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Datum: Dienstag, 17. Juli 2018

Artikel: Schaffler Verlag, ÖKZ: 59. JG (2018) 3-4/ Erika Pichler

Bildinhalt: Junge Ärzte

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Gesichert

Ab Mitte 2018 kommen die ersten Jungärzte, die ihre Ausbildung nach dem neuen Curriculum absolvieren, in die verpflichtende Lehrpraxis. Gerade noch rechtzeitig wurde auch die Finanzierung bundeseinheitlich geregelt.

Es scheint ein Spezifikum des österreichischen Gesundheitswesens zu sein, komplexe Probleme zwar (wenn auch nach manchmal jahrzehntelangen Debatten) einer Lösung zuzuführen, deren Finanzierung aber offen zu lassen. So war es etwa bei der Einführung des Klinisch-Praktischen Jahrs für Medizinstudierende, wo die Aufwandsentschädigung bis heute je nach Spitalsträger unterschiedlich geregelt ist; so war es auch bei der Aufhebung des Pflegeregresses, die ohne Bedachtnahme auf die Folgen für Gemeinden und Länder erfolgte; und bis vor Kurzem wurde auch die Finanzierung der Lehrpraxen für Jungmediziner mit einer gewissen Nonchalance gehandhabt. Denn auch zweieinhalb Jahre nach Inkrafttreten der Ärzte-Ausbildungsreform 2015, die angehende Allgemeinmediziner zum Absolvieren einer sechsmonatigen Lehrpraxis verpflichtet, war deren Finanzierung keineswegs gesichert. Vonseiten des Gesundheitsministeriums wurde jahrelang gern darauf verwiesen, dass die Lehre in anderen Berufen ja auch nicht vom Wirtschaftsministerium bezahlt würde.

Eigene Finanzierungsmodelle

Die Lehrpraxis bietet in Ausbildung stehenden Ärztinnen und Ärzten die Möglichkeit, nach der 27-monatigen Praxis in einem Krankenhaus sechs Monate in einer allgemeinmedizinischen Ordination mitzuarbeiten. Obwohl ab Mitte dieses Jahres die ersten Jungärzte, die ihre Ausbildung nach der neuen Ausbildungsordnung absolvieren, Lehrpraxisplätze brauchen werden, war noch Anfang 2018 unklar, wer und in welchem Ausmaß die Kosten dafür tragen würde.

Einzelne Länder preschten mit eigenen Finanzierungsmodellen voraus. Das Vorarlberger Modell sah beispielsweise eine Aufteilung zwischen Land, Bund, GKK und der Gesamtheit aller Lehrpraxisinhaber vor (Verhältnis 37:30:16,5:16,5). Das Bundesland Salzburg hatte ein ähnliches Modell (35:35:10) entwickelt und die dafür noch ausstehenden 20 Prozent vom Bund zugesagt bekommen. Die Salzburger Landespolitik konnte damit schon im Herbst 2017 die künftige Versorgung mit Lehrpraxisstellen als gesichert annehmen, machte aber dennoch Druck auf eine bundeseinheitliche Lösung.

Anfang Februar kam es schließlich zu einer solchen Einigung (vorbehaltlich der formalen Absegnung durch die BundesZielsteuerungskommission). In einer Pressekonferenz präsentierten Gesundheitsministerin Beate Hartinger-Klein, Hauptverbands-Chef Alexander Biach und Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres sowie sein Vize Johannes Steinhart in seltener Eintracht eine Verteilung nach einem einheitlichen Schlüssel. Demnach übernimmt der Bund 25 Prozent der Kosten (gedeckelt mit vier Millionen Euro für drei Jahre), die Länder und die Sozialversicherungen tragen jeweils 32,5 Prozent, der Inhaber oder die Inhaberin der jeweiligen Lehrpraxis zehn Prozent.

108 bewilligte Stellen

Von Ärzteseite sei man mit der erzielten Lösung und mit dem Kostenanteil von zehn Prozent für die Lehrpraxisleiter sehr zufrieden, sagt Edgar Wutscher, Leiter der Sektion Allgemeinmedizin der Österreichischen Ärztekammer, der federführend an den Finanzierungsverhandlungen beteiligt war. Zwar hätten Ärztevertreter sich auch vorstellen können, nicht nur nichts bezahlen zu müssen, sondern für die Aufgabe, Jungärzte auszubilden, sogar etwas bezahlt zu bekommen. Dennoch dürften die Konditionen attraktiv genug sein. In Wutschers Bundesland Tirol etwa sind Stellen für alle zwölf Jungärzte, die nach der neuen Ausbildungsordnung im Juli in die Lehrpraxis müssten, gesichert. In Salzburg wurden 20 Stellen genehmigt.

Auch in Wien rechnet man für 2018 und 2019 mit keinen Engpässen, „weil erst nach und nach erste Jungmediziner ihre Ausbildung nach der neuen Ordnung im Spital beenden und einen Platz benötigen“, heißt es aus dem Büro von Gesundheitsstadträtin Sandra Frauenberger. „Die Ärztekammer hat dafür Sorge zu tragen, dass auch mittelfristig ausreichend Lehrpraxisplätze zur Verfügung stehen.“ Der Bedarf für Wien werde auf circa 80 fertig ausgebildete Allgemeinmediziner geschätzt. Mit den derzeit im Krankenanstaltenverbund in Ausbildung befindlichen könne diese Vorgabe erfüllt werden. Zum 30. Jänner 2018 seien in Wien jedenfalls zwölf Lehrpraxen zur Verfügung gestanden. Österreichweit seien zum selben Stichtag 108 Ausbildungsstellen im niedergelassenen Bereich bewilligt worden, zehn weitere befänden sich im administrativen Verfahren.

Optimistisch gibt man sich auch im Hauptverband: „Unseren Informationen nach wurde schon einer erheblichen Zahl von Allgemeinmedizinern die Bewilligung zur Führung einer Lehrpraxis erteilt. Da die Frage der Förderung der Lehrpraktikanten geklärt ist, gehen wir davon aus, dass für die nunmehr am Ende ihrer Ausbildung zum Allgemeinmediziner stehenden Turnusärzte genügend Lehrpraxenstellen zur Verfügung stehen. Der Umstand der Förderung wird auch dazu führen, dass das Interesse der Hausärzte an der Führung einer Lehrpraxis steigen wird.“ 

Ausbildung in einer anerkannten Lehrpraxis oder einer Lehrgruppenpraxis nach Ärzte-Ausbildungsordnung (AÄO 2015)

  • Verpflichtend für Jungärzte, die die Basisausbildung seit 1.6.2015 absolvieren
  • Verpflichtend im Fachgebiet Allgemeinmedizin im Ausmaß von sechs Monaten als letzter Ausbildungsabschnitt – stufenweise Erhöhung auf neun Monate (ab 1.6.2022) bzw. auf zwölf Monate (ab 1.6.2027)
  • Wahlweise in den Fachgebieten Kinder- und Jugendheilkunde, Orthopädie und Traumatologie, Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin, Augenheilkunde und Optometrie, HNO, Haut- und Geschlechtskrankheiten, Neurologie und Urologie in der Dauer von je drei Monaten

Voraussetzungen
für die Anerkennung von Ordinationsstätten als Lehrpraxis oder Lehrgruppenpraxis in Allgemeinmedizin (nach § 12 ff ÄAO 2015) sind (neben neun weiteren Kriterien) unter anderem:

  • Mindestzahl von 800 Patienten pro Quartal in einem Durchrechnungszeitraum von einem Jahr (mögliche Unterschreitung um 50 Patienten im Fall besonderer Gründe, wie etwa Teilnahme am DMP „Therapie aktiv“).
  • Mindestens vierjährige Berufserfahrung als niedergelassener oder freiberuflicher Arzt für Allgemeinmedizin.
  • Absolvieren des zwölfstündigen ÖÄK-Seminars für Lehr(gruppen)praxisleiter (davon acht Stunden in Form von E-Learning).

Quelle: ÖÄK

Lehrpraxen für Fachärzte

Nachdem die Finanzierung und Organisation für Allgemeinmediziner nun auf Schiene zu sein scheint, stellt sich die Frage, ob verpflichtende Lehrpraxen nicht auch bei Fachärzten sinnvoll wären, vor allem in bestimmten Fächern, in denen ein Ärztemangel besteht, der auch durch die Angst von Jungärzten vor der großen Verantwortung mitverursacht sein kann. Bisher ist die Ausbildung im niedergelassenen Bereich laut Ärzteausbildungsordnung 2015 nur wahlweise möglich.

Bei den Pädiatern beispielsweise wäre eine Regelung nach Art der Hausärzte wichtig und folgerichtig, sagt Primar Wolfgang Sperl, Leiter des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin an der Uniklinik Salzburg. „Wir sind ebenfalls Primärversorger, und unser Fach ist ein Mangelfach.“ Allerdings sei etwa der Hauptverbands-Vorsitzende Alexander Biach der Meinung, Allgemeinmediziner könnten Kinder behandeln. „Das geht nicht, weil die AllgemeinmedizinerAusbildung in Pädiatrie auf drei Monate verkürzt ist und auch im Studium Kinderheilkunde kein Pflichtfach im Praktischen Jahr mehr ist“, sagt Sperl.

Auch Johannes Steinhart, Obmann der Bundeskurie niedergelassene Ärzte, glaubt nicht an die von Biach angesprochene Möglichkeit, das Problem des Kinderärzte-Mangels durch eine verstärkte Verschiebung pädiatrischer Aufgaben hin zu den Allgemeinmedizinern zu lö- sen. Auf die Frage, ob Lehrpraxen nicht auch ein probates Mittel sein könnten, um mehr Jungmediziner für das Mangelfach Kinder- und Jugend-Psychiatrie zu gewinnen, reagiert Steinhart vorsichtig zurückhaltend. Fürs Erste sei man froh, dass die Lehrpraxis für Allgemeinmediziner gesetzlich verankert werden konnte und nun endlich auch eine Einigung über die Finanzierung vorliege. „Grundsätzlich wünschen wir uns eine solche verbindliche Regelung auch für den gesamten Facharztbereich. Denn dort, wo junge Fachkolleginnen und -kollegen schon in der Ausbildung Praxisluft schnuppern, sind die Erfahrungen durchwegs positiv.“ Der Mangel an Ärzten in Kinder- und Jugendheilkunde oder Psychiatrie sei jedoch eher auf die absolut unbefriedigende Honorarsituation zurückzuführen.

Im Fach Kinder- und Jugendpsychiatrie wiederum sei die Ausgangslage eine andere. „Hier konnten weitgehend gute Tarife erzielt werden, allerdings fehlt es trotz der Mangelfachregelung an Ausbildungsplätzen. Hier müssten die Länder Geld in die Hand nehmen und die Zahl der Betten erhöhen, was sowohl die Situation der betroffenen Kinder und Jugendlichen verbessern als auch die Heranbildung neuer Ärzte beschleunigen würde.“

Kosten Lehrpraxenfinanzierung 2018-2020

  • Kostenaufteilung: 25% Bund, 32,5% Land, 32,5% Sozialversicherung, 10% Inhaber der Lehrpraxis 
  • Anzahl der Lehrpraktikanten: 450 
  • Gehaltskosten pro Lehrpraktikant: 27.000 Euro (für 6 Monate) 
  • Gehaltskosten pro Jahr : 12 Millionen Euro für Vollausbaujahre (ab 2019) + 2 Millionen Euro für Startjahr (2018) 

Quelle: Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger

Fortschritt

Für den Allgemeinmedizin-Vertreter Edgar Wutscher ist mit der Finanzierung der Lehrpraxen jedenfalls der wichtigste Schritt getan. Mit der Ausbildungsordnung sei auch der Ausbau der Lehrpraxis von einem halben Jahr auf neun Monate (bis Mitte 2022) und schließlich auf ein ganzes Jahr (bis Mitte 2027) zugesagt. Die Frage „Wie soll ich eine Ahnung haben, wie es draußen zugeht?“ werde sich daher künftig kein Jungarzt mehr stellen müssen, der im Krankenhaus tätig sei und eine Hausarzt-Berufslaufbahn ins Auge fasse. Weitere notwendige Schritte, um auch in Zukunft eine ausreichende Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen, seien die Verbesserung des Arbeitsumfeldes und der Lebensqualität der Hausärzte, etwa durch Job-Sharingoder Gruppenpraxis-Modelle, sagt Wutscher. „Das wird künftig die Hauptaufgabe der Standesvertretung sein.“


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  Ausgabe: 3-4/2018/59.JG
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