachsorge (RMS), die nicht grundsätzlich eine 24­-Stunden­Betreuung durch einen Arzt brauchen, ausgegliedert und etwa von Physiotherapeuten geführt werden. Der Arzt sitzt im Krankenhaus gegenüber und kann sich um medizinische Aufgaben kümmern, wenn sie sich stellen. Eine solche Entwicklung wäre insbesondere dann sinn­voll, wenn die Ressource Arzt knapp wird. Doch wie Dinge wie diese schließlich geregelt werden, ist derzeit nicht fixiert. Das Land Niederösterreich steht der Erweiterung der Kompetenzen von Pflegepersonal positiv gegenüber, es gebe jedoch Bundes­gesetze, die die Kompetenzen regelten.

Klar ist laut Deimel jedoch das Ziel der Reform: Es gehe darum, die Organisation des Gesundheits-­ und Pflegewesens zu verein­fachen. Einsparungen seien nicht die Triebfeder (es gebe dazu auch keine Untersuchungen) – vielmehr das Dämpfen der mit Si­cherheit steigenden Kosten im Gesundheitswesen. Derzeit fließt mit 4,5 Milliarden Euro mehr als die Hälfte des Landesbudgets in die Bereiche Gesundheit, Pflege und Soziales. Das Land habe die Kostensteigerungen im Gesundheitsbereich fixiert, so Dei­mel, allein das einzuhalten sei schon eine Herausforderung. Die Reform soll helfen. Die Neuorganisation sei an sich eine gute Idee, sagt Gerald Bachinger, Niederösterreichs Patientenanwalt:

Das ist eine der größten Strukturänderungen. Für mich ist das bemerkenswert. Vor allem was die Personalhoheit anbelangt. Das ändert sich durch die Reform. Es ist ein mutiger Schritt der Politik, weil sie Macht abgibt und sich auf die strategische Ebene zurückzieht und die Personalkompetenz dorthin auslagert, wo sie hinge­hört. Ich sehe es sehr positiv, weil ich davon ausgehe, dass die vielen Reibungsverluste verhindert werden.

Edith Kollermann, Gesundheitssprecherin der NEOS in Nieder­österreich, kritisierte die Pläne in einer Aussendung als nicht weitgehend genug:

Der gesamte niedergelassene Bereich so­wie familiäre und mobile Pflegedienste werden ausgeklammert. Dabei sind diese Bereiche nachweislich die effizienteren und Träger des Systems. Wirklich mutig wäre es, Gesundheit und Pflege als solidarische Aufgabe der Gesellschaft zu betrachten und die finanziellen Mittel dahin zu lenken, wo sie am wirksams­ten sind.

Filip Deimel sagt zum Thema Einbindung des extra­muralen Bereichs: „Das Land erledigt seine Aufgaben. Das hier ist der erste Schritt.“ Im zweiten Schritt könne man sich das Einbinden des niedergelassenen Bereichs ansehen, doch wären dabei auch andere Teilnehmer eingebunden wie die Ärztekam­mer oder die Sozialversicherungen – Institutionen, über die das Land Niederösterreich schwer bestimmen kann.

Erster Schritt

Auch Gerald Bachinger fände es sinnvoll, den niedergelassenen Bereich mit zu erfassen – und auch er sieht den jetzigen Ansatz als einen ersten Schritt. Für die Patientinnen und Patienten würde es eine angepasste Versorgung bedeuten und auch den Druck von den internen Abteilungen nehmen, die derzeit häufig mit geriatrischen Patienten konfrontiert sind.

Was die medizi­nische Versorgung angeht, wären auf der Versorgungsebene regionale GmbHs je nach Ver­sorgungsregion sinnvoll. Ich hielte das für eine gute Lösung, da die integrierte Versorgung so viel leichter durchführbar ist. Der Vorteil wäre, dass die regional unterschiedlichen Bedürfnisse gut abgedeckt werden könnten. Zentrale Bereiche wie Einkauf oder IT könnten freilich zentral abgewickelt werden.

Der Patientenanwalt ist der einzige der von der ÖKZ befragten Beteiligten, der zum Thema Neuorganisation ein ausführliches Statement abgibt. Denn auf Anfrage berichten sowohl die Ärz­tekammer Niederösterreich als auch die Volkshilfe NÖ und die Caritas NÖ­-West, nicht in das Projekt eingebunden zu sein. Sie alle warten die ersten Ergebnisse ab, die im Sommer vorliegen sollen. In einer Aussendung sagte Ronald Gallob, Vizepräsident der Ärztekammer für Niederösterreich und Kurienobmann der angestellten Ärzte:

Die Größe eines Systems kann als Chance gesehen werden. Bedenkt man, wie sich die moderne Medizin entwickelt hat und weiter entwickeln wird, wird klar, dass wir durchorganisierte Strukturen brauchen. Die Landesgesund­heitsagentur kann eine gute Basis dafür bieten, die wir gemein­sam – im Sinne der Patienten und der Beschäftigten – weiterent­wickeln müssen.

Die Frage ist freilich, in welchem Ausmaß die Neuorganisation als Chance für das wirklich Neue genutzt wird. Kommunalpoli­tisch waren Krankenhäuser immer schon eine schwierige Sache: Jede drohende Schließung geht mit großem Protest einher. Wird der Protest größer, wenn nun auch die Heime mit der Struktur Krankenhaus verbunden sind? Und was wird aus dem niederge­lassenen Bereich? Es ist keine Neuigkeit, dass sich Österreich das eine oder andere Spitalsbett oder ganze Spital sparen könn­te. Im OECD-­Durchschnitt kommen 4,7 Spitalsbetten auf 1000 Einwohner und Einwohnerinnen. Österreich gönnt sich 7,6 Bet­ten pro 1000 Personen und liegt damit deutlich über dem Durch­schnitt. Eine Tatsache, die auch der Rechnungshof mehrmals bemängelt hat. Als eine Möglichkeit, die Spitäler zu entlasten, gelten die Primärversorgungszentren, die im Rahmen der Neu­organisation in Niederösterreich auch mit einer Pflegeeinheit kombiniert werden könnten.

Was in den Spitälern und Heimen des größten Bundeslands künftig wirklich geschieht, zeigt sich frühestens ab Sommer. Und bis auch der letzte Standort umorganisiert und unter dem großen Dach seinen neuen Platz gefunden haben wird, werden wohl noch ein paar Jahre verstreichen. Das neue Landesklinikum Wiener Neustadt jedenfalls, das 2028 in Vollbetrieb gehen soll, wird bereits unter dem Stern der neu­en Landesgesundheitsagentur geplant.  

Bettina Benesch
Journalistin, Pöchlarn
buero@bettinabenesch.at


Bildinhalt: ÖKZ
  Ausgabe: 06-07/2019/60.JG
Bildrechte: Schaffler Verlag