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Datum: Freitag, 15. März 2019

Artikel: Schaffler Verlag, ÖKZ: 60. JG (2019) 01-02 / Alexandra Keller

Bildinhalt: Mann und Frau

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Gedankenmuster knacken

Gendermedizin und Diversity haben die Kraft, das Gesundheitssystem auf allen Ebenen umzukrempeln. Die Professorinnen Alexandra Kautzky-Willer und Margarethe Hochleitner kämpfen für die Veränderung. Normalität ist das Ziel.

Gedankenmuster sind oft richtig zäh. Geradezu bizarre Ausdauer vermögen sie zu zeigen, wenn sowohl übergeordnete als auch tief verwurzelte Überzeugungen sie begleiten. Der Vatikan hatte über dreieinhalb Jahrhunderte vergehen lassen, ehe er Frieden mit Galileo Galilei schloss und den einst als Ketzer diffamierten Wissenschaftler rehabilitierte. Die Erkenntnis, dass sich nicht alles um die Erde dreht, hatte das Fundament der Kirche ins Wanken gebracht.

Eine Nebenwirkung wissenschaftlichen Arbeitens besteht darin, das Weltbild so permanent wie konsequent ein Stück weit zurechtzurücken. Gnadenlos eigentlich. „Wir wissen immer noch nicht ein Tausendstel eines Prozents von dem, was die Natur für uns bereithält“, hatte Albert Einstein festgestellt. Die Dynamik seiner Worte hält Wissenschaftler auf Trab, und in der Medizin zeigt sie sich etwa in der vielfach zitierten Feststellung, dass sich das medizinische Wissen alle fünf Jahre verdoppelt. Aus dieser schier unfassbaren Wissens- bzw. Datenflut jene Erkenntnisse herauszufiltern, die dazu angetan sind, das Gesamtbild zu verändern, ist fast unmöglich.

Fast. Denn die erstaunlich junge Erkenntnis, dass Frauen aus medizinischer Sicht keine „leichten Männer“ sind, hat die Kraft, das Gesundheitssystem auf allen Ebenen umzukrempeln. Medizinisch dreht sich nicht mehr alles um den Mann. Und auch hier gerät ein Fundament ins Wanken.

„Als ich studiert habe, gab es im anatomischen Atlas den Mann und dazu eine Variante Frau“, blickt Margarethe Hochleitner zurück in die 1970er-Jahre. Ähnlich männlich wie im Lehrbuch sah es lange Zeit auch in den Lehrsälen aus, wo Frauen als Studierende belächelt wurden und als Lehrende kaum vorhanden waren. Die männerdominierten Rahmenbedingungen beeindruckten Hochleitner wenig, vielmehr wurde sie dadurch motiviert. Die Kardiologie wurde ihr Fachgebiet und ebendort ist sie darauf aufmerksam geworden, dass die Männlichkeit nicht nur im streng hierarchischen System dominierte: „Mir ist aufgefallen, dass auf der Intensivstation fast nur Männer waren, Schrittmacher viel öfter bei Männern eingesetzt wurden und die Herzchirurgie eigentlich eine Männerstation war. Dabei wusste man schon damals, dass mehr Frauen an Herzkrankheiten sterben als Männer.“

1991 kam der ultimative Motivationsschub dafür, die sachlich wie fachlich nicht begründbare männliche Dominanz in medizinischen Herzensangelegenheiten weltweit zu hinterfragen und ihren Ursachen auf den Grund zu gehen. Im New England Journal of Medicine, einer der damals wie heute einflussreichsten Medizinzeitschriften, erschien ein Editorial mit dem Titel Das Yentl Syndrom – in Anlehnung an den Roman von Isaak Singer, der 1983 mit Barbra Streisand in der Hauptrolle verfilmt worden war. Im bahnbrechenden Editorial wurde die Frage aufgeworfen, warum Frauen geringere Chancen auf Spitzenmedizin wie Herzkatheter, Intensivstation, Bypassoperation, Klappenoperation oder Herztransplantation haben als Männer. „Frau muss erst beweisen, so herzkrank zu sein wie ein Mann, um dieselbe Behandlung zu erhalten“, war eine der ernüchternden Botschaften des Editorials. So lange zu leben, bis sie die entsprechende Behandlung bekommt, war – überspitzt formuliert – die Herausforderung für eine Frau in Herznot. „Im Editorial wurde festgehalten, dass koronare Herzkrankheiten so männlich besetzt sind, dass niemand wirklich daran denkt, dass eine Frau das auch haben könnte“, sagt Hochleitner.

Individuell passend

Gewappnet mit dem irritierenden medizinischen Fachwissen und dem Ziel, es den Herausforderungen entsprechend zu erweitern und im Gesundheitsalltag zu verankern, übernahm die Ärztin 2004 die Leitung der Koordinationsstelle für Gleichstellung, Frauenförderung und Geschlechterforschung an der MedUni Innsbruck, wurde 2008 Direktorin des Frauengesundheitszentrums und 2014 erste Professorin für Gendermedizin an der MedUni Innsbruck. Am 1. Oktober 2018 wurde sie ebendort zur Professorin für Medizin und Diversität berufen – begleitet von der Freude Rektor Wolfgang Fleischhackers über den „aussichtsreichen Umstand, dass die Agenden der Diversitas noch durchgängiger in Forschung, Lehre und Krankenversorgung verankert werden“.

Weiblich oder männlich, groß oder klein, dick oder dünn, dunkelhäutig oder hell und so weiter und so bunt – mit der Professur wird der Vielfalt der Menschen Respekt gezollt. „Der Weg zur individuell passenden und zielgerichteten Diagnose, Prävention und Therapie führt über die Differenzierung. Nur wenn die bisher grobe Unterteilung in bestimmte Personengruppen verfeinert und angepasst wird, kann die Vielfalt der Menschen erfasst werden und damit der Medizin nützen“, so Hochleitner, die vielfach für ihr Engagement ausgezeichnet wurde.

Kleine Schritte

Das Europäische Institut für Gleichstellungsfragen (EIGE) ehrte Hochleitner 2013 beispielsweise als eine von zwölf „Women Inspiring Europe“. Zusammen mit ihr erhielt auch Alexandra Kautzky-Willer diese Ehrung. Ein passendes Bild, sind Hochleitner im Westen und Kautzky-Willer im Osten doch die treibenden Pionierinnen, wenn es darum geht, das Gesundheitssystem des Landes den wissenschaftlichen Erkenntnissen zu Gender- und Diversity-Themen entsprechend zu verändern. „Es sind viele kleine Schritte, doch wir haben schon viel weitergebracht“, sagt Alexandra Kautzky-Willer. Sie ist Endokrinologin mit den Forschungsschwerpunkten Diabetes und Adipositas. 2010 wurde sie von der Medizinischen Universität Wien zur ersten Professorin für Gendermedizin Österreichs berufen. Sie ist Vorsitzende des Arbeitskreises für Gleichstellungsfragen an der MedUni Wien, gemeinsam mit ÖKZ-Chefredakteurin Elisabeth Tschachler veröffentlichte sie 2012 das Buch Gesundheit: Eine Frage des Geschlechts und als Präsidentin der Internationalen Gesellschaft für Gendermedizin wurde sie Anfang 2017 mit der Auszeichnung „Wissenschaftlerin des Jahres 2016“ geehrt.

Die mediale Berichterstattung über diese Auszeichnung nutzte die Professorin, um Gendermedizin bzw. geschlechtsspezifische Gesundheitsthemen einer breiteren Öffentlichkeit näher zu bringen. Gegenüber APA-Science hielt sie dazu Ende September 2017 fest: „Ich habe es als wichtig gefunden, diesen Schub mitzunehmen, nicht aus Eitelkeit, sondern einfach für die Inhalte, die mir wichtig sind: Gendermedizin, Diabetes und Adipositas.“

In der Welt der medizinischen Forschung ist es „schon durch“, dass es sich bei Gendermedizin und Diversität nicht um „irgendetwas Feministisches“ handelt. International steigt die Zahl der Publikationen, die sich mit Gendermedizin beschäftigen, massiv, Biologie und personalisierte Medizin sind höchst spannende Bereiche. „Es ist auch so, dass immer mehr Institutionen es als eine Chance sehen, zu reüssieren“, weiß Kautzky-Willer. Im Herbst 2017 wurde beispielsweise im niederösterreichischen Gars am Kamp das Institut für Gendermedizin eröffnet, mit dessen medizinischer Leitung Kautzky-Willer betraut wurde, die festhält: „Man sieht da schon positive Bewegungen, aber es ist noch zu wenig, damit es bei der Patientin, dem Patienten in der Praxis im Alltag ankommt. Dort muss es hin, es muss den Mehrwert bekommen, den es verdient.“

Der Mehrwert für die Patientinnen und Patienten liegt auf der Hand, können durch die Berücksichtigung des Geschlechtes, der individuellen Charakteristiken und der soziokulturellen Hintergründe in der Behandlung doch deren Chancen auf Heilung steigen. Der Mehrwert, den Kautzky-Willer anspricht, liegt aber vielmehr in einem Zusatznutzen für die niedergelassenen Ärzte. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Hochleitner betreut sie das ÖÄK-Diplom „Gender Medicine“, das den Patienten in den Wartezimmern bestätigt, dass ihre Ärztin oder ihr Arzt die Unterschiede kennt und ernst nimmt. „Man will nicht nur die Bereicherung des Wissens an sich, sondern will es auch abrechnen können“, fordert Kautzky-Willer entsprechende Anreize und hält fest: „Es braucht immer incentives, um eine breitere Bewegung zu initiieren. Bei Studierenden ist das auch so. Sie setzen sich primär mit Dingen auseinander, die geprüft werden.“

Bildungsfragen

Vor diesem Hintergrund wurde auf Margarethe Hochleitners beharrliches Drängen hin die Lehre in Tirol komplett umgekrempelt. „Wir waren die ersten, die Gender in der Pflichtlehre eingeführt haben. Normalität ist unser Ansatz. In allen Bereichen der medizinischen Ausbildung und Lehre müssen sie es hören“, weist die Professorin auf die zahlreichen Lehrveranstaltungen, Vorlesungen und Pflichtprüfungen hin, mit denen das medizinische Personal der Zukunft die Thematik kennenlernt. Die Verankerung der Fachdisziplin Gender im PhD-Studium steht auch in Wien auf dem Plan, „weil“, erklärt Kautzky-Willer, „Gender immer noch bei wissenschaftlichen Projekten vergessen oder als nicht wichtig genug erachtet wird“.

Die Sensibilisierung findet statt, die Basis wird breiter, doch zur angestrebten „Normalität“ ist es noch ein weiter Weg. „Es gibt schon noch ältere Professoren, die Gender komplett ablehnen. Das ist sehr kontraproduktiv. Kein jüngerer Arzt, der Karriere machen will, wird sich mit etwas beschäftigen, was von der Leitungsposition nicht gefördert oder sogar abgelehnt wird. Hier muss es – Top-down – Vorgaben geben. Automatisch passiert gar nichts“, sagt Kautzky-Willer.

Die Tatsache, dass Leitungspositionen und Primariate nach wie vor männlich dominiert sind und der Frauenanteil an Professorenstellen in Österreich bei nur 22 Prozent liegt, trägt zu einer gewissen Trägheit bei. Gesetzliche Vorgaben, mission statements oder Schwerpunktsetzungen könnten hier als Turbo dienen – vor allem seien aber die Fachgesellschaften gefordert, Gender und Diversity in ihre Leitlinien einzubauen. „Wenn das passiert ist und wenn es in allen Lehrbüchern berücksichtigt wird, ist schon viel gewonnen“, weiß Kautzky-Willer, die auch von „schönen Erfolgen“ erzählt. Etwa davon, dass im September 2019 der Kongress der Internationalen Gesellschaft für Gendermedizin in Wien stattfinden wird. „Sex & Gender with focus on personalized medicine and patient safety“ ist das Hauptthema der Jahrestagung, die sich auch der Rolle von Gesundheitspolitik und Regierungsbehörden bei der Berücksichtigung von Gender in der Forschung wie in der täglichen Praxis widmet. Ein punktgenauer Fingerzeig, um das Fundament weiter wanken zu lassen.


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  Ausgabe: 01-02/2019/60.JG
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