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Datum: Freitag, 23. Februar 2018

Artikel: Schaffler Verlag, ÖKZ: 59. JG (2018) 01-02 / Gabriele Vasak

Bildinhalt: Wer auf der Straße geschlafen hat, traut sich oft nicht in das Wartezimmer einer Arztpraxis

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Aus dem Netz gefallen

Auch in Österreich gibt es Menschen, die – aus welchen Gründen immer – ohne Krankenversicherung leben müssen. Die sie versorgenden Einrichtungen verzeichnen stetig steigenden Bedarf.

Medizinische Grundversorgung ist ein Menschenrecht. In Österreich sind nach Angaben des Bundeskanzleramts 99 Prozent der Bevölkerung krankenversichert. Das klingt gut, doch was ist mit jenen, die sich etwa in prekärer Beschäftigung befinden, was mit Arbeitssuchenden ohne Leistungsanspruch, mit vormals mit ihrem Ehemann mitversicherten Frauen nach der Scheidung, mit Hilfesuchenden, die ihren Mindestsicherungsanspruch aus Scham nicht in Anspruch nehmen? Und: Nicht nur der Versicherungsstatus entscheidet über den Zugang zum Gesundheitssystem. Für obdachlose Menschen etwa ist es ohne Meldeadresse schwierig, Befunde zugeschickt zu bekommen. Wer auf der Straße geschlafen hat, traut sich auch oft nicht in das Wartezimmer einer Arztpraxis – aus Angst vor den Blicken der anderen, aus Angst oft auch, beim Arzt kein Verständnis für die eigene Geschichte zu finden. Für all jene gibt es „auch karitative Einrichtungen, die unbürokratisch und kostenlos medizinische Versorgung anbieten“, heißt es dazu nüchtern und lapidar auf help.gv.at, und tatsächlich wächst die Zahl dieser Einrichtungen stetig, denn es gilt, die Lücken im Netz zu schließen.

 

Bedarf steigend

Eine dieser Einrichtungen ist AmberMed, hervorgegangen 2004 aus dem Projekt Amber des Diakonie Flüchtlingsdienstes. Ziel der Einrichtung war zunächst die medizinische Versorgung der zahlreichen Obdachlosen und nicht krankenversicherten Asylsuchenden. Im Laufe der Zeit wandten sich immer mehr Migranten, aber auch unversicherte Österreicher an Amber, um medizinische Unterstützung zu erhalten. Seit 2006 wird Amber in Form einer Kooperation mit dem Österreichischen Roten Kreuz und dem Diakonie Flüchtlingsdienst unter dem Namen AmberMed geführt. Das Angebot richtet sich prinzipiell an alle Menschen, die dauerhaft in Österreich und vorübergehend oder dauerhaft ohne Krankenversicherung leben.

Das sind derzeit vier bis fünf Prozent österreichische Staatsbürger, rund 33 Prozent Menschen, die in Österreich um Asyl angesucht haben und noch nicht oder nicht mehr krankenversichert sind, und der Rest Menschen mit Migrationshintergrund, die (noch) nicht in das Sozialversicherungssystem integriert wurden. Insgesamt betreuen wir Patienten aus über 90 Nationen. Über 50 Prozent sind Frauen, zehn Prozent sind minderjährig.

Carina Spak
Leiterin von AmberMed

Und sie betont auch, dass der Bedarf nach dem Angebot zunimmt: „2016 haben wir über 3500 Patienten bei über 8800 Konsultationen betreut. Bis auf die Ausnahmejahre 2015/16, in denen die starke Fluchtbewegung stattfand und wir ca. 40 Prozent mehr Personen betreut haben, haben wir jährlich einen Anstieg von mehr als zehn Prozent.“

 

Obdachlos, krank, unterversorgt

Ähnliches berichtet auch Elisabeth Hammer, Geschäftsführerin des neunerhauses, einer Einrichtung, die seit 1999 existiert und wo man sich nunmehr in einer Arztpraxis und einer Zahnarztpraxis sowie mit mobilen Ärzten ebenfalls um die gesundheitlichen und sozialen Belange von obdach- und wohnungslosen Menschen und Menschen ohne Krankenversicherung kümmert. „2016 haben wir rund 4000 Patienten betreut. Die Tendenz ist seit Jahren steigend.“

Die Probleme dieser Menschen sind naturgemäß ganz individuell, doch gibt es so etwas wie einen roten Faden, der ihnen gewisse Gemeinsamkeiten zuweist.

Gesundheitlich sind es die Klassiker Bluthochdruck, Diabetes, alle Arten von Schmerzen, zunehmend auch Hautprobleme, orthopädische Probleme und alle Arten von Infektionen. Allgemein kann man sagen, dass unsere Patienten unter prekären Verhältnissen leben müssen – in Bezug auf ihre Wohnsituation, ihre Einkommenssituation und demzufolge auch auf die Ernährung. Viele haben Sorge wegen der entstehenden Kosten und gehen erst sehr spät zum Arzt. Manche fürchten auch, wegen einem Arztbesuch ihren ‚Arbeitsplatz‘ zu verlieren. Dadurch ist die Symptomatik oft schon sehr stark ausgeprägt und es müssen stärkere Medikamente verordnet werden.

Carina Spak Und Elisabeth Hammer berichtet, dass die Menschen, die das neunerhaus aufsuchen, zusätzlich zu den gesundheitlichen Problemen auch unter strukturellen und sozialen Hemmnissen im Gesundheits- und Sozialsystem, Sprachbarrieren, Armut, Scham, Mangel an leistbarem Wohnraum, Traumata, Belastungsstörungen und anderen psychiatrischen Erkrankungen leiden. „Außerdem haben viele Probleme damit, dass sie oft von einer Stelle zur nächsten geschickt werden und nirgends andocken können.“

 

Das Medikament Zeit

Beide Einrichtungen arbeiten bedürfnisorientiert, mit niederschwelligen Angeboten sowie vielen ehrenamtlichen Helfern und sind in Wien mittlerweile gut bekannt. Aber – so Carina Spak: „Der stetige Anstieg an Patienten zeigt, dass der Bedarf an niederschwelliger medizinischer Versorgung für Menschen ohne Krankenversicherung noch nicht vollständig abgedeckt ist. Auch wir denken daran, neben den beiden parallel laufenden Ordinationen eine dritte zu öffnen. Dazu bedarf es weiterer finanzieller Mittel und zusätzlicher ehrenamtlicher Ärzte. Wartezeiten von drei Stunden sind leider keine Seltenheit, und das für Patienten, die meist schon starke Schmerzen haben bzw. anderswo vielleicht einmal ein paar Euro beim Reinigen in einem privaten Haushalt dazu verdienen könnten.“

Was diese Menschen aber laut Elisabeth Hammer brauchen, ist neben ärztlicher Hilfe, Medikamenten oder Verbänden vor allem oft auch „ein gutes Gespräch, ein offenes Ohr, Zeit, Empathie, sozialarbeiterische Unterstützung und die Kenntnis der richtigen Anlaufstellen für ihre Fragen. Außerdem benötigen auch nicht versicherte Menschen Psychotherapie, Physiotherapie, Leistungen aus dem Spektrum der Heilbehelfe oder Pflege und Behandlungen im Krankenhaus, insbesondere bei chronischen Leiden und langfristigen Therapien.“ Das sieht auch Carina Spak so:

Oft erleben die Patienten im Alltag Ablehnung, Gewalt und Ausbeutung, in den Herkunftsländern werden viele verfolgt, und hier in Österreich müssen sie sich ebenfalls so unsichtbar wie möglich machen. Dank der ehrenamtlichen Ärzte, die bei AmberMed vielleicht in Bezug auf Ressourcen nicht aus dem Vollen schöpfen können, ist Zeit das Wertvollste, was wir geben können.

 

Erfolge und ...

Den wohl größten Erfolg des langjährigen Engagements von AmberMed sieht Spak darin, „dass nun auch die öffentlichen Einrichtungen feststellen, dass es tatsächlich Menschen in Österreich gibt, die nicht krankenversichert sind. Das war bis vor einigen Jahren nicht so: Da wurde deren Existenz geleugnet.“ Stolz ist die Einrichtungsleiterin auch darauf, dass AmberMed-Mitarbeiter laufend als Experten für die Thematik unversicherter Menschen und interkultureller Gesundheitsversorgung angefragt werden. Das gilt auch für das neunerhaus, das laut Elisabeth Hammer mit seiner langjährigen Expertise als Teil des Gesundheitssystems wahrgenommen wird, und dem es immer wieder gelingt, „Bewegung reinzubringen und Dinge anzustoßen“.

 

... offene Baustellen

Probleme nimmt die Geschäftsführerin des neunerhaues insbesondere in der Zahnarztpraxis und in der sozialarbeiterischen Beratung der Patienten wahr, wo der Bedarf teilweise nicht gedeckt werden kann. Einige „offene Baustellen“ ortet auch Carina Spak bei AmberMed: „Es gibt etwa Probleme bei stationären Aufenthalten, Kostenübernahme von Geburten, Operationen für orthopädische Schäden oder teuren Medikamenten. Zudem haben wir mitunter auch rechtliche Probleme, zum Beispiel mit sozusagen aus Rache von der Mitversicherung abgemeldeten Partnerinnen. Dann gibt es das Problemfeld Hausbesuche bei bettlägerigen Patienten oder das der Betreuung von pflegebedürftigen Unversicherten, und natürlich haben wir auch finanzielle Probleme: Selbst bei knappster Budgetierung muss AmberMed derzeit die Hälfte des Budgets aus Spendengeldern finanzieren.“

 

Auf Spenden angewiesen

Stichwort Finanzierung: AmberMed lebt zu 50 Prozent von Spenden, und auch das neunerhaus deckt keinen unbeträchtlichen Teil der Kosten seines Angebots daraus. Sonst werden die beiden Projekte sowohl vom Fonds Soziales Wien als auch der Wiener Gebietskrankenkasse und AmberMed zudem vom Bundesministerium für Gesundheit und Soziales unterstützt. „Der Bedarf lässt sich damit in den Kernbereichen gut decken. Freilich bleiben Bereiche wie zum Beispiel Physiotherapie sowie manche fachärztlichen Untersuchungen, wo wir gänzlich auf ehrenamtliche Unterstützung angewiesen sind“, sagt Elisabeth Hammer. Carina Spak blickt nicht ganz so optimistisch in die Zukunft: „Bereits jetzt ist der Bedarf, um den derzeitigen Betrieb aufrecht zu erhalten, wesentlich höher als die Förderungen. Um zusätzliche nachhaltige Angebote zu schaffen, müssten – ohne die privaten Spenden – die Förderungen um mehr als das Doppelte erhöht werden.“

Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – setzt man in beiden Einrichtungen auf Weiterentwicklung und Erweiterung der Angebote. Im neunerhaus plant man einen Ausbau der Kooperationen, die bedarfsorientierte Entwicklung weiterer Angebote, eine laufende Evaluierung der Angebote sowie das Aufzeigen von Lücken in der niederschwelligen Gesundheitsversorgung vulnerabler Gruppen. Und AmberMed setzt stark auf Gesundheitsvorsorge und Förderung der psychischen Gesundheit. „Außerdem wollen wir weiterhin Schwerpunkte auf Gynäkologie und Pädiatrie setzen und wir streben regionale, nationale und internationale Vernetzung zum Austausch von Erfahrungen, Know-how und somit auch mehr Lobby-Arbeit für die Betroffenen an“, sagt Carina Spak.


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  Ausgabe: 01-02/2018/59.JG
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