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Datum: Montag, 11. Februar 2019

Artikel: CGM / Walter Zifferer

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Abseits des Trends

Kaiserschnitt-Plus auch wegen größerer Kinder

Die zunehmende Zahl an Geburten per Kaiserschnitt ist nicht nur eine gesellschaftliche Modeerscheinung. Wiener Forscher zeigen nun im Fachblatt "Proceedings of the Royal Society B", daß die teils starken Unterschiede zwischen Ländern auch auf Unterschiede bei der Zunahme der Körpergröße zurückzuführen sind.

In Brasilien, Ägypten und der Türkei liegen die Kaiserschnittraten um die 50% - ein deutlicher Hinweis, daß in vielen Ländern der Eingriff vielfach auch ohne direkten medizinischen Grund vorgenommen wird.

In Österreich beträgt die Kaiserschnittrate aktuell rund 30%, während sie in aus medizinischer und gesellschaftlicher Sicht vergleichbaren Ländern in Skandinavien nur etwa 15% ausmacht. In Italien, Portugal oder Rumänien kommen wiederum über 35% der Kinder per Sectio zur Welt.

Die frappanten Unterschiede werden meist auf sozioökonomische, rechtliche und kulturelle Unterschiede zurückgeführt, heißt es in einer aktuellen Aussendung der Universität Wien.

Dr. Philipp Mitteröcker vom Department für Theoretische Biologie forscht seit einiger Zeit zu den Ursachen und Auswirkungen dieser Praxis. In der aktuellen Untersuchung gehen der Evolutionsbiologe und Anthropologe sowie seine Kollegin Dr. Eva Zaffarini der Frage nach, welche Rolle hier Größenveränderungen von Mutter und Kind über die Zeit hinweg spielen - sprich, welche Rolle die tatsächliche Schwierigkeit der Geburt spielt.

Im Zeitraum zwischen 1896 und 1996 errechneten die Wissenschaftler eine durchschnittliche Zunahme der Körpergröße der Neugeborenen von rund einem Millimeter pro Jahr. Bis in die 1960er-Jahre traf das auf alle Länder zu, für die es Datenmaterial gab. Verantwortlich für diesen aus evolutionärer Sicht rapiden Anstieg sind deutlich verbesserte Lebensbedingungen in vielen Ländern.

Nachdem aber der Fötus gegenüber der Mutter eine Generation voraus ist, erfährt dieser im Schnitt noch bessere Umweltbedingungen als die Mutter.

Assoz. Prof. Mag. Dr. Philipp Mitteröcker, Privatdoz
Department für Theoretische Biologie an der Wiener Universität

Mit ihrer Größenzunahme entwachsen die Babys im Schnitt aber auch dem mütterlichen Geburtskanal. Die besseren Bedingungen führen somit zu einem Mißverhältnis, mehr Geburtskomplikationen und mehr Kaiserschnitten. Zwischen 1971 und 1996 hingegen flachte die Kurve der Größenzunahme in einigen Industrieländern ab und in vielen Ländern Afrikas kehrte sich die Entwicklung sogar um.

"Wir haben daher die Hypothese aufgestellt, daß die umweltbedingte Veränderung der Körpergröße während der letzten Jahrzehnte die aktuelle Kaiserschnittrate eines Landes beeinflußt", so der Wissenschaftler.

Abseits von der jeweiligen sozioökonomischen Entwicklung, des Zustandes des Gesundheitssystems und medizinischer Risikofaktoren in den unterschiedlichen Ländern zeigte sich, daß im Zeitraum von 1971 bis 1996 rund ein Drittel der Unterschiede in den Kaiserschnittraten auf die Körpergrößenveränderung und damit die durchschnittliche Schwierigkeit der Geburt zurückgeführt werden können.

Die beobachtete Zunahme der Körpergröße der Babys um durchschnittlich einem Millimeter pro Jahr alleine erhöht demnach die Sectio-Rate um rund zehn Prozent. Die Studie zeige einmal mehr, wie eng Reproduktion und Geburt mit lokalen sozioökonomischen Entwicklungen und Veränderungen der unmittelbaren Umwelt zusammenhängen, heißt es in der Aussendung. Das werfe auch Fragen zu der von der WHO postulierten anzustrebenden Kaiserschnittrate von zehn bis 15% in Frage. Dr. Mitteröcker meint:

Menschliche Biologie und Gesundheit sind nicht statisch, sondern im Fluß, und können sich, beeinflußt durch sozioökonomische und medizinische Veränderungen, lokal unterscheiden.

Quelle: APAMED