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Datum: Freitag, 21. September 2018

Artikel: Schaffler Verlag, ÖKZ: 59. JG (2018) 08-09 / Klaus Vander

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Bakterielle Resistenzen

Über die Mär vom „Krankenhauskeim“

Die medizinisch-mediale Berichterstattung der letzten Jahre fokussierte zuletzt stark auf der Darstellung von im Gesundheitssystem erworbenen Infektionen sowie der beunruhigenden Zunahme antimikrobieller Resistenzen. Unbestritten besteht in der weiteren Reduktion potenziell vermeidbarer Infektionen sowie der Eindämmung bakterieller Resistenzen eine der wesentlichen nationalen und internationalen Herausforderungen der Medizin und insbesondere der Krankenhaushygiene.  

Im medialen Kreuzfeuer wird hierbei jedoch zum Teil die Ursache mit der Auswirkung verwechselt. Dies gilt im Speziellen für die als allgemeingültig konstruierte Kausaltheorie bakterieller Resistenz, in deren Mittelpunkt allzu gerne als Sündenbock die Schulmedizin im Spitalswesen gestellt wird. Die primäre Entstehung und Entwicklung bakterieller Resistenz geht jedoch weit über die Schulmedizin, ja über die Anfänge der Menschheit hinaus.  

Uralte Resistenzen  

Das Alter der Erde wird auf rund 4,6 Milliarden Jahre geschätzt. Erstes Leben in Form von Bakterien und Archaea entstand vor rund 3,5 Milliarden Jahren in einer nach menschlicher Ansicht lebensfeindlichen Umgebung, wie sie heute nur am Rande von Vulkanen und Geysiren vorkommt. Vor 2,5 Millionen Jahren entwickeln sich die ersten aufrecht gehenden Lebewesen der Gattung Mensch (Homo erectus). Vor etwa 30.000 Jahren folgt schließlich der Mensch (Homo sapiens) in seiner heutigen Form. Genetische Mutation und kontinuierliche Selektion stellen im Laufe der Evolution die Grundvoraussetzung für die so differenzierte Entwicklung allen weiteren Lebens dar. Die dominierende Triebfeder der Evolution ist die Konkurrenz der Lebewesen um Nährstoffe und Lebensraum. Im Rahmen des über 3,5 Milliarden Jahre andauernden Wettstreits zwischen Bakterien und späteren Pilzen begannen diese Stoffwechselprodukte zu bilden, die hemmend oder gar tödlich für andere Bakterien- und Pilzarten wirkten und somit für den Produzenten einen Selektionsvorteil boten. (Ein Großteil der heute in der modernen Medizin angewandten Antibiotika entspricht ursprünglich von Bakterien und Pilzen gebildeten Substanzen – z.B. Penicillin, gebildet durch den Pilz Penicillium notatum).  

Als Konsequenz hierauf entwickelten die Organismen genetisch determinierte Resistenzen, welche sie unempfindlich gegenüber gewissen antimikrobiellen Substanzen machten. Anhand aktueller Forschungsergebnisse kann gezeigt werden, dass Resistenzen, die uns heute vor Probleme stellen, schon zu prähistorischen Zeiten in derselben Form existiert haben. So konnte die Erbinformation für gewisse Mehrfachresistenz (ESBL) in Mammutdungproben aus dem Permafrost Alaskas nachgewiesen werden, welche auf rund 30.000 Jahre vor unserer Zeit datiert werden. In einem erst kürzlich eröffneten und nachweis lich seit einer Million Jahre nicht mit der Umwelt in Kontakt stehenden unterirdischen Höhlensystem in New Mexiko konnten Bakterien nachgewiesen werden, welche gegen fast alle heute zur Verfügung stehenden Antibiotika resistent sind. Somit steht fest, dass das Auftreten von bakterieller Resistenz nicht in direktem Zusammenhang mit dem Menschen steht.

Vielfältige Ursachen

Ungeachtet des ursprünglichen Entstehungsgrundes, verzeichnen wir weltweit eine rasante Zunahme von Bakterien mit Resistenzen gegenüber einer Vielzahl von uns eingesetzten Antibiotika. Die Ursachen hierfür sind vielfältig, liegen jedoch nicht vorrangig im Spitalsbereich, sondern vielmehr in unseren Lebens- und Umweltbedingungen.  

Aktuelle Daten belegen, dass zwischen 0,5 und zwei Prozent der gesunden Bevölkerung ohne Kontakt zu einer Gesundheitseinrichtung innerhalb der letzten sechs Monate symptomlose Träger von MRSA – einem multiresistenten Keim – sind. Für andere multiresistente Erreger liegen die Daten hierfür bei sechs bis acht Prozent symptomlose Träger innerhalb der gesunden Bevölkerung. Als ursächlich für das verstärkte Auftreten von multiresistenten Keimen in der Bevölkerung ist neben dem Selektionsdruck durch die in der Humanmedizin angewandten Antibiotika vornehmlich der in der intensivierten Massentierhaltung hohe Einsatz gewisser Antibiotikaklassen anzusehen. Nur etwa 30 Prozent der weltweiten Antibiotikaproduktion werden am Menschen eingesetzt. Hierbei stellt insbesondere die nicht indiziert antibiotische Behandlung primär durch Viren verursachter Infekte der Atemwege eine unerwünschte und potenziell vermeidbare Selektion dar.  

Patientenseitige individuelle Rahmenbedingungen  

Anhand der für die gesunde Bevölkerung vorliegenden Besiedelungsraten mit multiresistenten Keimen wird ersichtlich, dass wider die gemeinläufige Meinung der Nachweis eines multiresistenten Keimes im Rahmen eines Krankenhausaufenthaltes nicht zwingend mit einer unerwünschten Keimübertragung im Krankenhaus, bedingt durch einen „Hygienefehler“, gleichzusetzen ist. Richtig ist, dass im Krankenhaus durch patientenseitige Faktoren wie Grunderkrankungen (Infektionen, Immunsuppression etc.) und/oder Verletzungen der Integrität des Körpers (Wunden, Operationen, Katheter etc.), die die therapeutische Gabe von Antibiotika überlebensnotwendig machen, wiederum durch Selektion das Auftreten von multiresistenten Keimen begünstigt wird.

Somit sind es weniger „Krankenhauskeime“, die exklusiv im Gesundheitssystem auftreten, sondern vielmehr patientenseitige individuelle Rahmenbedingungen, die das Auftreten sowie die Besiedelung und Infektion mit multiresistenten Keimen begünstigen.  

Zwei Drittel der Keime von Infektionen entstammen der patienteneigenen Keimflora und sind somit nur eingeschränkt durch externe Hygienemaßnahmen zu kontrollieren. Eine vollständige Keimfreiheit des Menschen ist weder möglich noch erstrebenswert. Wir müssen somit anerkennen, dass, solange der Mensch im Mittelpunkt der Behandlung steht, auch unter den Kautelen der modernen Medizin unerwünschte Besiedelungen und Infektionen nie sicher auszuschließen sind. Es liegt an allen in der Gesundheitsversorgung involvierten Berufsgruppen, sämtliche Möglichkeiten der Prävention potenziell vermeidbarer Infektionen auszuschöpfen und insbesondere einen reflektierten und gezielten Umgang mit Antibiotika anzustreben.


Bildinhalt: Dr. Klaus Vander
  Ärztlicher Direktor am Institut
  für Krankenhaushygiene und
  Mikrobiologie, Steiermärkische
  Krankenanstaltengesellschaft, Graz
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  Ausgabe: 08-09/2018/59.JG
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