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Datum: Samstag, 20. Oktober 2018

Artikel: Schaffler Verlag, Qualitas:03/2018 / Redaktion

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Disease Management & Digitalisierung

Auch in diesem Alpbacher Sommer war das Institut HEALTH der JOANNEUM RESEARCH inhaltlich verantwortlich für eine Partnersession im Rahmen der Gesundheitsgespräche des Europäischen Forums, zu der HEALTH­-Direktor Thomas Pieber geladen hatte. Zum Thema „Disease-­Management­-Programme und Digitalisierung in der Medizin“ informierte JOANNEUM RESEARCH HEALTH rund 80 Interessierte und initiierte damit eine sehr pointierte und bemerkenswert aussagekräftige Podi­umsdiskussion.

„Welche Chancen sich durch die Digitalisierung im Gesundheits­bereich in Zukunft ergeben werden, können wir derzeit nur erahnen“, unterstrich der steirische Gesundheitslan­desrat Christopher Drexler die Aktualität des Themas in seiner Einleitung.

Keynote­Speaker Helmut Hildebrandt, Vorstandsvorsitzender der OptiMedis AG, Geschäftsführer der Gesundheit für Billstedt/Horn UG und der Gesun­des Kinzigtal GmbH, Hamburg, betonte:

Gesundheitsversorgung von heute kann nicht auf Technologien von gestern auf­gebaut werden. Was heute in vielen Wirt­schaftsbereichen selbstverständlich ist – Stichwort Industrie 4.0 – müssen wir auch im Gesundheitswesen entwickeln.

Es gelte, die Sektorengrenze in der Versor­gung zu überwinden. Das vor 30 Jahren in den USA entwickelte Disease Manage­ment sei nur eine Stufe auf dem Weg zum Health Management.

Helmut Hildebrandt zeigt seit mehr als 12 Jahren, dass es notwendig und möglich ist, die Behandlungsqualität durch zusätz­liche Angebote zu verbessern, um durch den verbesserten Gesundheitsstatus der Menschen in einer Region auch Ausgaben zu reduzieren. Dazu muss nicht nur Geld in die Hand genommen werden, es muss vor allem gesundheitswirksam eingesetzt wer­den. Vom Paradigma „mehr Geld macht mehr Gesundheit“ hat sich Deutschland in vielen Bereichen bereits verabschiedet. Österreich muss das noch nicht. Das hat für beide Länder Vor-­ und Nachteile.

Disease­-Management­-Programme stellen Patienten und Patientinnen in den Mittel­punkt und sichern eine gute Versorgung. Gemeinsam mit der digitalen Prozess-­ und Entscheidungsunterstützung leisten sie einen Beitrag zur Resilienz der Gesund­heitsversorgung. Welche Beispiele und Erfahrungen gibt es hier? Diese Frage stellte Moderator Roland Schaffler (Chefredakteur QUALITAS) den Fachleuten am Podium.

Clemens Martin Auer, Sektionsleiter Sek­tion I – Gesundheitssystem, zentrale Ko­ordination, Bundesministerium für Ge­sundheit, mahnte: „Flächendeckender Austausch von Gesundheitsdaten, von dem alle Patientinnen und Patienten pro­fitieren, braucht eine interoperable Infra­struktur. Dort haben wir die Grundlagen geschaffen, haben aber in der Umsetzung einen enormen Aufholbedarf.“ Hier brau­che es in den kommenden fünf Jahren einen Innovations-­ und Investitionsschub, der von der öffentlichen Hand ausgehen müsse. „Die größte Herausforderung liegt darin, die Dinge auf den Boden zu brin­gen“, unterstrich Romana Ruda, Leiterin der Abteilung Versorgungsmanagement Wiener GKK, mit konkreten Beispielen. Joachim Henkel, Hauptabteilungsleiter Integratives Leistungsmanagement AOK Hessen, beleuchtete die Situation wie Hil­debrandt aus deutscher Sicht:

Disease­-Management­-Programme in Deutschland sind seit 2002 gesetzlich vorgeschrieben, benötigen aber sinnvolle, digitale Ergän­zung zur Patientenführung.

Moderne IT­-Infrastruktur und neue Infor­mations-­ und Kommunikationstechnolo­gie sind einerseits die Grundlage für die Entwicklung neuer Formen der Zusam­menarbeit von Health Professionals mit den und für die Patienten. Andererseits – und das war ein Kristallisationspunkt der Diskussion der Systemfachleute am Podium – sind ihre Wirksamkeit und Inno­vationskraft immer davon abhängig, dass die Rahmenbedingungen und Strukturen geschaffen werden, ihre Spielräume klug und verbindlich definiert sind und die Be­teiligten auf allen Ebenen verbindlich ver­einbaren, die Prozesse der gemeinsamen Arbeit für Patienten und Klienten zu ge­stalten und weiterzuentwickeln.

Was neue technische Möglichkeiten vor allem brauchen, um ihr Potenzial für den Menschen auch zu entfalten und wirksam zu werden – und das vergessen alle nur zu gerne –, sind die Veränderungen des Gewohnten. Veränderung tut also Not; im kleinen und im großen Zusammenarbei­ten. Und, sie tut dem System gut. Manch­mal tut sie weh: Funktionen und Rollen, einschließlich ihrer identitätsstiftenden Kraft, werden durch den Einsatz moderner IT andere. Das ist die grundlegendste Ver­änderung des Gesundheitssystems durch Digitalisierung: Menschen und Gruppen gewinnen oder verlieren Einfluss im sozi­alen Kontext der Versorgung von Populati­onen und in der Betreuung von Patienten. Was vielleicht am stärksten verunsichert, ist, dass vor der patientenorientierten Re­organisation von Prozessen nie abschätz­bar sein kann, was für den einzelnen im Gesundheitswesen Tätigen und für ganze Gesundheitsberufsgruppen am Ende der Lohn ihrer Veränderungsarbeit sein wird. Das ist neu. Patientenzentriert und ergeb­nisoffen neue Prozesse interdisziplinär, multiprofessionell, sektorenübergreifend, überregional und gar bundesländerüber­greifend zu gestalten, bietet Chancen: für Patienten und die beteiligten Systemmit­glieder. Und genau hier können Verände­rungen gedeihen.


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  Ausgabe: 03/2018
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