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Datum: Samstag, 24. Juni 2017

Artikel: Schaffler Verlag, ÖKZ: 58. JG (2017) 06-07 / Michael Musalek, Raphaela Zeidler

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Arbeitssucht

Wenn Arbeit krank macht

Arbeit nimmt in unserer Gesellschaft und in unserem persönlichen Erleben einen zentralen Stellenwert ein. Sie ist einerseits wirtschaftliche Existenzgrundlage, andererseits die Grundlage für die Selbstwertbildung des Einzelnen und die Anerkennung durch andere. Zudem vermittelt Arbeit soziale Kontakte und strukturiert den Tag.

Bis heute gibt es keine klare Definition von „Arbeit“, da der Begriff sehr weit gefasst ist und höchst unterschiedliche Aktivitäten bezeichnet. Auch die Belastbarkeit der Menschen durch Arbeit lässt sich nicht objektiv festsetzen: Was dem einen schon viel (oder zu viel) Arbeit erscheint, ist für den anderen locker zu bewältigen. So wird klar, warum es auch für „Arbeitssucht“ keine eindeutige Definition gibt. Es gilt jedoch, wie bei allen Suchterkrankungen: Sucht ist keine Erkrankung für Schwächlinge. Nur wer von vornherein viel verträgt, ist arbeitssuchtgefährdet.

Abgrenzung und Definitionsversuch

Der Psychologe Wayne Edward Oates beschreibt „Workaholism“ als ... ein exzessives Bedürfnis nach Arbeit, das Beeinträchtigungen in den Bereichen der physischen Gesundheit, zwischenmenschlicher Beziehungen, des persönlichen Wohlbefindens und der Erfüllung der sozialen Rollen nach sich zieht. Hier wird also das Exzessive in den Mittelpunkt gerückt. Was aber bedeutet „exzessives Arbeiten”? Was ist ein „normales” Arbeitspensum und ab welchem Zeitpunkt wird es „exzessiv”, „problematisch” oder gar „pathologisch”?

Musalek und Zeidler sprechen sich für eine Grenzziehung nach qualitativen statt quantitativen Kriterien aus: Auch sogenanntes „engagiertes Arbeiten” kann exzessive Ausmaße annehmen, es wird aber von den Betroffenen und der Umwelt als positiv und belebend empfunden. Daher ... Nicht wie viel jemand arbeitet, ist ausschlaggebend (...), sondern ob er selbstgewählt viel arbeitet (weil er Freude an der Arbeit oder dem damit verbundenen Erfolg hat) oder weil er sich innerlich getrieben zur Arbeit genötigt sieht bzw. dauernd arbeitet, um Unruhe und Spannungszustände zu vermeiden, die sich sofort einstellen, wenn er nicht arbeitet.

Häufig wird Arbeitssucht in einem Atemzug mit Burnout genannt, stehen doch massive Arbeitsbe- bzw. -überlastung damit in engem Zusammenhang. Doch sind sie „nur“ Teilaspekte eines Burnouts, das auch durch andere Faktoren wie z.B. Mobbing, unfaire Behandlung am Arbeitsplatz, Wertekonflikte oder Partnerkonflikte ausgelöst werden kann. Die massiv steigende Anzahl an Burnout-Fällen weist darauf hin, dass es sich zunehmend um ein Massenphänomen handelt. Und jeden kann es betreffen...

Entstehung, Risikofaktoren und Symptome

Bei der Entwicklung der Arbeitssucht werden prädisponierende bzw. krankheitsauslösende von suchterhaltenden bzw. krankheitsverstärkenden Faktoren unterschieden. Vorbedingung ist – wie bei jeder Sucht – die Attraktivität und gute Verfügbarkeit des Suchtmittels.

Genetische Prädispositionen sind nicht bekannt. Es gibt aber Krankheiten, die eng mit der Arbeitssucht verbunden sind (z.B. Burnout) und ihrerseits starke genetische Komponenten aufweisen (z.B. bipolare Störungen, Depressionen). Auch Suchterkrankungen wie Nikotinsucht, aber auch Alkohol und stimulierende Suchtmittel (Kokain, Amphetamine) können als Katalysatoren dienen.

Folgende Gegebenheiten fördern Arbeitssucht:

  • Intrinsische Faktoren: Zwangsverhalten, Angstsyndrome, mangelnder Selbstwert, depressive Störungen
  • Extrinsische Faktoren: soziale Interaktionsprobleme, Abhängigkeit von der Anerkennung durch andere, Partnerschaftsstörungen
  • Das Zusammenspiel mit affektiven oder Persönlichkeits-Störungen kann den Prozess der Arbeitssucht wesentlich verstärken.

Symptome von zwanghaft süchtigem bzw. problematischem Arbeitsverhalten sind:

  • „Craving”: innerer Drang nach mehr und mehr Arbeit
  • Toleranzentwicklung: Es braucht immer mehr Arbeit, um das „Craving” zu stillen.
  • „Dosiserhöhung“: zeitliche Ausdehnung der Arbeit auf alle Lebensbereiche
  • Kontrollverlust: Arbeitsabstinenz wird zunehmend unmöglich.
  • Unruhezustände in der Freizeit: Unfähigkeit, Zeiten ohne Arbeit zu verbringen.
  • Vegetative Übererregung (Hyperarousal)
  • Erschöpfung und Ausgelaugtsein
  • Keine Befriedigung durch die Arbeit, fehlende Selbstanerkennung
  • „Entzugserscheinungen“ wie Blutdruckerhöhung, Schwitzen, Schlafstörungen etc.
  • Körperliche und psychische Erkrankungen, soziale Störungen (Depressionen, Angstsyndrome, soziale Isolation...)
  • Arbeiten als einziges Zentrum des Lebens: Alles andere tritt in den Hintergrund. Erholung von der Arbeit wird unmöglich.

Diagnose und Therapie

Derzeit wird Arbeitssucht unter „Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen” in der Kategorie „Abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle” (F6.3) eingeordnet. Diese Definition greift viel zu kurz, da Arbeitssucht ein hochkomplexes Suchtgeschehen ist.

Arbeitssüchtige Personen erfüllen in der Regel alle Kriterien, die international als Kriterien von „Abhängigkeitserkrankungen” anerkannt sind. Darüber hinaus steht die Arbeitssucht (wie auch das Burnout) noch vor einem anderen diagnostischen Problem: Sie ist kein plötzlich in die Welt getretenes „Ding”, sondern ein dynamischer Prozess. Eine Diagnose, die nur eine Momentaufnahme dieses Prozesses liefert, wird immer zu kurz greifen. Auch werden die Symptome höchst unterschiedlich erlebt. Eine umfassende Diagnostik der Arbeitssucht muss somit nicht nur Symptome auflisten, sondern auch deren Bedeutung für den Einzelnen und sein Umfeld verstehen.

Das Hauptproblem bei der Behandlung

von Arbeitssucht liegt im mangelnden Krankheitsbewusstsein der Betroffenen. Meist kommen sie erst spät in Behandlung oder sehen ihr Verhalten nicht als problematisch. Früherkennung und frühe Behandlung begünstigen jedoch den Behandlungserfolg deutlich.

Wie alle Suchterkrankungen ist die Arbeitssucht eine chronische Erkrankung, die sich schleichend entwickelt, sodass ihr Beginn nicht eindeutig festsetzbar ist, die aber – auch in Hinblick auf ihre Komorbiditäten und Folgeerkrankungen – sogar einen tödlichen Ausgang nehmen kann.

Ansätze zur Behandlung und Rehabilitation:

  • Ausrichtung auf die Umwertung der bisherigen Wertigkeiten
  • Die Behandlung muss auch andere, damit verwobene Störungen einbeziehen.
  • Definition eines klaren Behandlungszieles, über das sich Therapeut und Patient einig sind.
  • Je attraktiver das Behandlungsziel desto geringer ist die Drop-out-Rate. Der Erfolg der Behandlung ist weniger von der jeweiligen Behandlungsmethode abhängig, als davon, ob jemand konsequent über längere Zeit in Behandlung bleibt.
  • Ziel der Behandlung ist eine Umgestaltung des Lebens (und Erlebens) der Betroffenen, nicht die bloße Verhaltensänderung.
  • Quality-of-Life-Konzepte: Es geht nicht nur um Wiedereingliederung in die Gesellschaft und den Arbeitsprozess, sondern auch um Lebensqualität für die Betroffenen.
  • Recovery-Konzepte: Der Genesungsprozess wird als Entwicklung gesehen, als schrittweise Verbesserung des Allgemeinzustands.
  • „Orpheus-Programm”: Das im Anton-Proksch-Institut entwickelte Programm dient der Ressourcen-Aktivierung von Betroffenen. Die Freude an einem „schönen Leben” soll wiederentdeckt werden. (siehe auch ÖKZ 12/2016, S. 39)
  • Die Komorbiditäten entscheiden über die Behandlungsdauer und müssen daher in den Behandlungsplan miteinbezogen werden.

Zum Anton Proksch Institut (API)

Das API ist eine der führenden Suchtkliniken Europas. Das Leistungsspektrum umfasst sowohl stationäre Therapien bei Alkohol-, Medikamenten-, Drogen-, Nikotin-, Spiel-, Computer- und Internet-, Arbeits- und Kaufsucht als auch ambulante Therapien. Das Institut feierte im Jänner 2017 das 60-jährige Bestehen seiner Stiftung und betreut aktuell pro Jahr etwa 2.000 Patientinnen und Patienten stationär und rund 4.700 ambulant. Das API (www.api.or.at) ist eine Gesundheitseinrichtung der VAMED Gruppe (www.vamed.com).

Autoren:
Prim. Univ. Prof. Dr. Michael Musalek
Mag. Dr. Raphaela Zeidler


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  Ausgabe: 06-07/2017/58.JG
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