medianet ÖAZ Philips QUALITAS ÖKZ MedAustron

Datum: Montag, 30. April 2018

Artikel: CGM / Philipp Streinz

Bildinhalt: Symbolbild

Bildrechte: ClipDealer / Rebmann

Dieser Artikel wurde 34 mal gelesen.

Defizite bei Versorgung von Diabetes-Patienten

In Österreich sind rund 600.000 Menschen von Diabetes betroffen. Seit Jahren gibt es Kritik an mangelnder ambulanter Langzeit-Versorgung der Patienten. Eine Studie des Grazer Experten Florian Stigler (Institut für Allgemeinmedizin/MedUni) belegt jetzt erneut erhebliche Defizite.

So weist Österreich - laut bereits bekannten OECD-Daten (aus 2015 oder auch die bis dahin aktuellsten erhältlichen Länderinformationen) - unter den europäischen Mitgliedsländern der Organisation die höchste Amputationsrate nach Diabetes-Komplikationen auf: Solche folgenschweren Eingriffe an Extremitäten werden in Österreich bei 14,1 Diabetespatienten pro 100.000 Einwohner vorgenommen. Im OECD-Schnitt sind es 6,4 solcher Operationen pro 100.000 Einwohner, in Großbritannien 2,9.

Stigler hat sich in seiner Arbeit im Rahmen der London School of Hygiene and Tropical Medicine auf einen Vergleich zwischen Österreich und Großbritannien konzentriert. Neue statistische Daten wurden nicht erhoben. Es handelt sich vor allem um eine Zusammenschau und eine Analyse vorhandener Informationen zur Versorgung der Diabetespatienten in den beiden Ländern. Zum Teil sind die verwendeten Informationen bis zu zehn Jahre alt. Stigler betonte, dass harte Daten zu vielen Fragestellungen in Österreich gar nicht vorhanden wären. Auch das ist seit Jahren immer wieder Kritikpunkt in gesundheitspolitischen Debatten.

Was der steirische Public Health-Experte zusammengetragen hat, sollte bei den Verantwortlichen - wieder einmal - für Aufmerksamkeit sorgen. Es geht dabei vor allem um die langfristige Überwachung der Patienten auf optimale Blutzuckerwerte und um die Beobachtung sonstiger Stoffwechselparameter (Nierenwerte, Blutfette) sowie um die Kontrolle von Blutdruck etc. Hier kann per Lebensstilmodifikation und durch Medikamente prophylaktisch eingegriffen werden. Hinzu sollten auch intensive Aktivitäten zur möglichst frühzeitigen Diagnose sich entwickelnder Diabetes-Folgeschäden kommen, um möglichst frühzeitig reagieren zu können.

Die bestmögliche Diabetesversorgung auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft sei in klinischen Leitfäden klar definiert, stellt Stigler dazu fest. Das Hauptziel der regelmäßigen Untersuchungen und Behandlungen sei es Komplikationen zu vermeiden. Gerade das erfolge aber in Österreich viel seltener als zum Beispiel in Großbritannien.

"In England liegt der Anteil der Diabetiker die jährlich die empfohlene Untersuchung der Füße und Augen erhalten bei 90 bzw. 75 Prozent. In Österreich waren es nur 49 bzw. 39 Prozent. Während in England der Rauchstatus bei 75 Prozent der Diabetiker erhoben wurde, waren es in Österreich gar nur vier Prozent", sagte der Studienautor. Im Durchschnitt würden in Österreich nur 45 Prozent der medizinisch empfohlen Maßnahmen bei Diabetikern auf diesem Gebiet durchgeführt. In Großbritannien würde diese Rate bei 91 Prozent liegen. Allerdings muss das gezeichnete Bild dem aktuellen Stand in Österreich nicht unbedingt entsprechen. Bei der Häufigkeit der Fußuntersuchungen bezieht sich Stigler zum Beispiel auf eine Studie aus dem Jahr 2008. Untersuchungen in Österreich waren auch oft nur regional beschränkt.

Trotz im staatlichen britischen Gesundheitswesen seit Jahren ziemlich regelmäßig aufgezeigter und zum Teil katastrophaler Zustände scheint laut Stigler die Versorgung chronisch Kranker dort intensiver und mit deutlich besserer Rundum-Betreuung in der niedergelassenen Praxis zu erfolgen. Dort sind wegen der zentral gesteuerten Strukturen auch alle Daten vorhanden. Er nennt für die Positiva in Großbritannien auch einen der Gründe: "(Kassen-)Allgemeinmediziner werden in Österreich auf der Basis der Leistungen und der Zahl der behandelten Patienten bezahlt. Das führt zu dem Anreiz, viele Patienten in kurzer Zeit zu sehen." In Großbritannien würden Anreize zum langfristigen Behalten der Patienten und für eine bessere Prozessqualität geben.

Jahrzehntelang war eine spezifischere medizinische Versorgung für Diabetiker in Österreich auf die Stoffwechselabteilungen der Krankenhäuser mit ihren Ambulanzen konzentriert. Die OEDC-Statistik "Health at a Glance", welche Stigler aus 2012 zitiert, wies damals noch 188 Spitalsaufnahmen von Diabetikern ohne Komplikationen pro 100.000 Einwohner über 15 Jahre auf (mit Komplikationen: 167 Spitalsaufnahmen pro 100.000 Einwohner). Das waren für Europa jeweils Spitzenwerte, dürften aber vor allem die bekannte "Spitalslastigkeit" des österreichischen Gesundheitswesens spiegeln. Hier haben sich die Zahlen laut der Studie mittlerweile zum Teil deutlich gebessert.

Quelle: APAMED