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Datum: Dienstag, 1. Mai 2018

Artikel: Schaffler Verlag, ÖKZ: 59. JG (2018) 03-04 / Mag. Gabriele Vasak

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Luft nach oben

In der Pflege und Betreuung von älteren Menschen auf dem Land gibt es vielversprechende neue Ansätze. Allerdings bleibt noch einiges zu tun, und: Ein neuer Blick aufs Alter tut not.

„Wir schaffen das alleine!“ Ein Credo, das gerade auf dem Land auch für die Versorgung von pflegebedürftigen älteren Menschen in ihren Familien besondere Bedeutung hatte, gerät heute zunehmend ins Wanken. Denn auch abseits der Ballungszentren stehen immer mehr älteren immer weniger jüngere Menschen gegenüber. Hinzu kommt die Abwanderung der Jungen in die Städte und die zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen, die bislang oft als – häufig unbezahlte – Pflegerinnen von alten Familienmitgliedern fungierten. Diese Veränderungen wirken sich naturgemäß auf die Pflege aus. „Ablesen lassen sich die Auswirkungen an Verschiebungen in der Nachfrage nach Pflegeleistungen. Wenn auch die Familie weiterhin der zentrale Ort ist, an dem alte Menschen leben und gepflegt werden, wenn sie hilfs- und pflegebedürftig werden, so hat sich die Gestaltung der Pflege zu Hause deutlich verändert und es werden Dienstleistungen von außen in den privaten Haushalt eingebracht“, heißt es dazu im Altersalmanach 2016 des Landes Niederösterreich.1

Status quo

Einen nach wie vor starken Trend, möglichst lange zu Hause leben bleiben zu wollen, konstatiert auch der Institutsleiter des Ilse Arlt Instituts für Soziale Inklusionsforschung an der Fachhochschule St. Pölten, Johannes Pflegerl, der die Situation in Niederösterreich sehr gut kennt. „Die Altenbetreuung ist nach wie vor sehr individualisiert, und viele Familien sind damit quasi auf sich allein gestellt. Die großen gesellschaftlichen Umwälzungen, mit denen wir heute konfrontiert sind, erfordern aber auch hier ein Umdenken, und ein zentraler Ansatz dabei ist die offensive Übernahme von Verantwortung durch das Gemeinwesen.“

Was den Bund betrifft, so werden nach Auskunft aus dem Sozialministerium bereits seit Jahren zahlreiche Maßnahmen zur Sicherstellung einer guten Qualität in der Langzeitpflege und zur Unterstützung pflegender Angehöriger gesetzt und Länder und Gemeinden dabei unterstützt, die wachsenden Kosten im Bereich der Betreuungs- und Pflegedienstleistungen abzudecken. „Als Ergebnis der Finanzausgleichsverhandlungen konnte Ende 2016 erfreulicherweise erreicht werden, dass der Pflegefonds nicht nur verlängert, sondern ab 2018 jährlich um 4,5 Prozent erhöht wird“, berichtet Sabine Schrank von der Abteilung Pflegevorsorge im Sozialministerium. Überdies würden zusätzlich für die Dauer der Finanzausgleichsperiode 2017 bis 2021 jährlich 18 Millionen Euro für die Erweiterung der Angebote in der Hospiz- und Palliativbetreuung zur Verfügung gestellt. „Durch dieses Verhandlungsergebnis kommt es im Vergleich zu 2016 in den nächsten Jahren zu einer Mehrausschüttung an Mitteln aus dem Pflegefonds in Höhe von über 250 Millionen.“

Schrank erklärt weiters, dass der Pflegefonds auch inhaltlich – etwa durch Maßnahmen zur Harmonisierung des Dienstleistungsangebotes in der Langzeitpflege – weiterentwickelt wurde, damit in stationären Pflegeeinrichtungen ausreichend Personal zur Verfügung steht und auch während der Nachtstunden zumindest eine qualifizierte Pflegefachkraft anwesend bzw. rasch verfügbar ist. Zudem seien in den letzten Jahren verschiedene Maßnahmen zur Unterstützung pflegender Angehöriger geschaffen worden, unter anderem Zuwendungen zu den Kosten für die Ersatzpflege, die Förderung der 24-Stunden-Betreuung, Modelle wie Pflegekarenz und Pflegeteilzeit sowie Familienhospizkarenz und Familienhospizteilzeit, das Pflegekarenzgeld, die Möglichkeit der kostenlosen Weiter- oder Selbstversicherung in der Pensionsversicherung oder auch Maßnahmen zur Qualitätssicherung in der häuslichen Pflege wie etwa die Hausbesuche auf Wunsch oder die Angehörigengespräche auf Wunsch.

Was noch geplant war

Ein vom ehemaligen Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter im Vorjahr vorgelegter Masterplan zum „Aufschwung für den ländlichen Raum“ sah für den Bereich Pflege und Betreuung unter anderem gemeindeübergreifende ambulante Pflegedienste, Fördermodelle für die bedarfsorientierte Unterstützung pflegender Angehöriger, ein frühzeitiges Screening auf Demenz, den Ausbau von Tagesbetreuungseinheiten in kleineren Einheiten, die Förderung innovativer Projekte oder die generationenübergreifende Gestaltung regionaler Lebensräume durch Gemeinden vor. Johannes Pflegerl sieht Grundgedanken dieses Plans in manchen Bereichen in Ansätzen verwirklicht. „Die Gemeinden beginnen zunehmend, über ihren eigenen Tellerrand hinauszuschauen und sich diesbezüglich wichtigen Themen auf regionaler Ebene zu nähern.“ Pflegerl berichtet in diesem Zusammenhang etwa von einem Projekt im Dunkelsteiner Wald, bei dem mehrere Gemeinden im Verbund unter partizipativer Einbeziehung der Zielgruppe ein Tageszentrum für Senioren planten.

Was gut läuft

Auch was betreubares Wohnen betrifft, sieht der Experte positive Veränderungsansätze, nicht zuletzt darin, dass Förderungen jetzt nur mehr sehr zielgerichtet und erst bei Zusammenarbeit mit gemeindenahen Diensten ausgeschüttet werden. „So steuert man Fehlentwicklungen entgegen, wie etwa jener, dass betreubares Wohnen nur als bauliche Angelegenheit gesehen wird, was in der Vergangenheit auch dazu geführt hat, dass oft nicht die erwünschte Zielgruppe in diesen Wohnformen landete, weil man ihre Bedürfnisse gar nicht kannte und berücksichtigen konnte oder weil man die Einheiten schlicht an den falschen Plätzen baute“, sagt Pflegerl. Und: „Es braucht einen möglichst frühen partizipativen Miteinbezug der Menschen, die diese Wohnformen benötigen. Schließlich sollen Wohnungen entstehen, in denen sich die Leute wohlfühlen und die im Zentrum und nicht an der Peripherie der Gemeinde liegen.“ So könne man zudem gleichzeitig dem Trend der Leerstände in den Ortskernen entgegenwirken und sie neu beleben, meint der Inklusionsforscher.

Grundsätzlich sei – so Pflegerl – ein auf die Zielgruppen zugehender Zugang bei allen Fragen, die Pflege auf dem Land betreffend, ungeheuer wichtig. Nur so könne man dann auch bedürfnisgerecht reagieren, und so sei etwa auch die Erkenntnis gewachsen, dass Pflegeheime ohne „Krankenhausimage“ auskommen sollten. „Auch in der letzten Lebensphase haben die Menschen Wünsche das Wohnen betreffend, und wir brauchen auch für sie kleinere Wohneinheiten, die bedürfnisgerecht und nutzerorientiert gestaltet sind.“ Hier sei einiges in Bewegung, und ein Umdenken finde statt, wenngleich langsam, so Pflegerl, der in der professionellen Pflegeversorgung ein ganz großes Zukunftsthema sieht.

Zukunftsfrage: Angehörigenunterstützung

Zukunft wird laut dem Experten auch die Frage der Angehörigenunterstützung haben. „Auch wenn heute niemand mehr davon ausgehen kann, dass die Frauen ungefragt die Pflegeaufgabe übernehmen, wird weiterhin viel innerhalb der Familie passieren, und pflegende Angehörige brauchen viel mehr Aufmerksamkeit, als ihnen bisher zugestanden wurde. Man muss sich ihre Bedürfnisse sehr genau anschauen und darauf eingehen, denn wir alle wissen, dass es bei mangelnder Unterstützung oft zu großen Überforderungen kommt, deren Auswirkungen dramatisch sein können und die im Übrigen oft auch Kosten entstehen lassen.“

Pflegerl plädiert außerdem für fließendere Übergänge in vielen Bereichen der Pflege älterer Menschen auf dem Land. Ein Beispiel dafür ist die Kurzzeitpflege, also die Möglichkeit, Menschen, die von ihren Angehörigen gepflegt werden, bis zu sechs Wochen pro Jahr, zum Beispiel während des Urlaubs, in bewilligten stationären Pflegeeinrichtungen in professionelle Pflege zu geben. „Das Angebot wird derzeit aus verschiedenen Gründen noch nicht so gut angenommen, und man wäre gut beraten, in dazwischenliegende Möglichkeiten zu investieren – etwa in Tagesbetreuungszentren.“

Generell empfiehlt Pflegerl eine Erweiterung der Angebotspalette und den Blick auf Dinge, die „dazwischen liegen“. Auch müsse man wegkommen von der weitverbreiteten negativen Sicht auf stationäre Betreuung und dabei das „und“ statt dem „oder“ denken, also flexible Möglichkeiten zwischen Pflegeheim und Pflege zu Hause. Als positiv bewertet Pflegerl etwa generationenübergreifende Wohnformen, und er glaubt an gemeinschaftliche Strukturen, die bei Bedarf von außen unterstützt werden. „Früher war gerade auf dem Land die Inanspruchnahme von Betreuungsdiensten sehr schambesetzt. Das beginnt sich langsam zu ändern, aber wir brauchen noch viel mehr Bewusstsein, dass es legitim ist, sich helfen zu lassen.“

Reagieren genügt nicht

Angesichts der Tatsache, dass unsere Gesellschaft eine alternde ist und dass es auch immer mehr Hochaltrige gibt, die oft lange bei guter Gesundheit fit bleiben und erst in der allerletzten Lebensphase Unterstützung bzw. Pflege benötigen, bräuchte es laut dem Inklusionsforscher eine intensive und vor allem offensive Auseinandersetzung mit dem Thema Pflege. „Zuwarten und dann reagieren wird bald nicht mehr genügen“, sagt Johannes Pflegerl, der auch für eine Aufwertung der Pflegeberufe plädiert und dafür, immer wieder die Bedarfe der alten und alt werdenden Menschen zu überprüfen. „Wir haben noch immer einen sehr defizitären Blick auf diese Lebensphase, und die Gesellschaft tut sich schwer, mit dem Alter umzugehen, aber wir müssen uns – rechtzeitig – mit Fragen der Gestaltung dieses Lebensabschnitts auseinandersetzen.“ Es brauche neue Formen des Lebens auf dem Land, man müsse sich rechtzeitig mit Themen wie Barrierefreiheit auseinandersetzen, leerstehende Häuser könnten saniert, bestehende Gemeinderessourcen genutzt werden, und bei all dem sei ein partizipativer Ansatz zu verfolgen. „In einzelnen Gemeinden nehme ich diesbezüglich schon Bereitschaft wahr, aber natürlich braucht es auch den politischen Willen, dafür ausreichend Geld in die Hand zu nehmen. Wir müssen aufhören, nur das eigene Leben, den eigenen Lebensraum und die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen. Auch da ist noch viel Luft nach oben.“

Literatur:
Kolland F et al (2016): Altwerden in Niederösterreich. Altersalmanach 2016. 


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  Ausgabe: 03-04/2018/59.JG
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