medianet ÖAZ Philips QUALITAS ÖKZ MedAustron

Datum: Dienstag, 27. März 2018

Artikel: CGM / Walter Zifferer

Bildinhalt: Feuerzeug

Bildrechte: ClipDealer / kangarooarts

Dieser Artikel wurde 114 mal gelesen.

Medizin und Medien

Verschobene Perspektiven

Den Medien wird oft das Übertreiben von Sachverhalten vorgeworfen. Das gilt auch für die Berichterstattung im Medizin-Bereich. Doch allem Anschein nach sind an der Situation längst nicht nur die Journalisten selbst "schuld". Übertreibungen und Verzerrungen finden sich häufig schon im Basismaterial - in Studien und darauf basierenden Pressemitteilungen etc.

Erst kürzlich fand in an der Medizinischen Universität Graz die 19. Jahrestagung des "Deutschen Netzwerkes Evidenzbasierte Medizin" statt. Dort gab es auch einen Journalistenworkshop zum Thema "Vertrauenswürdige Pressemitteilung oder medizinische Fake News?", bei dem Bernd Kerschner vom Department für Evidenzbasierte Medizin und Klinische Epidemiologie der Donau-Universität Krems unter anderem eine "Checkliste: Pressemitteilungen rasch einschätzen" präsentierte.

Immerhin erreichen ja täglich medizinische Journalisten zahlreiche Pressemitteilungen zu neuen Medikamenten, Medizinprodukten, diagnostischen Tests oder Vorsorgeprogrammen, hieß es zu der Veranstaltung. Mit dem Workshop wolle man Hilfen für die Beurteilung der Inhalte solchen Materials auf Objektivität und Vertrauenswürdigkeit bieten.

Oft steckt die Crux bereits am Ursprung, bei den wissenschaftlichen Veröffentlichungen selbst. Das zieht sich über Jahre und Jahrzehnte: Gehörigen Medienrummel gab es 2005 beispielsweise um eine wissenschaftlichen Studie, in der mit dem Diabetesmedikament Pioglitazon die Verhinderung von akuten Herz-Kreislauf-Leiden belegt werden sollte.

Freilich, das erste Ziel der Untersuchung an rund 5.200 Patienten - die Reduktion von Gesamtsterblichkeit, nicht-tödlichen Herzinfarkten, Schlaganfällen, akuten Herzkranzgefäß-Problemen sowie der Häufigkeit von Katheter- oder Bypass-Eingriffen an Herz oder Beinarterien sowie von Beinamputationen - wurde statistisch signifikant nicht erreicht. Nach dem Fehlschlagen beim primären Studienziel konzentrierte man sich mit den Erfolgsmeldungen eben auf ein einfacheres, "sekundäres" Kriterium - die Verringerung der Gesamtsterblichkeit, der Zahl der nicht-tödlichen Herzinfarkte und der Schlaganfälle.

Das Ergebnis war hier doch noch statistisch signifikant - "Studie gerettet". Kerschner verwies neben einer eigenen kleinen Studie seiner Institution auf mehrere weitere wissenschaftliche Untersuchungen, welche sich mit dem Thema der Darstellung wissenschaftlicher Studien beschäftigt haben. Eine davon stammt von Amelie Yavchitz und wurde am 11. September 2012 in Plos Medicine publiziert.

Die Wissenschafter hatten systematisch nach Presseaussendungen zu randomisierten, kontrollierten Studien (Zufallsauswahl der Probanden für Vergleichsgruppen) gesucht, 70 gefunden und 498 Presseaussendungen auf möglichen "Spin" untersucht. Das Ergebnis: Absichtlicher oder unabsichtlich eingeflossener "Spin" fand sich schon bei 40 Prozent der Abstracts (Kurzzusammenfassung) der Studien selbst.

Bei den Presseaussendungen war das schon bei 47% der Fall, in den untersuchten Medienmeldungen dann bei 51%. Besonders leicht geraten epidemiologische Beobachtungsstudien - manchmal beginnen sie vor, zumeist aber erst nach dem Eintreten eines Ereignisses - in die Medienschlagzeilen. Manchmal handelt es sich überhaupt nur um Berechnungen. Kerschner verwies dazu auf Abschätzungen von australischen Wissenschaftern über den Einfluss des täglichen Konsums dunkler Schokolade auf Menschen mit Diabetes-Vorstufe ("Metabolisches Syndrom"). Demnach könnten durch eine Tafel Schokolade bei 10.000 Personen innerhalb von zehn Jahren 85 Schlaganfälle oder Herzinfarkte verhindert werden - damit auch 15 Todesfälle.

Doch das Bemerken von gleichzeitig auftretenden Phänomenen und gar erst die Berechnung ihrer möglichen Auswirkungen ist kein Beweis, die "Heilsbotschaft" steht auf sehr wackeligen Beinen. 

Ein Beispiel aus Österreich

Wiener Umwelthygieniker analysierten die Körpergewichtsdaten (BMI-Werte) von 44.000 Gefängnisinsassen in Österreich. Ihr Ergebnis: Je höher der BMI-Wert, desto seltener landeten Menschen in längerer Haft. Getreu den Tatsachen stellten die Autoren aber fest: 

Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie, die keine Kausalität erklären kann.

“ 

Ursachen-Hypothesen mit höheren Serotoninspiegeln im Gehirn bei Übergewichtigen (weniger Depressionen?) und niedrigeren Testosteronspiegeln bei Adipösen (weniger Aggressivität?) existierten allerdings. Sowohl epidemiologische Studien, welche bereits vor dem Eintreten eines Ereignisses starten oder welche die Sachlage erst danach analysieren, können nur einen möglichen Zusammenhang aufzeigen, beweisen aber keine Ursachen-Wirkungsbeziehung, so Kerschner.

Bei dem Seminar in Graz wurde ein anschauliches Beispiel präsentiert: Das Rauchen verursacht Krebs. Dabei könnte - natürlich fälschlicherweise - auch das ständige Bei-Sich-Tragen von Feuerzeugen für das Lungenkarzinom als Risikofaktor "identifiziert" werden.