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Datum: Sonntag, 11. Februar 2018

Artikel: Schaffler Verlag, ÖKZ: 58. JG (2017) 12 / Gabriele Vasak

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Eine Frage der Kommunikation

Spezielle Dokumente für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung bzw. Behinderung sollen ihnen den Umgang mit Gesundheitsinstitutionen erleichtern. Zwei Projekte zeigen, wie es gehen könnte.

Menschen mit kognitiven Einschränkungen, Menschen, denen es nicht möglich ist, ihre Interessen und Bedürfnisse in einer unbekannten Umgebung adäquat auszudrücken, Menschen, die oft nur von ihrer vertrautesten Umgebung verstanden werden: Sie alle haben es auch im Gesundheitsbereich schwer, zu dem zu kommen, was sie brauchen. Schwer haben es mitunter auch ihre Betreuer, wenn sie nicht wissen, dass der eine vielleicht nur durch sanfte Berührungen aus Erregung und Angst herausgeholt werden kann, die andere grundsätzlich nur mit Trinkhalm dazu in der Lage ist, Flüssigkeiten aufzunehmen, und der dritte gewohnt ist, mit Kuscheltier einzuschlafen.

 

Eskalationen hintanhalten

Um hier Abhilfe zu schaffen, wurde in Vorarlberg ein sogenannter Krankenhauspass entwickelt, der neben Stammdaten und der Angabe wichtiger Kontaktpersonen Informationen zur Kommunikation, zum Verhalten bei Schmerzen oder Angst sowie zu anderen wichtigen Routinen im Tagesablauf des Passinhabers enthält. Keine medizinischen Daten also, sondern lebenspraktische Dinge, die für einen besseren Umgang mit Menschen mit Kommunikationsbeeinträchtigungen im Spital nützlich sein können.

 

Die Situation mit diesen Menschen im Krankenhaus ist für alle Beteiligten schwierig. Wenn neben der ungewohnten Umgebung, den vielen fremden Menschen, Schmerzen und ständigen Untersuchungen auch noch die gewohnten Alltagsrituale fehlen, dann kann schnell etwas eskalieren. Dabei sind es oft nur kleine Details, die einen großen Unterschied machen – wie jemand auf Berührung reagiert, wie man gerne angesprochen wird oder ob man selbstständig aus einem Glas trinken kann. Deshalb haben wir den Krankenhauspass entwickelt.

Gabriele Nussbaumer
Vorarlberger Landtagsvizepräsidentin, Initiatorin des Projekts

 

Positive Aufnahme

Der Krankenhauspass startete im Jänner 2016 in einer Pilotphase und wurde im ersten Jahr von fünf Sozialeinrichtungen und allen Vorarlberger Spitälern erprobt. Insgesamt wurden 205 Pässe erstellt, und derzeit sind rund 90 davon in Anwendung. In der Pilotphase wurde der Pass über die Sozialinstitutionen verteilt und ausgefüllt, und es gab und gibt die Möglichkeit, ihn selbstständig über das Internet herunterzuladen.

Wiewohl das Pilotprojekt klein ist, zeigt eine erste Evaluation, dass sich das neue Instrument grundsätzlich bewährt. Im Krankenhaus wurde der Pass sowohl bei Aufnahmen als auch während stationärer Aufenthalte durchwegs positiv registriert, heißt es in dem Bericht. Gesehen wird er vor allem als Beitrag zur Vermeidung von Schwierigkeiten oder Eskalationen aufgrund von Missverständnissen mit den Patienten.

„Das Personal konnte bei der Aufnahme besser auf die besonderen Bedürfnisse der Passinhaber eingehen, und die Informationen erlaubten es den Mitarbeitern schneller, eine Beziehung zu den Patienten aufzubauen.“ Für den Vorarlberger Spitalsgesellschaftsdirektor Gerald Fleisch ist der Krankenhauspass daher auch ein „Signal an die Gesellschaft und ein Beitrag für den sensiblen Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigungen“.

Empfehlungen zur Ausweitung Der Krankenhauspass könnte laut Evaluationsbericht auch im niedergelassenen Bereich sinnvoll angewendet werden. Diesbezügliche Empfehlungen für eine Ausweitung betreffen die Information bzw. Einbeziehung niedergelassener Ärzte, und als weiterer wertvoller Anwendungsbereich wird das Hospiz vorgeschlagen.

In der jetzt laufenden Phase der Ausrollung auf das ganze Land, für die Gesundheitslandesrat Christian Bernhard zuständig ist, bekommen den Pass jedenfalls alle Bewohner von Heimen und Pflegeheimen mit schwereren Kommunikationsbeeinträchtigungen sowie Menschen in Behinderteneinrichtungen und auch Kinder mit Behinderung und Artikulationsschwierigkeiten. Geplant ist auch, das Dokument zu Hause gepflegten Personen zugänglich zu machen. „Sie könnten teilweise über Krankenpflegevereine und mobile Hilfen erreicht werden. Alternativ muss der Pass auch von Angehörigen direkt bei einer zentralen Stelle angefordert werden können“, heißt es im Evaluationsbericht, und: „Bei längeren stationären Aufenthalten kann es sinnvoll sein, einen Krankenhauspass anlassgegeben zu erstellen und nachzuliefern.“

Der einzige Schönheitsfehler des Projekts liegt in der Verteilung: „Einerseits verliert der Pass bei inflationärer Anwendung seine Wirksamkeit. Andererseits soll der Zugang für Personen, die davon profitieren können, möglichst niederschwellig gehalten werden.“ In Zukunft soll es eine Schärfung der Verteilungsleitlinie geben und für den Pass ein Beitrag von acht Euro eingeführt werden. Ansonsten aber herrscht Zufriedenheit mit dem neuen Instrument, dessen Kosten bisher von der Abteilung Integrationshilfe des Landes Vorarlberg getragen wurden. „Ich glaube, dass wir einen gut ausgereiften Pass entwickelt haben, der auch flexibel genug für kleinere Adaptierungen ist“, sagt Gabriele Nussbaumer, die daran festhält, dass der Pass nicht um medizinische Daten erweitert werden soll.

 

Das Wiener Modell

Etwas anders sieht man das in Wien, wo der Dachverband Wiener Sozialeinrichtungen seit September 2015 am Aufbau eines Wissensmanagements und einer Dokumentations- und Kommunikationstruktur in der Gesundheitsversorgung von Menschen mit Behinderungen arbeitet. Entwickelt wurde in diesem Zusammenhang nach Vorarlberger Vorbild auch das Kommunikationswerkzeug GeKo-Wien in Form eines Passes und einer Mappe.

 

GeKo steht für Gesundheit und Kommunikation und soll Behandlungen im Gesundheitsbereich erleichtern. Die Unterlagen bieten die Möglichkeit, gezielt auf die Person und ihre Kommunikations- und Umgangsformen einzugehen und Bedürfnisse und Kompetenzen zu berücksichtigen.

Anton Schmalhofer
Dachverband der Wiener Sozialeinrichtungen

 

Pass und Mappe sind inhaltlich weitgehend ident und enthalten unter anderem Personendaten, Informationen zu Kommunikation, Sinnesbeeinträchtigungen, Mobilität, Ernährung und Ankleiden, aber auch die allerwichtigsten medizinischen Grundinformationen, etwa ob eine Epilepsie, Diabetes oder bestimmte Unverträglichkeiten vorliegen. In die Mappe kann man zusätzlich noch wichtige Dokumente ablegen, und sie ist hauptsächlich für geplante Konsultationen gedacht. Sowohl Pass als auch Mappe sind Eigentum der Person, und sie selbst kann mitentscheiden, was angegeben wird und was nicht.

Auch Anton Schmalhofer sieht den Part zum Kommunikativen als Kernstück der Dokumente, verteidigt aber auch jenen mit den medizinischen Daten. Denn während Gabriele Nussbaumer der Meinung ist, dass diese den Pass überfrachten und seinen ursprünglichen Sinn verwässern würden, meint Schmalhofer, dass damit in Notfällen gut gedient sein könnte.

 

Gut angenommen

In Wien wird das Projekt von der Landeszielsteuerungskommission finanziert. Pass und Mappe gibt es seit Februar 2017, sie werden über den Dachverband Wiener Sozialeinrichtungen und die Kooperationspartner Krankenhaus der Barmherzigen Brü- der, Behindertenpsychiatrie am Rosenhügel, weitere Organisationen der Behindertenhilfe und über Betroffene im Selbstvertretungszentrum verteilt. Von Letzteren kam übrigens auch der starke Wunsch nach einem solchen Instrument, und der wurde durch eine entsprechende Studie auch noch untermauert.

Die ersten Erfahrungen mit den Unterlagen seien auch in Wien grundsätzlich sehr positiv, berichtet Anton Schmalhofer. „Vor allem vom Pflegepersonal und in Bezug auf stationäre Aufnahmen wird das Instrument gut angenommen.“ Negative Rückmeldungen beziehen sich einerseits auf die zu kleine Schriftgröße und die aus Platzgründen sehr beschränkte Möglichkeit der Informationsvermittlung im Pass, andererseits wird das Ausfüllen der Dokumente manchmal als zusätzlicher Arbeitsaufwand empfunden. „Bis der Nutzen von allen eindeutig erkannt wird, wird es noch etwas dauern. Aber wir wissen, dass es nicht nur gilt, ein solches Produkt zu entwickeln, sondern auch, seine Einführung zu begleiten, und das tun wir“, so Schmalhofer.

Tatsächlich sind GeKo-Pass und -Mappe auch nur Teil des umfassenderen Projekts des Aufbaus eines Wissensmanagements und einer Dokumentations- und Kommunikationsstruktur in der Gesundheitsversorgung von Menschen mit Behinderungen, in dem auch Qualifizierungsmodule für Fachkräfte im Gesundheits- und Sozialbereich entwickelt wurden. „Diese Module geben einen Überblick, welche Inhalte und Kompetenzbereiche für eine erfolgreiche und nachhaltige Gesundheitsversorgung von Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung oder Behinderung notwendig sind“, sagt Schmalhofer. „Es geht also einerseits um die Unterstützung der Betroffenen, andererseits um die Stärkung der im Gesundheitsbereich Arbeitenden, und das scheint sehr notwendig, denn die spezifischen Probleme und Bedürfnisse von Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung oder Behinderung werden in vielen Ausbildungen des Gesundheitswesens kaum bis gar nicht berücksichtigt, und es gibt immer wieder Rückmeldungen über Schwierigkeiten in der Kommunikation und durchaus auch über den Mangel an entsprechendem Fachwissen.“

 

Kostengünstig und sinnvoll

Teuer sind übrigens weder der Vorarlberger Krankenhauspass noch die Wiener GeKo-Dokumente. Das Vorarlberger Dokument erfordert laut Evaluation rund 340 Stunden Arbeitsaufwand für Verteilung, Kommunikation, Betreuung der Website und 7150 Euro für Erstellung, Druck und Versand von 1000 Krankenhauspässen. Für Wien beziffert Anton Schmalhofer die Kosten mit einer Halbtagsstelle und rund 20.000 Euro.

Das Gesamtprojekt Aufbau eines Wissensmanagements und einer Dokumentations- und Kommunikationstruktur in der Gesundheitsversorgung von Menschen mit Behinderungen wurde übrigens mit dem Wiener Gesundheitspreis 2017 ausgezeichnet, und sowohl in Vorarlberg als auch in Wien gibt es Interesse und zahlreiche Anfragen anderer Institutionen zu den Dokumenten. Bleibt noch die Frage, ob bzw. wann die anderen Bundesländer mit einem solchen Instrument nachziehen werden.


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  Ausgabe: 12/2017/58.JG
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  KHBG Geschäftsführer:
  "Signal an die Gesellschaft."
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  Dachverband Wiener
  Sozialeinrichtungen
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  Gabriele Nussbaumer:
  "Situation für alle
  Beteiligten schwierig."
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