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Datum: Montag, 26. Februar 2018

Artikel: Schaffler Verlag, ÖKZ: 59. JG (2018) 01-02 / Erika Pichler

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"Das war in der Einzelordination
nicht zu leisten"

Genügt für Primary Health Care ein guter Hausarzt oder braucht es mehr? Trotz Vorgaben der Gesundheitsreform reißt die Diskussion darüber nicht ab. Formen, Modelle, Pilotprojekte und Meinungen zur Primärversorgung in Österreich.

Nachdem es 2017 gelang, in Österreich ein Primärversorgungsgesetz auf den Weg zu bringen, gilt es nunmehr, die darin vorgesehenen Primärversorgungseinheiten (PVE) flächendeckend zu verwirklichen. Stefan Korsatko, Bundessprecher des Österreichischen Forums Primärversorgung (OEFOP) und Medizinischer Leiter des Clinical Research Centers der Medizinischen Universität Graz, bewertet die diesbezüglichen Ambitionen des neuen Regierungsprogramms in puncto Primärversorgung vorsichtig positiv.

Das Regierungsprogramm und auch schon die Äußerungen von Bundesministerin Beate Hartinger-Klein legen den Schluss nahe, dass einerseits die Allgemeinmedizin beziehungsweise die Hausärzte gestärkt werden sollen, aber andererseits auch das Projekt Primärversorgung weiter vorangetrieben werden soll. Das ist eine sehr positive Entwicklung für die österreichische Bevölkerung und steuert der zunehmenden Privatisierung und Patientenstromfehlsteuerung entgegen.

Immerhin sei im Regierungsprogramm sogar von „Etablierung der Primärversorgung“ und einem „Ausrollplan“ die Rede. Auffallend seien zudem viele Maßnahmen in Bezug auf den Hausarzt und die Attraktivierung des Berufs.

 

Vorzeigebeispiel Enns

Als Musterbeispiel für Primärversorgungszentren nennen sowohl Korsatko als auch Ministerin Hartinger-Klein das Gesundheitszentrum Enns. Vor gut einem Jahr wurde dort das erste voll ausgebaute PVZ Oberösterreichs eröffnet, in dem sechs Allgemeinmediziner (4,5 Kassenstellen), ein Lehrpraktikant, zwei Diplomkrankenschwestern, fünf Ordinationsassistenten, zwei Physiotherapeuten und ein Sozialarbeiter zusammenarbeiten. Ergänzt wird dieses Kernteam durch Teilzeitstellen für Psychotherapie, Diätologie, Ergotherapie, Logopädie, Geburtshilfe sowie einen Geschäftsführer. Der Allgemeinmediziner Wolfgang Hockl, der das Pilotprojekt initiiert hat, sieht in der Teamarbeit noch viel Entwicklungspotenzial.

Viele Dinge können im Team, das sich nun gefestigt hat, und nachdem sich alle Mitarbeiter mit dem Betrieb identifizieren, noch organisiert werden. Das benötigt Zeit – das ist für mich aber Teil des Prozesses und kein Nachteil.

 

Pünktlicher nach Hause

Als positivsten Aspekt des Zentrums für ihn selbst sowie für seine Patienten erachtet Hockl, unmittelbar Therapeuten „an der Hand zu haben“, mit denen man akute Probleme sofort besprechen und gemeinsam Lösungen erarbeiten könne, und gibt dafür ein Beispiel:

Ein Patient kommt wegen diverser Beschwerden zu mir, im Gespräch kommen Arbeitslosigkeit, Sucht, Beziehungsprobleme zur Sprache, ich hole – mit Einverständnis des Patienten – den Sozialarbeiter dazu und wir besprechen gemeinsam mit dem Patienten die Themen, priorisieren sie und geben Folgetermine. Das war früher in der Einzelordination nicht zu leisten, die Patienten konnte ich auch bei Weitem nicht in dieser Qualität versorgen; es ist schön, so arbeiten zu können, denn man kann den Patienten umfassender, nicht nur vordergründig somatisch, helfen.

Mutmaßungen, die Abstimmung im Team müsse wesentlich mehr Zeit in Anspruch nehmen als zuvor, tritt der Arzt entgegen. Professionelle Geschäftsführung vorausgesetzt, werde der Zeitaufwand für Dokumentation und nicht medizinische Arbeit geringer, der für Teamarbeit höher.

Jedenfalls kommen aber alle meine Kolleginnen, die ja Kinder haben, nun viel pünktlicher und berechenbarer nach Hause als in ihren früheren Praxen.

 

Ländervergleich

Oberösterreich kann generell als Vorzeige-Bundesland in puncto Primärversorgung gelten. Da zu Beginn dieses Jahres im Mühlviertel die PVE Haslach eröffnet wurde, verfügt das Land nun mit drei Standorten (Enns, Marchtrenk, Haslach) bereits über mehr PVE als die Bundeshauptstadt (mit Primärversorgung Donaustadt und Medizin Mariahilf). Inzwischen werden auch bereits Ärzte für das erste Primärversorgungszentrum in der Landeshauptstadt Linz gesucht. Schon jetzt legt die Gebietskrankenkasse dem künftigen Team nahe, bis zum Start des Zentrums bereits als Netzwerk zusammenzuarbeiten.

Als ein Stiefkind der Primärversorgung galt hingegen lange Zeit das Nachbarland Niederösterreich. Im größten Bundesland Österreichs ist bisher weder ein PVE in Betrieb noch in konkreter Planung, lediglich in Diskussion. Die zwischen der Ärztekammer für Niederösterreich und der Gebietskrankenkasse Ende 2017 erzielte Einigung sieht vor, noch bis Anfang April dieses Jahres Interessenten für den Pilotbetrieb einer PVE in Form einer allgemeinmedizinischen Gruppenpraxis zu finden. Bei den dafür eingerichteten Informationssprechtagen habe sich großes Interesse gezeigt, sagt Jan Pazourek, Generaldirektor der NÖ Gebietskrankenkasse. „Nach heutigem Stand haben rund 25 Vertragsärzte für Allgemeinmedizin einen Informationssprechtag als individuelle Beratung genutzt.“

Auch in den übrigen Bundesländern (Burgenland, Steiermark, Kärnten, Vorarlberg, Tirol und Salzburg) sind bisher noch keine PVE in Betrieb, wohl aber etliche in Planung oder in Diskussion.

 

Primärversorgungs-Netzwerke

Mancherorts wurden Modelle des Arbeitens in Netzwerken entwickelt. Ein Vorreiter ist hier etwa das Salzburger Gesundheitsnetzwerk Tennengau, dem inzwischen das Netzwerk Wallersee folgte. Letzteres wurde innerhalb von Salzburgmed.net gegründet, welches nach dem Vorbild des in der Steiermark bereits etablierten Netzwerks Styriamed.net entstand. Im Burgenland ist seit 2016 das Ärztenetzwerk pannoniamed.net in Betrieb. Ein Planungsbeschluss existiert dort zudem für ein Netzwerk Gesundheit Seewinkel. Gleiches gilt für das Ärztenetz Tirol. Diskutiert werden weitere Netzwerke in Oberösterreich und der Steiermark.

Dass das Zustandekommen solcher Netzwerke keine Selbstverständlichkeit ist, zeigen aktuelle Bestrebungen in Wien.

Das Ziel unseres Netzwerkes ist eine Entlastung der für die Allgemeinheit viel teureren Spitalsambulanzen durch ein breiteres Angebot und durch längere Öffnungszeiten der Ordinationen im Netzwerk. Für uns steht dabei nicht das Zentrum, sondern der Patient im Mittelpunkt. Wichtig ist daher der Erhalt der wohnortnahen und persönlichen Versorgung, da im Krankheitsfall beziehungsweise im Alter jeder Meter mehr zum Arzt schwer fällt.

Naghme Kamaleyan-Schmied
Hausärztin im 21. Bezirk und Vorstandsmitglied der Wiener Ärztekammer

Das Konzept für das Netzwerk liege schon lange auf dem Tisch, drei Pilotprojekte wären startbereit, doch stehe die Krankenkasse noch auf der Bremse. Aus der Wiener Gebietskrankenkasse heißt es dazu auf Nachfrage lapidar, die WGKK sehe Vorteile in PHC-Zentren, über Netzwerke werde derzeit diskutiert. Kamaleyan-Schmied plädiert für ein gleichberechtigtes und gleichzeitiges Bestehen aller Formen. „Primärversorgung wird von uns tagtäglich geleistet, ob in Einzelordinationen, Zweier oder Dreier-Gruppenpraxen. Dies kann auch in größeren Organisationsformen wie Zentren geschehen, wobei ein Primärversorgungszentrum mindestens sechs bis neun Ärztinnen und Ärzte benötigt.“ Hierbei müsse in der Planung achtgegeben werden, dass diese Allgemeinmediziner nicht an anderer Stelle fehlen und die wohnortnahe Versorgung nicht darunter leidet.

Denn die Patienten wollen, dass der klassische Hausarzt unbedingt erhalten bleibt, aktuelle Umfragen weisen hier eine Zustimmung von 95 Prozent auf.

Die Förderprinzipien der Gesundheitspolitik der letzten Jahre sind aus Sicht der Ärztin einseitig: „Statt wettbewerbsverzerrender Subventionierungen einzelner Zentren sollte der gesamte niedergelassene Bereich gestärkt werden.“

 

Mehr Zeit für Patienten

Die Versorgung der Bevölkerung mit qualifizierten Hausärzten ist ohne Zweifel der Schlüssel zu einer funktionierenden Primärversorgung. Das Institut für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung (IAMEV) der Medizinischen Universität Graz veröffentlichte dazu letzten Sommer eine Studie zur Berufsmotivation für Allgemeinmedizin. Aus der Befragung von 4700 Medizinstudierenden und Turnusärzten gingen vier Hauptfaktoren hervor, die den Hausarztberuf für Studierende und Turnusärzte unattraktiv machen: die geringe Zeit, die Kassenarztstellen für die Beschäftigung mit Patienten bieten; zu viele Kassenvorgaben; zu wenige abrechenbare Leistungen im Vergleich zu Fachärzten und ein zu niedriges Einkommen im Vergleich zu Fachärzten.

Umfragen in Deutschland hingegen zeigen eine bessere Bewertung der Allgemeinmedizin durch die Studierenden. Über die Gründe kann Stefan Korsatko, der auch assoziierter Mitarbeiter des IAMEV ist, vorerst nur mutmaßen, „dass dies aufgrund der vielfältigen Maßnahmen und positiven Imagekampagnen wegen des schon länger existenten Hausarztmangels der Fall ist“. Sehr wesentlich sei zudem auch die Tatsache, dass Hausärzte in Deutschland auch Fachärzte seien.

 

Gefragter Job

Das Fazit des OEFOP-Sprechers:

Die Notwendigkeit eines ausführlichen, multidimensionalen Maßnahmenpaketes zur Sicherstellung der Primärversorgung in Österreich mit der besonderen Bedeutung der hausärztlichen Funktion wird wohl kaum jemand, dem die Versorgung der Patienten ein Herzensanliegen ist, bezweifeln. Möchte man den Berufsstand des Allgemeinmediziners aber tatsächlich verbessern, sollte man zum Beispiel in Länder wie Holland blicken, wo der Job sehr gefragt ist.

 

 


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