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Datum: Montag, 11. September 2017

Artikel: CGM / Philipp Streinz

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EDDY-young: Adipositas-Präventionsprojekt mit Erfolg

Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen nehmen im besorgniserregend Ausmaß weltweit zu. Deshalb hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Bekämpfung von Übergewicht und Fettsucht als Gesundheitsziel mit oberste Priorität bis 2020 erklärt. Ein erstes Präventionsprogramm bei Wiener Volksschülern zeigt die signifikante Wirkung von Ernährungs- und Bewegungsinterventionen.

"Dicke Kinder sind die kranken Erwachsenen von morgen. Übergewicht und Adipositas in der Kindheit können zu Herzkrankheiten, Diabetes oder anderen chronischen Krankheiten führen, wenn nicht entschieden entgegengesteuert wird", betont der Präsident der Wiener und der Österreichischen Ärztekammer, Thomas Szekeres. Die sogenannten "Wohlstandserkrankungen", wie etwa Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, müssten langfristig sinken und eine Reduktion der Belastung durch Übergewicht und Mangel- und Fehlernährung müsse erreicht werden. "Deswegen ist es wichtig, bereits im Kindheitsalter mit Prävention und Vorsorge anzufangen", so der Ärztekammerpräsident.

Erschreckend hohe Anzahl an übergewichtigen Kindern weltweit

Laut WHO sind 41 Millionen Kinder unter fünf Jahren weltweit übergewichtig oder fettleibig. In Europa sind es allein zwölf bis 16 Millionen Kinder. Diese Zahl ist in den letzten Jahren dramatisch gestiegen. Bis zum Jahr 2030 steigt die Prävalenz von Übergewicht laut WHO aber weiter an, nämlich auf mehr als 50 Prozent in allen europäischen Staaten. "Das sind Zahlen, die jeden aufschrecken und zum Handeln bewegen müssen – und zwar jeden Player im Gesundheitswesen, denn hier geht es um nichts weniger als die Gesundheit unserer zukünftigen Leistungsträger", warnt Szekeres.

Die WHO-Generaldirektorin, Margaret Chan, bezeichnet Übergewicht sogar als die derzeit weltweit größte Gesundheitsbedrohung. Um diese globale Herausforderung nachhaltig meistern zu können, müsse es lokale Präventionsprogramme und Initiativen geben – ganz nach dem Motto: "Think global, act local." "Zunächst sind es kleine Schritte, aber, so wie das Projekt EDDY-young zeigt, mit großer Wirkung." Nun gelte es, Projekte dieser Art auf ganz Österreich auszuweiten, ist Szekeres überzeugt.

Fundierte Ernährungs- und Bewegungsinterventionen wirken

"Tatsächlich zeigen aktuelle Zwischenergebnisse des EDDY-young-Projekts, dass fundierte Ernährungs- und Bewegungsinterventionen wirken", betont Kurt Widhalm, Präsident des Österreichischen Akademischen Instituts für Ernährungsmedizin und Leiter des Projekts.

Und so funktioniert EDDY-young: Acht- bis zehnjährige Schüler bekommen über einen Zeitraum von bisher zwei Semestern eine 22-stündige Ernährungs- und Bewegungsintervention, davon acht Unterrichtsstunden zum Thema Ernährung (praktische Experimente und eigens für das Projekt konzipierte Übungen mit standardisierten Unterrichtsmaterialien) sowie 16 Bewegungseinheiten pro Schulhalbjahr im Rahmen des regulären Schulunterrichts.

Ergänzt wird das Programm durch den Einsatz einer speziell entwickelten Smartphone App, mit deren Hilfe die Schüler das erlernte Wissen spielerisch vertiefen können. Dabei müssen täglich sogenannte Callys mit einer Auswahl an gesunden und ungesunden Lebensmitteln gefüttert werden. Dadurch können die Auswirkungen der Nahrung beobachtet werden (ein Cally wird bei ungesundem Essen beispielsweise energielos und dicker). Die App enthält auch Quizfragen zu den im Unterricht erarbeiteten Inhalten. Im Laufe des Projekts zeigte sich eine hohe Akzeptanz und Interaktion mit der App. Nach jeder abgeschlossenen Teilintervention (alle sechs Monate) werden das Ernährungswissen und -verhalten sowie die anthropometrischen Körperdaten und die körperliche Fitness erhoben und mit Daten einer Kontrollgruppe ohne Intervention verglichen.

Prävention von Übergewicht möglich und notwendig

Insgesamt nahmen 160 Schüler an dem Projekt EDDY-young teil, davon 88 in der Kontrollgruppe und 72 in der Interventionsgruppe. Der Anteil der Übergewichtigen aller Schüler betrug zu Beginn des Projekts 36 Prozent (übergewichtig: 16,3 Prozent, adipös: 13,3 Prozent, extrem adipös: 6,4 Prozent). Bereits nach den ersten sechs Monaten zeigte sich eine signifikante Verbesserung der sportmotorischen Leistungen, die bei der Kontrollgruppe so nicht festgestellt werden konnte.

Die Leistungen der Interventionsgruppe wurden mittels des sogenannten Deutschen Motorik Tests überprüft. Die Kinder mussten 20 Meter im Sprint laufen, balancieren, hin- und herspringen, Rumpfbeugen und Liegestütz machen sowie einen Standweitsprung durchführen und einen Sechs-Meter-Lauf absolvieren.

Neben der Verbesserung der sportmotorischen Fähigkeiten konnte auch ein Unterscheid beim BMI (Body-Mass-Index) festgestellt werden, zudem gab es eine Steigerung auch beim Wissen über Ernährung. Gaben bei einem Fragebogen vor Start des Projekts 72,9 Prozent der Kinder eine korrekte Antwort zum Thema Ernährungswissen, waren es nach sechs Monaten bereits 76,9 Prozent. Die Kinder griffen auch seltener zu Weißbrot, Fastfood und salzigen Snacks.

Nach zwölf Monaten kam es zu einer weiteren signifikanten Steigerung beim Deutschen Motorik Test und der Anteil des Körperfetts konnte in der Interventionsgruppe deutlich gesenkt werden, gleichzeitig konnte die Muskelmasse signifikant gesteigert werden.

Nach wie vor zu wenig Geld für Prävention

Die ersten Ergebnisse nach sechs beziehungsweise zwölf Monaten sprechen also eine eindeutige Sprache: Die sportmotorischen Fähigkeiten der Schüler, die an dem Programm teilgenommen haben, verbesserten sich signifikant, ebenso das Ernährungswissen und -verhalten. Die Muskelmasse stieg an, dafür konnte der Anstieg der Fettmasse gebremst werden.

Projektleiter Kurt Widhalm: "Die Ausgangslage zeigte, dass die Prävalenz für Übergewicht beziehungsweise Adipositas in einer Wiener Volksschule schon beinahe 40 Prozent beträgt. Gleichzeitig unterstreichen die Ergebnisse, dass eine präzise geplante Intervention, also Ernährung- und Lifestyle-Schulung und spezielles körperliches Training, die körperliche Leistungsfähigkeit sowie das Ernährungswissen und -verhalten erhöhen und der Anstieg des Körperfetts gebremst werden kann." Auch lassen die Zahlen darauf schließen, dass ein früher Interventionsbeginn bereits im Volksschulalter notwendig ist und dass die Einbeziehung der Eltern, Lehrer und anderen Bezugspersonen die Wirksamkeit vergrößere.

Ähnlich argumentiert auch Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres: "Prävention in diesem Bereich ist nicht nur möglich, sondern auch dringend notwendig." Es sei an der Zeit, dass die Möglichkeiten für Kinder und Jugendliche, täglich Sport auszuüben, dringend verbessert werde. Oft fehle es an der notwendigen Struktur, aber "zu einem gesunden Lebensstil zählt neben eine gesunde Ernährung eben auch ausreichend Bewegung".

Zahlen zeigten, dass noch 26 Prozent der 11-Jährigen täglich moderate bis starke sportliche Aktivitäten ausführen, wobei es dann bei den 15-Jährigen nur mehr 11,5 Prozent sind. Das aktuelle Projekt belege jedenfalls, wie wichtig tägliche Bewegung für die Vermeidung von Übergewicht sei. Szekeres: "Nach wie vor gibt Österreich zu wenig Geld für Prävention aus. Es ist wesentlich weniger als der Durchschnitt der EU-Länder."

Die Konsequenzen der Vernachlässigung der Prävention seien bei den Zahlen über den Gesundheitszustand der Österreicher regelmäßig abzulesen. So klagen viele Erwachsene über Wirbelsäulenbeschwerden, Bluthochdruck oder Migräne. "Es muss jetzt mehr Geld für Prävention ausgegeben werden, sonst steigen chronische Krankheiten in den nächsten Jahren dramatisch an, und damit natürlich auch die Gesundheitskosten", ist Szekeres überzeugt.

Das Projekt zeige jedenfalls, wo angesetzt werden könne, "damit unsere Kinder nicht zu den kranken Erwachsenen von morgen werden". Daher dürften solche Interventionen keine Einzelaktionen bleiben, sondern müssten endlich permanent allen Schülern in Österreich zur Verfügung stehen. Laut Szekeres "fehlen dazu aber nach wie vor die Bereitschaft und der nötige Wille, Strukturen entsprechend zu ändern, Geld in die Hand zu nehmen und darauf zu schauen, dass die Erwachsenen von morgen auch wirklich gesund leben können".

Quelle: APAMED