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Datum: Freitag, 3. August 2018

Artikel: Schaffler Verlag, Qualitas: 02/18/ Dr. Claudia Wild

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Europäische Normung von Gesundheitsdienstleistungen

Notwendig oder richtig?

In der Mitteilung der Europäischen Kommission vom 31. Juli 2013 zum jährlichen Arbeitsprogramm der Union für europäische Normung wurden erstmals Gesundheitsdienstleistungen als strategische Priorität benannt. Die EU-Kommission sieht dabei Normen als ein Instrument, um die Qualität von Dienstleistungen im Gesundheitsbereich zu unterstützen.

Eine wesentliche Funktion von Dienstleistungsnormen ist die Einführung einer gemeinsamen Benchmark für besonders wichtige Dienstleistungen. Bei dem wachsenden Sektor für Gesundheitsdienstleistungen, insbesondere im Bereich chronische, nichtübertragbare Krankheiten, besteht diesbezüglich Bedarf. In bestimmten Teilgebieten werden gegebenenfalls Normungsaufträge an die europäischen Normungsgremien ergehen, bei denen horizontale Aspekte wie die Patientensicherheit und -registrierung, erkrankungsspezifische Akkreditierungssysteme wie Brustkrebsbehandlungsdienste und Stadien-spezifische Dienstleistungen, zum Beispiel im Rehabilitationsbereich, bearbeitet werden.1

 

Bei den Gesundheitsdienstleistungen handelt es sich um ein ausgesprochen heterogenes Feld. Die grundsätzlichen Ziele der Normung von Gesundheitsdienstleistungen – wie Zugang zu einer umfassenden, nahtlosen Gesundheitsversorgung von hoher und vergleichbarer medizinischer Qualität oder Verbesserung der Patientensicherheit – sind wichtig. Aber schon jetzt existieren erprobte Strukturen und Prozesse, die auf die jeweiligen Gesundheits- und Sozialsysteme abgestimmt sind. Diese sind auf Basis international anerkannter Methoden transparent und unter Beteiligung der relevanten Stakeholder erarbeitet worden. Durch eine Normung auf Basis intransparenter und nicht wissenschaftlicher Methoden, die die Besonderheiten der jeweiligen Systeme nicht berücksichtigt, ist daher eher ein Qualitätsverlust zu befürchten: Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass bei einer Europäischen Norm vermutlich nur ein Minimalkonsens resultiert. Eine generelle Nivellierung nach unten ist zu befürchten.

Der Widerstand (in Deutschland), der sich gegen die Normung von Gesundheitsdienstleistungen formiert hat, ist groß2; in Österreich ist diese EU-Initiative weitgehend undiskutiert. Der Widerstand richtet sich dabei nicht gegen Normung an sich. Diese kann, sinnvoll eingesetzt, durchaus von Vorteil sein – zum Beispiel bei Produktzulassungen. Hier gibt es noch einiges zu tun. Dienstleistungen an sich sind bereits schwieriger zu normieren. Ein so komplexes Konstrukt wie die Gesundheitsversorgung eines oder mehrerer Länder normieren zu wollen, ist schlichtweg falsch. Die Normungsinitiative der EU-Kommission kann es zwar schaffen, das gesetzte Ziel gemeinsamer europäischer Standards im Gesundheitsbereich und einer generellen Vergleichbarkeit der Leistungen zu erreichen, die Nebenwirkungen sind aber nicht akzeptabel und der Preis ist damit viel zu hoch.  

 

Literatur:
1Arbeitsprogramm für europäische Normung (KOM (2013) 561): ec.europa.eu/transparency/ regdoc/rep/1/2013/DE/1-2013-561-DE-F1-1.Pdf
2
Stellungnahme der Deutschen Sozialversicherung zur Normierung von Gesundheits- und Sozialleistungen. dsv-europa.de lib/02_Positionspapiere/2015-DSV-Normung-vonGesundheits-und-Sozialdienstleistungen.pdf  

 

Autorin:
Dr. Claudia Wild, Direktorin LBI-HTA, basierend auf Stellungnahme von Dr. Susanne Weinbrenner, MPH, Leiterin des Geschäftsbereiches Sozialmedizin und Rehabilitation & Leitende Ärztin der Deutschen Rentenversicherung Bund.


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  Ausgabe: 02/2018
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