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Datum: Samstag, 16. Juni 2018

Artikel: Schaffler Verlag, ÖKZ: 59. JG (2018) 5 /Erika Pichler

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Gewichtige Tatsachen

Dass Österreichs Kinder und Jugendliche immer dicker werden, geht aus zahlreichen Erhebungen der letzten Jahre hervor und wurde 2017 durch die europäische WHO-Studie bestätigt. Experten wünschen sich eine bundesweite Strategie für langfristige Prävention, aber auch kurzfristig greifende, koordinierte Maßnahmen in der Therapie. Die bestehenden Nationalen Aktionspläne haben bisher wenig gebracht.

Wenn die Ernährung und der ernährungsbedingte Gesundheitszustand von Österreichs Kindern und Jugendlichen erhoben werden, ist schon seit Jahren – ähnlich wie bei Studien im Bildungsbereich – nichts Gutes zu erwarten. Bereits der Nationale Aktionsplan Ernährung 20131 wies bei Schulkindern einen deutlichen Anstieg der Prävalenz vor allem von Übergewicht (bei etwa gleichbleibender Prävalenz von Adipositas) gegenüber 2008 aus. Diese steigende Tendenz setzte sich fort, wie jüngst die Ergebnisse der europäischen WHO-Studie zu Übergewicht und Adipositas bei Schulkindern Childhood Obesity Surveillance Initiative (COSI) zeigten, deren Ergebnisse Ende 2017 präsentiert wurden2.

Ergebnisse beunruhigend

Österreich nahm im Jahr 2016/17 erstmals an COSI teil. Wie die österreichischen Daten international einzuordnen sind, lässt sich laut Magdalena Arrouas, Leiterin der Sektion für Öffentliche Gesundheit und medizinische Angelegenheiten im Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz, noch nicht sagen, da die Daten des COSI-Ländervergleichs noch nicht veröffentlicht worden seien. Auch für sich genommen und ohne Ländervergleich sind die Ergebnisse jedoch beunruhigend.

Alarmierend sei nicht nur, so Arrouas, dass in Österreich unter achtjährigen Kindern jeder dritte Bub und circa jedes vierte Mädchen übergewichtig oder adipös seien, sondern dass sich dieser Trend auch im Erwachsenenalter fortsetze. So seien laut dem Österreichischen Ernährungsbericht 20173 21,9 Prozent der Frauen und 31,2 Prozent der Männer im Alter zwischen 19 und 25 Jahren übergewichtig oder adipös. „Folgen von kindlicher Adipositas zeigen sich bereits im frühen Erwachsenenalter. Dazu zählen zum Beispiel psychosoziale Belastungen (langfristige Folgen für Ausbildung, berufliche und persönliche Chancen), früherer Bedarf an präventiven und therapeutischen Interventionen/Investitionen, gehäuftes Auftreten von Typ-2-Diabetes und metabolischem Syndrom, erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre, muskuloskelettale und hepatobiliäre Erkrankungen sowie verschiedene Malignome.“

Doch was kann seitens der Politik getan werden, um von den zahlreichen Studienergebnissen und Befunden endlich in die Umsetzung zu kommen? Arrouas beantwortet die Frage mit Maßnahmen, die eine Mischung aus Verhaltens- und Verhältnisprävention darstellen. „Die Aktivitäten zur Förderung des Ernährungsverhaltens sind aufeinander abgestimmt und bauen aufeinander auf.“ Einerseits würden Informationsmaterialien und kostenlose Workshops (beispielsweise Richtig Essen von Anfang an!) zur Verfügung gestellt, andererseits werde daran gearbeitet, gesundheitsförderliche Verhältnisse zu schaffen. Aus diesem Grund sei 2017 die Österreichische Empfehlung für das Mittagessen im Kindergarten verabschiedet worden. „Sie zeigt, wie eine gesundheitsförderliche Mittagsverpflegung gelingen kann.“4 Zusätzlich dazu werde die Angebotsverbesserung an Schulbuffets mit den Kooperationspartnern in den Bundesländern und dem Bildungsministerium weiter verfolgt.

Information und Aufklärung

Die genannte Empfehlung ist als Mindestanforderung an das Mittagessen im Kindergarten zu verstehen. Sie definiert anhand von 20 Verpflegungstagen, welche Lebensmittelgruppen in welcher Häufigkeit angeboten werden sollen, und kann als Leitfaden etwa zur Erstellung von Speiseplänen verwendet werden. Derzeit wird zudem an einer Broschüre zur praktischen Umsetzung der Empfehlung gearbeitet.

Dennoch sind aus Arrouas’ Sicht Information und Aufklärung die ersten und wichtigen Schritte auf dem Weg zu einer besseren Ernährungssituation der Bevölkerung. Daher setze das Gesundheitsministerium besonders auf die Unterstützung von Eltern bei der Ernährung von Babys und Kindern. Das Programm Richtig Essen von Anfang an! biete Schwangeren und Familien mit kleinen Kindern kostenlose Ernährungsberatung und ein breites Angebot an Informationsmaterialien. Zusätzlich müssten Verhältnisse geschaffen werden, die die gesündere Wahl zur leichteren machten. Die Ist-Situation zeigt jedoch, dass derlei zweifellos bemühte Initiativen, Programme, Empfehlungen und Kann-Bestimmungen bei weitem nicht ausreichen.

Wunsch nach zentraler Koordination

Österreich sei zwar durchaus in den letzten Jahren einen konsequenten Weg gegangen und habe in vielem aufgeholt, etwa durch die Nationalen Aktionspläne Ernährung und Bewegung NAP.e und NAP.b., sagt Daniel Weghuber, der als Präsident der European Childhood Obesity Group die COSI-Austria-Studie geleitet hat. Gleiches gelte für die Länder, die sich des Themas angenommen hätten. Jedoch fehle es an der Gesamtkoordination.

Weghuber weiß als Vorstandsmitglied der Österreichischen Adipositasgesellschaft für den Bereich Pädiatrie und aus der praktischen Tätigkeit als Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde, wovon er spricht, wenn es um die Fehlgewichtigkeit der Jugend geht. Vor allem bei den sogenannten heißen Eisen, nämlich der Therapie krankhaft fettleibiger Kinder und der Verhältnisprävention von Adipositas in sozial schwachen Schichten, habe sich nicht viel getan.

Dabei zeigten Best-PracticeModelle wie in Finnland, wo es gelungen sei, die Adipositas bei den Zehnjährigen von 17 auf zehn Prozent zu senken, dass es durchaus möglich sei, durch Prävention etwas zu erreichen.5 „In Finnland wurden alle Entscheidungsträger in ein gemeinsames Konzept eingebunden. Es gibt dort einheitliche Ernährungs- und Verpflegungsstandards für Kindergärten und Schulen, die den ganzen Tag einschließen. Es wurden bauliche Maßnahmen gesetzt und vieles mehr“, sagt Weghuber.

Auch die Situation in Dänemark, von der er sich bei einem Kurzbesuch gerade ein Bild habe machen können, sei der österreichischen weit voraus. Dort setzten die Gemeindeversorgungszentren (vergleichbar Primärversorgungseinheiten, Anm.) bereits in 95 von 98 dänischen Kommunen Anti-Adipositas-Strategien um, die Hälfte davon bereits nach validierten Konzepten. In Ungarn wiederum sei man in der steuerlichen Behandlung von Lebensmitteln weiter als in Österreich. Während die Diskussion hierzulande um eine Zuckersteuer oder Fettsteuer zu kurz greife, gebe es dort eine Liste, die Lebensmittel insgesamt nach dem Kriterium der Nahrhaftigkeit reihe.6 Freilich seien die Ergebnisse der Evaluierung solcher Maßnahmen abzuwarten. Für Prävention brauche es – auch auf Beamtenebene – Kontinuität und Langfristigkeit und ein Konzept, das über Jahrzehnte gehe. Auch wenn dies bedeute, dass jene, die solche Konzepte ausarbeiteten, die Früchte nicht mehr ernten könnten, sei es wichtig, sich in puncto Prävention auf solch konsequente Knochenarbeit einzulassen. „Das Thema betrifft die Hälfte der Bevölkerung und darf daher nicht Schnellschüssen überlassen werden.“

Für nachhaltige Prävention brauche es jedoch nicht nur Geduld, sondern auch Abstimmung. „Aus meiner Sicht und auch aus der Sicht von Kollegen wäre es wünschenswert, dass die Entscheidungsträger in Österreich Adipositas-Prävention so ernst nehmen, dass sie auf Regierungsebene eine zentrale Stelle zur Koordination zwischen Ministerien einrichten; dass sich also hochrangige Fachbeamte sowohl mit der Umsetzung der vorliegenden Aktionspläne befassen als auch mit all den Präventionsmaßnahmen, die beispielsweise in Deutschland entstanden sind, das uns hier weit voraus ist.“ Daraus könne eine Art Zehn-Jahres-Plan entstehen, der sich grob an dem derzeitigen WHO-Papier und dem EU-Aktionsplan gegen KinderAdipositas orientieren sollte.

Leuchttürme in der Therapie

In der Therapie hingegen gelte es gerade wegen des hohen Grades an Betroffenheit der Bevölkerung sehr wohl, kurzfristig Strukturen und Leuchtturm-Projekte auf Schiene zu bringen, um zumindest die Kinder und Jugendlichen mit der höchsten Krankheitslast standardisiert behandeln zu können. Dies sei, um ein Bild zu verwenden, „die Spitze des Eisbergs“, sagt Weghuber. Für die Behandlung adipöser Kinder und Jugendlicher, bei denen bereits Folgeerkrankungen wie Fettleberkrankheit bis hin zur Zuckerkrankheit bestehen, seien in allen Bundesländern Adipositas-Zentren nötig, die generationenübergreifend agieren könnten, und gute ambulante Nachsorgestrukturen. 

Derzeit gestaltet sich die Versorgung fehlgewichtiger Kinder und Jugendlicher uneinheitlich. Laut dem vom Competence Center Integrierte Versorgung (CCIV) zusammen mit der Steiermärkischen Gebietskrankenkasse erstellten Bericht Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Fehlgewicht würden sich jedoch sieben bereits bestehende österreichische Therapieprogramme für eine österreichweite Ausrollung eignen.7

Nationale Best Practice

Zwei dieser Therapieprogramme, die in dem umfassenden Bericht als Best-Practice-Modelle für Gesamtösterreich genannt werden, sind das Salzburger Projekt In Form individuell sowie das Kärntner Projekt Down & Up.

Bei dem Salzburger Projekt handelt es sich um ein interdisziplinäres, langfristiges Therapieprogramm für adipöse Kinder und Jugendliche in Österreich. Das Betreuungskonzept baut auf den Säulen Ernährung, Bewegung und Verhalten auf. Das Projekt ist zertifiziert und auch bereits evaluiert. Es wird an den beiden Kinder- und Jugendabteilungen in Salzburg (Universitätsklinik am Landeskrankenhaus) und Schwarzach (Kardinal Schwarzenberg Klinikum) umgesetzt.

Die Evaluationsdaten zeigen unter anderem eine anhaltende signifikante Reduktion des Body-Mass-Index’, eine Verbesserung metabolischer kardiovaskulärer Risikofaktoren und eine Optimierung der Adipositas-spezifischen Lebensqualität. Wie aus einer Langzeitstudie ersichtlich wird, lassen sich durch das Programm auch Parameter für Komorbidität, wie zum Beispiel arterieller Blutdruck oder Zuckerstoffwechsel, verbessern. Die Betreuung gestaltet sich nach individuellen Bedürfnissen. Wenn beispielsweise während einer ambulanten Therapie ersichtlich wird, dass sie zu kurz greift, können weitere Elemente, wie etwa psychosoziale Betreuung oder auch die Überführung in ein stationäres Angebot, zugeschaltet werden. Auch bei der Reha ist laut Weghuber Flexibilität im Sinne einer Rückkehrmöglichkeit und Nachbetreuung Teil des Konzepts.

Interdisziplinärer Behandlungsansatz

So wie das Salzburger Projekt basiert auch das Kärntner Projekt Down & Up auf einem interdisziplinären Behandlungsansatz unter starker Einbindung der sozialen Bezugspersonen. Während der einjährigen Betreuung werden immer wieder auch die nahen Betreuungspersonen von Kindern und Jugendlichen einbezogen, etwa durch gesonderte Eltern-Kind-Angebote wie Familien-Wochenend-Aktionen. Alle Maßnahmen (ebenfalls in den Bereichen Bewegung, Ernährung und Verhaltenstherapie) sind darauf ausgelegt, die praktische Lebensführung und das seelische Wohlbefinden zu beeinflussen. Evaluationen des Körpergewichts und des Gesundheitsstatus’ der Kinder und Jugendlichen erfolgen zu Beginn, während und am Ende der Betreuung. Derzeit gibt es in Österreich jedoch keine auf Adipositas für Jugendliche spezialisierte Einrichtung. In sehr beschränktem Ausmaß können Jugendliche in deutsche Einrichtungen geschickt werden. Hier ist allerdings eine gut strukturierte österreichische Lösung notwendig: die Schaffung zumindest einer hochspezialisierten Einrichtung verbunden mit einem kohärenten ambulanten Nachsorgeprogramm. „Adipositas ist eine chronische Krankheit. Und dafür braucht es nachhaltige Versorgungsstrukturen“, betont Weghuber.

Adipositas ist mit hohen direkten und indirekten Kosten für das Gesundheitssystem in Milliardenhöhe verbunden.8 Dass sich die Investition in entsprechende Versorgungsstrukturen auch sozialökonomisch lohnen würde, zeigen neuere Rechenmodelle. „Jeder Euro, der in Prävention und Therapie von evidenzbasierten Adipositasprogrammen gesteckt wird, rechnet sich. Nicht sofort, aber langfristig.“

Ausbildung zum Adipositas-Trainer

Down & Up wird im CCIV-Bericht wohl auch deshalb unter den sieben zur Ausrollung empfohlenen Projekten herausgegriffen, weil im Rahmen dieser Initiative auch eine eigene Ausbildung zum Adipositastrainer für Kinder und Jugendliche etabliert wurde, die von der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde empfohlen wird. Die Ausbildung richtet sich an medizinisches Personal ebenso wie beispielsweise an Psychotherapeuten, Sportpädagogen, Ernährungsfachkräfte wie Diätologen. In 50 Unterrichtseinheiten (blockweise am Standort St. Veit an der Glan abgehalten) werden ganzheitliche Aspekte der Adipositastherapie und praktische Kompetenzen vermittelt. Da es auch in Salzburg ein ähnliches Konzept gibt, sollen laut Weghuber nun beide Ausbildungen in Kooperation mit der Österreichischen Adipositasgesellschaft zu einer zusammengeführt werden. Allerdings seien solche Initiativen nur dann sinnvoll, wenn es mittelfristig auch zu einer Koppelung von solchen Zertifizierungen mit der Finanzierung von Therapiestrukturen käme und nicht nur „zu einem Diplom, das man sich an die Wand hängen kann“.

„Die Uhr tickt“, sagt der Pädiater. „Wir haben es in der Hand, ob wir nachhaltig persönliches Leid und erhebliche sozioökonomische Kosten reduzieren wollen.“

 

Literatur und Anmerkungen:

1Zugang: https://www.bmgf.gv.at/cms/home/attachments/1/1/7/CH1047/ CMS1471773335591/nap.e_20130909.pdf. Zugriff: 12.4.2018
2 SPresseunterlage mit Zusammenfassung der Ergebnisse von COSI: Zugang: https://www.bmgf.gv.at/cms/home/attachments/3/8/4/CH1426/ CMS1389279419763/presseunterlage_eb_cosi.pdf. Zugriff: 12.4.2018
3 Seit 1998 werden alle fünf Jahre in Zusammenarbeit mit dem Department für Ernährungswissenschaften der Universität Wien Ernährungsberichte vorgelegt. Sie liefern unter anderem eine Übersicht über die Ernährungsgewohnheiten inklusive des AußerHaus-Verzehrs sowie über die Zufuhr an Nährstoffen und die Ernährungsversorgung in österreichischen Krankenhäusern.
4 Zugang: https://www.bmgf.gv.at/cms/home/attachments/5/0/3/CH1632/ CMS1512567396582/beitrag_iii_8_empfehlung_fuer_das_mittagessen_im_ kindergarten_final.pdf. Zugriff: 12.4.2018.
5 Hennessey R (2017): Pflege braucht kein Management. Das österreichische Gesundheitswesen – ÖKZ, Heft 12, S. 14.
6 Zugang: www.who.int/features/2015/finland-health-in-all-policies/en/. Zugriff: 12.4.2018.
7 Grieß B et al (2017): Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Fehlgewicht, Bericht des Competence Center Integrierte Versorgung, Steiermärkische Gebietskrankenkasse.
8 Zugang: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5644792/. Zugriff: 12.4.2018.


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  Ausgabe: 05/2018/59.JG
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