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Datum: Samstag, 23. Juni 2018

Artikel: Schaffler Verlag, ÖKZ: 59. JG (2018) 06-07 / Christian F. Freisleben

Bildinhalt: Symbolbild Rettungswagen

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Kranke Wagen

Wieviel Geld Rettungsorganisationen für ihre Dienste bekommen, ist regional sehr unterschiedlich, genug scheint es jedenfalls nie zu sein.

Der Slogan „Rettung für die Rettungsdienste nötig“ zieht sich durch die Schlagzeilen mindestens der letzten zehn Jahre1 , beklagt wird immer wieder eine unzureichende Finanzierung. „Jede österreichische Gemeinde ist gesetzlich dazu verpflichtet dafür zu sorgen, dass es in ihrem Einzugsgebiet einen Rettungsdienst gibt. Dafür wird ein Grundbeitrag, der umgangssprachliche Rettungseuro gezahlt, der sich an der Zahl der Einwohner orientiert“, erklärt Monika Stickler, Leiterin der Abteilung für Rettungsdienst beim Österreichischen Roten Kreuz. Finanziert werden so, wie der Jurist Michael Halmich, Vorstandsvorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Ethik und Recht in der Notfall- und Katastrophenmedizin, ergänzt, die Vorhaltekosten: also unter anderem der Bau von Gebäuden und die Anschaffung von Rettungswägen.

Kooperationen mit der Konkurrenz

Ein Grundproblem für Halmich ist dabei die große Schwankungsbreite: In manchen Gemeinden wird nur etwa ein Euro pro Kopf gezahlt, anderswo bis zu zwölf Euro. „Das hängt ganz stark vom Verhandlungsgeschick der Person vor Ort und den rechtlichen Rahmenbedingungen ab.“ Im Vorjahr wurde etwa in Niederösterreich der Betrag, den die Gemeinden beitragen, von maximal 4,80 Euro pro Einwohner und Jahr auf zwölf Euro erhöht. Dazu kommt, dass ein Wechsel etwa eines Bürgermeisters in Bezug auf die Partei, der dieser angehört, dazu führen kann, dass dem politisch nicht opportunen Rettungsdienstanbieter der Auftrag entzogen wird. „Es ist in Österreich also nicht möglich, Vergleiche zwischen verschiedenen Regionen zu ziehen“, erläutert Halmich. Damit seien auch eine langfristig ausgerichtete Planung und ein effizienter Einsatz der finanziellen Mittel schwierig bis unmöglich.

Wenn ein Patient transportiert wird, beteiligt sich an den Kosten auch der zuständige Sozialversicherungsträger. Damit können dann auch Gehälter für das nötige Personal bezahlt werden, Benzinkosten, Ausstattung usw. „Für einen kostendeckenden Rettungsdienst ist das zu wenig, dies ist seit Jahren bekannt – mehr oder weniger ausgeglichen wird das innerhalb der Rettungsorganisationen mit Querfinanzierungen aus anderen Bereichen oder aus Spenden“, analysiert Stickler. Selbst die Millionen Stunden, die Freiwillige einbringen, würden dieses Problem nicht lösen. In manchen Gemeinden kooperieren auch aus diesem Grund früher unerbittliche Konkurrenten: In Innsbruck gibt es seit November 2016 einen Rettungswagen, der gemeinsam von Arbeiter-Samariter-Bund, Johanniter Unfallhilfe, Malteser Hospitaldienst und Österreichischem Roten Kreuz betrieben wird. In Feldkirch in Vorarlberg teilen sich Samariterbund und das Rote Kreuz ein Gebäude. Dazu kommentiert Dieter Holzweber, Pressesprecher des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger: „Obwohl die Primärzuständigkeit bei den Ländern liegt, trägt die Sozialversicherung 48 Prozent der Gesamtkosten des österreichischen Rettungswesens – die Länder tragen 31 Prozent, die Gemeinden 13 Prozent. Die Gesamtkosten des Rettungswesens lagen 2016 bei ca. 500 Millionen Euro, davon trug die Sozialversicherung ca. 240 Millionen, die Länder ca. 150 Millionen und die Gemeinden ca. 70 Millionen Euro.“

Für die Qualität der Versorgung ein guter Schritt, für die Rettungsorganisationen eine wachsende Herausforderung, ist die zunehmende Etablierung von Schwerpunktzentren in Spitälern. Dadurch kommt es zuweilen zu weiten Anfahrtswegen, weil eben nicht mehr jedes Krankenhaus alle Leistungen anbietet. „Damit dauern die Fahrten länger, aber auch in diesen Zeiten muss ja ein Rettungsdienst gewährleistet sein – dies wirkt sich auf die Zahl der erforderlichen Fahrzeuge aus, die dann aber nur bedingt ständig genutzt werden“, so Stickler. Hier wäre, heißt es dazu aus dem Hauptverband, eine Optimierung des Entlassungsmanagements in Krankenanstalten anzudenken. Derzeit würden Patienten hauptsächlich um acht, zwölf und 16 Uhr entlassen, wodurch zu diesen Zeiten viele Fahrzeuge zur Verfügung stehen müssen, die die übrige Zeit weniger ausgelastet sind.

Kein Kostenersatz

Im Vorjahr wurde von der drohenden Entlassung von hauptberuflichen Mitarbeitern des Wiener Roten Kreuzes berichtet und ein runder Tisch dazu angekündigt. Weder gab es allerdings bislang Entlassungswellen noch eine Einigung bezüglich einer möglichen neuen Form der Finanzierung. Ein Mitarbeiter einer Rettungsorganisation, der anonym bleiben will, meint, dass solche Entwicklungen hausgemacht seien: So gibt es etwa in Wien einen privaten Anbieter für die Transporte von Patienten für den Weg vom Krankenhaus nach Hause oder ins Pflegeheim. Das sei verständlich, denn es würde letztlich wenig Sinn machen, einen voll ausgestatteten Rettungswagen für solche Zwecke einzusetzen, ein Argument, das auch aus dem Hauptverband zu hören ist. Dies sei eine Entwicklung, die jahrelang ignoriert wurde.

„Eine Schwierigkeit ist: Wenn ein Rettungswagen vor Ort ist und unsere Mitarbeiter feststellen, dass eigentlich gar kein Transport nötig bzw. sinnvoll ist, werden die anfallenden Kosten von niemandem übernommen“, zeigt Stickler auf. Zu überlegen sei daher, dass die Ersteinschätzung vor Ort von den Krankenkassen bezahlt werde. „Wie dies etwa in Teilen von Deutschland der Fall ist“, kommentiert Halmich. Und weiter: „Dazu kommt: Es macht große Unterschiede, ob eine Einsatzzentrale direkt beim Krankenhaus oder – wie oft am Land – davon weit entfernt ist. Auch für die Leerfahrten gibt es kein Geld, Kosten fallen trotzdem an.“ Die Sozialversicherung sei nicht für Planung oder Finanzierung des Rettungswesens zuständig, sagt Dieter Holzweber vom Hauptverband dazu, sondern leiste einen Kostenersatz für den Transport eines Versicherten unter bestimmten Bedingungen, etwa bei Gehunfähigkeit. „Nach geltender Rechtsprechung impliziert das Wort ‚Transport‘, dass sich der Patient an Bord befinden muss, demnach ist die Sozialversicherung nicht für Leerstrecken – Anfahrt/Rückfahrt – oder Belassungen – Behandlung vor Ort ohne Transport – zuständig.“

Monika Stickler weist auch darauf hin, dass immer mehr Rettungsfahrten Fälle betreffen, „in denen Patienten eigentlich gar nicht ins Krankenhaus müssten, sondern wesentlich effizienter im niedergelassenen Bereich betreut werden könnten“. Bekanntlich kündigte ja im April das Wiener AKH an, nur noch wirkliche Notfälle behandeln zu wollen und andere Patienten abzuweisen. Dazu der schon zuvor zitierte Mitarbeiter einer Rettungsorganisation: „Es wird immer frustrierender im Nachtdienst. Ein Beispiel: Jemand hat seit einer Woche Fieber und beschließt dann um zwei in der Nacht, doch die Rettung anzurufen.“ Auch Personen, die die Realität des stundenlangen Wartens in übervollen Ambulanzen erlebt haben, würden zu dieser Strategie greifen mit der Idee, dass sie dann als Notfall vorgereiht werden.

Inwieweit sich in Wien, Niederösterreich und Vorarlberg die neue „Gesundheitsnummer“ 1450 bewährt oder Änderungen bringt, kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht gesagt werden. Der Pilot läuft noch bis Ende des Jahres: Menschen, die unsicher sind, was sie bei einem bestimmten Gesundheitsproblem machen sollen, können dort ihre Beschwerden beschreiben und erhalten Rat bzw. Hinweise auf verschiedene Betreuungsangebote in der Region.

Verbesserungspotenzial sieht Stickler jedenfalls auch in einem anderen Bereich: „Wir wissen letztlich nicht, wie die Versorgung eines Patienten, den wir ins Krankenhaus gebracht haben, weitergeht und inwieweit die Ersteinschätzung von Sanitätern oder Notarzt vor Ort richtig war.“ Durch eine intensivere Kommunikation wären Weiterentwicklungen in der Qualität der Versorgung möglich. Weiterentwickeln würde sich so auch das Verständnis im intramuralen Bereich für die Arbeit der Rettungsorganisationen. Mehr Zusammenarbeit wäre auch mit Pflegeheimen wünschenswert: Oft würden Patienten ins Krankenhaus gebracht werden, wo es deutlich sinnvoller wäre, vor Ort Maßnahmen zu setzen, etwa im Sinn einer palliativen Betreuung, anstatt alle Register einer Notfallversorgung zu ziehen. Insgesamt zu intensivieren wäre eine Kooperation beim Entlassungsmanagement sowohl in Bezug auf die Vereinbarung von Transporten zurück an den Lebensort als auch in der Organisation mobiler Dienste.

Nicht immer ins Krankenhaus

Halmich geht noch einen Schritt weiter: „Warum muss die Rettung unbedingt immer ein Krankenhaus anfahren? Hier braucht es Alternativen: etwa Vereinbarungen mit den Primärversorgungszentren oder mit Pflege- und Betreuungseinrichtungen, die ein bestimmtes Kontingent an Betten freihalten, um Kurzzeitpflege in Pflegenotsituationen anbieten zu können.“ Kostenersatz von der Sozialversicherung gebe es schon jetzt für den Transport zum niedergelassenen Arzt, zu einer Primärversorgungseinrichtung oder einer Physiotherapie, sagt Hauptverbandssprecher Dieter Holzweber dazu.

Laut Halmich weiters zu überlegen seien Kooperationen mit Organisationen, die Menschen Unterstützung anbieten, die psychische Probleme haben oder eine Notschlafstelle brauchen. Wird der Rettungsdienst zu einem Betrunkenen entsendet, landet der oft auch im Krankenhaus – letztlich ein selten sinnvoller Ressourceneinsatz, der auch am Grundproblem der Person nichts ändert.

 

Literatur und Anmerkungen:

1APA (2018): Wo das Forschungs- das Datenschutzgesetz aussticht. Der Standard, 15.4.2018. Zugang: https://derstandard.at/2000077962946/Wo-das-Forschungs-das-Datenschutz-Gesetz-aussticht, Zugriff.: 10.5.2018.


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  Ausgabe: 06-07/2018/59.JG
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