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Synchronizing Healthcare

Zug um Zug

An Österreichs Spitälern wird meist toleriert, wenn Patienten oder Mitar­beiter sich im Freien eine Zigarette anzünden – auch außer­halb der definierten Raucher­zonen. Wenn es nach der SALK-Geschäfts­leitung geht, soll damit Schluss sein. Doch welche Maß­nahmen sind rechtlich möglich und sinnvoll auf dem Weg zum rauchfreien Krankenhaus?

18. Februar 2019
Erika Pichler
Schaffler Verlag, ÖKZ: 59. JG (2018) 12
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Bildinhalt: ausgedämpfte Zigaretten

Bildrechte: ClipDealer / JuNiArt

Es gab einigen Aufruhr, als die Geschäfts­leitung der Salzburger Landes­kliniken im Frühling dieses Jahres verkündete, künftig durch­zugreifen, wenn es darum gehe, das Kranken­haus rauchfrei zu machen. Denn Rauch­frei­heit bedeutete an den SALK (wie an vielen Kliniken), zwar ein Rauch­verbot am Klinik­gelände zu erlassen und Raucher in eigene Räume, Pavillons oder andere Bereiche zu verweisen; trotzdem aber ein Auge zuzu­drücken, wenn dem Nikotin­bedarf auch außerhalb dieser Zonen nach­gegeben wird. Speziell in den Eingangs­bereichen von Öster­reichs Kranken­häusern schlägt deshalb Besuchern oft der Qualm entgegen. Patienten in Spitals­nacht­hemden, Ärzte oder Pflege­personal in Arbeits­kleidung stehen fröstelnd beiei­nander, umhüllt von blauem Dunst. Ein Anblick, der irgend­wie aus der Zeit zu fallen scheint und kaum mit Medizin und Hygiene im 21. Jahrhundert in Verbindung zu bringen ist.

Ausstempeln für Zigarettenpause

An den SALK will man nicht mehr vor der normativen Macht des Faktischen kapitu­lieren. Außer­halb der beste­henden 14 Raucher­inseln ist es deshalb nicht mehr gestattet, sich eine Zigarette anzuzünden. Der Wach­dienst soll die Ein­haltung des Rauch­verbots mit­kon­trollieren. Bei Verstößen wird zwar niemand der Klinik verwiesen, jedoch deutlich auf die Bestimmungen hingewiesen.

„Wir möchten und müssen unsere Mitar­beiter, Patienten und Besucher best­möglich vor Passiv­rauch schützen“, sagt SALK-Geschäfts­führer Paul Sungler. „Um dies zu gewähr­leisten, haben wir eigens über­dachte Raucher­plätze geschaffen. Dennoch kommt es häufig vor, dass Patienten und Besucher vor Gebäude­ein­gängen rauchen. Wir haben als größte Gesund­heits­ein­richtung des Landes eine Vor­bild­wirkung auf unsere Patienten sowie auf andere Gesund­heits­ein­rich­tungen und Betriebe insgesamt. Rauchen am Klinik­gelände passt nicht zu dieser Vorbildfunktion.“

Aufregung löste im Frühjahr jedoch vor allem Sunglers zweite Ankün­digung aus: Mitar­beiter sollen sich künftig, wenn es nach dem Wunsch der Kranken­haus­leitung geht, abmelden oder aus­stempeln, wenn sie für Rauch­pausen nach draußen gehen. Die auf diese Weise doku­men­tierte Unter­brechung der Arbeits­zeit wäre somit einzu­arbeiten. Der Betriebs­rat opponiert gegen eine solche Vorgangs­weise und argu­men­tiert, Raucher und Nicht­raucher würden dadurch gegen­einander ausge­spielt, der Firmen­frieden sei gefährdet.

Doch Sungler will konsequent bleiben und alle fünf SALK-Stand­orte (Uni­versi­täts­klinikum, Christian Doppler Klinik, Kranken­häuser St. Veit, Hallein und Tamsweg) zu rauch­freien Kranken­häusern machen. Ein erster Schritt in diese Richtung wurde mit der Re-Zerti­fi­zierung zum Bronze-Status „Rauch­freies Kranken­haus“ des Öster­rei­chischen Netzwerks Gesund­heits­för­dernder Kranken­häuser und Gesund­heits­ein­richtungen (ONGKG) gesetzt (siehe Infobox).

Was das Verhalten des eigenen rauchenden Personals betrifft, so wolle man nicht nur verbieten, sondern unter­stützen, und zwar in Zusammen­arbeit mit der Betrieb­lichen Gesund­heits­förderung des Kranken­hauses. „Dazu werden für Mitar­beiterinnen und Mitar­beiter am klinik­eigenen Bildungs­zentrum Infor­mations­ver­an­stal­tungen und Rauch­ent­wöhnungs­kurse in Koope­ration mit AVOS und den Kranken­kassen kostenfrei angeboten“, sagt der SALK-Geschäftsführer.

Rauchfrei-Zertifizierungen

Für eine Zertifizierung nach ONGKG-Standards seien neben den Bemühungen um Rauch­freiheit auf dem Spitals­gelände noch etliche weitere Maß­nahmen erfor­derlich, sagt Angelika Kresnik, Sprecherin der Sektion Rauch­freie Gesund­heits­ein­richtungen des Netz­werks. Ent­scheidend für die Zerti­fi­zierung sei jedoch der grund­legende Beschluss, sich in Richtung Rauch­freiheit „auf den Weg zu machen“ und dies auch aktiv den Besuchern, Patienten und Mitar­beitern zu kommu­nizieren. Kresnik ist stell­ver­tretende Präsi­dentin des ONGKG, das ein Sub­netz­werk des inter­natio­nalen Netzwerks gesund­heits­för­dernder Kranken­häuser Health Promoting Hospitals (HPH)1 ist. Das öster­rei­chische Netzwerk sei auch im Vorstand von HPH vertreten und habe die Standards für Zerti­fi­zierungen rauch­freier Gesund­heits­ein­richtungen mit­ent­wickelt, sagt Kresnik, die selbst als Arbeits­medi­zinerin am Landes­kranken­haus Klagenfurt tätig ist.

Zu den acht Standards, deren Umsetzung nach einem Punkte-System bewertet wird, zählen neben der Ein­richtung von Raucher­zonen oder dem komplett rauch­freien Gelände vor allem Schulungen der Kranken­haus­mitar­beiter, wie mit Patienten umzugehen ist, die rauchen. Es genüge eben nicht, bei der Anamnese zu erheben, dass jemand ein Raucher sei. „Wir erheben viel, aber es passiert nichts“, bringt die ONGKG-Sprecherin das Problem auf den Punkt. „Rauchen muss wie Alko­holismus als Erkrankung anerkannt und behandelt werden. Wenn es also in die Anamnese geschrieben wird, bedeutet das auch, den Patienten zumindest aktiv auf das Risiko aufmerksam zu machen, das damit für ihn verbunden ist, und ihm eine Beratung dazu anzubieten – ähnlich wie man einem zucker­kranken Patienten im Kranken­haus eine Diät­beratung anbietet.“ Studien in Deutsch­land zeigten laut Kresnik, dass rauchende Patienten bei der Aufnahme im Spital sogar die Erwar­tungs­haltung hätten, auf den Nikotin­konsum ange­sprochen zu werden, während Pflege­kräfte zu erstaun­lichen 70 Prozent vom Gegenteil ausgingen.

Nach dem einfachen Aufmerk­sam­machen des Patienten auf sein persön­liches Gesund­heits­risiko durch das Rauchen und auf die Möglich­keit, sich noch während des klinischen Aufent­halts dazu beraten zu lassen, wäre der nächste Schritt in einem zerti­fi­zierten rauch­freien Kranken­haus, auch Ent­wöhnungs­angebote machen zu können. Für beide Maß­nahmen brauche man genügend Raucher­experten unter den Mitar­beitern – etwa Psycho­logen, die Bera­tungen durch­führen könnten, sowie Koopera­tionen mit ein­schlä­gigen Ent­wöhnungs­stellen. „Man muss also kein Personal dazu­kaufen, nur eventuell Zusatz­aus­bildungen“, sagt Kresnik. Zudem exis­tierten ohnedies an etlichen Kranken­häusern eigene Raucher­ambu­lanzen. Insgesamt seien Öster­reichs Spitäler relativ gut aufge­stellt, was die Schaffung von Raucher­zonen und auch die Schulung von Mitar­beitern betreffe. Schlechter stehe es mit Beratungs- und Therapie­ange­boten für Personal und Patienten. Es sei zum Beispiel ein Unding, wenn in der Herz/Thorax-Chirurgie ein rauchender Patient, der einen Bypass bekommen habe, ohne Raucher­beratung das Krankenhaus verlasse.

Was die erwähnten Standards anbelangt, so gibt es bisher in Öster­reich eine Kur­anstalt, die mit dem Gold-Standard ausge­zeichnet wurde, sowie zwei andere, die laut Kresnik auf dem Weg sind, diese auf­wendige Zerti­fi­zierung, die mit der Bewertung durch eine inter­natio­nale Kommission verbunden ist, zu erwerben. Natürlich sei dies etwa für Sonder­kranken­an­stalten oder Reha­zentren leichter möglich als für Akut­kranken­häuser. Auch dort könne jedoch vieles gut gelingen und sei schlicht eine Sache des Bewusst­seins und der En­tscheidungen der Führungs­ebene. „Man kann als Vor­ge­setzter die eigenen Mitar­beiter durchaus so weit bringen, dass sie zum Rauchen zehn Meter weiter gehen, wenn es dafür ausge­wiesene Pavillons oder Zonen gibt. Und man kann auch Mitar­beiter bitten, Patienten ent­sprechend anzu­weisen. Man kann Aktions­tage machen, an denen Promotoren durch das Gelände gehen. Es gibt viele Möglich­keiten. Und es ist viel­leicht ein bisschen unan­genehm, das zu tun. Aber wo ein Wille, da ein Weg.

Rauchen „wie überall“

Beim Wiener Krankenanstalten­verbund (KAV) mit Groß­kranken­häusern wie dem AKH oder dem SMZ-Ost – beide durchaus für umwölkte Haupt- oder Seiten­eingänge bekannt – sieht man die Raucher­rege­lungen prag­matischer als in Salzburg. Natürlich sei man an die geltenden gesetz­lichen Vor­schriften betreffend Arbeit­nehmer­schutz und Nicht­raucher­schutz gebunden, sagt KAV-Sprecherin Marion Wallner. „Im Interesse der Patienten, Bewohner, Besucher und Mitar­beiter ist das Rauchen in den Spitälern, Pflege­wohn­häusern und Geriatrie­zentren des KAV grund­sätzlich verboten. Dafür gibt es eine große Akzeptanz.“ Aller­dings habe man kein Problem mit Rauchern an Gebäude­eingängen. „Vor Eingangs­bereichen der Spitäler, ins­besondere von Zentral­bauten wird, wie überall im öffent­lichen Raum, zum Beispiel vor Lokalen, U-Bahn-Stationen, Amts­gebäuden, geraucht“, so Wallner. Wichtig sei, dass das Rauch­verbot etwa in Patien­ten­zimmern oder Gängen einge­halten werde. Zusätzlich könne ein Spital Zonen defi­nieren, in denen das Rauchen gestattet sei. „Dement­sprechend gibt es in manchen Häusern Raucher­kabinen oder Raucher­zonen im Freien. Diese Raucher­zonen sind gekenn­zeichnet und mit Aschen­bechern versehen.“ Eine Stellung­nahme, ob und inwiefern die einzelnen Organi­sations­ein­heiten des KAV eine unter­schied­liche Strategie verfolgen (so scheint etwa das Donau­spital auf der ONGKG-Homepage als bronze-zerti­fiziert auf), blieb aus.

Krankenhaus-Mitarbeiter für die Zeit der Rauch­pause zum Aus­stempeln zu zwingen, wie es derzeit in Salzburg erwogen wird, kommt für den Kranken­anstalten­verbund nicht infrage. „Dass Mitar­beiter des KAV Pausen­zeit von der Arbeits­zeit abgezogen werden soll, ist im KAV kein Thema“, sagt Marion Wallner.

Bei den SALK hingegen lässt man derzeit prüfen, ob eine solche Möglich­keit rechtlich besteht. Falls ja, möchte man einen konse­quenten Weg gehen, sagt Mick Weinberger, Leiterin der Unter­nehmens­kommu­nikation. Derzeit stelle sich die Frage des Aus­stempelns zwar ohnehin nur bei Verwal­tungs­mitar­beitern, da die Arbeits­zeiten der Ärzte­schaft und Pflege bisher noch nicht mittels Stempel­karten erfasst würden. In abseh­barer Zeit werde jedoch auch beim medi­zi­nischen Personal der Umstieg auf das Stempel­karten-System erfolgen. Stimme die Rechts­ab­teilung einer Aus­stempel-Regelung zu, würde für alle Mitar­beiter der SALK ohne Aus­nahmen eine Abrech­nung der Rauch­pause von der Arbeitszeit gelten.

Abgesehen von allen Fragen der Vorbild­wirkung oder auch etwa des Rauch­geruchs von Mitar­beitern während der Behand­lung von Patienten hätten die täg­lichen Rauch­pausen schließ­lich auch öko­nomische Aus­wirkungen. Man habe errechnet, dass sie die SALK pro Jahr rund 800.000 Euro kosteten, wenn man von einer Stunde pro Tag für das Rauchen von fünf bis zehn Zigaretten ausgehe.

Gesetzeslösungen

Diskussionen über eine gesetzliche Regelung des Rauchens am Spitals­gelände steht Angelika Kresnik, Sprecherin der Sektion Rauch­freie Gesund­heits­ein­richtungen des Netzwerks ONGKG, offen gegenüber. In Ländern wie Spanien oder Irland, wo das Gesetz Spitals­mitar­beiter zwinge, wegen ihrer Vorbild­funktion nicht in Dienst­kleidung zu rauchen, funkt­ioniere diese Maßnahme. „Die Mitar­beiter ziehen sich dort um, wenn sie rauchen wollen, und gehen vor das Spitals­gelände, zum Beispiel auf einen Parkplatz.“ Weniger hält die ONGKG-Sprecherin von Geld­strafen. „Wenn es eine gesetz­liche Regelung gibt, kommt man ohne Strafen aus.“ Dass Öster­reichs gesetz­liche Rege­lungen in puncto Rauchen generell weit von Gesund­heits­förderung entfernt sind, ergänzt aus Kresniks Sicht das Gesamt­bild. Für die Arbeits­medi­zinerin steht völlig außer Frage, dass es Aufgabe der Regierung wäre, insgesamt zum Thema Rauchen gesunde und gesund­heits­fördernde Rahmen­bedin­gungen zu schaffen. Doch das ist ein anderes Kapitel, das vermut­lich noch weniger den sozial­medi­zi­nischen Erfor­der­nissen des 21. Jahrhunderts entspricht als der eine oder andere verqualmte Spitalseingang.

Literatur:

1

HPH wurde 1990 von der Weltgesundheitsorganisation initiiert. Mit Stand Juli 2017 ist das Netzwerk an mehr als 700 Krankenhäusern in über 40 Staaten auf fünf Kontinenten aktiv.

ÖKZ 12/2018

Zeitschrift
ÖKZ

Ausgabe
12/2018 (Jahrgang 59)

Verlag
Schaffler Verlag

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