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Datum: Samstag, 19. Januar 2019

Artikel: Schaffler Verlag, ÖKZ: 59. JG (2018) 10 / Natascha-Elisabeth Denninger, Magdalena Fischil

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Kernkompetenz

Die Gesetzesnovelle aus dem Jahr 2016 hat zur Bildung und Etablierung einer neuen Berufsgruppe in der Pflege geführt. Wer soll nun zukünftig die Körperpflege der Patienten übernehmen?

Die Körperpflege stellt einen integralen Bestandteil und ein Grundbedürfnis im Leben jedes Menschen dar. Sie verleiht der Individualität Ausdruck, da währenddessen Vorlieben, Rituale und Gewohnheiten ausgelebt werden können. Eine nach dem eigenen Empfinden stimmige Körperpflege stützt und stärkt das Wohlbefinden und steigert die Lebensqualität. Ist das selbstständige Ausführen der Körperhygiene durch Defizite beeinflusst, benötigt es nicht selten die Übernahme durch andere Personen aus dem gewohnten Umfeld (z.B. aus der Familie) oder die professionelle Pflege. Wird die Körperpflege ganz oder teilweise durch die Pflegeperson übernommen, bedeutet das nicht nur die Übernahme einer manuellen Tätigkeit im Sinne einer Reinigung des Körpers. Sie bedeutet einen Eingriff in den ansonsten geschützten Bereich der Intimsphäre der Menschen. Damit verbunden ist zumeist ein mehr oder weniger ausgeprägtes Schamgefühl der Betroffenen, welches es durch eine entsprechende Haltung zu respektieren gilt.

Die Gesetzeslage zur Körperpflege durch Pflegepersonen

Die Unterstützung oder vollständige Übernahme der Körperpflege bei Patientinnen und Patienten gehört seit jeher intra- wie auch extramural zum Repertoire der Aufgaben in den Pflegeberufen. Gemäß dem Gesundheits- und Krankenpflegegesetz (GuKG) § 14 Abs. 1 Z. 1 zählt die Gesamtverantwortung im Pflegeprozess zu den Kernkompetenzen des gehobenen Dienstes für Gesundheits- und Krankenpflege.1 Klaus Müller, Professor für Pädagogische Aufgaben in der Pflege in Frankfurt, beschreibt die Kernaufgabe des pflegerischen Handelns als den komplexen Aufbau einer fürsorglichen Interaktion mit den zu pflegenden Menschen. Dies stellt die Grundlagen für Handlungen dar.2 Unter die Kernkompetenzen der Pflege fallen unter anderem die Erhebung des Pflegebedarfs, die Beurteilung der Pflegeabhängigkeit, die Beobachtung des Gesundheitszustandes sowie die Förderung und Unterstützung der Aktivitäten des täglichen Lebens. Zu den Aktivitäten des täglichen Lebens wiederum zählt auch die Körperpflege. Sie kann also, je nach Fachbereich, als zuweilen zentraler Punkt in der pflegerischen Versorgung angesehen werden.

Körperpflege als kulturelles Ritual

Neben Kenntnissen über Anatomie und (Patho-)Physiologie bei der Anwendung spezieller Techniken, gilt es stets den individuellen Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten so gut wie möglich zu begegnen. Darunter fällt auch die Beachtung kultureller Besonderheiten, die durch Migration von Menschen eine immer größere Bedeutung gewinnt. So zeigen sich in verschiedenen Glaubensgemeinschaften religiöse/kulturelle Unterschiede, die es im Sinne einer umfassenden Pflege zu berücksichtigen gilt.3 Im Krankenhaus treffen hier nicht selten die Gepflogenheiten des Stationsalltags mit den zuweilen seit Jahrzehnten bewährten ritualisierten Abläufen der Patientinnen und Patienten aufeinander.

Krankenbeobachtung und Aktivierung bei der Körperpflege

Das Spektrum der Unterstützungsmaßnahmen bei der Körperpflege ist weitreichend und, wie bereits erwähnt, maßgeblich vom Mobilitätsgrad abhängig. Mit am häufigsten ist die Unterstützung beim Waschen im Bett, welche hauptsächlich durchgeführt wird, wenn die Patientinnen und Patienten immobil sind oder im Rahmen therapeutischer Maßnahmen absolute Bettruhe einhalten müssen. Lässt es die Mobilität der Patientinnen und Patienten zu, ist es möglich, die Körperwäsche am Waschbecken durchzuführen, wobei teilmobile Patientinnen und Patienten zum Waschbecken begleitet werden und dort auf einem rutschfesten Sessel sitzen können.4 Eine rückläufige Art der Unterstützung der Körperpflege bildet das Vollbad, da dies im Krankenhaussetting nur unter bestimmten Umständen durchgeführt werden kann.4 Neben Ganzkörperwäsche und Teilwäsche gehören auch die Zahn- und Mundpflege, die Pflege der Haut, Haare, Bart und Nägel, genauso wie die Augen-, Ohren- und Nasenpflege zur Körperpflege.5

Wie bereits erwähnt, dient die Unterstützung bei der Körperpflege aus professionell pflegerischer Sicht nicht nur der Reinigung des Körpers. Im Rahmen der Körperpflege können für die Pflege auch essenzielle Informationen eingeholt werden, die für die Betreuung von Patientinnen und Patienten wichtig sind. Bei der Hautbeobachtung ist es möglich, verschiedene Indikatoren wie Hautfarbe, Temperatur, Oberfläche oder Hautturgor zu erfahren und auf diverse weiterführende Defizite wie Flüssigkeitshaushalt aufmerksam zu werden. Zudem lässt sich das Dekubitusrisiko von Patientinnen und Patienten einschätzen, woraus sich wesentliche Prophylaxemaßnahmen ableiten lassen.4 Auch bestehende Dekubitalulzera können im Rahmen der Körperpflege beobachtet und deren Heilungsverlauf bewertet werden.Selbstverständlich ist der Fokus der Krankenbeobachtung auch bei der Körperpflege nicht nur allein auf die Haut gerichtet. Die Beobachtung weiterer Parameter wie z.B. Schmerz, kognitiver Status sowie das allgemeine Befinden der Patientinnen und Patienten können in diesem Rahmen als essenziell für die Pflege gesehen und bewertet werden.

Die Körperpflege kann ebenso als ein Instrument der aktivierenden Pflege dienen und den Grad der Mobilität von Patientinnen und Patienten aufzeigen. Damit einhergehend kann täglich abgeschätzt werden, ob und in welchem Umfang die Hilfestellung dabei durch die professionelle Pflege noch nötig ist.4 Dita Schmidt hält dazu fest, dass die Körperpflege neben Patientenbeobachtung auch ein Aspekt der Kommunikation ist, der oftmals als nebensächlich betrachtet wird.6 Britta Zander vom Bereich Management im Gesundheitswesen der TU Berlin und ihr Team konstatieren, dass durch fehlende Zeit für Gespräche die Gefahr bestehen kann, Zeichen oder Symptome von Komplikationen nicht rechtzeitig zu bemerken.7 Auch in diesem Punkt ist die Unterstützung bei der Körperpflege ein nicht zu unterschätzender wertvoller Faktor.

Übernahme der Körperpflege als Zeitfaktor in der Pflege

Je nach den körperlichen oder kognitiven Einschränkungen sind die Patientinnen und Patienten entweder in der Lage, die Körperpflege allein oder mit Unterstützung der Pflegeperson im Bett oder am Waschbecken durchzuführen. Die Körperpflege erscheint, vor allem bei steigendem Hilfebedarf der Patientinnen und Patienten, in der täglichen Arbeit der Pflege als zeitintensiv und damit zuweilen als Ballast. Die Gesetzesnovelle aus dem Jahr 2016 hat zur Bildung und Etablierung einer neuen Berufsgruppe in der Pflege geführt: der Pflegefachassistenz. Die Kompetenz der Pflegefachassistenz liegt unter anderem auch in der „(...) eigenverantwortliche[n] Durchführung der ihnen von Angehörigen des gehobenen Dienstes für Gesundheits- und Krankenpflege oder Ärzten übertragenen Aufgaben der Pflegeassistenz gemäß § 83 Abs. 2 und 4 (...)“.8 Durch die Pflegeplanung, die in der Verantwortung der diplomierten Pflegepersonen liegt, können einzelne pflegerelevante Aufgaben und Prozesse in der Versorgung von Patientinnen und Patienten an die Pflegefachassistenz übertragen werden. Somit kann die Pflegefachassistenz auch die Durchführung der Körperpflege eigenverantwortlich übernehmen. Dabei ist jedoch zu beachten, dass, wie bereits dargestellt, die Körperpflege ein nicht unwichtiger Faktor in der Krankenbeobachtung ist, die Körperpflege an sich also nicht allein im Vordergrund steht. Es ist daher eine fortlaufende Absprache und Dokumentation innerhalb des Pflegeteams bedeutsam und es ist ratsam, dass bei Patientinnen und Patienten mit multiplen Erkrankungen oder Pflegediagnosen wegen der Möglichkeit einer komplexen Beobachtung die Körperpflege von diplomierten Pflegenden durchgeführt wird.

Ausblick

Die Körperpflege spielt, je nach Fachbereich, eine wichtige und komplexe Rolle in der pflegerischen Versorgung von Patientinnen und Patienten im intra- und extramuralen Bereich. Sie sollte, vor allem bei komplexen Erkrankungen oder Pflegediagnosen, auch weiterhin als Kernkompetenz der diplomierten Pflegepersonen gesehen werden, da dabei wichtige pflegerische Informationen mittels Beobachtung, Einschätzung und Kommunikation in Erfahrung gebracht werden können. Dieser Artikel wurde in Zusammenarbeit mit den Journal-ClubMitgliedern des Uniklinikums Salzburg – LKH verfasst: Tobias Bacher, Lisa Ebner, Markus Forsthuber, Cornelia Haas, Anna Kogler, Bernhard Ruetz, Simone Saringer-Siegl, Bettina Seggl und Sophia Simon.  

Literatur:
1Gesundheits- und Krankenpflegegesetz (GuKG) (2016): BGBl. I Nr. 108/1997 i.d.F. BGBl. I Nr.131/2017. Zugang: www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung/Bundesnormen/10011026/ GuKG%2c% 20Fassung%20vom%2026.05.2018.pdf, Zugriff: 26.5.2018.

2 Müller K (2017): „Nursing Staff is here for your safety!“ Strategien professioneller Sorge als zentrales Konzept beruflicher Pflege. Pflegewissenschaft, 19: 573-578. DOI: 10.3936/1544.
3 Schewior-Popp S et al (2012): Thiemes Pflege. 12. überarbeitete und erweiterte Auflage. Thieme Verlag, Stuttgart, 284-313.
4 Seibt W (2015): I Care Pflege. Georg Thieme Verlag, Stuttgart.
5 Bartoszek G et al (2014): Körperpflege. Elsevier Urban & Fischer, München.
6 Schmidt D (2016): Was bei der Grundpflege zu beachten ist. Zugang: https://www. bibliomed-pflege.de/zeitschriften/artikeldetailseite-ohne-heftzuweisung/29551-was-beider-grundpflege-zu-beachten-ist/, Zugriff 26.5.2018
7 Zander B et al (2015): Implizite Rationierung von Pflegeleistungen in deutschen Akutkrankenhäusern – Ergebnisse der internationalen Pflegestudie RN4Cast. Gesundheitswesen, 76: 727-734. DOI: 10.1055/s-0033-1364016. 8 Weiss S et al (2017): GuKG. Gesundheits- und Krankenpflegegesetz (8., überarb. u. akt. Aufl.). Manz Verlag, Wien (S. 367).


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