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Datum: Dienstag, 27. Februar 2018

Artikel: Schaffler Verlag, ÖKZ: 59. JG (2018) 01-02 / Christian F. Freisleben

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Dirty Fingers

Smartphones sind ein Teil des Alltags – auch im Krankenhaus. Sie werden öfter genutzt als Lichtschalter oder Türklinken. So können sie auch Heimat für verschiedenste Keime sein. Ein weiterer Grund für regelmäßige Händehygiene.

Im medizinisch-pflegerischen Bereich ist die Verwendung von elektronischen Geräten, wie Smartphones, Laptops oder Tablets, nicht mehr wegzudenken. Es gibt zahlreiche aktuelle Studien, die auf die Keimbelastung von Handys und Smartphones hinweisen.1  Dabei wird unter anderem darauf aufmerksam gemacht, dass die Keimzahl auf vergleichbaren Alltagsgegenständen – Kugelschreibern, Stethoskopen, Türgriffen – in vielen Fällen höher sein kann als auf einer Klobrille.2

Verschmutzung beseitigt – Keime bleiben

Leopold Karner ist Hygienefachkraft am Universitätsklinikum Krems. Seiner Meinung nach sollte das Handy als potenzielle Keimquelle nicht bagatellisiert, aber auch nicht überbewertet werden. Der Erreger Nachweis allein genügt in der Regel noch nicht als Beweis, dass das Mobiltelefon die Ursache einer Infektion ist. „Smartphones, Laptops etc. sind keine größere Infektionsquelle als die Hände selbst. Erst über die Hände kommen die Erreger in der Regel auf die Geräte bzw. von dort zum Patienten“, sagt er. Denn, wie Karner betont, selbst wenn das Handy regelmäßig mit einem Brillenputztuch gereinigt wird, werden dadurch zwar sichtbare Verschmutzungen beseitigt, die Keimzahl wird aber nicht wesentlich reduziert.

Die WHO definiert die bekannten „Fünf Momente der Händehygiene“, in denen Personal in einem Krankenhaus sich die Hände desinfizieren sollte – zwei davon beziehen sich auf den Moment unmittelbar vor bzw. nach dem Kontakt mit einem Patienten.3 „Allein die Befolgung dieser zwei Indikationen zur Händedesinfektion würden ausreichen, um keine Erreger zum Patienten oder von diesem zum nächsten zu tragen“, so Karner. Studien zeigen aber, dass die Einhaltung der Händedesinfektion (Compliance) beim Krankenhauspersonal teils unter 50 Prozent liegt. Das heißt, jede zweite erforderliche Händedesinfektion wird in der Regel nicht durchgeführt. „Eine nicht durchgeführte Händedesinfektion ist kein Kavaliersdelikt, sondern eine unterlassene Hilfeleistung mit oft schwerwiegenden Folgen für die betroffenen Personen“, unterstreicht Karner.

Kein Kavaliersdelikt

Grundvoraussetzung für eine korrekte Händedesinfektion ist der Verzicht von Schmuck an den Händen und Unterarmen. Dazu zählen Fingerringe (auch der Ehering), Armbanduhren, Freundschaftsbänder, aber auch künstliche Fingernägel, Gelnägel und Nagellack. Die Arbeitnehmerschutz-Gesetze sprechen übrigens ebenfalls gegen das Tragen von Schmuck an den Händen. Leider werden diese Vorgaben vom Personal oft nicht eingehalten und Verstöße dagegen als geringfügige Verfehlung angesehen. Die Patienten und ihre Anwälte wissen das mittlerweile, und so steigen die hygienerelevanten Gerichtsverfahren von Jahr zu Jahr.

„Die Hygieneteams in den Kliniken haben eine beratende Rolle, können daher niemanden zu etwas verpflichten“, so Karner. Die Verantwortung für die Umsetzung und Einhaltung der HygieneVorgaben tragen die Mitarbeiter selbst, aber auch die Vorgesetzten wie die Stationsleitung für die Pflege oder der Stationsarzt für das ärztliche Personal und in letzter Instanz die Klinikleitung.

Dabei gäbe es viele einfache Maßnahmen, um die Händehygiene-Compliance zu erhöhen. Händedesinfektion ist ein Leadership-Thema: Desinfizieren sich Chefärzte und Stationsleitungen die Hände beim Betreten des Patientenzimmers (etwa bei der Visite), dann werden es alle anderen Personen im Raum mit hö­ herer Wahrscheinlichkeit auch tun.4

Im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Linz hat sich das System Co-Pilot bewährt: Bei Visiten ist immer eine Person aus Medizin oder Pflege dafür verantwortlich darauf zu achten, dass sich tatsächlich alle Mitgehenden vor und nach Patientenkontakt die Hände desinfizieren. So konnte hier die Compliance in allen Berufsgruppen auf ca. 80 Prozent gesteigert werden.

Hygienemängel ansprechen

Eine weitere Option ist, wie in einer Broschüre der Patientenanwaltschaft angeregt, dass Patienten dazu aufgefordert werden, Hygienemängel bei der Händedesinfektion gegenüber dem Personal anzusprechen. In Pilotstudien wurde dieses Vorgehen von den meisten Patienten als sehr sinnvoll eingestuft, manche Klinikmitarbeiter sehen dies eher als Kontrolle. „Wir müssen das Personal daher davon überzeugen, dass es hier nicht um Kontrolle, sondern um die Umsetzung sinnvoller Hygienemaß­ nahmen geht. Ich persönlich sehe es positiv, wenn ich daran erinnert werden würde, etwas vergessen zu haben“, sagt Karner.

„Auch wir im Universitätsklinikum Krems überlegen etwa, diesbezügliche Händehygiene-Informationen direkt auf den Türen der Patientenzimmer anzubringen. Auch Besucher und Angehö­ rige sollten viel mehr in dieses Konzept miteinbezogen werden, da sie oft nicht nur einen Patienten, sondern mehrere besuchen, und damit auch die Erreger von einem Patienten zum anderen weiter tragen“, analysiert Karner. Der Erfolg von hygienerelevanten Informations- und Bildungsmaßnahmen lässt sich etwa am Verbrauch von Händedesinfektionsmitteln (Liter/Jahr) messen. Dazu gibt es internationale Daten, mit denen dann ein Benchmark möglich ist – dazu kann ein spezielles „Hände-Modul“ im deutschen Nationalen Referenzzentrum für Surveillance von nosokomialen Infektionen5 genutzt werden.

Händedesinfektion ist allerdings ein Thema, das über den Arbeitsplatz hinausgeht. „Hygiene beginnt nicht beim Betreten und endet nicht beim Verlassen der Klinik. Auch im privaten Bereich sind z.B. bei der Betreuung abwehrgeschwächter Familienmitglieder oder beim Umgang mit Lebensmitteln Hygienemaß­nahmen einzuhalten.“

Um auf das Mobiltelefon zurückzukommen: Was die Handys von Patienten betrifft, so hängt die Antwort auf die Frage, ob das mitgebrachte Smartphone eine Keimschleuder ist, letztlich auch davon ab, was dieser Patient sonst so an Erregern in die Klinik mitbringt. Längst gibt es außerhalb von Spitälern deutlich mehr Personen mit multiresistenten Erregern (MRE) als innerhalb. Karner tut sich deshalb schwer damit, dass oft grundsätzlich das Krankenhaus als Quelle für diese Erreger betrachtet bzw. verantwortlich gemacht wird. MRE sind kein alleiniges Krankenhaus-Problem mehr. Alle häufigen Hand-Haut-Kontaktstellen können damit kontaminiert sein. In der Bahn, im Büro, auf dem Einkaufswagen, auf Lebensmitteln und zu Hause.

„Wird das Hygienethema ernst genommen, ist es unerlässlich, bei bestimmten Patientengruppen, beispielsweise Patienten aus Pflegeheimen, Personen mit häufiger Antibiotika-Therapie, Personen mit offenen Wunden, ein derzeit gesetzlich noch nicht vorgeschriebenes Aufnahme-Screening durchzuführen und gegebenenfalls sofort Hygienemaßnahmen einzuleiten.“ Mehr als 80 Prozent der in Krems in einem Jahr stationär betreuten MREPatienten wurden bereits bei der Aufnahme positiv getestet. Ein weiterer Anlass für einen solchen Test sollte mittlerweile auch ein Aufenthalt in einem südlichen oder asiatischen Urlaubsland im letzten Jahr sein.

Literatur:
1 Pyrek KM (2017): Mobile Technology Disinfection: Contaminated Devices Pose Threat to Patients. Zugang: www.infectioncontroltoday.com/articles/2017/02/mobiletechnology-disinfection-contaminated-devices-pose-threat-to-patients.aspx. Zugriff: 11.1.2018.
2 Wolfe DF et al (2009): Bacterial colonization of respiratory therapists‘ pens in the intensive care unit. Respir Care 54(4):500.
3 Zugang: www.aktion-sauberehaende.de/ash/module/ambulante-medizin/5- indikationen/. Zugriff: 11.1.2018.
4 Haessler S et al (2012): Getting doctors to clean their hands: lead the followers. BMJ Qual Saf 21:499-502.
5 Zugang: www.nrz-hygiene.de/surveillance/kiss/hand-kiss/. Zugriff: 11.1.2018.

 

 


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