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Datum: Freitag, 22. August 2014

Artikel: medianet health economy / Martin Rümmele

Bildinhalt: Alpbacher Gesundheitsgespräche analysierten künftige Entwicklungen und Umgang mit Datenflut in der Medizin

Bildrechte: ClipDealer / YorkBerlin

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Der Körper als Quelle für Millionen an Daten

Hauptverbandsgeneral Josef Probst fordert Transparenz und offene, patentfreie Forschung

Seit Beginn des Jahrtausends stehen die detaillierten Daten über das menschliche Genom zur Verfügung. In den kommenden Jahren werden sich die Millionen Daten, die zudem in Studien und der Medizin erhoben werden, verzehnfachen. Doch das Verständnis all dieser Informationen ist noch gering, utopische Zukunftsaussichten und massive Ängste zu deren Verwendung stehen einander gegenüber.

Zwischen der wissenschaftlichen Erkenntnis über das menschliche Genom und dessen Bedeutung für den Einzelnen klafft etwa eine riesige Lücke. „Wir haben eine Menge für die Forschung gelernt; die Auswirkungen für das Individuum sind hingegen generell noch gering. Auf der anderen Seite sind sechs Prozent der Menschen von Krankheiten betroffen, die allein auf der Basis von genetischen Veränderungen beruhen“, sagte Han Brunner, Chef der Genetik-Abteilung der Radboud Universität in Nijmegen in den Niederlanden.

Revolution in der Medizin

„Die neuen Technologien transformieren die Medizin“, brachte zum Auftakt der Gesundheitsgespräche beim Forum Alpbach der US-Experte John Quackenbush auf den Punkt. Er ist Professor of Computational Biology and Bioinformatics im Institut für Biostatistik an der Harvard School of Public Health in Cambridge. Zentrale Herausforderung für die medizinische Forschung sei es, die Daten zusammenzubringen, um die Effizienz zu steigern und das Ergebnis zu verbessern, sagte Quackenbush, und dazu müsse man Milliarden investieren, um Daten zu sammeln, aufzubewahren und zu managen.

Dabei gibt es in der Forschung einerseits und via Internet und Social Media andererseits schon heute enorme Datenmengen über die verschiedensten Faktoren, die die Gesundheit der Menschen beeinflussen, sagte Brunner. Wie das konkret funktioniert, zeigt sich am Beispiel von Alzheimer. Hier gibt es aus den verschiedensten Bereichen wie der Medizin, der Neuropsychologie, der Genomforschung sowie Analysen der Zellebenen und Eiweißmoleküle und nicht zuletzt der Mathematik und Informatik „wunderbare Fakten in riesigen Datenarchiven“, sagte Richard Frackowiak vom Universitätsspital Lausanne (CHUV). Dennoch liege bei der Erkrankung noch vieles im Dunkeln. „Wir wissen nicht, wie man präventiv agieren kann, welche Rolle die Gene spielen oder ob und wie Erkenntnisse aus dem Tierbereich übertragbar sind.“

Milliardeninvestition

Hier setzt das Human Brain Project der EU-Kommission an, sagt dessen Kodirektor Frackowiak. Es soll das gesamte Wissen über das menschliche Gehirn zusammenfassen und mit der Hilfe von computerbasierten Modellen und Simulationen nachbilden. Als Folge werden neue Erkenntnisse über das menschliche Hirn und seine Erkrankungen erwartet. Das Großprojekt ist auf zehn Jahre ausgelegt, kosten wird es mehr als eine Mrd. €. „Wenn wir das biologische Verständnis über die Zusammenhänge und Funktion haben, können wir auch zur Pharmaindustrie gehen und fragen, wie man gemeinsam Medikamente entwickeln kann“, skizziert Frackowiak die Idee.

Zusätzliche Fragen wirft der Umgang mit dem Sammeln von Daten via Social Media und Apps durch private Unternehmen auf. Josef Probst, Generaldirektor des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger, fordert mehr Transparenz. Gleichzeitig müsse bei öffentlich finanzierten Forschungen und Großprojekten sichergestellt werden, dass die Profite, die die Forschung bringt, dann auch der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen und nicht in teure Medikamente münden. Probst wünscht sich eine offene, patentfreie Forschung.

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  Ausgabe: 22.08.2014
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