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Datum: Freitag, 27. Juli 2018

Artikel: Schaffler Verlag, ÖKZ EXTRA: IT & Prozesse 2018 / Lukas Zinnagl

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11 Prognosen über die Bedeutung der Digitalisierung für Ärzte

Dass die Digitalisierung vor der Gesundheitsbranche nicht haltmacht, steht außer Frage. Nicht nur für Patienten bieten Wearables und Apps ungeahnte Möglichkeiten. Bis zu 80 Prozent aller Ärzte verwenden Smartphones und medizinische Apps, wobei sich dabei über 70 Prozent regelmäßig über Arzneimittel informieren.

Diese Zahlen kratzen an der Oberfläche der beruflichen Realität, mit der sich Ärztinnen und Ärzte aller Fachrichtungen in den nächsten Jahren und Dekaden konfrontiert sehen. Nicht nur das Berufsbild der viel zitierten Radiologen wird sich unter dem Einfluss von Artificial Intelligence und Machine Learning massiv verändern, sondern auch das von Allgemeinmedizinern oder Neurochirurgen.  

Amerikanische Mediziner wie Eric Topol und Bryan Vartebedian sprechen von einer kreativen Dekonstruktion der Medizin und einem nie dagewesenen Zusammenspiel von Techniken, die das Arzt-Patient-Konzept revolutionieren. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist auch zu sagen, dass der Beruf des Arztes in keiner Weise aussterben wird. Die viel wichtigere Frage ist eher, ob der Beruf auf- oder abgewertet wird; das wiederum ist maßgeblich von politischen Faktoren abhängig. Medizin ist eine zutiefst menschliche Disziplin und wird auch eine solche bleiben.  

Weder Stethoskope noch Computertomographen haben Ärzte entwertet, sie haben vielmehr eine genauere Diagnostik und bessere Patienten-Outcomes ermöglicht. Was aber bedeutet der immer höher werdende Grad an Technisierung und damit auch Automatisierung durch den Einzug digitaler Produkte für den beruflichen Alltag von Ärzten?  

1. Computer-generierte Diagnostik wird zur Massenware  

Das Prinzip von Machine Learning besteht darin, eine Software mit einer möglichst großen Anzahl von Daten zu speisen, um daraus Wahrscheinlichkeiten über physiologische und pathologische Aussagen zu treffen. Ebenso wie Menschen werden Programme besser, je mehr Daten und Wissen ihnen zur Verfügung stehen. Aus diesem Grund tut sich ein erfahrener Kardiologe sehr leicht bei der Interpretation eines EKG, ein Medizinstudent aber äußerst schwer. Eine Software, die auf die EKG der letzten zehn Jahre inklusive dazu passenden Populationsdaten eines ganzen Krankenhauses, ja sogar eines ganzen Landes Zugriff hat, weiß somit rein statistisch am allerbesten, wie ein EKG zu interpretieren ist. Ebenso verhält es sich zukünftig wahrscheinlich mit nahezu allen bildgebenden Verfahren, die durch große, sogenannte Trainings-Sets zu immer genaueren diagnostischen Ergebnissen kommen werden. Freilich werden gewisse Fachbereiche stärker davon erfasst als andere, aber grundsätzlich ist eine Computer-generierte Diagnostik in einigen Jahren so realistisch, wie es Computer Generated Images (CGI) in Hollywood-Filmen geworden sind.  

2. Therapien werden stärker standardisiert  

In Fachbereichen wie z.B. der Onkologie herrscht bereits ein hoher Grad an Standardisierung der Therapie. Chemotherapie-Schemata sind teilweise sogar international vereinheitlicht, und es gibt breiten Konsens über die karzinomspezifischen Therapieansätze.

Richtige therapeutische Entscheidungen sind zumeist nicht nur auf Bauchgefühl und Intuition zurückzuführen, sondern auf Kenntnisse der aktuellen Datenlage, ein Gespür für Epidemiologie und fundiertes Know-how über die jeweilige therapeutische Intervention, sei es ein Arzneimittel oder ein Stent.  

3. Telemedizinische Check-ups  

Es ist unwahrscheinlich, dass eine komplette Umstellung auf eine rein telemedizinische Medizin stattfindet. Warum?  

  • Das Patientengespräch würde dadurch nicht effizienter, sondern sogar ineffizienter,
  • die zeitliche Koordination verlangt Planung auf beiden Seiten,
  • es gibt keine Möglichkeit der körperlichen Untersuchung,
  • die Anordnung von Tests oder Abnahme von Blut ist nicht möglich.  

Es gibt aber auch eine Reihe von Vorteilen, die die Medizin und gewisse ärztliche Tätigkeiten massiv beeinflussen werden. Gerade für die Versorgung in ärmeren oder peripheren Regionen ist das virtuelle Patientengespräch ein großer ökonomischer und zeitlicher Gewinn für beide Seiten. Bei chronischen Patienten, die lange Anreisen haben und sich in einem stabilen Allgemeinzustand befinden, ermöglichen telemedizinische Anwendungen eine neue Art und Weise, den Beruf des Arztes zu praktizieren.  

4. Keine Entscheidung ohne Software  

Das Wissen der Medizin verdoppelt sich alle vier bis fünf Jahre. Dabei muss man aber fairerweise erwähnen, dass das klinisch anwendbare Wissen, also Tatsachen, die in den klinischen Alltag Einzug halten, natürlich einem deutlich langsameren Wandel unterliegen. Dennoch ist es trotz der zunehmenden Spezialisierung nicht mehr möglich, sämtliches Wissen, seien es Arzneimittelinformationen oder aktuelle Studienliteratur, im Kopf zu behalten. Ob nun Software wie z.B. mobile Apps, integrierte Decision-Support-Systeme oder Messaging-Lösungen unter Kollegen: Der Entscheidungsprozess wird maßgeblich durch IT-gestützte Systeme passieren.  

5. Medizinisches Wissen: Immer, überall und stets aktuell

Es wird immer einfacher, Zugriff auf medizinisches Wissen zu erlangen. Die Kernkompetenz ist nicht unbedingt das Wissen an sich, sondern wo man dieses Wissen findet und inwiefern Ärzte fähig sind, die Qualität der Quellen zu hinterfragen und zu interpretieren. Ob UpToDate, Diagnosia Oder Coliquio – Quellen gibt es zahlreiche, und auch das Abrufen ebendieser, unabhängig von Ort, Uhrzeit oder Gerät ermöglicht nicht unbedingt schnellere, aber qualitativ hochwertigere Entscheidungen.  

6. Dokumentation wird umfangreicher

Auch wenn viele Ärzte bereits jetzt die zunehmende Dokumentationspflicht beklagen (und sich daraus resultierende Berufsbilder wie Dokumentationsassistenten ergeben), ist es unwahrscheinlich, dass Dokumentation abnimmt. Dieser Umstand ist sehr gut mit der Flugindustrie zu vergleichen, wo ein hoher Grad an Dokumentation zu weniger Fehlern und besseren Outcomes geführt hat. Es ist eine der Hauptaufgabe von Piloten, ihre Tätigkeiten und Schritte zu dokumentieren – zur Sicherheit von Passagierflügen.  

7. Echtzeit-Kommunikation mit Industrie

Dass sich Ärzte weiterhin an Wochenenden Zeit für Kongresse nehmen und wertvolle Minuten in der Mittagspause dem Gespräch mit Vertretern der Industrie widmen, ist unrealistisch. Gerade bei jungen Medizinern ist die Work-Life-Balance deutlich wichtiger geworden, weshalb sich e-Learning-Seiten wie MedMastery oder 123sonography einer rasant zunehmenden Beliebtheit erfreuen. Dies hat umfangreiche Auswirkungen auf die Art und Weise, wie Ärzte mit Partnern aus der Industrie interagieren. Die Aufgabe der Industrie ist es, deren wichtigste Partner, in der Regel Ärzte, am Point of Care mit den richtigen Informationen zu versorgen. Neue Kommunikationskanäle werden sich ergeben, die eine Push- oder Pull-Interaktion zwischen beiden Parteien ermöglichen.  

8. Neue Berufsgruppen

Ob Dokumentationsassistenten wirklich den Dokumentationsaufwand von Ärzten nachhaltig reduzieren werden können, bleibt fraglich. Letztendlich sind es die Ärzte, die für ihre Entscheidungen geradestehen müssen. Nichtsdestotrotz werden durch die immer mehr ausgeprägte Spezialisierung, sowohl vertikal, d.h. im medizinischen Sinn des jeweiligen Fachgebiets, als auch horizontal, d.h. in allen Belangen des nichtmedizinischen ärztlichen Handelns, neue Berufsgruppen entstehen, die Seite an Seite mit Ärzten arbeiten werden. Das Duopol aus Arzt und Pflege wird bereits jetzt durch diverse Sub-Gruppen aufgebrochen und beeinflusst. Phlebologists sind in den USA ausschließlich für Blutabnahmen und Venenzugänge verantwortlich. Medizin wird dadurch immer mehr und mehr zu Teamwork, mit klaren Zuständigkeiten, flachen Hierarchien und Standing Operating Procedures – allesamt auch Maßnahmen und Prozesse aus der Airline-Industrie, die das Fliegen so effizient, reproduzierbar und sicher gemacht haben.  

9. Horizontalisierung

Wie in Punkt 8 erwähnt, fußt die berufliche Entwicklung und das Standing des Arztes innerhalb des Gesundheitssystems in Zukunft nicht nur auf dessen fachlicher Expertise und Spezialisierung (Publikationen, Vorträge, großes Fachwissen etc. = Vertikalisierung), sondern auch auf dessen Kompetenzen in weiter entfernten Bereichen wie z.B. Kommunikation, Betriebswirtschaft oder Statistik (Horizontalisierung).  

10. Der digitale KOL

Zum KOL, also zum Key-Opinion Leader, wird man durch fachliche Expertise (vertical KOL). In den USA gibt es aber bereits jetzt Ärztinnen und Ärzte, die zwar durch Professuren an großen Universitäten fachlich anerkannt sind, jedoch vielmehr aufgrund ihrer reichweitenstarken Blogs oder ihrer großen Gefolgschaft auf Twitter als KOLs und damit als einflussreich gelten. Bryan Vartabedian, Kevin Pho oder Eric Topol sind nur die Vorhut einer neuen Generation von Medizinern, die mit sozialen Medien und digitalen Tools ebenso sattelfest und selbstsicher umgehen wie mit einem Littmann-Stethoskop.  

11. Social Media als Kanal zum Patienten

Soziale Netzwerke sind seit Langem keine Randnotiz mehr, sondern zu einem mindestens genauso wichtigen Informations- und Kommunikationskanal geworden wie Kongresse, Fachzeitschriften und der kollegiale Austausch. Die Erwartungshaltung von Kunden an moderne Dienstleister macht auch vor der Gesundheitsversorgung nicht halt. Schon jetzt werden Fotos von Exanthemen über Whatsapp an den befreundeten Arzt geschickt. Die Gründe hierfür sind ebenso einfach wie nicht aufzuhalten: Es ist schnell, unmittelbar und praktisch. Ich bin sicher, dass Ärztinnen und Ärzten, die sich der Technologie und den Chancen der Digitalisierung nicht versperren, äußerst große Chancen bevorstehen.  

Dieser Artikel erschien im Original in Karriere Medizin. 

Autor:
Dr. Lukas Zinnagl ist Arzt und Geschäftsführer von Diagnosia, Wien lukas@diagnosia.com


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