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Datum: Donnerstag, 26. April 2018

Artikel: Schaffler Verlag, ÖKZ: 59. JG (2018) 03-04 / Mag. Christian F. Freisleben

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Mobilisierungsbedarf

Auf dem Papier ist die Versorgungssituation zu Akutgeriatrie/ Remobilisation in Österreich geradezu vorbildhaft. In der Praxis gibt es noch viele Reibungsflächen und Mankos.

Entstanden ist das Konzept Akutgeriatrie/Remobilisation (AG/R) in den späten 1990er-Jahren1 – aufgrund eines Bedarfs, der nach wie vor wächst. „Die Demografie bringt es mit sich, dass Angebote, wo es um Funktionserhalt geht, immer stärker nachgefragt werden – die Zahl der über 65- bis 80-Jährigen wird sich in den nächsten zwei Jahrzehnten verdoppeln“, so Peter Mrak, Vorstand der Abteilung Innere Medizin am LKH Weststeiermark. Er verweist auch auf bestehende Planungsgrundlagen der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) zum Thema, die sich auch in den Regionalen Strukturplänen Gesundheit (RSG) der Länder widerspiegeln würden. Regina Roller-Wirnsberger, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie, erlebt diese Konzepte als grundsätzlich gute Schritte, „nur hinken wir in der Umsetzung deutlich hinterher, etwa in Bezug der Anzahl der Betten für AG/R“.

Theorie und Praxis

Für Patienten, die über 60 sind, braucht es spezielle Angebote. Vor allem im Zusammenhang mit Spitalsbehandlungen oder auch unerwarteten Aufenthalten im Heim ist Remobilisation ein nicht wegzudenkender Faktor, um Menschen den Wunsch erfüllen zu können, nach Möglichkeit (wieder) im gewohnten Umfeld leben zu können. „Leider ist es so, dass der Zugang zu AG/R für viele Patienten von einem Glücksfall abhängt, also zum einen von Personen, welche die Notwendigkeit erkennen und die nötigen Schritte umgehend einleiten, und zum anderen von vorhandenen freien Kapazitäten“, sagt Roller-Wirnsberger. Das Wort „strukturiert“ erlebt sie in diesem Zusammenhang als stark von der Realität abweichend.

Ein durchgehendes Assessment und Screening hinsichtlich Funktionalität sei in Akutstrukturen leider nicht vorgesehen, auch nicht in Notaufnahmen, „es fehlen dazu die Strukturen und Prozesse, die eine steuernde Wirkung entfalten könnten“. Dabei gäbe es mehrere mögliche Instrumente, um diesbezüglich das Prinzip des Best-of-Point-Care umzusetzen. Dringend nötig wäre eine Einigung auf entsprechende einfach und schnell umsetzbare Herangehensweisen. „Dabei braucht es Modelle für verschiedene Einsatzorte, also auch für Primärversorgungszentren, wo Menschen ab einem bestimmten Alter und/oder aufgrund verschiedener festgestellter Risikofaktoren regelmäßig gescreent werden“, beschreibt Roller-Wirnsberger. Sie kann sich dazu eine Art Toolbox vorstellen, mit evidenzbasierten Instrumenten. Das Werkzeug des geriatrischen Assessments würde dann auf einen solchen Schritt aufbauen, dahinter müsste die entsprechende fachliche Expertise stehen und, wenn nötig, müsste zeitnah eine entsprechende Intervention folgen. „So läuft es international, nur nicht bei uns“, kritisiert Roller-Wirnsberger. „Man hat sich in Österreich pro forma auf eine Struktur geeinigt, die nun wahlweise bespielt wird, je nachdem, ob es Kapazitäten gibt oder nicht.“ Dies würde dazu führen, dass derzeit Menschen über 85, multimorbid und mit spezifischen sozialen Parametern, viel zu oft in Notsituationen genauso behandelt werden wie etwa ein Patient mit 45 mit einer ganz anderen Lebenssituation und ganz anderen Voraussetzungen. 

Fehlende Strukturen

Die Einführung eines Sonderfaches Geriatrie ist für Mrak durchaus wünschenswert, allerdings bedeute AG/R „ein multidisziplinäres Vorgehen, bei dem natürlich Ärzte eine wichtige Rolle spielen und gleichzeitig Teil eines Teams sind, zu dem neben der Pflege auch Berufsgruppen aus der Physio-, Ergotherapie und Logopädie sowie aus der Sozialarbeit und der klinischen Psychologie gehören.“ Dies sei im Prozesshandbuch2 und den RSG genau definiert. „Das mag wohl sein. Die Realität sieht aber oft ganz anders aus. Das Problem ist, dass dieses Zusammenarbeiten nur sehr bedingt bis gar nicht in Aus- und Weiterbildung vorkommt“, so Roller-Wirnsberger. Es gäbe, vor allem in Großbritannien, internationale Vorbilder, wie eine Phase der gemeinsamen Ausbildung aussehen kann. Medizinstudierende, angehende Pflegekräfte und medizinisch-technische Dienste absolvieren dort verschiedene Lehrinhalte gemeinsam, arbeiten an konkreten Patientenfällen.

Das zweite Problem ist für Roller-Wirnsberger, dass „in den gesamten Prozessen zwar viel von Miteinander geschrieben steht, es aber ganz oft an Strukturen und Zeitfenstern fehlt, wo das überhaupt geschehen, wo gemeinsam geplant, umgesetzt und evaluiert werden kann“. Der Personalmangel komme noch dazu. Eine besondere Bedeutung hat im AG/R aus Mraks Sicht auch das strukturierte Entlassungsmanagement, bei dem eben die Sozialarbeit eine wichtige Rolle spielt, und zwar, wie Mrak betont, vom Tag der Aufnahme an beginnend. Grundprinzipien und Vorgangsweisen aus der AG/R sollten aus Mraks Sicht jedenfalls in alle medizinische Fachgebiete reichen, dort gebe es viel Potenzial im Bereich der multidisziplinären Zusammenarbeit. Roller-Wirnsberger begrüßt, dass es beim Entlassungsmanagement auch viel um soziale Themen geht. „Genauso muss es aber eben um Funktionalität gehen, um den medizinischen und pflegerischen Status, wo es wichtig ist. Es muss einen Informationstransfer an die verschiedenen Berufsgruppen im extramuralen Bereich geben, der deutlich über Begleitbrief hinausgeht.“

Ein Problemfeld ist dabei etwa Diätologie: So lange jemand im Krankenhaus behandelt wird, ist der Zugang grundsätzlich möglich – wobei es auch hier darauf ankommt, dass jemand an diesen wichtigen Aspekt der Behandlung denkt und dass Personal vorhanden ist. Aber im extramuralen Bereich gibt es nur ganz wenige Leistungen, die von den Kassen bezahlt werden, und ein entsprechend dünnes Angebot. Das Thema Ernährung spielt aber bei Remobilisation ebenso eine ganz essenzielle Rolle.

Flächendeckende Schwerpunktsetzungen

Mrak glaubt jedenfalls nicht, dass eine bundesweite Versorgung von Fachärzten für Geriatrie machbar ist – daher würde es flächendeckende Schwerpunktsetzungen durch AG/R-Strukturen brauchen. Darüber hinaus müsse es geriatrisches Know-how überall im niedergelassenen Bereich geben, etwa bei den Hausärzten und bei den mobilen Diensten. Mrak verweist dazu auf das Konzept geriatrischer Netzwerke aus dem angloamerikanischen Raum, sowie auf speziell geschulte Pflegekräfte, „geriatric nurses“, die auch im Schnittstellenmanagement eine wichtige Rolle spielen.

Roller-Wirnsberger betont, dass neben der AG/R unbedingt Einrichtungen zur Langzeitpflege mitgedacht werden müssen bzw. das Zusammenspiel mit Krankenhäusern. Ein weiteres offenes Thema sei zudem die Versorgung älterer Menschen mit chronischen Krankheiten: Hier müssten auf struktureller Ebene neue finanzielle Konzepte geschaffen werden, „damit es auch etwas wert ist, wenn bei einem Patienten eine Wiederaufnahme ins Spital vermieden werden kann, und nicht nur die Menge geschriebener EKGs bewertet wird“. 

Literatur:
1Bundesministerium für Gesundheit (2017): Akutgeriatrie/Remobilisation (AG/R) und Remobilisation/Nachsorge (RNS) in Österreich. Zugang: https://www.bmgf.gv.at/ home/Gesundheit/Gesundheitssystem_Qualitaetssicherung/Planung_und_spezielle_Versorgungsbereiche/Akutgeriatrie_Remobilisation_AG_R_nbsp_und_Remobilisation_ Nachsorge_RNS_in_Oesterreich. Zugriff: 15.3.2018.
2 Gesundheit Österreich GmbH/Bundesministerium für Gesundheit (2013): Prozesshandbuch Akutgeriatrie/Remobilisation. Zugang: https://www.geriatrie-online.at/files/ prozesshandbuch_akutgeriatrie_remobilisation_2013.pdf. Zugriff: 15.3.2018


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  Ausgabe: 03-04/2018/59.JG
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