medianet ÖAZ Philips QUALITAS ÖKZ MedAustron

Datum: Donnerstag, 11. Oktober 2018

Artikel: Schaffler Verlag, ÖKZ: 59. JG (2018) 10 / Gabriele Vasak

Bildinhalt: Demenzkranker Patient

Bildrechte: ClipDealer / convisum

Dieser Artikel wurde 72 mal gelesen.

Mehr Fragen als Antworten

Seit Anfang 2016 werden im Rahmen der österreichischen Demenzstrategie diverse Maßnahmen zur Verbesserung der Situation in Sachen pathologischer Gedächtnisverlust umgesetzt. Hilfsorganisationen und Betroffenen- und Angehörigenvertretungen sehen noch jede Menge Handlungsbedarf.

Demenz ist eine der größten Herausforderungen für die gegenwärtige Gesellschaft, und sie wird es bleiben. Aktuellen Schätzungen zufolge leben in Österreich derzeit 115.000 bis 130.000 Menschen mit irgendeiner Form der Krankheit, und aufgrund des kontinuierlichen Altersanstiegs in der Bevölkerung wird sich diese Anzahl bis zum Jahr 2050 verdoppeln.

Das Bundesministerium für Gesundheit und Frauen beauftragte daher im Jahr 2015 zusammen mit dem Sozialministerium die Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) mit der Begleitung des Prozesses zur Erarbeitung einer österreichischen Demenzstrategie unter dem Titel Gut leben mit Demenz. Start war eine Auftaktveranstaltung im Februar 2015, bei der wesentliche Stakeholder mit maßgeblichem Einfluss auf die Umsetzung einer solchen Strategie vertreten waren. Im Rahmen dieses Plenums wurden Arbeitsgruppen gebildet, die in der Zeit von März bis Oktober 2015 Wirkungsziele und Handlungsempfehlungen erarbeiteten. Ende 2015 wurde der Abschlussbericht der Arbeitsgruppen der Öffentlichkeit präsentiert, mit Anfang 2016 starteten diverse Umsetzungsmaßnahmen, die auf der Website www.demenzstrategie.at einsehbar sind.

Teilhabe und Selbstbestimmung

Die Sicherstellung der Teilhabe und Selbstbestimmung der Betroffenen ist erstes Wirkungsziel der Demenzstrategie. Auf der Website heißt es:

Gut leben mit Demenz bedeutet vor allem soziale Teilhabe und Wertschätzung für die Betroffenen. Es bedeutet, sowohl Menschen mit demenziellen Beeinträchtigungen als auch An- und Zugehörige zu befähigen, ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu artikulieren und sichtbar zu machen... Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sind derart auszugestalten, dass ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht wird.

Deshalb würden Gesundheitsförderungsprojekte zur Unterstützung von Menschen mit einer Demenzerkrankung und deren Angehörige und Projekte zur Schaffung von demenzfreundlichen Lebensumwelten vorrangig gefördert, wie Brigitte Juraszovich, die bei der GÖG für die Koordinierung der Maßnahmen der Demenzstrategie verantwortlich ist, berichtet.

Einen wichtigen Schwerpunkt bilden die demenzfreundlichen Gemeinden und Städte, wobei Vorarlberg mit der Aktion Demenz schon länger Vorreiter ist, aber immer mehr Städte und Gemeinden setzen dazu nun auch Aktionen und Schritte.

Ebenso gebe es etwa die Initiative demenzfreundliche Apotheken, eine Schulung der Polizei im Rahmen des Projekts Einsatz Demenz, aber auch zahlreiche kulturelle und kommunale Initiativen. Unterstützte Selbsthilfegruppen für Menschen mit Demenz seien gegründet worden, demnächst werde eine Broschüre für Mitarbeiter im öffentlichen Verkehr herausgebracht, die auf den Umgang mit Menschen mit demenziellen Beeinträchtigungen vorbereitet, und generell werde das Thema Demenz mit vielen Unterlagen und Informationsveranstaltungen insbesondere im kommunalen Umfeld niederschwellig bekannt gemacht.

Kompetenzstärkung für Angehörige

Auch sei speziell für An- und Zugehörige bereits viel getan worden. „Kompetenzstärkung von Angehörigen direkt im häuslichen Bereich wird auf Bundesebene insbesondere mit zwei Angeboten gefördert“, sagt Juraszovich. So würden im Auftrag des Sozialministeriums Bezieher von Pflegegeld, die zu Hause gepflegt werden, und ihre Angehörigen im Rahmen von kostenlosen Hausbesuchen von diplomierten Pflegefachkräften mit spezifischem Wissen und hoher Beratungskompetenz professionell informiert und beraten. Ebenso werde das Angehörigengespräch mit klinischen und Gesundheitspsychologen sowie Sozialarbeitern in ganz Österreich angeboten; es sei dazu gedacht, Probleme, die sich bei der häuslichen Pflege ergeben, aufarbeiten zu können. „Damit soll den Angehörigen geholfen werden, die eigene Gesundheit zu erhalten bzw. zu verbessern.“

Brigitte Juraszovich verweist weiters auf die neugeschaffene Möglichkeit, mit dem Arbeitgeber Pflegekarenz oder Pflegeteilzeit für die Dauer von ein bis drei Monaten zu vereinbaren, wenn dem Angehörigen mit Demenz bereits Pflegestufe 1 zuerkannt wurde. Außerdem sei man dabei, Strukturen und Prozesse in Krankenhäusern anzupassen, um den speziellen Bedürfnissen von Menschen mit demenziellen Erkrankungen dort besser begegnen zu können, und in vielen Krankenhäusern gebe es bereits Konzepte und Maßnahmen dazu.

Gemeindenahe Angebote

Ein weiteres Ziel von Maßnahmen im Rahmen der Demenzstrategie ist der Auf- und Ausbau niederschwelliger gemeindenaher Angebote.

„Auch hier hat sich in den letzten beiden Jahren einiges getan: begonnen bei den Demenzservicestellen in Oberösterreich über das Demenzservice in Niederösterreich bis hin zu Servicestellen in Salzburg oder die Koordinationsstelle Demenz in Tirol“, sagt Brigitte Juraszovich, und sie berichtet zudem von Umsetzungsprojekten in Wien, dem ähnlich wie in Wien und Vorarlberg bereitgestellten Angebot der Pflegedrehscheibe in der Steiermark, der Ausrollung des geriatrischen Konsiliardienstes in Kärnten und der aufsuchenden mobilen Demenzbetreuung im Burgenland. Es wird also recht viel getan, doch was davon kommt in der Gesellschaft und bei Menschen mit demenziellen Erkrankungen und ihren Angehörigen spürbar an? Was das öffentliche Bewusstsein betrifft, so zeichnen einzelne, in die Entwicklung der Demenzstrategie eingebundene Vertreterinnen von Hilfsorganisationen und Selbsthilfegruppen ein differenziertes Bild.

Menschen mit kognitiven Einschränkungen werden öfter wahrgenommen, und das Thema Demenz ist in der Gesellschaft angekommen, das Wissen über die Krankheit allerdings nicht in gleichem Maße. Es gibt also mehr Fragen als Antworten und immer noch viele Befürchtungen im Zusammenhang mit Kosten und Belastungen.

Monika Kripp
Stellvertretende Präsidentin von Alzheimer Austria

Auch Doris Lang-Lepschy vom Kompetenzzentrum Soziale Dienstleistungen und Lebensraumgestaltung – Pflege & Betreuung der Caritas Austria sieht noch Handlungsbedarf. „Die Demenzstrategie soll unter anderem zur Bewusstseinsbildung, Enttabuisierung und Kompetenzstärkung beitragen. Allerdings schreitet dieser Prozess sehr langsam voran, und auch was die Sensibilisierung spezifischer Berufsgruppen betrifft, wird wohl noch einige Zeit ins Land gehen“, sagt sie, und: „Was es noch dringend braucht, sind fortlaufende Aufklärung und die Verankerung von Strukturen und Anlaufstellen, damit Betroffene und ihre Angehörigen zum Beispiel wissen, an wen sie sich wenden können, wenn sie Unterstützung benötigen.“ Außerdem müsse die öffentliche Hand auch für finanzielle Mittel sorgen, und zwar sowohl für bereits bestehende als auch für neu zu schaffende Angebote und Dienstleistungen. „Viele bewährte und seit Langem bestehende Angebote werden nur über Spenden- bzw. Sponsorenmittel aufrechterhalten.“

Wer die Systemlücken schließt

Dass etwa Selbsthilfegruppen in vielen Fällen Systemlücken füllen, ist auch die Überzeugung von Monika Kripp, und sie sieht die Ursache dafür darin, dass die Demenzstrategie in Österreich – anders als in anderen Ländern wie etwa Frankreich oder England – ohne Finanzplan beschlossen wurde.

Daher ist die Umsetzung vieler dringend nötiger Verbesserungen wie die Einrichtung einer 24-Stunden-Demenz-Hotline, die substanzielle Förderung der Selbsthilfegruppen, Angebote für Frühbetroffene oder die Finanzierung nicht-medikamentöser Interventionen und Therapien nicht realisierbar.

Was außerdem nicht wirklich realisiert erscheint, ist echte Partizipation von Betroffenen. „Es wird noch immer viel zu viel über Menschen mit Vergesslichkeit, demenziellen Veränderung oder kognitiven Störungen geredet und nicht mit ihnen“, sagt Monika Kripp. Der Fokus auf Pflege und Betreuung ließe kaum Raum für Menschen am Beginn des Prozesses, die sich Assistenz, Unterstützung und Partizipation wünschen. Die stellvertretende Präsidentin von Alzheimer Austria spricht auch von einem fehlenden Bewusstsein, Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen in die Entwicklung von Angeboten und Projekten als die wahren Experten für ein „gutes Leben mit Demenz“ einzubeziehen bzw. den ethischen Rahmen dafür festzulegen. „Das liegt vor allem an der Wahrnehmung der professionell Tätigen, die Betroffene hauptsächlich mit ihren Defiziten und nicht mit ihren Ressourcen und Potenzialen sehen“, sagt sie.

Was ihrer Ansicht nach noch fehlt, ist Anerkennung für die Leistung der demenzspezifischen Selbsthilfegruppen in Österreich für die niederschwellige Krankheitsbewältigung und die Entlastung der betreuenden und pflegenden An- und Zugehörigen. Und: „Wir haben viel zu wenig aufsuchende, bedürfnisorientierte und leistbare Hilfen zu Hause.“

Weiterer Handlungsbedarf

Auch habe sich für die Angehörigen durch den erschwerten Zugang zum Pflegegeld die Situation nicht erleichtert.

Sollte eine Erhöhung des Pflegegeldes durchgeführt werden, erhöhen alle Organisationen, die in der Pflege und Betreuung tätig sind, die Tarife.

Davon abgesehen erführen Menschen in Pflegeberufen nicht die nötige Anerkennung, kein passendes Gehalt und keine demenzgerechten Arbeitsstrukturen und Ausbildungen im Umgang mit Menschen mit Demenz. Und: „Es gibt immer noch zu viele Fehldiagnosen und zu wenige wirkliche Demenzexperten und Geriater unter den Ärzten.“

Monika Kripp ortet noch in anderen essenziellen Bereichen dringenden Handlungsbedarf:

Wir brauchen alternative Wohnformen für jüngere Menschen mit kognitiver Einschränkung, Partizipation, die diesen Namen auch verdient und in diesem Zuge ein Büro für die Selbstvertretung von Menschen mit kognitiven Einschränkungen. Auch die Frage der Berufsunfähigkeit und das Thema Demenz als unsichtbare Behinderung sind ungeklärt.

Was sie sich noch vorrangig wünscht, ist eine demenzspezifische Ausbildung und vorgeschriebene berufsbegleitende Supervision bei der 24-Stunden-Betreuung sowie Maßnahmen zur Qualitätssicherung. Schließlich plädiert sie auch für die Abschaffung der Dauermedikation von geriatrisch desorientierten Menschen mit Psychopharmaka, die nur mit nicht-medikamentösen Maßnahmen kombiniert eingesetzt werden sollte. Doris Lang-Lepschy wiederum sieht die dringende Notwendigkeit der breiten Kooperation über die Grenzen der Bundesländer und deren Sozial- und Gesundheitssystem hinweg.

Der Pflegefonds ist ein bestens geeignetes Instrument, um jene Maßnahmen, die im Bereich der Langzeitpflege relevant sind, sowohl strukturell als auch finanzierungstechnisch zu verankern, damit Betroffene zuverlässig jene Unterstützung erhalten, die sie benötigen. Deshalb sollten auch zusätzliche zweckgebundene Mittel zur Umsetzung der Demenzstrategie über den Pflegefonds fließen.

Österreich auf gutem Weg

Bleibt zum Schluss die Frage, wo Österreich hinsichtlich der Reaktion auf die Herausforderung Demenz im internationalen Vergleich steht. „Wir sehen die Vorreiterrolle von Schottland, das bereits die zweite Überarbeitung seiner Demenzstrategie durchgeführt hat, Selbstvertreter in Arbeitsgruppen bei allen relevanten Projekten einbezieht und beteiligt und bedürfnisorientierte Angebote umsetzt. Wir sehen, wie in England mit der Dringlichkeit des Themas umgegangen wird. Wir sehen, wie die skandinavischen Länder und Frankreich, wo die Demenzstrategien mit einer Finanzierung unterfüttert sind, substanzielle Verbesserungen bei Angeboten und Bewusstsein zustande gebracht haben“, sagt Monika Kripp.

Wir sehen auf der anderen Seite aber auch die Situation in osteuropäischen Ländern, wo die Diagnose, Behandlung und Versorgung von Menschen mit kognitiven Einschränkungen kaum gewährleistet ist. Österreich befindet sich nach unserer Einschätzung im vorderen Drittel, sicher nicht an der Spitze, aber auf einem guten Weg.

 

 


Bildinhalt: ÖKZ
  Ausgabe: 10/2018/59.JG
Bildrechte: Schaffler Verlag