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Datum: Dienstag, 27. Mai 2014

Artikel: Schaffler Verlag, ÖKZ EXTRA: 55.JG (2014) IT&Prozesse / Christian F. Freisleben-Teutscher

Bildinhalt: Erst seit drei Jahren spielt es keine Rolle mehr, wie groß eine zu speichernde Datei ist

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IT ist überall

Ein Krankenhaus ohne elektronische Datenverarbeitung ist heute undenkbar

Vom Ernährungstagebuch über die Dienstplanung bis zur Simulation implantologischer Eingriffe in der Kieferchirurgie: Ein Krankenhaus ohne elektronische Datenverarbeitung ist heute undenkbar.
Begonnen hat Norbert Schnetzer als Krankenpfleger vor 30 Jahren, heute ist er Pflegedirektor im LKH Rankweil. „Damals gab es IT höchstens in der Buchhaltung.“ Kommunikation zwischen den Stationen konnte zu einem vielfachen Versuch und Irrtum werden: Es stand dafür einzig und allein ein Telefon mit einer Außenglocke am Gang zur Verfügung. Diese wurde von jemandem gehört – oder auch nicht. Und es waren natürlich Apparate mit Wählscheibe, aufzuzeichnen dass oder gar wer angerufen hatte, war völlig unmöglich. Nach einigen Jahren begannen ganz langsam PCs die Schreibmaschinen zu ersetzen, auf denen bis dahin mit dreifachen Durchschlägen gearbeitet wurde. Auch Dienstpläne waren auf der Schreibmaschine getippt worden. „Daneben lag der Taschenrechner, und eine Dienstplanbesprechung bestand oft zu einem Großteil darin, aufgetretenen Rechen- oder Tippfehlern auf die Spur zu kommen“, erinnert sich Schnetzer. Im Sekretariat gab es dann Schreibmaschinen mit einem kleinen Display, auf dem jeweils eine Zeile sichtbar war. 1993 bekam Schnetzer als Bereichsleiter einen eigenen PC. „Die Geräte können in keiner Weise mit der Technik von heute verglichen werden. Es gab zwar ein Programm mit Tabellen und Berechnungsfunktionen. Aber nicht nur einmal stürzte der Computer bei komplexeren Berechnungen einfach ab.“ Und im Sekretariat waren PCs lange nicht mehr als etwas ausgereiftere Schreibmaschinen, die völlig unterschiedlich intensiv genutzt wurden. Eigentlich, so ergänzt Schnetzer, sei es erst seit etwa drei Jahren so, dass es inzwischen keine Rolle mehr spielt, wie groß eine zu speichernde Datei ist. Der Kampf um Speicherplatz steht nicht mehr auf der Tagesordnung. Einen gewissen Nachholbedarf gibt es noch bei den Datenleitungen, hier gelte es teils noch z. B. Glasfaserlösungen zu installieren. Nächste Schritte waren dann Lösungen für das Bestellwesen von Medikamenten und Einmalartikeln. Ende der 90er-Jahre wurden die ersten Tools zur Erstellung eines Dienstplans erstellt.

Skeptische Mitarbeiter

Es gab und gibt laut Schnetzer immer Mitarbeiter, die allen Änderungen im Bereich der IT sehr skeptisch gegenüberstanden. „Man muss schon sagen, dass die unglaubliche Vielfalt, die etwa ein Tabellenkalkulationsprogramm heute aufweist, meist nur zu einem Bruchteil genutzt wird und es kaum jemanden im Haus gibt, der überhaupt über alle Funktionen Bescheid wüsste.“ Zur Vision eines papierlosen Spitals kann Schnetzer nur grinsen: „Der Drucker, der neben dem PC steht, verlockt ja dazu, dass sehr viel ausgedruckt wird.“ Wurden früher von bestimmten Gesetzesbestimmungen maximal drei Ausgaben angekauft und in den Büros von Führungskräften abgelegt, haben heute so gut wie alle Zugriff auf die entsprechenden Dokumente und drucken diese auch oft aus. Verstärkt würde dieser Effekt ebenso durch nach wie vor intensiv genutzte Kopierer. Die Papierberge sind also stark angewachsen. Die Kommunikation mit anderen Berufsgruppen oder Bereichen im Spital hat sich jedenfalls deutlich verbessert. „Die Möglichkeit von E-Mail sowie Intranet bringt sehr unmittelbare Kommunikations- und Kooperationsmöglichkeiten, auch ein Konsilium lässt sich viel leichter umsetzen“, ist Schnetzer froh über diese Optionen. „Viel einfacher ist zudem die Kommunikation mit niedergelassenen Ärzten oder auch Institutionen wie Kranken­kassen und Regierungsstellen geworden.“ Die Terminverwaltung, wie sie heute umgesetzt wird, wäre vor 20 Jahren noch so überhaupt nicht machbar gewesen. Schnetzer ist sich sicher, dass „auch wenn immer wieder gejammert wird, wir doch aufgrund der Möglichkeiten der IT mehr Zeit für die Arbeit mit und am Patienten haben, für die Kommunikation mit Angehörigen oder eben auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit.

IT an allen Ecken und Enden

In einem mittelgroßen Spital sind über 300 unterschiedliche Programme im Einsatz”, erklärt Peter Sagmeister, IT-Leiter der Vorarlberger Krankenhaus Betriebsgesellschaft, also u. a. Software für:

  • die Unterstützung der Sicherheits- und Qualitätsanforderungen bei der Zytostatika-Herstellung.
  • das Beschwerdemanagement: Damit wird die Erfassung, Bearbeitung und Auswertung der Patientenbeschwerden unterstützt.
  • die anonyme Erfassung der Beinahe-Probleme im täglichen Arbeitsalltag. Die daraufhin erarbeiteten Lösungen können wieder allen Mitarbeitern zur Verfügung gestellt werden.
  • die Zeiterfassung und Dienstplanung. Sowohl im ärztlichen als auch im pflegerischen Bereich müssen die verschiedenen Dienste geplant und abgerechnet werden.
  • die Erstellung eines Ernährungstagebuchs bei Diäten von Patienten, mit Ernährungsprotokoll und Nährwerttabelle.

Weiters gibt es viele Spezialprogramme als Erweiterung der KIS(Krankenhaus-Informations-System)-Funktionalität und Unterstützung der medizinischen Behandlung, also u. a. Software:

  • zur Simulation von implantologischen Eingriffen in der Kieferchirurgie
  • als Planungsprogramm zur Vorbereitung einer radioonkologischen Bestrahlung.
  • zur Organisation des Kinderwunschzentrums und lückenlosen Dokumentation sämtlicher notwendiger Informationen zur Begleitung der Patienten.

Die KIS sind meist nicht nur auf ein Spital beschränkt. „Wie in anderen Bundesländern sind unsere Krankenhäuser längst vernetzt, auch mit extramuralen Gesundheitsdienstleistern. Es ist aber keine Frage, dass sich einige größere Veränderungen ergeben werden, wenn ELGA tatsächlich kommt“, sagt Sagmeister. So würden sich Ärzte einen neuen Stil beim Diktat angewöhnen müssen. Gefordert seien künftig sehr klare Strukturierungen, die anhand einer Checkliste durchgegangen werden müssen. Diktate sind übrigens längst ebenso digital: Ärzte nehmen mit entsprechenden Geräten Audiodaten auf, die „sozusagen als Sprechblasen Teil der Krankenakte sind und von administrativen Kräften dann transkribiert werden“, so Sagmeister.

Menüauswahl per IT

Ein Teil des KIS ist ein Dokumentenmanagementsystem, das auch verschiedenste Mustervorlagen für Briefe, Besprechungsprotokolle oder Bestellungen enthält. „Weiters sorgen wir dafür, dass alle Geräte angefangen vom EKG bis zum MRT Daten produzieren, die sofort Teile der Krankenakte werden und von dort bei Bedarf wieder ausgelesen werden können. In den Vorarlberger Spitälern in Ausrollung ist weiters ein System, das die lückenlos erfasst, wann Patienten Medikamente bekommen haben.“ Auch beim Essen geht kaum noch etwas ohne EDV-Hilfe: Schon die Menüauswahl der Patienten wird in der EDV erfasst und sofort an die Küche weitergeleitet. Dort sieht dann der Küchenchef, welche von den zwei oder drei Menüs wie oft und von welchen Stationen bestellt werden. In der Landesklinik gibt es auch ein führerloses Transportsystem, mit dem das Essen auf die Stationen gebracht wird. Ein spezielles Softwareprogramm sorgt dafür, dass die Fahrrouten der Transportfahrzeuge optimiert und ständig überwacht werden. EDV ist inzwischen auch nicht mehr aus der Haustechnik wegzudenken: Lüftung, Klimaanlage, automatisierte Fenster oder Beschattungssysteme, Heizung und Warmwasser, Lichtsteuerung, Aufzüge ... „Primär zuständig sind hier die Kollegen von der Haustechnik, aber wir werden immer wieder hinzugezogen, etwa wenn es komplexere Probleme gibt oder gemeinsam über energieeffiziente Weiterentwicklungen nachgedacht wird.

IT-Abteilung als Dolmetscher

Immer wieder muss für spezielle Anforderungen im Spital Software von außen zugekauft werden. „Dabei ist wichtig, schon bei der Ausschreibung daran zu denken, wie diese mit Krankenhaussystemen kommunizieren kann“, betont Sagmeister. Allerdings kann die Software theoretisch schon vor dem Einsatz die spezifische „Sprache“ des Krankenhausträgers oder auch in Richtung ELGA-Kompa­ti­bilität lernen – also etwa in Bezug auf bestimmte Formulierungen, Formate und Formularfelder, mit denen Daten erhoben werden. „In vielen Fällen sind wir quasi die Dolmetscher, die eine Verbindung zwischen einer Fremdsoftware und jener im Spital sicherstellen müssen. Manchmal ist es nötig, eigene Softwarepakete zu programmieren, die dazwischengeschaltet werden.“ Ein einfaches Beispiel: Steht in einer Tabelle der Wert 1, kann das System diesen Wert als Zahl erkennen, oder dass er für Ja oder Nein steht oder für eine völlig andere Bedeutung, von der dann wieder viele folgende Datenverarbeitungsschritte abhängen.

Sichere Daten?

In einem Spital wird mit hochsensiblen Daten gearbeitet, umso wichtiger ist das Thema des Umgangs damit. „Wir waren auch schon von Hackerangriffen von außen betroffen und hatten Virenprobleme, zum Glück ohne schwerwiegende Folgen“, sagt Sagmeister. Probleme sind häufiger hausgemacht, also etwa wenn Mitarbeiter USB-Sticks mitbringen, an einen der Computerterminals anschließen und dabei einen Virus oder eine Malware (schädliches Computerprogramm) mit überspielen. „Wir haben dann aufgrund eines Vorfalls bei allen PCs den Zugang via USB unterbunden – dies löste allerdings heftige Proteste aus und wir nahmen das wieder zurück.“ Sagmeister und sein Team achten darauf, dass auf den PCs immer die aktuellsten Virenschutzprogramme installiert bzw. die vorhandenen Soft­ware­versionen auf dem neuesten Stand sind. Kein Thema im Spital ist jedenfalls aus Sicherheitsgründen „bring your own device“, also das Arbeiten mit privaten Smartphones, Tablets, Laptops, mit denen via WLAN auf in Spitals-EDV-Systemen gespeicherte Daten zugegriffen wird. Schnetzer weist beim Thema Datensicherheit darauf hin, „dass ich mich oft persönlich dorthin begeben musste, wenn ich früher eine Information über einen Patienten brauchte, der zuvor auf einer anderen Station behandelt wurde“. Wer Zugriff auf die Patientenakten nahm, musste dies auch begründen, oder diese waren im Höchstfall auf dem Bauch des Patienten im Spital unterwegs. „Keine Frage: Dass Daten zu Vorerkrankungen, diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen auf Mausklick verfügbar sind, macht die Arbeit oft viel einfacher und schneller“, meint Schnetzer. Gleichzeitig hätten nun theoretisch deutlich mehr Personen Zugriff auf die Daten – „es braucht also sehr gute Konzepte, um die Datensicherheit zu gewährleisten“.

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