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Datum: Donnerstag, 7. Juni 2018

Artikel: Schaffler Verlag, ÖKZ: 59. JG (2018) 5/ Dr. Michaela Endemann

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Knuspereffekt

Simulation in der medizinischen Lehre und Weiterbildung.

Das Prinzip der Simulation ist ebenso einfach wie bestechend: In einer möglichst realistisch gestalteten Umgebung, einer Notfallambulanz, einem OP oder einem Patientenzimmer, werden Aufgaben nachgestellt. Der Ablauf eines Simulationstrainings ist in den meisten Fällen dreigeteilt. In der ersten Phase, dem Briefing, erhalten die Probanden eine detaillierte Beschreibung der Aufgabe sowie Angaben zum Patienten und treten dann in die Situation ein. Es folgt die Durchführungsphase, in der Probleme gelöst werden, alleine oder im Team. Alles wird gefilmt, beobachtet, ja sogar direkte Anweisungen via Headset sind möglich. Die dritte Phase, das Debriefing, ist ein kritisch-reflektierendes Gespräch über das zuvor stattgefundene Szenario.

Training im Schockraum

„Jeder Handgriff muss sitzen. Durch regelmäßige Trainings werden Handlungsabläufe ständig geübt und optimiert“, sagt Christian Walleczek, Oberarzt in der Anästhesie, der als Bereichsleiter der Notfallmedizin auch dem Simulationszentrum am LKH Feldkirch vorsteht.

Der Ablauf in einem Schockraum ist im Rahmen international gültiger Protokolle geregelt. Darin wird unter anderem definiert, welche Untersuchungen bei welchem Verletzungsmuster angewendet werden müssen, wie z.B. sofortige Stabilisierung von Kreislauf und Atmung, gefolgt von klinischer und radiologischer Diagnostik mit den entsprechenden Hilfsmitteln wie Ultraschall, CT oder Röntgen. Alle diese Anforderungen werden am LKH Feldkirch in der Simulation nachgestellt. Bereits seit 13 Jahren werden immer wieder kritische Situationen geübt.

Hannes Lienhart, Oberarzt in der Abteilung für Anästhesie und Notfallmediziner, streicht die Wichtigkeit der Kommunikation unter den Berufsgruppen heraus: „Aus der langjährigen Fehlerforschung ist bekannt, dass ein Großteil der unerwünschten Ereignisse nicht etwa in Mängeln in der fachlichen – medizinischen oder pflegerischen – Kompetenz begründet ist, sondern auf menschliche Faktoren zurückzuführen ist. Daher ist es unerlässlich, diese nicht-medizinischen Fertigkeiten wie effiziente Kommunikationsstrategien in kritischen Situationen und zielgerichtete Teamkoordination regelmäßig zu trainieren.“ Derzeit finden Notfall-Trainings am LKH Feldkirch an zwei Tagen pro Monat statt. Eine Teilnahme ist für alle Mitarbeiter der Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin (Ärzte und Diplompflege) verpflichtend. Weiters ist geplant, die Simulationstrainings auf andere Landeskrankenhäuser Vorarlbergs auszuweiten. So fanden beispielsweise in den Monaten März und April bereits ganztägige Trainingseinheiten am LKH Hohenems statt.

Simulationslabors gibt es z.B. an der Medizinischen Universität Wien, dort auch für Babys, in Salzburg, in Tirol sowie im LKH Hochegg in Niederösterreich.

Ausgefeilte Operationstechnik-Simulation

Die Forschungsgruppe ReSSL (Research Group for Surgical Simulators Linz) der Fachhochschule Oberösterreich entwickelt chirurgische Simulatoren für unterschiedliche Anwendungen in der Orthopädie, Neurochirurgie, Radiologie oder Anästhesie. Bei diesen speziellen Simulatoren kommen Patientenphantome zum Einsatz, die in Bezug auf Haptik und Anatomie möglichst realistisch sein müssen, was etwa den Hautwiderstand, Muskeln oder Knochen anlangt. Andreas Schrempf ist Leiter der Forschungsgruppe: „Wird bei der sogenannten Epiduralanästhesie eine Nadel in einen kleinen Zwischenraum vor dem Rückenmark eingeführt, um dort ein Betäubungsmittel zu injizieren, dann erspüren die Mediziner, wenn das sogenannte ‚gelbe Band‘ durchstochen wird, das knapp vor dem Epiduralraum liegt.“ Das fühlt sich so an, als würde man auf Chips beißen – crispy – wie die Mediziner sagen, knuspernd. Möglich wird das in der Puppe durch eine spezielle Schaumstoff-Kunststoffmischung. Erweitert wird das Patientenphantom mit 3D-Computermodellen, echten Instrumenten sowie einer Videoaufzeichnung des Trainingsszenarios. „Zum Erwerben der notwendigen Fertigkeiten ist die Handhabung der echten Instrumente genauso wichtig wie die Möglichkeit, Fehler machen zu dürfen“, so Schrempf.

Sehr hightech, aber wirkungsvoll, ist die Möglichkeit, durch 3DTrackingsysteme die Position der Instrumente zu jedem Zeitpunkt genau zu bestimmen. „Dadurch kann z.B. ein simuliertes Röntgenbild in Echtzeit erzeugt und bildgeführte Interventionen können – ganz ohne Röntgenstrahlung – trainiert werden“, sagt Schrempf. Im Rahmen der aktuellen Forschungsarbeiten wurden Simulatoren für die Kyphoplastie und Vertebroplastie, die Epiduralanästhesie und die Entnahme eines Knochentransplantats aus der Schädeldecke entwickelt und validiert. Im Zuge eines neu eingereichten Forschungsprojekts soll an der FH Ober­österreich in Linz ein Innovations- und Ausbildungszentrum entstehen, wo gemeinsam mit den klinischen Partnern neue Ausbildungscurricula für Simulatoren entworfen, Aus- und Weiterbildungskurse durchgeführt und weitere Simulatoren entwickelt werden.

Von der Blue Box zur Hightech-Puppe

Der erste Flugsimulator wurde 1929 von Edwin Albert Link erfunden. Seine Blue Box wurde rasch zu einem nicht mehr verzichtbaren Teil der Ausbildung von Piloten und später auch Lokführern. Nach und nach interessierten sich auch Mediziner dafür. Die steigende Komplexität im Gesundheitswesen erfordert ein erhöhtes Maß an Kompetenzen von Ärzten wie Pflegepersonen. Um diesen Herausforderungen adäquat begegnen zu können, werden immer häufiger Simulationstrainings eingesetzt. Mittlerweile sind in fast allen großen medizinischen Einrichtungen Simulationslabors etabliert. Sogar private Firmen bieten mobile Trainings an und reisen von Klinik zu Klinik.

Simulationspuppen, auch Human Patient Simulator, Mannequins oder Patientenphantome genannt, sind lebensgroß und realen Patienten nachempfunden. Die ersten dieser Art wurden 1911 für den Einsatz in der Pflege gebaut. An Mrs. Chase konnten einfache pflegerische Aufgaben nachgestellt und trainiert werden. Mit Tommy (oder SIM Mag 3G) entstand etwas später eine Puppe, an der man Injektionen üben konnte, er konnte schwitzen und bluten. Mit Jennifer wurde die erste Puppe geschaffen, die ein Neugeborenes darstellte. In den 1960er-Jahren folgte Rescusi-Anne, an der die Mund-zu-Mund-Beatmung trainiert werden konnte. Moderne Hightech-Puppen sehen ebenfalls realistisch aus, haben Haare, Brillen und diverse austauschbare Module wie verschiedene Arten von Wunden, die man diagnostizieren und verbinden kann, oder Narben, wo Nähte und Klammern entfernt werden können. Es ist möglich, subkutane oder intramuskuläre Injektionen zu üben, einen Venflon zu setzen, aus dem Kunstblut herausquillt, oder einen Blasenverweilkatheter beim Mann oder bei der Frau, einen Einlauf sowie die Trachyostomapflege zu üben. Die Puppen können je nach Anforderung zahlreiche physiologische Körperfunktionen wie Bewegungen, Atmung, Kreislauf, Pupillenveränderungen oder Ausscheidung simulieren und Töne oder sogar Worte von sich geben. Es ist möglich, sie in einer Intensivstation an Überwachungsgeräte anzuschlie­ ßen und einen Notfall zu simulieren. Je nach Anforderungen werden von den Anbietern dieser Puppen laufend neue Funktionen hinzugefügt oder speziell für das Training angefertigt.

Neue Ausbildungen

Am FH-Campus Wien startete kürzlich das OP-Innovations-Center OPIC. Operationssaal und Intensivstation sind realistisch nachgebildet, wie z.B. die Rundumüberwachung der Simulationspuppen, die Lichtsituationen, die Anordnung von Geräten und Instrumenten bis hin zur Digitalisierung der Patientendaten.

An der FH Joanneum in Graz, Studiengang Gesundheits- und Krankenpflege, setzt man in der neu etablierten Pflegeausbildung ebenfalls auf ein ausgefeiltes Simulationstraining. In drei Skills-Labs, die realen Patientenzimmern nachempfunden sind, befinden sich jeweils fünf Betten und fünf Patientenpuppen. Alle Zimmer sind mit Audio- und Videotechnik ausgestattet und erlauben so, dass das Simulationstraining aufgezeichnet werden kann. Die Vermittlung der Inhalte findet in Vorlesungen und Skills-Trainings statt, welche in Simulationsszenarien vertieft werden. „Ziel des Simulationstrainings ist es unter anderem, den Studierenden einen sanften Übergang von Theorie zur Praxis zu ermöglichen“, erklärt Eva Mircic, Leiterin des neuen Studiums. „Es geht vor allem darum, dass die Studierenden vernetzt denken können, dass sie die Analysefähigkeit schärfen, sie gut reflektieren können und eine gute Handlungskompetenz erwerben.“ Die Komplexität der Szenarien steigt vom ersten bis zum sechsten Semester an. „Und am Ende des Studiums sind die diplomierten Pflegepersonen in der Lage, komplexe Situationen in der Praxis gut und konstruktiv zu lösen“, freut sich Mircic.


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  Ausgabe: 05/2018/59.JG
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