medianet ÖAZ Philips QUALITAS ÖKZ MedAustron

Datum: Sonntag, 14. Oktober 2018

Artikel: Schaffler Verlag, ÖKZ: 59. JG (2018) 10 / Lisa Wölfl

Bildinhalt: Symbolbild

Bildrechte: ClipDealer / ktsdesign

Dieser Artikel wurde 60 mal gelesen.

HIV-Infektionen zu verhindern ist das Billigste

Das Gesundheitsministerium rühmt sich mit einer Vorreiterrolle, die Österreich angeblich bei der HIV-Prävention innehat. Die Wirklichkeit sieht anders aus.

„Natürlich kenne ich meinen Status, das ist in jeder Gesundenuntersuchung auch drinnen.“ Diese Worte richtete Gesundheitsministerin Beate Hartinger-Klein bei der Eröffnung des Life Balls 2018 an das Publikum. Ob es nicht eine Idee wäre, die Tests kostenlos auch ohne Risikoverdacht anzubieten, wollte die Moderatorin wissen. „Österreich war immer ein Vorreiter, was die Sozialversicherung betrifft und auch bei der Vorsorge ist es unseren Sozialversicherungen selbstverständlich, dass das auf Kosten der Allgemeinheit ist“, sagte Hartinger-Klein. Das hörte sich gut an. Bloß ist es nur die halbe Wahrheit. Dass die Gesundheitsministerin ihren Status kennt, ist zwar löblich, im Zuge einer Vorsorgeuntersuchung kann sie ihn jedoch nicht erfahren haben. Und die Sache mit der selbstverständlichen Gratis-Vorsorge stimmt auch nicht so ganz.

Die Zahlen der HIV-Infektionen der letzten Jahre stagnieren. Seit 2000 werden in Österreich zwischen 402 (2001) und 525 (2011) Neudiagnosen gestellt. 2017 waren es 5010. In Österreich trifft HIV weiterhin vor allem MSM – Männer, die Sex mit Männern haben –, Migrantinnen und Migranten aus Hochprävalenzländern, Sexarbeiterinnen und Menschen, die intravenös Drogen konsumieren. Auch neue Therapien schaffen es nicht, das Virus aus dem Körper gänzlich zu eliminieren, es kann allerdings bis unter die Nachweisgrenze verringert werden. Zudem überleben Infizierte wesentlich länger: Noch 1994 starben 40 von 100 Aidspatienten. Heute sind es weniger als fünf.

Sex und Spritzen

Um die betroffenen Gruppen besser betreuen zu können, wurde die AHIVCOS (Austrian HIV Cohort Study) ins Leben gerufen. Im Jahr 2017 erschien der 33. Bericht. Laut Schätzungen leben aktuell rund 8000 Menschen mit HIV in Österreich. Sie sind meist zwischen 30 und 40 Jahre alt. 71,1 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studie haben die österreichische Staatsbürgerschaft. 8,9 Prozent kommen aus Hochprävalenzländern und 16,6 aus Niedrigprävalenzländern außerhalb von Österreich. An der Studie teilgenommen haben nur Menschen, denen ihre Infektion bekannt ist. Das bedeutet auch, dass wir über die als Dunkelziffer zusammengefassten Infizierten kaum etwas wissen. Intravenöser Drogenkonsum war zwischen 2001 und 2017 die Ursache von 15,5 Prozent der Neuansteckungen (siehe AHIVCOS). Um Suchtkranke vor einer Ansteckung zu schützen, braucht es vor allem saubere Spritzen. Die bekommt man etwa bei der Suchthilfeeinrichtung jedmayr in Wien. An der flächendeckenden Versorgung hapert es allerdings.

Manche deutschen Städte gehen noch einen Schritt weiter und stellen ruhige Räume zur Verfügung, in denen sich die Süchtigen ihre Drogen spritzen dürfen. Dazu gibt es sauberes Besteck und Aufklärung. 2008, als Bundeskanzler Sebastian Kurz noch Landesobmann der Jungen Volkspartei war, forderte er einen Drogenkonsumraum in der Opernpassage am Wiener Karlsplatz. Davon ist allerdings schon lange keine Rede mehr.

Viel zu spät

Die überwältigende Mehrheit (77,9 Prozent) infiziert sich beim Sex mit HIV. Dabei haben sich seit 2000 36,3 Prozent der neudiagnostizierten HIV-Positiven bei einem heterosexuellen Kontakt angesteckt. Österreich hat ein Problem mit sogenannten „late presentern“, also Menschen, die erst Jahre nach der Infektion diagnostiziert werden. Laut AHIVCOS-Studie sind das 42,9 Prozent der Infizierten. Das HI-Virus hat dann oft schon irreparable Schäden hinterlassen. Weil in der LGBT-Community (der Gruppe von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender-Personen) das Bewusstsein für HIV höher ist, sind hetero-sexuelle Menschen besonders gefährdet, die Infektion lange zu übersehen. Außerdem trifft es Personen, die ursprünglich nicht aus Österreich kommen und Menschen über 50. 17,8 Prozent der Neudiagnosen gelten als „früh“ – sie erfolgen innerhalb weniger Monate nach der Infektion.

Das Risiko, sich bei Alltagskontakten, etwa am Arbeitsplatz, anzustecken, geht hingegen gegen Null, betont Wolfgang Wilhelm, Obmann der Aidshilfe Wien:

Das ist völlig ungefährlich, weil HIV ein sehr schwer übertragbares Virus ist. Sogar wenn eine Person HIV-positiv ist, geht von ihr hier keinerlei Gefahr aus. Alles andere ist Stigma.

Sparen an der falschen Stelle

Obwohl die Zahl der Neudiagnosen nicht sinkt, sondern ungefähr gleichbleibt, werden seit 2017 die Förderungen für Aidshilfen vom Bund gekürzt. Die sieben eigenständigen regionalen Vereine dienen als Anlaufstelle für Beratung und kostenlose HIV-Tests. 2017 waren noch rund 2,7 Millionen Euro dafür vorgesehen, 2018 und 2019 sind es nur noch rund 2,38 und 2,37 Millionen Euro. Der Obmann des Wiener Standorts, Wolfgang Wilhelm, sagt:

Mit mehr Geld könnten wir natürlich noch mehr tun. Es ist eben die Aufgabe der Politik, Schwerpunkte zu setzen und das Geld zuzuteilen. Wir mussten 2017 die Ärztestunden kürzen, können aber weiterhin gut und sinnvoll arbeiten.

Aidshilfen gibt es in jedem Bundesland, nur das Burgenland und Niederösterreich werden vom Wiener Standort mitversorgt, der wiederum von der Stadt Wien finanziell unterstützt wird, nicht aber von den beiden Ländern.

Infektionen verhindert man am besten damit, die schon infizierten Personen zu therapieren. Im Durchschnitt dauert es 3,8 Jahre, bis das Virus nach der Infektion erstmals diagnostiziert wird, berichtet Wilhelm. Deswegen würde er auch eine Implementierung von Aspekten sexueller Gesundheit und das Angebot von HIV-Tests in der Gesundenuntersuchung begrüßen. Der Leiter der HIV-Ambulanz am Wiener AKH, Armin Rieger, ist da anderer Meinung:

Den HIV-Test in die Gesundenuntersuchung einzubinden wäre sicherlich eine ineffiziente Methode, die HIV-Früherkennung in einem Niedrig-Prävalenzland wie Österreich zu verbessern“, sagt er, denn erfahrungsgemäß kommen zur Vorsorgeuntersuchung gesundheitsbewusste Menschen, „da würden die falschen getestet.

Seit Juli 2018 sind rezeptfrei HIV-Selbsttests in Apotheken für etwa 30 Euro erhältlich. Rieger sagt, man erhoffe sich davon hauptsächlich eine Reduktion der Spätdiagnosen bei Menschen mit Risikoverhalten.

Sicher wie ein Kondom

Ein Medikament, das präventiv das HIV-Infektionsrisiko um bis zu 99 Prozent senken kann, ist seit 2016 in Europa zugelassen. Die präexpositionelle Prophylaxe, kurz PrEP, ist für Menschen gedacht, die phasenweise einem hohen Risiko ausgesetzt sind. Jeden Tag eine Tablette und alle drei Monate zum Screening – so ist das Medikament laut Aids-Gesellschaft genauso sicher wie die Verhütung mit Kondom. Wer sich mit PrEP schützen möchte, muss die Tabletten allerdings selbst bezahlen. Das Original kostet bis zu 900 Euro pro Monat. Inzwischen sind allerdings Generika um rund 60 Euro erhältlich. Rieger berichtet:

Wir betreuen im Rahmen einer internationalen Studie am AKH 75 PrEP-Konsumenten. Die Aufnahme war sehr positiv, es gibt definitiv Interesse. Letztlich ist PrEP ein weiteres notwendiges Instrument der HIV-Prävention. Hier in Österreich ist es sehr schwierig, die Kosten einer präventiven medizinischen Leistung erstattet zu bekommen. Die PrEP ist ein Paradebeispiel.

Anders ist das in Ländern wie Frankreich und Norwegen, dort wird das präventive Medikament für Hochrisikopatienten kostenfrei abgegeben. Wolfgang Wilhelm betont, dass eine Vorsorge mit PrEP nur unter Umständen sinnvoll ist:

„Kondome sind billig, schaffen Sicherheit für beide Personen, haben keinerlei Nebenwirkungen und sind in jedem Supermarkt erhältlich. Außerdem schützen sie auch vor anderen sexuell übertragbaren Krankheiten. Da kann die PrEP nicht mithalten. Ich sehe die PrEP nicht als Alternative zum Kondom, sondern als Alternative zum ungeschützten Sex.“

Ebenfalls erst ein paar Jahre alt ist ein weiteres Instrument der Prävention: Die Postexpositionsprophylaxe, kurz PEP. Die Einnahme muss innerhalb von 24 Stunden des Risikokontakts beginnen und einen Monat lang erfolgen. Die dreißig Tabletten kosten rund 1000 Euro. Wenn es ein Übertragungsrisiko gibt, wird die Ärztin oder der Arzt mit HIV-Expertise ein Rezept ausstellen. Nur weil die PEP verschrieben wird, heißt das noch nicht, dass die Gebietskrankenkassen die Kosten dafür übernehmen. Rieger sagt:

„Wir haben mitbekommen, dass es teilweise Probleme gibt, die Kosten der PEP von der Krankenkasse erstattet zu bekommen. Diese Leistung stößt auf einen gewissen passiven Widerstand. Im Allgemeinen ist die Kostenübernahme aber gewährleistet.“

Zahlen zu bewilligten oder abgelehnten Kostenübernahmen für die PEP gibt es nicht, da dasselbe Medikament für eine PEP und für eine HIV-Therapie verwendet wird und die Bewilligungen zusammengezählt werden. Der Hauptverband der Sozialversicherungsträger hat zwar Leitlinien ausgearbeitet, die sind allerdings nicht verpflichtend. Empfohlen wird die Kostenübernahme bei Nadelstichverletzungen, Transfusion von infiziertem Blut, Verletzung mit einem HIV-infizierten Instrument und bei Vergewaltigung. Bei einem geplatzten Kondom solle eine einzelfallbezogene Prüfung erfolgen. Die Kosten der PEP soll selbst tragen, wer ungeschützten Geschlechtsverkehr hat.

Auf Nachfrage der ÖKZ antworten die Pressestellen der niederösterreichischen und steiermärkischen Gebietskrankenkasse, dass bisher keine Kostenübernahme für die PEP abgelehnt wurde. Aus Salzburg heißt es: „Die SGKK bezahlt eine Postexpositionsprophylaxe in Fällen, wo von Seiten des Betroffenen alles getan wurde, um eine Ansteckung zu verhindern [...]. Dabei handelt es sich um einige wenige Einzelfälle.“

Wolfgang Wilhelm von der Aidshilfe Wien findet es bedenklich, „dass bei vermeintlich vermeidbarem Verhalten die Kosten selbst zu bezahlen sind. Das eigene Verhalten wird zur Richtschnur gemacht.“ Zudem gibt es laut Wilhelm auch ein finanzielles Argument:

Die PEP kostet ungefähr gleich viel wie die HIV-Therapie. Doch die PEP wird einen Monat gegeben, die HIV-Therapie das restliche Leben. Wenn nur eine einzige Infektion verhindert wird, zahlen sich mindestens 300 PEPs schon aus. Infektionen zu verhindern ist das Billigste.

Autorin: Lisa Wölfl, Journalistin, Wiencontact@lisawoelfl.at

 

 


Bildinhalt: ÖKZ
  Ausgabe: 10/2018/59.JG
Bildrechte: Schaffler Verlag