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Datum: Freitag, 2. März 2018

Artikel: Schaffler Verlag, ÖKZ: 59. JG (2018) 01-02 / Christian F. Freisleben

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Gewaltig

Übergriffe im Krankenhaus werden oft tabuisiert, sowohl wenn es um tätliche Aggressionen gegenüber Patienten geht, als auch, wenn Patienten das Personal angreifen. Wichtig sind Schulungen und strukturelle Maßnahmen.

Durch die Medien ging zuletzt das Verfahren gegen einen Pfleger in Deutschland, der in den Jahren 2003 bis 2005 90 schwerkranke Patienten in Krankenhäusern getötet haben soll. Pflege- und Volksanwaltschaften sind immer wieder mit Fällen von Übergriffen in Pflegeheimen beschäftigt. Solche Vorkommnisse sind die Ausnahme, das Thema der Gewalt gegenüber Patienten ist trotzdem ein Phä­nomen, zu dem eine intensivere Auseinandersetzung nötig ist:

Wichtig ist, Gewalt genauer zu definieren. In Krankenhäusern oder Pflegeheimen zählen dazu auch Vernachlässigung, Demü­ tigung oder der selektive Zugang zu medizinischen Leistungen wie Therapie und/oder Pflegemaßnahmen.1 Die Ursache dafür ist nicht immer nur in den handelnden Personen oder Personengruppen zu suchen, sondern ist ebenso in Rahmenbedingungen verortet: „Pflegebedürftige sind den strukturierten Tagesabläufen unterworfen, die häufig im Gegensatz zu den individuellen Bedürfnissen stehen. Strukturelle Gewalt zeigt sich aber auch in der mangelhaften Qualifizierung des Personals, einem unzureichenden Personalschlüssel, ungenügender Diagnostik oder dem zu wenig hinterfragten, strikten Vorziehen des Aspekts Sicherheit vor dem Aspekt Lebensqualität“, analysiert Jürgen Osterbrink, Vorstand des Instituts für Pflegewissenschaft und -praxis der Salzburger Paracelsus Universität, der zum Thema Gewalt in der Pflege vor drei Jahren ein Buch publiziert hat.2 „Zu betonen ist: Strukturelle Gewalt wird sowohl auf Pflegebedürftige als auch auf das Pflegepersonal ausgeübt.“

Gewalt gegen Patienten

In einer Studie des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung (DIP)3 berichtete nahezu ein Drittel der befragten Pflegepersonen (30,8%), dass sie innerhalb des letzten Jahres „eher häufig“ bis „sehr häufig“ wahrgenommen hatten, dass Pflegemaßnahmen auch gegen den Willen von Patienten oder Pflegebedürftigen umgesetzt wurden. Etwa die Hälfte der Befragten meinte, dass dies „eher selten“ bzw. „sehr selten“ vorkommt. Gewalt im Sinne von körperlichen Übergriffen beobachteten in dieser Studie zehn Prozent „eher häufig“. Etwa die Hälfte gibt an, dass sie dies „eher selten“ (18,9 %) bzw. „sehr selten“ (30,6 %) erleben, nahezu ein Viertel kann sich an keine solche Taten erinnern.

In der Studie ebenso angesprochen wird, dass es viel zu wenige Möglichkeiten gibt, über Gewalterfahrungen – auch solche, bei denen Personal im Krankenhaus selbst zum Opfer wurde – zu reflektieren, umfassendere Ursachenforschung zu betreiben. Insgesamt fühlen sich die Befragten sehr unsicher im Umgang mit Gewalt.

Vorbeugende Maßnahmen lassen sich, wie Osterbrink betont, in Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention unterteilen. Primärprävention meint, Gewalt und aggressives Verhalten im Vorfeld zu unterbinden, was im Zuge der Berufsausbildung eine größere Rolle spielen sollte. Bei der Sekundärprävention geht es um Deeskalation in akuten Gewaltsituationen, wobei das Ziel ist, Anzeichen für Gewalt zu erkennen und zu stoppen. Dazu gehören Krisenpläne ebenso wie im Team abgesprochene Vorgehensweisen. „Tertiärprävention beschäftigt sich mit der Nachbearbeitung von Geschehnissen“, so Osterbrink, und dies brauche gleichermaßen ein strukturiertes Vorgehen.

Gewalt gegen das Personal

In österreichischen Tageszeitungen fanden sich zuletzt mehrere Berichte über randalierende Patienten in der Notaufnahme etwa des Wiener Wilhelminenspitals, die laut wurden und Personal beflegelten, mit Gegenständen warfen oder andere an den Haaren zerrten. Daten aus Österreich zeigen, dass 80 Prozent der Mitarbeitenden in Krankenhäusern, Geriatriezentren und psychiatrischen Einrichtungen in den letzten zwölf Monaten verbalen Angriffen ausgesetzt und 60 Prozent mit körperlichen Attacken konfrontiert waren. Laut interner Aufzeichnungen kommt es in der Notaufnahme des Wilhelminenspitals jährlich zu etwa 120 gewalttätigen Handlungen, auf der Unfallambulanz sind es 100. Am Salzkammergutklinikum der gespag wurden ebenso Zahlen erhoben: Im Zeitraum von Mai bis Dezember 2017 gab es 100 Meldungen, 21 mit Verletzungsfolge und acht mit Polizeieinsatz. In der oben erwähnten DIP-Studie gaben 13 Prozent der Befragten an, innerhalb des letzten Jahres Opfer von Gewalt geworden zu sein.

Ursachen für gewalttätiges Verhalten gegenüber dem Personal sind zunächst oft Alkohol- oder Drogeneinfluss bei Patienten, einige Vorfälle ereignen sich auch, wenn nach einer Rauferei daran Beteiligte in dieselbe Ambulanz eingeliefert werden und dort nicht nur neuerlich auf ihren Kontrahenten, sondern auch auf Pflegekräfte und Ärzte losgehen. Eine weitere Ursache können psychotische Symptome sein, wobei die Gleichung psychische Krankheit = Neigung zur Gewalt keineswegs immer stimmt.

Günter Dorfmeister ist Pflegedirektor am Wilhelminenspital und beschäftigt sich mit dem Thema Gewalt schon sehr lange, auch in wissenschaftlichen Publikationen.4 Intensiver öffentlich thematisiert wurden Übergriffe von Patienten schon kurz nach der Jahrtausendwende. Neu angefacht wurde die öffentliche Diskussion darüber nicht nur durch die erwähnten vor Kurzem publik gewordenen Vorfälle, sondern auch durch Pläne, demnächst in der zentralen Notaufnahme am Wilhelminenspital als präventive Maßnahme Videoüberwachung zu installieren. Ähnliche Systeme gibt es bereits im Allgemeinen Krankenhaus und einigen anderen Krankenanstalten in Wien, diskutiert wird zudem über die Aufstockung von Mitarbeitenden der Security.

Veränderte Wahrnehmung

„Es lässt sich schon beobachten, dass sich in der Wahrnehmung und Akzeptanz der Bevölkerung von medizinischen und pflegerischen Leistungen etwas verändert hat“, so Dorfmeister. Die Wahrscheinlichkeit, dass Patienten auch wegen scheinbarer Kleinigkeiten lauter oder sogar tätlich werden, sei gestiegen, das sei wohl ein gesellschaftliches Phänomen. Das sieht Gabriele Aster, Pflegedirektorin am Salzkammergutklinikum, ähnlich: „Auch die Gewalt gegenüber Vertretern von Hilfsorganisationen nimmt zu, ein Grund, warum es in Bayern für Feuerwehr- und Rettungspersonal die Aktion Respekt … ja bitte gibt.“5 Inzwischen, so Aster, sei das Problem von mehreren Krankenhausträgern erkannt worden und es würden entsprechende Maßnahmen gesetzt. So gibt es am Wilhelminenspital etwa Deeskalationstrainings: „Pro Seminar sind es rund 25 Teilnehmer, rund fünf Seminare werden pro Jahr im Haus angeboten. Andere Häuser und die Fortbildungsakademie bieten ebenso diese Kurse, so entsteht ein guter Wissenstransfer und Austausch von Erfahrungen“, so Dorfmeister. „Zwei Drittel der Schulung ist Verhaltenstraining, verbale und nonverbale deeskalierende Kommunikation mit Theorie und Übungen. Ein kleiner Teil – etwa ein Drittel – besteht aus Übungen und Griffetraining, um sich selbst zu schützen und das Gegenüber trotz der Umstände nicht zu verletzen.“

Gewaltfreies Krankenhaus

Auch die gespag setzt ein Konzept zum Gewaltfreien Krankenhaus um. Aster sagt darüber: „Darin wird Gewalt aus allen Perspektiven beleuchtet, also sowohl gewalttätige Handlungen an oder von Patienten, wie auch Gewalt zwischen Mitarbeitenden.“ Geboten werden Informationsveranstaltungen für alle 2819 Beschäftigten im Haus, denn auch das Verwaltungspersonal (z.B. am Aufnahmeschalter) kann von Übergriffen betroffen sein. Weitere Bausteine des Konzeptes sind Führungskräfteschulungen sowie fünf- und dreitägige Deeskalationstrainings. „Wir haben bisher 126 Personen ausgebildet. Vorerst aus den exponierten Bereichen Psychiatrie, Akutaufnahme, Unfallambulanz, Kinderstation und Geburtshilfe. 2018 sind sieben Kurse pro Jahr mit jeweils 16 Personen geplant.“ Der inhaltliche Schwerunkt würde primär auf deeskalierendem Verhalten des Personals liegen. Weiters auf „kommunikationsgestützten Körperinterventionen, die sich von Selbstverteidigung abgrenzen, indem immer die Sicherheit der Betroffenen im Vordergrund steht“, beschreibt Aster. Ein Schwerpunkt des Projekts ist zudem professionelle Hilfestellung für die Betroffenen. Dieses Konzept soll schon heuer auf alle anderen Häuser der gespag ausgerollt werden. Ein vergleichbares Projekt gibt es am Krankenhaus St. Josef in Braunau schon seit 2013; ähnlich wie in der gespag geht es darin ebenso um gewaltvermeidende Kommunikation.

Doch es müssen auch die Ursachen für Gewalt analysiert werden, die durchaus mit Rahmenbedingungen wie langen Wartezeiten, Betreuung in Gangbetten, Gefühlen wie Hilflosigkeit und Angst zusammenhängen können. Dazu kommen suboptimale Kommunikation von Pflege, Medizin und Verwaltungspersonal mit Patienten. „Am wichtigsten ist die Sensibilisierung aller Beteiligten, um das Thema besprechbar zu machen“, meint Aster.

In öffentlichen Reaktionen auf die Pläne im Wilhelminenspital wurde als mögliche Ursache für Eskalationen oft auf die überlaufenen Ambulanzen hingewiesen. „Adäquate Rahmenbedingungen sind die Basis für qualitatives Arbeiten, keine Frage“, so Dorfmeister. Er verweist auf Maßnahmen wie das ManchesterTriagesystem, bei dem Patienten nicht nach dem Eintreffen, sondern nach Dringlichkeit der Behandlung eingeteilt werden. „Was auch stimmt: Ein großer Teil der Patienten, sicher bis zu zwei Drittel, die in die Notfallabteilungen kommen, könnten auch im niedergelassenen Bereich betreut werden, wenn es dort entsprechende Angebote gibt, wie etwa Primärversorgungszentren“, meint Dorfmeister, der sich ebenso Aufklärung der Bevölkerung wünscht, „nicht wegen jeder Bagatelle ins Spital zu laufen. Teils erscheine es so, als würden viele Menschen die Spitäler als All-inclusive-Angebot sehen, wo sie alles und das sofort zu jeder Tages- und Nachtzeit bekommen. Hilfreich könnten hier beispielsweise niederschwellige telefonische Auskunftsdienste sein, wie sie gerade erst in drei Bundesländern etabliert wurden. Ebenso wichtig seien angemessene Personalschlüssel sowie gut ausgestattete Wartezonen, in denen die Wartenden auch entsprechend informiert werden – dies würde durchaus zu einer umfassenden Gewaltprävention gehören.

Doch Dorfmeister sieht neben der Aufstockung von Sicherheitspersonal auch die Wichtigkeit von Videoüberwachung – „es gibt ja ausreichend Erfahrungen, u.a. mit Bodycams bei der Polizei, dass solche Vorkehrungen in sensiblen Bereichen wie Wartezonen von Notfallaufnahmen zur Deeskalation beitragen“. Für Osterbrink sollte jedenfalls das Sicherheitspersonal „als solches erkennbar sein, aber nicht in Kampfuniform auftreten, damit keine unnötigen Ängste und Aggressionen geschürt werden“.

Literatur:
1 Zentrum für Qualität in der Pflege (2017): Gewalt in der stationären Langzeitpflege. Zugang: https://www.zqp.de/wp-content/uploads/2017_06_13_ AnalyseGewaltStationaerePflege_vf.pdf. Zugriff: 22.1.2018.
2 Osterbrink J, Andratsch F (2015): Gewalt in der Pflege. Wie es dazu kommt. Wie man sie erkennt. Was wir dagegen tun können. Beck München.
3 Weidner F, Tucman D, Jacobs P (2017): Gewalt in der Pflege. Erfahrungen und Einschätzungen von Pflegefachpersonen und Schülern der Pflegeberufe. Herausgeber: Deutsches Institut für angewandte Pflegeforschung e.V. (DIP), Köln. Zugang: www.dip.de/materialien. Zugriff: 22.1.2018.
4 Dorfmeister G, Stefan H (2009): Umgang mit Aggression und Gewalt in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. ÖGKV, Österreichische Pflegezeitschrift – ÖPZ 8-9: 19–21. Stefan H, Dorfmeister G (2010): Deeskalations- und Sicherheitsmanagement im Gesundheitswesen. Spectrum Psychiatrie – Medizinische Fortbildung für Psychiater, Neurologen und Allgemeinmediziner 36–40.
5 Zugang: www.feuerwehr-augustdorf.de/index.php/2018/01/11/filprojektrespekt-ja-bitte/. Zugriff: 22.1.2018.

 

 


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  Ausgabe: 01-02/2018/59.JG
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