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Datum: Mittwoch, 11. Juli 2018

Artikel: Schaffler Verlag, ÖKZ: 59. JG (2018) 5/ Christian F. Freisleben

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Heilsame Stimmung

Humor im Krankenhaus bedeutet nicht mehr oder weniger originelle Witze, sondern vielmehr eine positive Grundstimmung. Eindeutig ist: Ohne die passenden Rahmenbedingungen ist der Alltag eher trist.

Viel zu lachen gibt es im Krankenhausalltag normalerweise nicht, und wenn, dann sind die Lacher meistens kurz. Am ehesten ist Humor dann zu finden, wenn Clowns zu Besuch kommen und Patienten wie Belegschaft erheitern. „Der Begriff Humor weckt sehr viele unterschiedliche Erwartungen“, sagt Simone Sassenrath, in Wien tätige klinische und Gesundheitspsychologin sowie Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision. Empfehlenswert sei, sich intensiver mit diesem unscharfen und immer wieder missverstandenen Begriff auseinanderzusetzen. Humor hängt zunächst stark mit Kohärenz zusammen, also der Erkenntnis, dass das Leben nicht einem unbeeinflussbaren Schicksal unterworfen ist, dass es auch in Genesungsprozessen möglich, ja wichtig ist, mitzugestalten und mitzubestimmen. „Eine Humorintervention in diesem Zusammenhang kann etwa die Frage an einen Patienten sein, was ihm heute gelungen ist“, so Sassenrath; dieser wichtige Perspektivenwechsel funktioniere auch in der Teamkommunikation.

Kein Zufallsprodukt

Humor ist also nicht nur ein Zufallsprodukt oder ausschließlich von der Tagesverfassung der Agierenden abhängig. Ein erster Schritt kann eine Humoranamnese sein. Für Irina Falkenberg, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uniklinik in Marburg, könne die im Rahmen der Aufnahme Fragen beinhalten wie etwa: Wie wurde in der Herkunftsfamilie mit Humor umgegangen? Wann und wie kann der Patient oder die Patientin heute witzig sein? Was erleben Sie als humorvoll? Wo und wie haben Sie selbst schon jemand zum Lachen gebracht?1

Ursula Teurezbacher, Clini-Clownin und Trainerin rund um das Thema Humor, betont, dass es zudem die Auseinandersetzung mit der eigenen Humorbiographie braucht und „man sich bewusst werden muss, dass Humorkompetenz ein wesentlicher Teil sozialer Kompetenz ist“. Dabei geht es ebenso darum, sich mit Grenzen auseinanderzusetzen, den eigenen und jenen von Patienten: Nicht alle finden alles gleich lustig. Nicht für jeden ist etwa Galgenhumor in schwierigen Momenten eine hilfreiche Intervention.

Viele Patienten erleben sich im Krankenhaus als ausgeliefert, ihnen wird viel abgenommen, auch in Hinblick auf höchst intime Tätigkeiten wie Körperpflege oder der Gang zur Toilette. Gleichzeitig sind Patienten einem sehr strikten Stundenplan unterworfen mit genau geregelten Zeiten für einfach alles, was sich sonst selbst bestimmen lässt. In der Studie Heilsame Stimmung im Krankenhaus2 wird aufgrund von qualitativen Interviews betont, dass es weniger um – scheinbar – noch so originelle Witze geht, sondern um eine humorvolle Grundstimmung. „Das bedeutet wertschätzende Kommunikation, ein Lä­cheln, ein Zuzwinkern, ein freundliches ‚Willkommen‘ – sowohl gegenüber Patienten als auch im Team“, ergänzt Teurezbacher. Um solche scheinbar sehr kleinen Humor-Interventionen überhaupt bewusst wahrzunehmen, sie bewusst in Kommunikations- und Behandlungsroutinen zu integrieren, ist der dauernde Austausch über den Humor notwendig. Ein Instrument ist etwa ein gemeinsam geführtes Humortagebuch, in dem solche Erlebnisse festgehalten und immer wieder gemeinsam besprochen und weiterentwickelt werden. So wird dann für alle Beteiligten leichter erkennbar, was eine Person zum Lachen bringt – in Abgrenzung zu Situationen, wo sich jemand ausgelacht, nicht ernst genommen fühlt.

Die Wahl des geeigneten Zeitpunkts

Sassenrath empfiehlt Humorintervention immer wieder auch gut zu planen sowie zu reflektieren, mit Fragen wie: „Was will ich bewirken – möchte ich den Patienten aktivieren, ablenken, motivieren, zum Lachen bringen, besser in Kontakt mit ihm treten?“ Davon ausgehend wird dann die Humorintervention ausgewählt, die gleichzeitig zu den eigenen Vorlieben und Humorzugängen passt sowie zu jenen des Patienten. Zu überlegen ist manchmal auch das Setting für die Intervention bzw. die Wahl eines geeigneten Zeitpunkts. Der Medizinkabarettist Norbert Peter, der auch Seminare zu Humor im Krankenhaus gestaltet, ergänzt dazu, dass dieser gleichzeitig „sehr oft mitten im Alltag entsteht, ein Augenblick der genutzt werden will, auch mal ganz ohne Vorbereitung“. 

Für Sassenrath gehört dann auch eine Evaluation dazu: Was wurde wahrgenommen, welche Ziele wurden erreicht und welche nicht, was waren verbale und nonverbale Rückmeldungen des Patienten oder anwesender nahestehender Personen? Wie wurde die Intervention selbst erlebt?

Ein wesentlicher Aspekt, so betont Peter, ist ebenso Humor gemeinsam einzuüben. „So kann es etwa eine sehr heilsame Form des Lachens im Team sein, einander als herausfordernd erlebte Szenen in doppeltem Tempo vorzuspielen oder im Genre eines Westerns.“ Dieses szenische, improvisierende gemeinsame Forschen bringt auch ein intensiveres gegenseitiges Kennenlernen sowie eine Auseinandersetzung mit Routinen, die es anscheinend schon immer genauso und nicht anders gab und wo bei genauerem Hinsehen doch auch eine Chance besteht, ein wenig Humor einzubringen. „Gemeint sein können dabei Rituale im Team wie ein gemeinsames Frühstück, jemanden mit einer Blume zu überraschen, einen Kollegen auf dem Weg zu einer als schwierig erlebten Situation zu begleiten“, nennt Peter Beispiele.

Platz für Humor entsteht auch durch biographisches Arbeiten mit Patienten, wobei an der Humoranamnese, an konkreten Lebensstationen und Vorlieben angeknüpft werden kann.

Ein Humorteam

2005 wurde am Landesklinikum Scheibbs ein Humorteam gegründet, es besteht aus Pflegekräften aus verschiedenen Abteilungen und einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin. Für das Team werden jährlich Weiterbildungen organisiert, „und zwischendurch entwickeln die Mitglieder des Teams auch durch regelmäßigen Austausch ihre Humorkompetenz weiter“, berichtet Pflegedirektor Andreas Zeilinger. „Ein angepasster, wertschätzender Humor beim Umgang mit Patienten im Pflegealltag erleichtert schwierige Situationen sowohl für die Patientinnen und Patienten selbst als auch für die Pflegepersonen. Ganz nach dem Motto ‚ein Lächeln kostet nichts, bringt aber unglaublich viel‘, weil es die Stimmung aller Beteiligten hebt und eine positive Atmosphäre schafft.“ Humor hätte dabei weniger mit großen Aktionen zu tun, sondern brauche eine kontinuierliche Beschäftigung im tagtäglichen Miteinander, auch berufsgruppenübergreifend.

Die Mitglieder des Humorteams besuchen regelmäßig alle Bereiche des Klinikums, sowohl Patienten als auch Mitarbeiter, sie sprechen sie an und versuchen Freude in ihren Alltag zu bringen. Regelmäßig werden zudem verschiedene Aktionen des Humorteams im Haus angeboten. Dazu gehören auch der Einsatz von bunten Bildern mit lachenden Gesichtern, eine Humorecke und HumorSprüche.

Humorvolle Gegenstände

Eine Sammlung an Gegenständen anzulegen, die humorvolle Interventionen unterstützen können, ist ebenfalls hilfreich: „Nicht nur bei Kindern und Jugendlichen sehr beliebt sind Seifenblasen“, so Teurezbacher, weiters Pflaster mit verschiedensten Motiven und ungewöhnliche Kugelschreiber. Musikstücke, Filmausschnitte, verschiedenste Bilder, die Gespräche unterstützen oder die an gewissen Stellen in Sichtweite eines Patienten platziert werden können – all das kann unterstützend wirken. Das gilt auch für Gegenstände, die das eigene Outfit als Mediziner, Pflegekraft, Medizinisch Technische Assistenz aufwerten, also alles von Stickern mit verschiedenen Motiven und Sprüchen, über Anstecker, originelle Brillen bis hin zu kleinen und großen Spielfiguren, die dann ‚rein zufällig‘ aus der Tasche blinzeln. Und ja, es kann auch eine rote Nase dabei sein. Wichtig sind zudem Utensilien, um Räume zu schmücken.

Gut vor- sowie nachbereitete Besuche von Clini- oder RoteNasen-Clowns sind ebenso ein möglicher Baustein eines wohldurchdachten Gesamtkonzepts Humor im Krankenhaus. Vorbereitet heißt, dass Patienten von diesen Besuchen informiert werden und sie auch ablehnen können. Zudem sollten auch alle Mitarbeitenden nicht nur davon wissen, sondern von den Clown-Besuchen ebenso profitieren, etwa in Form von kleinen und großen Interventionen sowie von einem Gespräch zum Thema Humor in einem oft sehr herausfordernden Umfeld. Nachbereitung kann dann bedeuten, Impulse, die die Clowns gesetzt haben, aufzugreifen und weiterzuführen. 

 

Literatur:
1Falkenberg I, McGhee P, Wild B (2013): Humorfähigkeiten trainieren. Schattauer Verlag.
2Rheingold Institut & Stiftung „Humor hilft heilen“: Heilsame Stimmung im Krankenhaus.


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  Ausgabe: 05/2018/59.JG
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