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Synchronizing Healthcare

Xenophobie:
Nichts als ein gesellschaftliches Konstrukt

"Angst und deren Bewältigung", lautete am Freitag das Thema der Wiener Vorlesungen zur Sozial­psychiatrie. Angst­erkran­kungen sind eindeutig psychische Leiden. Andere Ängste sind hingegen bloß gesell­schaftliche Konstrukte. Dazu gehört die Xeno­phobie (Fremden­feindlich­keit), sagte die Berliner Psychia­terin Marion Aichberger. Neu sei das Problem mit Nähe zu Rassismus und Anti­semitismus auch nicht.

23. September 2019
Philipp Streinz
CGM / APAMED
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Bildinhalt: Symbolbild

Bildrechte: ClipDealer / Rebmann

Phobien als Krankheiten sind eng definiert. Der von einer Angst­erkrankung Betroffene leidet an Attacken, die ausschließ­lich oder über­wiegend von ungefähr­lichen Situa­tionen ausgelöst werden. "Xeno­phobie ist aber weniger Angst als Verachtung und Ärger, Wut oder Argwohn", sagte die Psychia­terin von der Berliner Universi­täts­klinik Charite, die sich auch mit Migrations­forschung und trans­kultu­reller Psychia­trie beschäf­tigt, bei der Veran­staltung im Wiener AKH.

Hass gegen "fremde Gruppen" funktio­niert laut Aichberger nicht los­gelöst vom Histo­rischen und ist auf die aktuelle poli­tische und gesell­schaft­liche Situation ange­wiesen: "Xeno­phobie benötigt einen gesell­schafts­poli­tischen Nähr­boden." Histo­rische Grund­lagen, soziale Faktoren, Medien­propa­ganda und andere Faktoren ergänzen einander. Logisch nach­voll­ziehbar seien fremden­feind­liche Ansichten kaum.

Neu ist Xenophobie, die nicht den "Wanderer" als Ziel­objekt hat, sondern Jenen, "der heute kommt und morgen bleibt", auch nicht, wie die Expertin erklärte: "Xeno­phobie ist eng mit Rassismus verbunden." Aichberger präsen­tierte Fotos aus der grässlichen Geschichte des 20. Jahr­hunderts. Mit Trans­parenten mit der Aufschrift "We won't go to School with Negroes" demon­strierten Jugend­liche in den US-Süd­staaten kurz vor der Aufhe­bung der Rassen­trennung in den USA. Bei ihnen dürfte eher das Eltern­haus als eigene Meinungs­bildung für die Protest­haltung gesorgt haben. "Nur für Juden", war im National­sozia­lismus auf Park­bänken zu lesen, in Süd­afrika bis zum Ende der Apart­heid hingegen "Only for Europeans" für die privi­legierten Weißen. Neu seien in Europa in den vergan­genen Jahren im End­effekt nur das vermehrte Äußern xeno­phober Ansichten in der Öffentlichkeit.

Die gefühlte Konkurrenz zwischen gesell­schaft­lichen Gruppen um Güter, die Wahr­nehmung, dass andere Gruppen bessere Bedin­gungen vor­fänden und Fragen der Iden­tität stünden oft im Hinter­grund fremden­feind­licher Ein­stellungen, betonte die Psychia­terin. Was aber xeno­phobe psy­chische Prozesse charak­teris­tisch macht: Verein­fachend wird ein kleiner Teil der Identität der Betrof­fenen - eben beispiels­weise die Herkunft - als alleiniges Merkmal von Personen angesehen.

Die potenziellen Opfer der Xeno­phobie sind in Ländern wie Öster­reich und Deutsch­land in der globali­sierten Welt ein erheb­licher Anteil der Bevöl­kerung: 23 Prozent der in Öster­reich Lebenden haben Migra­tions­hinter­grund, in Deutsch­land sind es 24 Prozent. Während laut OECD-Daten ein knappes Drittel der Öster­reicher negative Ein­stellung zu diesen Menschen angaben, waren es 2017 in Griechen­land 70 Prozent der Bevöl­kerung, in Ungarn rund 60 Prozent, zitierte die Psychia­terin aktuelle Daten.

Ohne Zweifel schädigt Xeno­phobie die Betroffenen. Aichberger nannte "gestei­gerte emotio­nale Belas­tungen", depressive Störungen und das Gefühl, ein "wert­loses mensch­liches Wesen" zu sein, als Haupt­punkte. Stress­abbau, soziale Unter­stützung und Wert­schätzung durch Umwelt und Betreuer seien die besten Gegen­mittel. Auch Protest gegen Diskri­minierung könne notwendig sein.

Wichtig sei aber auch, dass die verschie­densten zivil­gesell­schaft­lichen Gruppen, die sonst ihre eigenen Inter­essen vertreten, sich gemeinsam zu Wort melden, um einfach zu zeigen: "Es gibt auch noch jemand Anderen", nicht nur Xenophobe.

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