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Synchronizing Healthcare

Wundinfektionen nach Hautoperationen

In einer Untersuchung, in der über 3000 Patienten eingeschlossen waren, wurden in Österreich erstmals Daten zu diesem wichtigen Thema gesammelt.

06. November 2019
Christian F. Freisleben
SCHAFFLER VERLAG, ÖKZ: 60. JG (2019) 08-09
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ClipDealer / AntonioGravante

Bildinhalt: genähte Wunde

Bildrechte: ClipDealer / AntonioGravante

Wundinfektionen nach Operationen zählen zu den am meisten gefürchteten medizinischen Komplikationen. Gerald Exler, Facharzt an der Abteilung für Dermatologie, Venerologie und Allergologie am Ordensklinikum Linz Elisabethinen, wollte wissen, wie es damit an seiner Abteilung steht. Ausgangspunkt für die Untersuchung war auch die Überlegung, wie sich generell länger andauernde Beobachtungsstudien zu verschiedenen medizinischen Problemstellungen im turbulenten Alltag einer Spitalsabteilung umsetzen lassen. An der Abteilung, an der Exler tätig ist, werden jährlich etwa 3600 Operationen durchgeführt, die Hälfte der Patienten wird ambulant betreut. Die Ausgangsfrage war, wie oft Wundinfektionen nach Hautkrebsoperationen auftreten.

„Es gab zu diesem Thema bislang noch keine validen Daten, mit denen wir unsere Ergebnisse sinnvoll vergleichen hätten können, mit dieser Analyse erfolgte also ein Stück Pionierarbeit“, so Exler. Diese sei auch deshalb so wichtig, da mit höherem Alter die Wahrscheinlichkeit, an verschiedenen Formen des Hautkrebses zu erkranken, steigt und gleichzeitig die Zahl hochaltriger Personen zunimmt. An der Abteilung für Dermatologie des Ordensklinikums Linz sind 90 Prozent der operierten Patienten über 65 Jahre alt – je höher das Alter, desto wahrscheinlicher treten Hautkrankheiten, auch in maligner Form, auf (siehe Kasten).

Aktuelle Daten zu Hautkrebs

Die Deutsche Krebsgesellschaft präsentierte kürzlich Zahlen, laut denen Hautkrebs zu den häufigsten Krebsarten zählt, in Deutschland sind 1,5 Millionen Menschen betroffen. Jährlich erkranken 21.000 Personen in Deutschland an schwarzem und etwa 220.000 an weißem Hautkrebs – die Heilungschancen sind inzwischen sehr gut. In Österreich gibt es laut Statistik Austria jährlich 1600 Fälle von malignem Melanom, allerdings werden viele dieser Fälle im niedergelassenen Bereich diagnostiziert und fließen daher nur bedingt oder gar nicht in das Österreichische Krebsregister, das von Statistik Austria betrieben wird, ein. Die tatsächlichen Zahlen liegen wahrscheinlich deutlich höher.

Nur ein Drittel der Befragten sucht alle zwei Jahre einen Hautarzt zur Kontrolle auf. Laut einer Online-Erhebung eines Marktforschungsinstituts wird jedoch die Gefahr von UV-Strahlen meist deutlich unterschätzt. In einer Studie an der Medizinischen Universität Graz wurde festgestellt, dass UV-Licht immunsuppressiv wirkt. Peter Wolf von der Universitätsklinik für Dermatologie und Venerologie betont, dass dies ebenso ein oft unterschätzter Einflussfaktor auf das Entstehen von Hautkrebs ist.

Überschaubarer Aufwand

Im Zuge der Studie wurde direkt nach der Operation vom operierenden Arzt ergänzend zur standardmäßigen Dokumentation eine Checkliste ausgefüllt. Erfasst wurde dabei in einer sehr einfachen und schnellen Weise der Name des Operateurs, das Datum der Operation, die Diagnose und OP-Technik sowie wie der Wundverschluss konkret erfolgte. Ebenso erhoben wurde, ob ein Antibiotikum verschrieben wurde. Beim ersten Verbandswechsel auf der Station wurde diese Checkliste nochmals von einer Pflegekraft durchgesehen, die in keiner Phase der Operation involviert war, um eine möglichst objektive Betrachtung des Falles zu gewährleisten. Beurteilt wurde dabei weiters, wie die Narbe aussah, ob die Wundheilung gut voranschritt oder eben Zeichen eines Infekts zu beobachten waren, also z.B. eine Rötung oder ob Sekret aus der Wunde austrat oder die Wundnähte wieder (teilweise) aufgegangen waren. Nach ähnlichen Kriterien wurden die unmittelbare Umgebung der Wunde betrachtet und ev. Auffälligkeiten dokumentiert. Zwischen 2014 und 2018 wurden etwa 3000 Patienten in die Untersuchung eingeschlossen, nur bei 52 zeigte sich ein Wundinfekt.

„Wichtig war für uns dabei, dass trotz Ankreuzen bestimmter Items der Aufwand für die Pflegekraft möglichst überschaubar bleibt“, so Exler. So gab es ergänzend eine Skala, mit der auf eine sehr einfache und schnelle Weise der vom Patienten empfundene Schmerz erhoben wurde: Unmittelbar nach der Operation und zum Zeitpunkt des Verbandwechsels, jeweils auf einer Skala von 1 bis 10. Darüber hinaus dokumentierte die Pflegekraft die ärztliche Verordnung eines Antibiotikums bzw. ob sich der stationäre Aufenthalt des Patienten verlängern musste. Für nach der Entlassung aus dem Spital auftretende Infektionen wurde ein Recall-System eingeführt.

Zahl der Infektionen gesunken

Study nurses erfassten dann in anonymisierter Form alle Daten der 600 ausgewerteten Patienten pro Jahr via EDV, die Daten wurden anschließend an die für im Ordensklinikum zuständige Abteilung für Qualitätsmanagement weitergegeben und dort in Hinblick auf aufgetretene Wundinfekte sowie mögliche Ursachen dafür ausgewertet. „Wichtig ist, dass es bei einer solchen Vorgangsweise im Nachgang nicht um die Vorgangweise einer einzelnen Person geht, sondern um die kritische Betrachtung aller Abläufe vor, während und nach der Operation“, denn, so Exler, ein Krankenhaus müsse eine lernende Organisation bleiben. Innerhalb des Zeitraums von 2014 bis 2018 sank jedenfalls die Zahl der Wundinfektionen nach Hautkrebsoperationen an der dermatologischen Station deutlich.

Exler wertete gemeinsam mit den study nurses und der Abteilung für Qualitätsmanagement nun Daten zu allen aufgetretenen Wundinfekten zwischen 2014 und 2018 aus, hier würden sich einige sehr interessante Erkenntnisse zeigen: Bestimmte Tumore verursachen, wenn sie an bestimmten Körperstellen auftreten, ein höheres Risiko für postoperative Wundinfektionen. So treten bei Plattenepithelkarzinomen statistisch gesehen Wundinfektionen häufiger auf, bei Melanomen ist dies seltener der Fall.

Bewusstsein geschärft

Weiters zeigen sich Zusammenhänge zwischen standardmäßiger Antibiotikagabe und der Wahrscheinlichkeit für eine Infektion: Ohne Antibiotika steigt das Risiko. „Was wir auch selbst erlebt haben, spiegeln Ergebnisse einer kanadischen Studie wider: Werden Wundinfektionen nach Operationen zum Thema auf einer Abteilung gemacht, zeigt sich ein Sinken der Wahrscheinlichkeit für deren Auftreten – anscheinend wird das Bewusstsein geschärft, werden bestimmte Handlungen in einer genaueren Weise gesetzt.“ Exler ist es jedenfalls sehr wichtig zu betonen, dass das Auftreten von Wundinfektionen in den allerwenigsten Fällen mit dem Verhalten des Patienten zu tun hat und wie intensiv dieser Pflegeempfehlungen folgt. „Eine spannende Erkenntnis aus der Analyse ist: Bei sehr großen Operationen, wo z.B. Hautteile verschoben werden müssen, wo transplantiert wird, ist das Risiko für Wundinfektionen geringer, obwohl ja der Eingriff sehr intensiv ist“, so Exler. Mögliche Ursachen könnten hier sein, dass Antibiotika jedenfalls gegeben werden bzw. dass die Hautspannung geringer ist und die Durchblutung damit besser ist. Zudem zeigte sich, dass Wundinfektionen meistens innerhalb der ersten zwei Tage nach Operation auftreten.

Die Erhebung der Daten selbst war ebenso ein Lernprozess: Es brauchte ein paar Monate Anlauf, um sicherzustellen, dass wirklich alle von den Operateuren ausgefüllten Checklisten an die study nurses weitergegeben wurden. „Wichtig ist, dass die Begutachtung der Wunde beim ersten Verbandswechsel von einer Pflegekraft umgesetzt wird, die darin geschult ist, Wundinfektionen als solche auch zu erkennen“, so Exler. Um belastbare Daten zu bekommen, müssen zudem study nurses zur Verfügung stehen und eng mit der Abteilung für Qualitätsmanagement zusammengearbeitet werden. Die systematische Untersuchung von postoperativen Wundinfekten ist nun fixer Bestandteil des Qualitätsmanagements der Abteilung für Dermatologie.

Zeitschrift
ÖKZ

Ausgabe
08-09/2019 (Jahrgang 60)

Verlag
Schaffler Verlag

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